Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 9 (25.2.1927)
- Date
- 1927-02-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 illililllllll« DIE WAHRHEIl {THeater, Mimst u. £ftexatm .„....' Vortrag. Der vierte der vom Leiter des Maimonides- Institutes, Herrn Dr. A. Kaminka, an der Universität (am 12. d. M.) abgehaltenen Vorträge beschäftigte sich mit der mittelalterlichen Dichtung, und zwar des 7. bis 14. Jahrhunderts. Jose ben Jose „Hajossaum", geboren zur Zeit großer Judenbedrängnis im Byzantinischen Reich bringt in seinem Poem, „Askir Gewuraus", Auferstehungsgedanken zum Ausdruck, wie sie seit Ezechiel nicht vernommen wurden. Von den beiden späteren Dichterschulen stand die eine vorwiegend unter arabischem Einfluß und brachte philosophischen Inhalt in klassischen Formen. Ihre Hauptvertreter waren G a b i r o I und H a 1 e v i. Die andere stand unter byzantinischem Einfluß und verarbeitete Geschichte und Sage, wobei sie neue Worte schuf. Es haben sich meist nur Dichtungen religiösen Charakters erhalten. Der Literarhistoriker seiner Zeit war Moses ibn Esra. — Gabirol muß als einer der bedeutendsten Denker seit Philo gelten, dessen Werke viel von Christen gelesen wurden. Sein „Fons vitae" wurde 1140 ins Lateinische übersetzt, von Duns Scotus, Thomas von Aquino und anderen zitiert. Sein tief empfundenes „Kesser Malkus" wird an Kol-Nidre gelesen. Er war ein kranker Mann, der nur ein Alter von 30, nicht wie Grätz meint, von 50 Jahren erreichte. — Jehuda Halevi, im Gegensatz zu ihm ein sonniger Charakter, in Toledo 1085 geboren, war Arzt von Beruf. Sein Hauptwerk, der „Kusari", ist eine an philosophischen Gedanken reiche Verherrlichung der Idee des Judentums. — Eleasar Hakallir, wahrscheinlich in Konstantinopel geboren, hat, sicher angeregt durch die Kirchendiditung, zu allen Festtagen Dichtungen verfaßt. Sein Name ist höchst wahrscheinlich mit „Kyrill" identisch, da seit Justinian die Juden in Byzanz gräzisiert waren. — Nachdem der Vortragende so einen weiteren Beweis für die historische Richtigkeit der bekannten Behauptung Güdemanns, „Wie es sich christelt, so jüdelt es sich", erbracht hatte, d. h. die wechselseitige Beeinflussung jüdischer führender Geister und ihrer Umgebung dargetan, zeigte er in ebenso geistvoller wie überzeugender Weise, daß die bedeutendste Dichtung der katholischen Kirche, das „Dies irae, dies illa", zum größten Teile aus den hebräischen Selichoths entnommen ist. Es sind* nicht bloß Form und Ideen, sondern ganze Sätze wörtlich entlehnt. Der geschichtliche Hintergrund, Folterung und Tod des Rabbi Ammon in Mainz (zirka 1200), mußte Thomas von Cellano bekannt sein, der die Hymne verfaßt hat. — Reicher verdienter Beifall seitens eines zahlreichen Auditoriums lohnte den Redner. Med.-Rat Dr. H. H a a s c. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur hat am 14. d. M. Herr Rabbiner Dr. Feuchtwang über „Goethes Stellung zum Problem der Religion und zur Bibel" einen außerordentlich genußreichen und höchst anregenden Vortrag gehalten. Dem Volke der „reinen" Religion muß die Stellung großer Denker zur Religion immer interessant erscheinen. Die Juden hat Goethe weder in erfreulicher, noch in berechtigter Weise beurteilt. Er hat sich aber zeitlebens mit dem religiösen Problem ernsthaft befaßt und der Bibel stets die gebührende höchste Achtung und Anerkennung gezollt. Eminent war der Einfluß Spinozas auf Goethes Denken und Schaffen. Er gab nur ein Ignoramus, kein Ignorabismus zu. Er ist nie absoluter Materialist gewesen. Er war durchaus nicht der „große Heide", für den er gemeiniglich gilt. Zahlreiche Stellen, die der Vortragende in charakteristischer Auswahl zitiert, zeugen von tiefster Frömmigkeit. Er hat aber stets und beharrlich seine Abneigung gegen die Dogmen und die äußerliche Werkheiligkeit des Katholizismus betont. (Briefe an Lavator, Italienische Reise.) Die Bibel nennt er einen „Weltspiegel", nicht nur ein Volksbuch, sondern ein Buch der Völker, das ewig wirksam ist. Er hat sich viel mit dem Hebräischen beschäftigt, dazu, sowie zum Studium der orientalischen Literatur überhaupt von Herder veranlaßt. Der heutigen Jugend und den „aufgeklärten Modernen" sei der Satz besonders empfohlen: „Sie (die Bibel nämlich) erscheint immer schöner, je mehr man sie versteht." Ein Zitat aus den „Wanderjahren" beschloß den bündigen Nachweis, wie fromm dieser Heide gewesen und wie ernst und tiefsinnig er über Religion gedacht hat. Me<L-Rat Dr. H. Haase. JAC. MAVER Vortrag. Am 20. d. M. sprach Dr. Max Grunwald in der Wiener „Urani a" über das „Leben und Werk Baruch Spinozas", und machte durch die tiefgründige und dabei doch leichtfaßliche Art, mit welcher er die schwierigsten Probleme dem Verständnis nahe brachte, auf die zahlreichen, aus allen Gesellschaftsschichten bestehenden Zuhörer, unter welchen sich auch Vizepräsident Dr. Jakob O r n s t e i n und Kultusvorsteher Dr. Josef Tic ho befanden, den tiefsten Eindruck. Nur ein Mann, welcher selbst ein großer Denker und philosophischer Geist ist, konnte über den Denker und Philosophen Spinoza so sprechen, wie das der Vortragende getan hat. Man hatte das Gefühl, daß sich hier zwei Weltanschauungen berühren, welche ihrem Wesen nach aufs innigste verbunden sind; denn Gleiches kann, wie schon Spinoza und vor ihm griechische Philosophen betont haben, nur durch Gleiches erkannt werden. Wie Spinoza mit sich und seinem Gotte gerungen hat, bis er sich endlich zu der reinsten und vollkommensten Liebe, der amor intellectualis dei durchzuringen vermochte, so hat sich Dr. Grunwald durch vierzigjährige tiefschürfende Erforschung dieses neben Kant wohl schwierigsten aller Philosophen zu jener lichten Höhe des verständnisinnigen Erfassens durchgerungen, die aus seinem Vortrage wiederspiegelte. In einem zweiten Vortrage, der Sonntag, den. 27. d. M., um 148 Uhr abends an dem gleichen Orte stattfinden wird, will Dr. Grunwald die Bedeutung Spinozas, seine Stellung in der Geschichte der Philosophie und seinen Einfluß auf die Philosophie der Neuzeit darlegen. Man sieht den weiteren Ausführungen des Gelehrten mit großem Interesse entgegen. Uraniavorträge für die jüdische Jugend. Die von Dr. Max Grunwald, dem feinen Kenner der kindlichen Seele, in der Urania gehaltenen Lichtbildervorträge für die jüdische Jugend, die einen so guten Besuch aufwiesen und auf die jugendliche Zuhörerschaft einen so tiefen Eindruck machten, finden Donnerstag, den 3. März, Donnerstag, den 17. März und Donnerstag, den 7. April, um 343 Uhr nachmittags ihre Fortsetzung. Die Vereinigung jüdischer Akademiker veranstaltet Montag, den 28. d. M., einen öffentlichen Vortragsabend, an welchem Universitäts-Professor Dr. Max E i s 1 e r über „Bilder zur Bibel aus der Kunst des Südens" sprechen wird. Der Vortrag findet in der Turnhalle der Talmud-Thora-Schule, II., Malzgasse 16, statt, und beginnt um 8 Uhr abends. Professor Dr. Hugo Greßman, der hervorragende Berliner Theologe und Leiter des Institut um Judaicum an der Berliner Universität, wurde von verschiedenen gelehrten Gesellschaften Nordamerikas eingeladen, Vorträge über jüdische Wissenschaft zu halten. H. Heller: Die politischen Ideenkreise der Gegenwart, Verlag Ferd. Hirt, Breslau. Dieser Band der Jedermanns Bücherei vereinigt in sich alle Vorzüge eines populären Werkes. Er ist gemeinverständlich, ohne flach zu sein. Nirgends macht sich die oft so aufdringliche Tendenz der Volksbildung bemerkbar. Mit pädagogischem Talent gliedert der Autor, nachdem er die gemeinsamen Grundlagen unserer politischen Denkformen aufgezeigt hat, den Stoff in fünf Teile, den monarchischen, demokratischen, liberalen, nationalen und sozialistischen Ideenkreis. Die wirklich objektive Darstellung macht die Lektüre zu einem ungetrübten Genuß. Hingewiesen soll werden auf die große Zahl jüdischer Autoren, die die Staatsphilosophie bereichert haben und bereichern. Im Bildteil ist neben den bekannten Bildern Marxens und Lassalles auch das weniger bekannte Friedrich Julius Stahls, des zum Führer der Konservativen gewordenen Renegaten zu finden. G. Bernheim. Staatsbürgerkunde. (Quelle u. Meyer, Leipzig.) Dieses rühmlichst bekannte Büchlein des Greifwalder Historikers liegt hier in zweiter Auflage vor. Der glänzenden Darstellung der historischen Entwicklung der staatlichen Einrichtungen folgt ein Kapitel über Unterricht in politischer Bildung, dessen Lektüre einem Großteil unserer Lehrer sehr anzuempfehlen wäre. Soziologische Lesestücke. Herausgegeben von Oppenheimer und S a 1 o m o n, Verlag J. Braun, Karlsruhe. Pro Band, Leinen, Mk. 4.—. Band II. Begriff der Gesellschaft in der deutschen Sozialphilosophie. Band III, Individuum und Kleiöer-, Pelzeu. Gummimäntei-Fabrik Zentrale: Detailverkauf: Wien I!., Glockengasse 24 Wien II., Taborstraßc 4,4