Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 7 (11.2.1927)
- Date
- 1927-02-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 illllli DIE WAHRHEIT richtet sich wohl nur gegen nicht namhaft gemachte Täter und enthält eine Klausel, derzufolge er nur insoferne Gültigkeit besitze, als Staatsgrundgesetze nicht angetastet werden. Das Aufsehen, welches der Cheremin nah und fern auslöste, war ein ungeheures. In positiver Richtung wurde durch seine Verhängung bisher nichts erreicht, dagegen ist der Schaden, den der Cherem der Stadt Munkäcs zugefügt hat, in moralischer wie auch in wirtschaftlicher Beziehung ein ganz gewaltiger. Bewohner dieser Stadt schämen sich in der Tat, zu verraten, daß sie aus Munkäcs sind, und auch die ganze Umgebung, für welche die Stadt als Knotenpunkt für Handei und Gewerbe bis nun diente, boykottiert jetzt dieselbe, um durch dieses Vorgehen ihrer Mißbilligung Ausdruck zu verleihen. Dae verantwortlichen Faktoren haben somit gerade das Gegenteil von dem erreicht, was sie erstrebt haben: die ganze öffentliche Meinung spottet über dieses ihr Vorgehen und diese Verspottung ist der einzige Gewiinn, den sie bisher durch ihr unüberlegtes Vorgehen erzialt haben. Es ist das eine gute Lehre für Anwender mittelalterlicher Mittel in unserem demokratischen Zeitalter. Jüdische Frauenideale. Eine Blütenlese von Dr. Max Grunwald. (Fortsetzung.) Mütter und Söhne. Meyerbeers Mutter. Aber dann kamen die Tage, die nichts als Freude brachten Glück und Ehre für die gottesfürchtige Frau, und die Ruhmessonne, die das Haupt Giacomos umgab, umwob auch mit goldenem Schimmer den Scheitel der, alten frommen Mutter. Giacomo hatte den „Robert" vollendet und diese Oper, die seine Zeitgenossen als den Gipfelpunkt künstlerischer Vollendung bezeichnet hatten, sollte jetzt in Paris ihre Aufführung erleben. Der Abend der Vorstellung war gekommen und der Meister, der doch wahrlich an Huldigungen aller Arten gewöhnt war, hatte Mühe, sich den von allen Seiten auf ihn eindringenden überschwänglichen Jubels- und Beifallsäußerungen zu entziehen. Er aber mühte sich, all den auf ihn einstürmenden Huldigungen zu entgehen, er ersehnte einen Augenblick des Alleinseins, denn da, auf seinem Herzen ruhte ein versiegeltes Schriftstück, das ihm von Berlin aus zugestellt worden war mit der Weisung, es erst nach der Vorstellung zu öffnen. Nun war dieser ersehnte Augenblick gekommen, der Meister hatte sich gewaltsam allen Bewunderern entzogen und entfaltete mit fieberhafter Hast das versiegelte Schreiben. Er wußte es ja. und der Gedanke hatte ihn auch während der Vorstellung nicht verlassen — es kam von der Mutter, und wie Engelsbotschaft klangen die Worte an sein Ohr, die sie in solch wichtiger Stunde dem Sohne sandte: „Der Ewige segne Dich, der Ewige behüte Dich, er lasse sein Angesicht Dir leuchten und geben Dir Frieden." Und er eilt heim, entflieht der ihn umjubelndein Menge, um in überströmenden Dankesworten der teuren Mutter daheim seinen unerhörten Triumph zu melden. Rasch eilt er die Stufen zu seiner Wohnung hinan, da durchzuckt freudiger Schreck seine Glieder — sie, bei der seine Gedanken jetzt geweilt, die teure Mutter steht vor ihm und unter Lachen und Weinen heißt sie den Sohn willkommen. Sie war von Berlin hierhergeeilt, hatte unerkannt der Vorstellung beigewohnt und inmitten der jubelnden begeisterten Menge saß still die Frau, die aus der deutschen Heimat hergeeilt war, um Zeuge der beispiellosen Huldigungen zu werden, die ihrem gefeierten Sohne dargebracht wurden. Und wies sie stets, in den Tagen der Freude sowohl, die ihr ja reichlich beschieden waren, wie in den Zeiten, wo sie von Trauer heimgesucht ward, ihres Gottes gedenkt, so wendet sich ihr Herz auch zu allen Zeiten ihren Nebenmenschen zu. Schrankenlose Wohltätigkeit zu üben, ist ihr Bedürfnis, stets trachtet sie, die vom Geschicke so froh Beglückte, das Los der Armen und Bedrückten zu erleichtern, und die Art und Weise, in welcher sie ihre Wohltaten ausübt, wird von ihren Zeitgenossen aufs rühmendste hervorgehoben. Ja, selbst Heine, der bekanntlich nach dem Bruche mit Meyerbeer die scharfe Geißel seiner Satire über dem Haupte des Gegners schwingt, vermag an dem Bilde dieser Frau keinen Schatten zu entdecken. Rühmend gedenkt er der Freigebigkeit, die im Meyerbeerschen Hause geherrscht: „Wohltätigkeit ist eine Haustugend der Meyerbeerschen Familie, besonders der Mutter, welcher ich alle Hilfsbedürftigen, und nie ohne Erfolg, auf den Hals jage." (N. B.: „Meyer" nahm Giacomo in seinen Familiennamen auf, weil ein Onkel dieses Namens ihn unter der Bedingung zum Erben eingesetzt hatte, daß er seinen Namen annehme.) Welch eine Fülle von reichen Gaben haben aber yuch die milden Hände dieser Frau über die Armen und Elenden ausgeschüttet! Denn es kamen nicht allein die Hilfsbedürftigen, die Heinrich Heine Frau Amalie Beer auf den Hals jagte, von allen Seiten wird an ihre Mildtätigkeit appelliert und nie geschieht dies ohne dien ersehnten Erfolg. Die Mutter sowohl wir ihr gefeierter Sohn haben sich inmitten ihres berauschenden Glückes ein warmes Herz und eine stets offene Hand bewahrt — und es ist bekannt, wie wenig Dank sie in den meisten Fällen dafür geerntet haben. Von Richard Wagner zum Beispiel, der in seinem „Judentum in der Musik" Meyerbeer so schnöde behandelt, besitzen wir noch einen Brief, in dem er dem Manne, dem er auch sonst manches verdankte, bestätigt, daß er ihn vor dem äußersten Elend gerettet habe. Meyerbeer hatte die Aufführung des „Rienzi" ermöglicht und Wagner damit den Weg zum Ruhme gebahnt. War es da ein Wunder, daß Frau Beer der Mitwelt als die glücklichste Frau galt? „Als die glücklichste Mutter, die es auf der Welt gibt", preist sie Heine, „überall umklingt sie die Herrlichkeit ihres Sohnes, wo sie. geht und steht, flattern ihr einige Fetzen sedner Musik um die Ohren, überall glänzt ihr sein Ruhm entgegen und gar in der Oper, wo ein ganzes Publikum seine Begeisterung für Giacomo in dem brausendsten Beifall ausspricht, da bebt ihr Mutterherz vor Entzückungen, die wir kaum ahnen mögen. Ich kenne in der ganzen Weltgeschichte nur eine Mutter, die ihr zu vergleichen wäre, das ist die Mutter des heiligen Borromäus, diie noch bei ihren Lebzeiten ihren Sohn kanonisiert sah und in der Kirche nebst tausenden von Gläubigen vor ihm knien und zu ihm beten konnte". Und als sie wieder heimkehren nach Deutschland, da erwarteten sie gleichfalls die größten Auszeichnungen. Der König ernennt Giacomo zum Hofkapellmeister, während Frau Amalie für ihre ersprießliche Tätigkeit auf dem Gebiete der Wohltätigkeit den Louisen-Orden erhält. In der Zuschrift der königlichen Kabinettskanzlei heißt es: „Um bei Ew. Wohlgeboren durch die Form des Kreuzes nicht anzustoßen, hat Ihnen (Se. Majestät) däe Auszeichnung des allgemeinen Ehrenzeichens an dem Bande des Louisenofdens zukommen lassen." Als ein Enkelkind, das an Kreuzschmerzen litt, von Frau Beer gefragt wurde: „Wo fehlt es denn, mein Kind?", da, so geht die Mär, soll die Antwort mit Beziehung auf jenen Ersatz des Kreuzes durch eine Medaille gelautet haben: „Meine Medaille schmerzt mich, Großmama." Vom Könige erhielt sie auch als Zeichen seiner Verehrung einen Abguß der Rauchschen Luisenstatue. An ihn wandte sie sich mit der Bitte um Aufführung der „Hugenotten". Es heißt, die Prinzessin, spätere Kaiserin Augusta, habe in ihrem Palais den vierten Akt der Oper, mit Liszt am Flügel, aufführen lassen und dem Werke so den Weg zur Bühne geebnet. Im Beerschen Hause spielt zu jener Zeit Hummel, da verblüffen Moscheies und Kalkbrenner durch ihre brillante Technik. Da geigt sogar Paganini, der sich bekanntlich nicht oft in Privatzirkeln hören ließ, da singt die Catalani, die „göttliche" Henriette Sonntag, die große Schröder-Devrient, kurz alles, was Rang und Namen hat, wetteifert um die Ehre, im Beerschen Hause empfangen zu werden und dem großen Meister wie der vornehmen Hausfrau als eifriger Beschützerin und Förderin der Künste und Wissenschaften ihre Huldigungen darzubringen. Mitten in diesem Gesellschaftsleben findet der Meister dennoch Muße für ein Werk, in das er seine ganze Seele versenkt und das eine sinnige Ueberraschung für die teure Mutter werden soll. In der kurzen Zeit von sechs Wochen verfaßt er die Musik zu seines früh dahingeschiedenen Bruders Michael Meisterwerk, dem „Struensee", und wehmütige Erinnerung mag das Herz der alten Frau durchzittert haben, als sie diese gewaltige Tonschöpfung, den Manen des teuren Dahingegangenen gewidmet, bei der glänzenden Aufführung im königlichen Schauspielhause vernimmt, und sich an den hohen dichterischen Schönheiten dieses Werkes, dem die Musik ihres Giacomo nun die höchste Weihe gegeben, erbaut. Reiche Ehren, königliche Auszeichnungen folgen dieser glänzenden Bahn und voll freudigen Stolzes darf die glückliche Mutter auf ihren Sohn blicken, dem eine ganze Welt in maßloser Bewunderung zu Füßen liegt und den sein König in gerechter Würdigung seines großen Talentes ehrt, indem er ihn zum Ritter des erst kürzlich gestifteten Louisenordens