Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 12 (18.3.1927)
- Date
- 1927-03-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT «ilSM^ Seite 3 Johannes von Bloch, der wirkliche Urheber der Haager Friedenskonferenzen. Von Binjamin Segel. (Fortsetzung.) Johannes (Jochannan Gottlieb) Bloch war im Jahre 1836 in dem kleinen polnischen Städtchen Radom geboren, als Sohn eines blutarmen Zizith-Machers. Im Cheder erwarb er einige dürftige Kenntnisse im Hebräischen und im Schreiben. Als er ungefähr 12 Jahre alt war, siedelte sein Vater nach Warschau über, wo die Familie in einem der weiten Höfe des jüdischen Proletarierviertels Unterkunft fand. Das Gewerbe des Zizithspinnens war in der Hauptstadt womöglich noch weniger einträglich als in Radom; dagegen konnte der Junge sich hier einige Kenntnisse im Polnischen und im Rechnen aneignen. Kurze Zeit durfte er sogar eine Art Real- und Handelsschule besuchen. Schließlich trat er als Laufbursche in das Bankhaus Töplitz ein. Das ermöglichte ihm, sich sogar Bücher zu kaufen, die er die Nächte hindurch verschlang. Der Laufbursche brachte regelmäßig Rechnungen und Briefe an den in Warschau stationierten General Tiesenhausen, dessen Gelder das Bankhaus verwaltete. Der General zog den aufgeweckten Jungen mit den sinnenden klaren Augen oftmals ins Gespräch und gewann ihn schließlich so lieb, daß er ihm eine selbständige Stellung an seiner Dampfmühle in Petersburg anbot. Hier entfaltete Bloch großes organisatorisches Talent, erkannte mit scharfem Blick die Wichtigkeit der Eisenbahnen, die damals in Rußland ihren Einzug hielten. Der Einundzwanzigjährige trat 1857 als selbständiger Eisenbahnbauunternehmer in Polen auf, erwarb sich im Verlaufe von drei Jahren ein ansehnliches Vermögen und gediegene Erfahrungen. Marquis Wielopolski, der als Zivilregent des Königreiches Polen mit großem Eifer die wirtschaftliche Entwicklung des Landes förderte, übertrug dem jungen Unternehmer den Bau wichtiger Eisenbahnlinien. Bei dieser Gelegenheit trat Bloch in geschäftliche Verbindung mit dem Baron Leopold Kronenberg, dem wichtigsten Pionier des industriellen und kommerziellen Aufschwunges des Königreiches Polen seit Mitte der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Eine Anzahl jüdischer Familien stand damals an der Spitze dieser Bewegung, die den Wohlstand Polens begründete und der nach den Aufständen von 1831 und 1863 aus allen Aemtern verdrängten für die Religion betreiben können und mit ihrer Kunst manchen Zweifler bekehrt und Abtrünnige zu reumütiger Rückkehr gebracht haben. Wenn Feinde und Gegner an dem Buche Esther so viel auszusetzen und zu tadeln haben, so hat das seinen Grund darin, weil sie es ohne Purimsude lesen, weil sie die gastfrei geöffneten Türen, die reichlich gedeckten Tische mit den vollen Schüsseln, die für Arm und Reich bereit standen, nie gesehen, die Gastfreundschaft, Freigebigkeit und herzliche Bewirtung an Purim nie erlebt haben. Die Kochkunst ist eine große und wichtige Sache. Nicht grundlos wird immer „Mahl" und „Freude" nebeneinander gestellt, denn beides gehört zusammen. Aber das Mahl kann jede Freude zerstören, wenn es statt von kunstgeübter von unfähiger Hand bereitet ist. Die Religion begleitet die Menschen durch Freund' und Leid, von der Wiege bis zum Grabe. Wie Gott in der Wüste das Manna, vom Sinai die Gebote gegeben hat, so hält es die Religion Israels, die für geistige Nahrung ihrer Bekenner, aber nicht minder für „Oneg", Genuß des Sabbat und Festtages im körperlichem Sinne, in leiblicher Art sorgt. Und um diese Mizeva zu erfüllen, hat sie Israels Frauen bestellt, die zu kochen, zu backen und zu braten verstanden, die den Duft der Küche mit echter Herzensfrömmigkeit und die Frömmigkeit mit einem ehrenhaften Kuchenduft umgaben. Hat sich schon der alte Göttervater der Heiden am Fettdampf seiner Opfergaben erfreut, so durften es erst recht die ehrsamen Hausväter in Israel, wenn sie nach dem Dienste Gottes und langem, andächtigen Beten in ihr Heim kamen. Denn die sparsamste Hausfrau war freigebig wie eine Königin, galt es zu ehren Sabbat und Festtag durch ihrer Küche Gaben, galt es zu zeigen und zu beweisen: jüdische Kochkunst! Intellektuellenschicht sowie dem verarmten und verfolgten Adel ein auskömmliches Dasein sicherte. In Polen herrschte zu jener Zeit den Juden gegenüber eine Verbrüderungsstimmung, und in der jüdischen Plutokratie entstand eine Strömung, ähnlich der, die etwa ein halbes Jahrhundert zuvor in Berlin vorwaltete. Die reich und vornehm gewordenen Bankiers- und Industriellenfamilien traten zum Christentum über, aber aus einer gewissen Rücksicht auf die Ehrlichkeit wurden sie nicht katholisch, sondern protestantisch. Der Protestantismus schien an die Tragkraft ihrer Glaubensfreudigkeit ungleich geringere Ansprüche zu stellen als der Katholizismus. Dagegen überzeugte sich die zweite Generation, die sich mit dem polnischen Hochadel verschwägerte, rasch von der allein seligmachenden Wahrheit der katholischen Kirchenlehre . . . Der Baron Leopold Kronenberg war einer der ersten Männer im Lande; es gab kein Gebiet der praktischen oder idealen Kulturarbeit, auf dem er nicht bahnbrechend und schöpferisch wirkte. Seine Schwester, eine junge Dame von erlesener Schönheit, wurde von den ersten Kavalieren Polens umworben. Aber sie verliebte sich in den Kompagnon ihres Bruders. Bloch bezahlte den Preis für ihre Hand mit der Annahme des Kalvinismus ... Es zeigte sich bald, daß die Herstellungs- und Verwaltungskosten der von ihm erbauten Bahnen sehr bedeutend geringer waren als aller anderen russischen Linien. Das bewog die Regierung, ihm die Verwaltung des ganzen Eisenbahnnetzes von 2400 Werst zu übertragen, welches das Baltische mit dem Schwarzen Meer verband. Jetzt dachte Bloch daran, seine Bildung abzurunden und ihr eine solide wissenschaftliche Basis zu geben. Er ließ sich in Berlin nieder, von wo aus er seine Geschäfte verwaltete, und hörte an der dortigen Universität mehrere Semester hindurch Vorlesungen über Nationalökonomie, Geschichte und Philosophie. Jetzt fing er an, seine erworbenen praktischen Kenntnisse auch theoretisch zu verwerten. Er veröffentlichte ein fünfbändiges Werk über die russischen Eisenbahnen, in welchem er die Mängel der bisherigen Bau- und Verwaltungsmethoden nachwies und Vorschläge zur Verbesserung machte. Das Werk, welches auch in französischer Sprache erschien, wurde auf der geographischen Ausstellung von Paris 1375 mit der goldenen Medaille erster Klasse gekrönt. Im Verein mit dem nachmaligen Finanzminister Wyschnegradzki verfaßte er ein weiteres Buch über das Eisenbahntransportwesen. Im Auftrage der Regierung schrieb er eine ausführliche Studie über die Einrichtung von Pensions- und Invalidenkassen für Beamte und Angestellte. Ein vierbändiges Werk über die Finanzen Rußlands im XIX. Jahrhundert entwarf ein Bild des ganzen Verwaltungswesens des Zarenreiches und bildete die Grundlage zur russischen Finanzreform. Bloch wurde darauf in das „wissenschaftliche Komitee des Finanzministeriums" berufen, das ihm alsbald die wichtigsten Arbeiten übertrug. Immer mehr erweiterte er das Gebiet seiner Forschungen. Er verfaßte umfangreiche Werke über den Meliorationskredit und die Landwirtschaft in Rußland und im Auslande, über die Verschuldung des Grundbesitzes in Polen, über die Entwicklung der Industrie in Polen. Ein großes Werk über den Einfluß des Eisenbahnwesens auf die wirtschaftliche Lage Rußlands brachte ihm die Ernennung zum Wirklichen Geheimen Staatsrat mit dem Prädikat Exzellenz sowie die Verleihung des Adels. Die meisten seiner Bücher erschienen in polnischer und russischer Sprache, manche auch in französischer Uebersetzung, und begründeten in fachmännischen Kreisen seinen Ruf als den eines der bedeutendsten Praktiker und Theoretiker auf vielen Gebieten der Nationalökonomie. Inzwischen vernachlässigte er seine geschäftliche Tätigkeit nicht. In Warschau konzentrierte er seine sämtlichen Unternehmungen in einem großen Bankhaus, welches sich besonders an der aufblühenden Zuckerindustrie beteiligte, gründete eine Feuerversicherungsgesellschaft, reorganisierte die Börse, indem er an deren Spitze ein Börsenkomitee stellte, dessen Präsident er wurde, und unternahm den Bau mehrerer neuer Eisenbahnlinien. Er bekleidete die unter den damaligen Umständen besonders schwierige und verantwortungsvolle Stellung eines Aeltesten der Kaufmannschaft. Eine so tief und reich veranlagte Natur konnte nicht umhin, über die religiösen Probleme nachzudenken. Der armselige Chederunterricht hatte ihm natürlich keine tiefere Kenntnis des Judentums übermittelt. Jetzt las er alle ihm erreichbaren Bücher über das Judentum und führte mit seinen jüdischen Bekannten eingehende Gespräche darüber. Der