Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 18 (29.4.1927)
- Date
- 1927-04-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Literatur), ist in London bei Longman, Green & Comp, erschienen. Die Vorlesungen sind in Johannesburg. Südafrika, an der dortigen Whitwatersrand-Universität gehalten worden von dem dortigen Chief Rabbi Dr. Jehuda Leon Landau, der zugleich in der Universität als Professor für hebräische Sprache und Literatur wirkt. Landau, ein Zögling der Wiener Universität und des dortigen Rabbiner-Seminars, ist ein geborener Lemberger und Sproß einer der angesehensten Rabbiner-Familien. Er nimmt selber in der modernen hebräischen Poesie einen hohen Rang ein als Lyriker und besonders als Dramatiker. Seine Dramen behandeln Stoffe aus der alten und solche aus der. neuzeitlichen jüdischen Geschichte. („Bar Kochba", „Die letzten Tage von Jerusalem", „Blut für Blut", „Herodes", „Don Isaak Abarbanell", „Israel Baal Schern".) In dem Drama „Vater und Söhne" hat er sich zeitgenössischen Problemen zugewandt. In dem genannten englischen Buch erzählt er die Geschichte der modernen hebräischen Literatur, die um die Mitte des 18. Jahrhunderts ihren Anfang nimmt, von einem italienischen Vorläufer abgesehen, in Berlin ihren Ursitz hat, von MosesMendelssohndie stärkste Anregung empfängt, aber nach kurzer Blüte in Deutschland erlischt, um in Polen und dann in ganz Osteuropa üppig aufzublühen. Der Zeit und dem Range nach der erste Dichter dieser Epoche ist Naphtali Hartwig W e s s e 1 y. Er war zu Hamburg im Jahre 1725 geboren, 87 Jahre nachdem sein Urahn, Josef Reis mit Namen, vor den Kosakengreueln unter Chmielnicki (1648) aus Bär in Podolien geflohen war. Josefs Vater, Abraham, war mit allen seinen Angehörigen den Mördern zum Opfer gefallen. Josef hielt sich lange in Krakau auf und nach mannigfachen Irrfahrten durch Deutschland siedelte er sich endgültig in Amsterdam an. Hier gelangte er zu Wohlstand und Ansehen; im Jahre 1671 unterzeichnete er mit anderen Glaubensgenossen eine Bitte an die Regierung um Erlaubnis zum Bau eines Gotteshauses, die auch gewährt wurde. Mit seinem jüngeren Sohn Moses machte er sich nachher in Wesel am Rhein ansässig, wo er ein Handelshaus gründete; seither nannte sich die Familie Wesel oder W e s s e 1 y. Mose Wessely war in seinen Unternehmungen vom Glück begünstigt. Die Synagoge zu Wesel bewahrt noch heute manchen Kultusgegenstand seiner Schenkung, der seinen Namen trägt. Auf Veranlassung des Prinzen von Holstein, mit dem er als Lieferant in Berührung gekommen war, übersiedelte er nach Glückstadt, der damaligen Hauptstadt von Schleswig, wo ihm der Dänenkönig Friedrich VI. dieselben Rechte gewährte, welche die schon vorher dort seßhaiten portugiesischen Juden genossen, die vorwiegend ostindischen Handel trieben. Er war der erste, der eine Waffenfabrik zu Schleswig errichtete. Der König, dessen Vertrauen er im höchsten Grad genoß, übertrug ihm mehrere Geschäfte und sandte ihn schließlich als seinen Agenten nach Hamburg. Hier besorgte er auch Geschäfte für Peter den Großen. Sein Sohn Isacher Ber, der als bedeutender Kaufmann es zu hohen Ehren und allerhand Titeln und Auszeichnungen brachte, gab seinem TAUWO Pflanzenmargarine an ausgiebig bekömmlich nahrhaft Kuncrolwcrkc A.-§. Wien Erstgeborenen den Namen Naphtali Hirz; letzteres Wort wurde, der beginnenden Mode gemäß, in Hartwig verwandelt, welches man für vornehmer und „deutscher" hielt als Hirz, ohne zu ahnen, daß letzteres ein echtes mittelhochdeutsches Wort ist und Hirsch bedeutet, welches bekanntlich nach B. M. I. 49,21 das Emblem des Stammes Naphtali war. (Hirz wurde nachher Herz ausgesprochen und die ursprüngliche Bedeutung des Wortes geriet in Vergessenheit. Diesem Umstände verdankt der unter den Juden so verbreitete Familienname Herz, Hertz seinen Ursprung.) Isacher Ber ließ seinen Sohn nach althergebrachter Weise erziehen. Er genoß du keinen Anstoß legen." Man darf dem Nächsten nicht etwas als Speise geben, was ihm verboten ist, damit er glaube, es wäre erlaubt; man darf nicht unwahre und unrichtige Lehren Zuhörern, die des Meisters Wort glauben, lehren und verkünden; dem Ratsuchenden keinen Rat geben, der für ihn schlecht ist und ihn glauben machen, er sei gut. Man darf Unwissenheit, Unerfahrenheit oder mangelnde Erkenntnis anderer sich weder zu nutze machen, noch, was noch schwerer wiegt, in gewissenloser, böswilliger Weise lediglich zum Schaden des Schwächeren ausnützen. Das alles ist inbegriffen in dem Gebote der Thora, und seine Anwendung gilt für jeden Ort und jede Zeit, Juden und Nichtjuden gegenüber in gleicher Weise. Wenn auch die heutige Zeit so weit fortgeschritten ist, daß sie Blinde und Taube mit besonderer Fürsorge und weitgehendstem Schutze bedenkt, wenn heute jeder Gebildete davor zurückschrecken wird, solch einen Unglücklichen in Wort und Tat zu schädigen, so ist die Menschheit doch noch nicht dahin gelangt, das Gebot der Thora in dem weiten Umfange wie im Judentum allgemein anzuwenden. Der Prophet Jesaias spricht von dem Volk, das blind ist und doch Augen hat, das taub ist und doch Ohren hat. In dem großen Fluche, der Tochocho, heißt es: „Gott wird dich schlagen mit Blindheit und du wirst herumtappen am Mittag, wie der Blinde im Dunkel tappt." Es ist eine große Aufgabe, die den Fluch abwendet, den Blinden den Weg zu weisen und ihnen den Anstoß aus dem Wege zu räumen. Darum sagt die Thora dies Gebot zweimal. Einmal heißt es: „Dem Blinden sollst dn keinen Anstoß legen", und das anderemal: „Verflucht ist, wer den Blinden auf dem Wege in die Irre führt." Zu dieser Stelle bemerkt der Erklärer Raschi: „Das besagt, wenn einer in einer Sache blind ist und man ihm einen schlechten Rat gibt." Denn kann man auch die Blinden nicht sehend machen, so darf man sie keinesfalls irreführen oder durch den Stein des Anstoßes zum Straucheln bringen. Ihr ganzes Elend und Unglück kommt nämlich jenen Unglücklichen zum Bewußtsein, wenn sie inne werden, daß ihre Schwäche gewissenlos und treulos mißbraucht wurde. Als Moses seine Sendung übernehmen sollte, sagte ihm Gott: „Wer macht den Menschen redend oder taub, sehend oder blind?" Das war eine wohlangebrachte Mahnung, an die Blinden und Tauben zu denken, denen er Führer und Anwalt sein sollte. Denn viele stehen auf, die sich für berufen halten, Blinde sehend zu machen, das Volk aus geistiger Blindheit zum Lichte zu führen, — die aber in Wirklichkeit mit der Aufklärung zur Unzeit, dem Unverständnis für die Verschiedenheit der menschlichen Natur schlechten Rat geben, sogar einen Stein des Anstoßes auf den Weg der Ruhe und Ordnung legen. Der Weg des Lebens, den die Menschen gehen, bietet Gefahren und Fährnisse in reichem Maße; manch1 einer strauchelt trotz dem sehenden Auge. Wer den Menschen helfen will, folge dem Rufe des Propheten: „Bahnet den Weg, räumt den Anstoß vom Wege meines Volkes!" Wir verkünden dieses Wort an jedem Versöhnungstage, wohl deshalb, weil seine Erfüllung Frieden, Versöhnung, Heil den Menschen bringt, vielleicht auch deshalb, weil vor Gott besonders und schwerstens sündigt, wer da legt auf den Weg — den Stein des Anstoßes!