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Die Wahrheit · 1927-03-18 · Heft 12 (18.3.1927) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 12 (18.3.1927)
Date
1927-03-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 llllllilllliiilllllllllillllll^ DIE WAHRHEIT Vergleich zwischen der Lehre seiner jetzigen und seiner früheren Religion überzeugte ihn nicht von der Ueberlegenheit der ersteren. Aber in Rußland gab es für ihn kein Zurück mehr. Dafür nahm er an allen jüdischen öffentlichen Fragen ostentativen Anteil, betrachtete sich als Mitglied der jüdischen Gemeinde in Warschau, entrichtete freiwillig jene Steuern, zu denen er seinem Einkommen nach verpflichtet gewesen wäre, unterstützte die große jüdische Gemeindebibliothek, war Mitglied aller jüdischen Wohltätigkeitsvereine und Kulturinstitutionen, spendete besonders reichlich den Unterrichtsanstalten, sowohl den Talmud-, Thoraals auch den Handwerkerschulen, die der Regierung ein Dorn im Auge waren. Hebräische Publikationen hatten in ihm einen wohlwollenden Gönner. Wie jeder geistig und sittlich hochstrebende Mensch war er innerlich ein Grandseigneur; klein, zierlich und schmächtig von Gestalt, hatte sein Auftreten gleichwohl etwas Imponierendes und Gebieterisches, trotz der großen Schlichtheit, Bescheidenheit und Herzensgüte. Die ungewöhnlichen materiellen Erfolge, die ihn zu einem der reichsten Männer in Rußland machten, hatten ihn nicht verblendet; er fühlte sich stets den Aermsten und Niedrigsten verwandt, nahm für sie Partei und gab diesem Gefühl unzweideutig Ausdruck. Seine Zugehörigkeit zu den Juden betonte er stets nachdrücklich. Die allseitige Hochachtung und Liebe, deren er sich in allen Kreisen der polnischen Gesellschaft erfreute, hat am meisten mit dazu beigetragen, den aufkeimenden Antisemitismus in Polen bis zum Beginn dieses Jahrhunderts niederzuhalten. (Schluß folgt.) Eine Beethovenlegende. Von Dr. Max Grunwald. In einigen jüdischen Zeitschriften wurde schon vor längerer Zeit ohne Widerspruch nach einem angeblichen Original aus der Pariser Nationalbibliothek ein Briefwechsel Beethovens mit einer Wiener Jüdin Rahel Löwenstein aus dem Jahre 1792 veröffentlicht. Beethoven, hieß es, warb um die Hand dieses jüdischen Mädchens. Da Rahel aber dem Glauben ihrer Väter treu bleiben wollte, kam es nicht zur Eheschließung mit dem großen Künstler. Als ich im Frühjahr 1926 innerhalb einiger Wochen die Jugendfestschrift „Geschichte der Wiener Juden" zu verfassen hatte, nahm ich auch diese Ueberlieferung über Beethoven auf. Zu einer Nachprüfung blieb mir damals keine Zeit*). Nachträglich fand ich über die angebliche Neigung Beethovens — der übrigens außer den in meinem Buche angeführten Beziehungen zu den Juden auch mit dem einer jüdischen Patrizierfamilie entstammenden Grafen Fließ befreundet war, der zu seinen Förderern zählte — zu einer Jüdin die folgende Aufklärung, die Dr. Heinrich Meyer- Cohn in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" am 25. Juni 1902 gegeben hat: Dieser angebliche Briefwechsel ist das Ergebnis einer literarischen Fälschung, die höchst wahrscheinlich auf einen gewissen Karl Wiesenthal zurückzuführen ist. Wiesenthal veröffentlichte zu Anfang der neunziger Jahre Miszellen, welche das *) Zu berichtigen ist dort ferner: S. 3, Z. 6 ljes: ist es her. — S. 5, Z. 15 — 1156 nach einem jetzt als gefälscht erkannten Privileg — S. 6, Z. 16: „Judengasse", deren Bezeichnung bisher nicht zu datieren ist. — S. 6, Z. 8 von unten: Spital, jetzt Judenplatz 9. — S. 13, Z. 20: Hause Judenplatz 2. — S. 17, Z. 6 von unten: wurden vom Magistrat ihre Häuser übernommen, sie mußten. — S. 18, Z. 10: jetzt vor dem Rathaus. — S. 49, Z. 8 von unten: Protestanten (Dr. Becher). — S. 58, Z. 1: In den Arkaden der Wiener Universität sind die Büsten. — S. 59, Z. 6: Schey. Verhalten berühmter Leute zur Judenfrage, beziehentlich ihr Verhältnis zu einzelnen Juden betrafen. Mit Hilfe des Herrn Professors Geiger wurde zunächst festgestellt, daß ein angeblicher Aufsatz Goethes über die Juden, den Wiesenthal in einer jüdischen Zeitung veröffentlicht hatte, nicht von Goethe war, sondern von Wiesenthal. Da nun W'iesenthal die Eigentümlichkeit hatte, seine Fälschungen meist mit seinem Namen zu zeichnen, war es leicht, ihm nachzugehen, und ich erwähne außer dem hier schon besprochenen Aufsatz von Goethe als derartige Wiesenthalsche Fälschungen: 1. einen Brief Napoleons an einen jüdischen Intendanten; 2. einen angeblichen Brief der Königin Luise; 3. einen Brief von Pestalozzi an Zschokke, angeblich abgedruckt in Zschokkes „Selbstschau". Durch Mitteilung des Sachverhalts an die jüdischen Blätter gelang es, der Fälschertätigkeit Karl Wiesenthals eine Ende zu machen. Aus älteren Jahrgängen jüdischer Zeitungen kamen die Produkte Wiesenthalscher Erfindungen aber mehrfach von Neuem im Umlauf. Was insbesondere den Briefwechsel zwischen Rahel Löwenstein und Beethoven betrifft, so ist er aus einer älteren Nummer von „Brülls Monatsblättern" in die erste Nummer von „Ost und West" übernommen worden, von wTo er in verschiedene jüdische Blätter überging. In einem dieser Blätter, ich weiß nicht in welchem, muß ihn Herr Oberkantor Singermann gelesen haben. Seine Mitteilung, daß der Briefwechsel von Alex Prins in dessen Werk mitgeteilt sei, veranlaßte mich, bei ihm anfragen zu lassen, um welches Werk es sich handle. Nachdem er darauf seinerseits sich bei der Redaktion von „Ost und West" erkundigt hat, darf ich mit einiger Sicherheit behaupten, daß Alex Prins mit Karl Wiesenthal identisch ist. Der Verfassungsstreit in der „Deutschen Studentenschaft". Nach dem Weltkriege machte sich in der Hochschülerschaft des ganzen deutschen Sprachgebietes, analog der großdeutschen Bestrebung, das Streben nach einer einheitlichen Zentralorganisation fühlbar; entsprechend dem Geist der deutschen Hochschulen war hier das nationale Moment in den Vordergrund gerückt, trotzdem man bereits damals wichtige Bedenken dagegen geltend machte; denn gerade so wenig wie eine Berufsorganisation, etwa die Advokaten- oder Aerztekammer, die Zugehörigkeit ihrer Mitglieder von nationalen Gesichtspunkten aus betrachtet, sondern eine Interessenvertretung ihres Standes sein soll, ebensowenig schien es geboten, auf studentischem Gebiete von dieser sonst ganz selbstverständlichen Regel Ausnahmen zu machen. Im Deutschen Reiche schien man diesen Bedenken insoferne leicht Rechnung zu tragen, als dort für Inländer von allem Anfang an kein Unterschied der Nationalität galt. Anders verhielten sich die deutschnationalen Studenten der Hochschulen Oesterreichs, der Tschechoslowakei und Danzigs. Diese beharrten mit einer geradezu lächerlichen Verbissenheit auf ihrem Rassenstandpunkt. Der im

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