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Die Wahrheit · 1927-01-28 · Heft 5 (28.1.1927) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 5 (28.1.1927)
Date
1927-01-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT schichtlichen Wissens umspannt, um ihn einheitlich zu sichten und zu schichten . . . hinter diesem gigantischen Werk steht eine große Persönlichkeit, deren schöpferische Subjektivität in ihrer Zyklopenarbeit die ästhetische Wertung verdient, die wir jedem begnadeten Epiker schulden." So spricht von ihm Max Grunwald, um so schwerer fallen Spenglers abträgliche Urteile für uns ins Gewicht. ^Wird er seinen Meister finden?" fragen wir uns fast bange. „Wird einer kommen, der mit gleichwertigen Mitteln ausgerüstet, ihn erfolgreich entgegentritt, ihm von der gleichen Höhe erwidert?" Es hat sich einer gefunden in der Person des Wiener Gelehrten Rabbiner Dr. Max Grunwald. und die Erwiderung liegt vor in der kleinen Schrift „Das Judentum bei Oswald Spengler" (Berlin, P h i 1 o - V e r 1 a g). Die Schrift, aus der oben ein paar Sätze zitiert werden, bietet zugleich eine ausgezeichnete Einleitung in das merkwürdige Gedankensystem Spenglers und eine gediegene Uebersicht über dessen Verzweigungen. In Grunwald hat Spengler einen Meister gefunden. In äußerst vornehmer, fast abgekürzter ruhiger Weise mustert Grunwald die Ansichten und Urteile Spenglers über das Judentum, seine Geschichte, sein Wesen und seine Zukunft, legt die kritische Sonde daran, und - der Leser staunt, wie hohl und nichtig sich alsbald die Anschauungen Spenglers erweisen, die ihm noch vor kurzem so imponiert hatten. Manchmal stellt Grunwald nur zwei Sätze Spenglers nebeneinander., und beide heben sich gegenseitig auf. In anderen Fällen zitiert Grunwald eine markante Stelle seines Gegners, die aber an unauffälligem Orte steht und somit unbeachtet bleibt, doch ans Licht gezogen, beleuchtet sie selber ganze Partien der Weltanschauung Spenglers, besonders was das Judentum anbetrifft So wenn er sagt: „Es wird versichert, daß Juden unter sich noch heute ganz verschiedene Rassen auf den ersten Blick unterscheiden können, und daß man in den osteuropäischen Ghettos die Stämme in alttestamentlichem Sinne deutlich erkennt." Oder, wenn er von jüdischem „Fremdenhaß" spricht und versichert: „man darf nicht einmal einen Heiden unter seinen Vorfahren haben". Grunwald, der selber bedeutsame, tiefschürfende Studien zur Rassenfrage und zum Wesen des Nationalismus geliefert hat, behandelt besonders eingehend die diesbezüglichen Partien in Spenglers Werk und analysiert seine Ansichten über die Juden als „Urvolk" und die Juden als „Nation" oder als „Fellachenvolk", oder die Juden als Staat, nämlich als „Staat im Staate". „Auf Schritt und Tritt stoßen wir in der Durchmusterung der Urteile Spenglers über das Judentum auf schiefe Auffassungen, die zumeist auf einen Grundfehler seiner Geschichtsbetrachtungen zurückzuführen sind: alles geschichtliche Leben muß sich die Einzwängung in das Prokustesbett seines Schemas gefallen lassen. Das rächt sich mitunter, indem ihm mit gleicher Münze gezahlt wird." Spengler betont, daß er „im Judentum nichts Besonderes, nichts Inkommensurables erblicken kann, nichts, was sich nicht in den allgemeinen Fluß der Entwicklung restlos einfügte, was nicht in sein Schema paßte." „Die Juden", sagt er, „sind nur so lange eine einzigartige Erscheinung der Weltgeschichte, als man sie im vornherein als solche behandelt". Grunwald dagegen weist ihm Folgendes nach: „Das Judentum ist und bleibt eine einzigartige Erscheinung, eine inkommensurable Größe, ein Kulturgebilde sui generis, ein historisches Hapaxlegomenon." Es ist unmöglich, im Rahmen eines kurzen Artikels die große Fülle tiefer Gedanken auch nur anzudeuten, die Grunwald auf so engem Rahmen ausstreut. Hingewiesen sei nur auf die prächtige Analyse des jüdischen Imperialismus, sowie auf die knappe aber tiefgreifende Charakteristik des jüdischen Optimismus, den Grunwald aus dem Wesen des Judentums und der Psyche des jüdischen Volkes herleitet: „Die Welt ist schön und der Mensch ist gut, so lange in unserem eigenen Herzen Gerechtigkeit und Menschenliebe wohnen und Dankbarkeit für jeden Sonnenblick des Glückes, des Glückes vor allem, das aus den Augen eines Menschen strahlt, den unsere Tat entlastet hat von Herzeleid." Das ist der jüdische Optimismus, den auch Nietzsche teilt, wenn er von Israels segensreicher Sendung an das Abendland erhofft: „Dann wird jener siebente Tag wieder da sein, an dem der alte Judengott sich seiner selbst, seiner Schöpfung und seines Volkes freuen darf, und wir alle, alle wollen uns mit ihm freuen." B. Segel. Macht der Persönlichkeit. Die hier folgende authentische Erzählung, welche ich einem dänischen Blatte, „Illustreret Tide n d e" entnehme, ist wohl jenen an das Wunderbare heranreichenden Ereignissen gleichzuachten, durch welche im Mittelalter hie und da unsere Glaubensbrüder vor dem sicheren Untergang errettet wurden. Und doch sind es kaum 15 Jahre her. daß der edle Mann gestorben ist, den in diesem Falle die göttliche Vorsehung zu ihrem Werkzeug erkoren hatte: Es war vor mehr als 50 Jahren, da wurde in Rußland wieder einmal einer jener Pogrome geplant, welche dazu bestimmt waren, die keimenden revolutionären Kräfte an unschuldigen Juden austoben zu lassen, um so die Leidenschaft der Menge von den Machthabern abzulenken und diesen gleichzeitig ein angenehm grausames Schauspiel zu bieten. Wieso der Oberrabbiner von Kopenhagen davon erfuhr, ist unbekannt. Genug, er hörte es aus sicherer Quelle, hörte auch, daß die kurze Frist bis zum festgesetzten Tage jedes länger dauernde Einschreiten von vornherein illusorisch machen mußte, und war so in seiner Verzweiflung über das Leid, dem er nicht abhelfen konnte, in furchtbarster Seelenpein. Damals lebte in Kopenhagen ein hochangesehener Bürger, M o s e s M e 1 c h i o r, der mit seinem Bruder zusammen ein bedeutendes Exporthaus leitete, das noch jetzt unter dem Namen „Moses & son G. Melchior" besteht. Dieser Mann, der in seinem Leben nie eine Auszeichnung angenommen hatte, war gleichsam im Besitze des Ringes, von dem Lessing Nathan den Weisen sprechen läßt; ja, noch mehr, er war jener herrlichen Gestalt des Dichters in Weitblick, Würde und Bescheidenheit gleich. Und an diesen wandte sich der Oberrabbiner von Kopenhagen mit der Bitte, dem dänischen König, einem Vetter des Zaren, In

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