Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1927-02-11 · Heft 7 (11.2.1927) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 7 (11.2.1927)
Date
1927-02-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064299-3064306--15191-3087961
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIE WAHRHEIT Ii Seite? ernennt und ihm die Stelle meines Generalmusikdirektors verleiht. Es ist selbstverständlich, daß die hohen Ehren, einem Juden erwiesen, den Neid und die Sehnsucht vieler im höchsten Grade erregten und in ihren Herzen den Wunsch keimen ließen, den Charakter dieses so über alles gepriesenen Juden herabzusetzen. Doch zu fest gegründet war dazu der gute Ruf dieses Mannes. Und daß dies nebst den ausgezeichneten Charaktereigenschaften Giacomos hauptsächlich auf den Einfluß der Mutter zurückzuführen ist, liegt klar zutage, wenn man sich des Urteils der Zeitgenossen über die werktätige Nächstenliebe erinnert, die in diesem Hause herrschte und die vor allem dies.; echt jüdische Mutter ausübt. „Kein Tag vergeht," so heißt es weiter bei Heine, „ohne daß sie einem Armen geholfen hat; ja es scheint, als könne sie nicht ruhig zu Bette gehen, bevor sie nicht eine edle Tat vollbracht Dabei spendet sie ihre Gaben an Bekenner aller Religionsgenossenschaften, an Juden, Christen, Türken und sogar an Ungläubige dar schlechtesten Sorte. Sie ist unermüdet im Wohltun und scheint dies als ihren höchsten Lebensberuf anzusehen." So konnte denn auch der gehässigste Späherblick an der Lebensführung ihres Sohnes wie an ihrer ganzen vom wahren jüdischen Geiste beseelten Haushaltung nicht nörgeln und selbst die ärgsten Feinde des mit Beifall so reich bedachten Musikers mußten dem edlen Charakter dieses Juden und der alles überragenden Hochherzigkeit dieser vornehmen jüdischen Frau gerecht werden. Der Sonnenweg, den ihr großer Sohn betreten, wies auch fernerhin keinen Schatten auf, und die Tage, die sie an seiner Seite mit seiner Frau, die ihn jetzt neuerdings mit einem Töchterchen beschenkte, verlebt, gehen für die alte Frau dahin gleich ungetrübten Festtagen. Nun aber sollte es Abend werden. Ihre Lebenssonne ging zur Neige und stilles Verlöschen beschloß 1854 dieses so harmonisch abgeklärte Menschenleben. Tiefe Trauer erfaßte das Herz des Sohnes und lange Zeit verdüsterte der Gram um die teure Tote seine Seele. Er war und fühlte sich so ganz Geist vom Geiste seiner Mutter. Alexander Weil gibt in dem Vorwort zu seinem Buche über den Talmud, das er ihm gewidmet, ein Gespräch mit Meyerbeer faßt unmittelbar vor seinem Tode wieder. Wir erfahren von Weil, wie fürstlich der Meister ihn, Heine und andere Talente gefördert hat. Seine Gage als Generalmusikdirektor der Berliner Oper verteilte er unter die Mitglieder des Orchesters. Wohltätige Stiftungen von seiner Hand zeugen noch heute von seinem edlen Herzen. Wie den Herzensadel hatte Meyerbeer von der Mutter auch Treue zum angestammten Glauben geerbt. Prinzessinnen boten ihm die Hand zum Lebensbund an. Doch keine Aussicht auf noch so höh© Verbinclungen vermochte ihn zur Untreue gegen sein Judentum zu verleiten Wir besitzen von ihm zwei alttestamentliche Kompositionen, „Jephtas Gelübde", das er mit 21 Jahren, und den „91. Psalm", den er, als 62jähriger, der Mutter zum 87. Geburtstag gewidmet, verfaßt hat. Hat er schon im „Robert" und im „Propheten" die Sohnesliebe verherrlicht, so hat sie ihn bei diesem Psalm, den er „Trost in Sterbensgefahr" benannte, ganz besonders inspiriert. Man fragte ihn einmal weshalb er denn keine jüdische Oper komponiert habe. Und er antwortete: „Weil ich zu wenig Hebräisch verstehe. Wie man nicht Franzose sein kann, .ohne Französisch zu können, so kann man auch nicht Jude sein, ohne das Hebräische zu beherrschen. Jedes jüdische Kind, auch die Mädchen, sollten schon mit drei Jahren anfangen, Hebräisch zu lernen." „Ich selbst", klagte er, „habe es leiaer in meiner Jugend damit zu leicht genommen. Aber so viel weiß ich, daß mir .Gott4 oder .Herr' nichts sagen, während der hebräische Gottesname, der Name dessen, der war, ist und sein wird, unendlich viel bedeutet. Ja, meine Mutter, die verstand Hebräisch und, was sie uns erzählte, ließ sie ausklingen in ein Zitat aus der Bibel." Es währte lange, ehe er nach dem Tode der Mutter wieder die Sammlung seines Gemütes erlangte, um an die Vollendung seiner Liebimgsoper „Die Afrikanerin" zu schreiten, und ein herbes Weh mag seine Seele erfaßt haben bei dem Gedanken, daß die Verklärte sich an dieser Tonschöpfung, deren Entstehen sie mit ganzem Herzen begleitet, nicht mehr werde erfreuen können. Nun aber war sie, der ein langes, reiches Menschenleben beschieden war voll Gottesfurcht und Religiosität, und der noch im hohen Greisenalter wahrhaft königliche Ehre erwiesen wurde, heimgegangen zu ihrem Gotte und ihr Andenken geleiteten all die heißen Segenswünsche jener Armen und Bedrängten, deren Beschützerin sie zeitlebens gewesen — und die über das Grab reichende Kindesliebe ihres berühmten Sohnes. Holtei schrieb über sie: „Wäre mir der Auftrag geworden, ihr Grabmal mit einer Inschrift zu versehen, ich hätte nichts in den Stein graben lassen, als .Charitas'." (Fortsetzung folgt.) Glossen. Nun kann man mit gutem Gewissen verkünden, daß die Wiener Universität doch in einem vielleicht den ruhmreichsten Hochschulen voraus ist. Die Schießstätte, die unter der Patronanz des Rektors eröffnet wird, mag sicherlich dem Ansehen der Wiener Universität in den Augen der Kulturwelt förderlicher sein als die Mitteilungen über die Raufszenen, deren Schauplatz in den letzten Tagen nicht allein die Universitätsrampe, sondern auch einzelne Lehrsäle waren. Aber die Schießstätte als neueste Errungenschaft wird trotzdem manchem Nörgler nur einen mäßigen Zoll der Bewunderung abringen. Man darf gewiß die Bedeutung des Sportes für die Jugend nicht gering anschlagen, aber der fanatischeste Vertreter der körperlichen Ausbildung wird zugeben müssen, daß die heutige Jugend auf diesem Gebiete wirklich nicht der Aufforderung nach einem „Mehr", als vielmehr einer zarten Mahnung nach einem „Weniger" bedarf. Die Notwendigkeit der Heranziehung der Universität zu Sportzwecken wird sogar in nichtakademischen Kreisen, die vielleicht noch ganz in den alten Anschauungen befangen ist, einige Ueberraschung hervorgerufen haben. Man hätte es nach den skandalösen Szenen, die sich seit Jahren von Zeit zu Zeit an den Wiener Hochschulen abspielen, begreiflich gefunden, wenn der Herr Rektor gelegentlich gewisse Hörer daran erinnert hätte, daß sie wohl daran täten, sich durch eifriges Studium für den Kampf mit geistigen Waffen vorzubereiten. Aber dazu hätte es der Schaffung einer Schießstätte nicht bedurft und eine solche Rede des Rektors hätte wie. das Abfeuern einer Kanone gewirkt. * _ # Eine gute Reklame hat schon manchem Schundwerk zum Erfolg verholfen. Und so mag das neuentstandene, den Idealen der unseligen „Arbeiterpresse" huldigende Antisemitenblatt sich beruhigt der Hoffnung hingeben, daß seinem „Wohnungsanzeiger für angehende Verrückte und priviligierte Mörder" dank der Gunst der Verhältnisse, die für die glänzendste Reklame sorgen, noch eine schöne Zukunft blühen kann. Die kühnste Phantasie könnte dem neuen antisemitischen „Wohnungsanzeiger" keine glänzendere, keine wirkungsvollere Reklame ersinnen, als es die Entlassung Rothstocks aus dem Irrenhause bedeuten würde. Und diese wird erwartet. Man erinnert sich, wie der Jüngling Otto Rotiistock seinerzeit auf den Mordweg gelenkt worden, der bei der genauen Adressenangabe nicht zu verfehlen war. Man weiß, daß er solange als herrlicher, vorbildlicher Idealist gepriesen werden durfte, bis es im Interesse seiner Gesundheit vorübergehend rätlicher erschien, ihn im Gerichtssaale in der Rolle des verantwortungslosen Wahnsinnigen auftreten zu lassen. Nun aber soll, wenn nicht alle Anzeichen trügen, auch schon seine Entlassung aus dem Irrenhause bevorstehend sein. Wer zweifelt nun, daß man

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.