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Die Wahrheit · 1927-04-29 · Heft 18 (29.4.1927) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 18 (29.4.1927)
Date
1927-04-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Vor den Toren Wiens. Von L. Moses. Kaum eine halbe Stunde Bahnfahrt von Wien entfernt liegt, mitten im Wiener Becken und ganz nahe dem großen Laxenburger Schloßpark A c h a u. Der Ort macht äußerlich keinen besonderen Eindruck; er weist weder besonders interessante noch altertümliche Gebäude auf und ist ein recht durchschnittliches niederösterreichisches Bauerndorf. Das war aber nicht immer so und bis zur Türkenzeit war Achau, mindestens doppelt so groß als heute, da es nur etwa 600 Einwohner zählt. Wenn die niederösterreichische Landbevölkerung aus ihrer Geschichte lernen wollte, müßte sie zu den eifrigsten Vorkämpfern des Weltfriedens gehören, da es kaum irgendwo so viele nach den Türkenkriegen vollständig--verschwundene oder nur teilweise wiedererbaute Orte gibt, wie in diesem Lande1). In dem größeren Achau (ursprünglich Aichowe, d. h. „mit Eichen besetzte Au") der Zeit vor den Türkenkriegen lebte nun nach einem von Gerson Wolf im Jalvrgang 186.6 der „Blätter des Vereines für Landeskunde von Niederösterreich", veröffentlichten Verzeichnis aus dem Jahre 1652 die für jene Zeit ganz ansehnliche Anzahl von achtzehn jüdischen Familien, die also eine stattliche Gemeinde gebildet haben mochten, und im Jahre 1669, also ein Jahr vor ihrer gänzlichen Vertreibung aus Niederösterreich zählten die Juden von Achau, wie aus einer im Jahrbuch für jüdische Volkskunde 1924/25, Seite 550, abgedruckten Urkunde hervorgeht, ein Toleranzgeld von 35 Fl. 30 kr. Der damalige Grundherr von Achau war Ulrich Grappler von Grappenburg, Bischof von P a s s a u, einer von jenen geistlichen Würdenträgern also, mit denen die Juden jener Zeit oft noch am besten auskamen. Die „Topographie von Niederösterreich" weiß in ihrem ausführlichen Artikel über Achau von dem Vorhandensein der Juden nichts zu berichten, trotzdem die älteren Einwohner des Ortes noch heute ein Ackerried als die „Judenschule" und eine aus zwei Aeckern bestehende Parzelle als den „Judenfreithof" bezeichnen. Urkundliche Nachrichten über diese Judengemeinde sind in Achau leider nicht vorhanden und auch Grabsteine oder sonstige Inschriften sind, wenn sie einmal vorhanden waren, wohl längst verschleppt oder vernichtet. Vielleicht lag aber auch der von mir in einem anderen Aufsatz im Räume zwischen den Orten Zwölfaxing, Schwechat und Rannersdorf vermutete jüdische Friedhof gar nicht dort, sondern hier am Ortsrande von Achau. So mag denn auch der aus Rannersdorf stammende Grabstein des Märtyrers David Löb aus dem 17. Jahrhundert, den ich in Schwechat fand und dem Wiener jüdischen Museum zuführte, nach dem Abzug der Juden aus Achau von Einwohnern des auch in der Nähe von Achau liegenden Ortes Rannersdorf erstanden oder verschleppt worden sein. Heute steht an der Stelle, an der sich einmal der Judenfriedhof befunden haben soll, am Wegrande eine kleine, halb verfallene Kapelle und nichts erinnert mehr an all das, was über diese Scholle schon dahingegangen oder unter ihr begraben ist. Am südlichen Ende des Dorfes, da wo eine schattige Allee zu einem Spaziergang nach dem nahen Laxen bürg einlädt, mache ich mir es auf einer Wiese bequemi Einige Schritte vom Straßenrande entfernt fließt ein kleines Mühlbächlein, begleitet von einer Reihe schlanker Bäume, gemächlich dahin und drüben auf dem Acker führen die Sonnenstrahlen, vermählt mit dem aus den frisch aufgeworfenen Furchen aufsteigenden warmen Brodem einen glänzenden Reigen auf. Weiter unten bewegt sich leise Schilf in einem kaum wahrnehmbarem Lüftchen, ein Frosch plumpst ins Wasser, ein paar Hühner kommen aus dem nahen Hof, um im Grase zu weiden — und sonst rührt sich nichts unter dem tiefblauen Himmel. Da sitze ich nun auf einem Boden, der reichlich gedüngt ist mit jüdischen Blut und blicke westwärts nach den Bergen des Wiener Waldes, von deren Abhang zwei andere, ehemals bedeutende Judensiedlungen in die Ebene herübergrüßen: Perchto'ldsdorf2) und *) Siehe den Aufsatz von St. Wie k, „Beiträge zur Topographie der abgekommenen Orte in Niederösterreich", Jahrgang XXVII, der „Blätter des Vereines für Landeskunde von .Niederösterreich" und die Arbeiten von N e i 11 in den Jahrgängen 1881—1883 derselben Blätter. 2) Siehe meinen Aufsatz „Perchtoldsdorf", Wiener Morgenzeitung, vom 6. September 1925. IHlllllllllllt Seite 5 M ö d 1 i n g. In diesen beiden Orten hat die Wiener Geserah das Jahres 1421 Märtyrer von seltener Hingebung hervorgebracht und die Jüdinnen von Perchtoldsdorf und Mödling töteten sich selbst, um der Taufe zu entgehen. Aber nicht nur Märtyrer sondern auch Gelehrte gab es in Mödling: R. M o s c h e von Mödling ist als Verfasser wissenschaftlicher Regeln für die Tierschlachtung bekannt und ein R. David Wolf M e d 1 i n g e r, dessen Ahnen wahrscheinlich in Mödling ansässig waren, erscheint auf dem Titelblatt des T i w G i 11 i n, eines der Standardwerke des jüdischen Eherechts, als Schwiegervater des Lemberger Druckers David H. Schrenzel genannt. Wir finden auch sonst noch die Familiennamen M o d 1 i n g e r und M e d 1 i n g e r bei Juden — auch hier ist also die Runde der Familiennamen ein wichtiger Faktor zur Ergänzung mangelhafter Daten in der jüdischen Geschichte — und müssen wohl annehmen, daß in Mödling im vierzehnten Jahrhundert eine sehr ansehnliche und wohlhabende Judengemeinde bestand, da Juden um diese Zeit dort Häuser und Weingärten besaßen, und die ehemalige Judengasse, jetzt Elisabethstraße, in der sich noch die Lage der Synagoge (Nr. 7) und des rituellen Bades (Nr. 19) feststellen läßt, auch jetzt zu den Hauptstraßen des Städtchens gehört. Für Mödling kam dann aber eine lange, lange, judenlose Zeit von mehr als vier Jahrhunderten bis endlich im Vormärz einige reiche „Tolerierte" aus Wien ss wagten, dort Sommeraufenthalt zu nehmen und nach 1848 einige Hausierer aus Mattersdorf zuerst in dem benachbarten Wiener- Neu dorf ihr Standquartier aufschlugen und dann allmählich nach Mödling zogen, wo sie gemeinsam mit anderen Zuzüglern die heute in schöner Blüte stehende zweite Judengemeinde gründeten. Die Gemeinde von heute, die unstreitig größer und reicher ist als ihre Vorgängerin im Mittelalter, hatte ursprünglich eine Reihe von Männern der Thora aufzuweisen: da lebten mein seliger Vater, R. Mordechai Deutsch. R. Elieser Singer, der Sohn des Mattersdorfer Dajans R. Aron Singer, R. Moses Chaim R o s e n f e 1 d und sein Sohn R. Jesaia Rosenfeld, der in Eisenstadt Esriel Hildesheimers Schüler gewesen war; schließlich war anfangs der neunziger Jahre mit Dr. L. Bardowicz, der vor zwei Jahren starb, ein Gelehrter von Weltruf, nach Mödling gekommen, und auch des einzigen noch Ueberlebenden von diesen Männern R. Josef Benedikt, der mehr als fünfzig Jahre als Vorbeter und Schochet fungiert hatte und ein Nachkomme des berühmten Nikolsburger Raws Mordechai Benet ist, darf nicht vergessen werden. Heute herrscht zwar unter den Juden von Mödling mehr Wohlstand und Wohlleben als in dieser Generation von gestern, aber die Thora ist so gut wie geschwunden... Die Industrien des Wiener Beckens verdanken zum großen Teil jüdischer Initiative ihr Entstehen, und auch die vielen Fabriken in und um Mödling sind ebensoviele Zeugen jüdischen Unternehmungsgeistes. Diese Tätigkeit von Juden in Mödling hat noch vor ihrer Ansiedlung begonnen und schon im Jahre 1833 wurde dem jüdischen Großhändler Anton D r o s a aus Verona die Befugnis zur Errichtung einer Leinwanddruckfabrik in der Babenbergergasse unter der Bedingung erteilt, daß er keine jüdischen Arbeiter anstellen dürfe und er hierdurch nicht das Aufenthaltsrecht in Wien oder Mödling erwerbe. All dies kommt uns heute gar nicht so ungeheuerlich vor, da ja auch jetzt allzu gern Juden die primitivsten Rechte, wie das auf Freizügigkeit und Arbeit, streitig gemacht wird. Juden als deutsche Kulturträger. Von Dr. Ludwig Davidsohn -Berlin. Die Kulturhistoriker, die teils aus unbewußten Ressentiment, teils aus törichtem Vorurteil heraus, die jüdischen Kulturleistungen zu verkleinern suchen — z. B. Treitschke, Paul de Lagarde — und ihre unzähligen unbedeutenderen Nachbeter, haben einen unbesiegbaren Kreis von Widersachern, mit dem sie niemals fertig werden können, gegen die sie mit allen ihren Argumenten und Sophismen nichts ausrichten können: ein Heer von nun einmal nicht wegzuleugnenden Tatsachen! Wenn eine jüdische Zeitung regelmäßig alle Jubiläen und Gedenktage von überragenden, jüdischen Persönlichkeiten feiern wollte, so könnte sie all-

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