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Die Wahrheit · 1927-01-28 · Heft 5 (28.1.1927) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 5 (28.1.1927)
Date
1927-01-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 7 einer Privataudienz zu einem persönlichen Einschreiten beim Zaren zu bewegen. König Friedrich hörte die Bitte des alten Mannes, sagte aber, er müsse schweren Herzens von einer solchen Einmengung in innere Verhältnisse des Reiches seines russischen Vetters Abstand nehmen, da dies gegen alle politische Sitte, und Konvention wäre. Der alte Moses Melchior stand auf, mit bebender Stimme sagte er nur noch: „Wenn Eure Majestät nächste Woche in der Zeitung den Bericht über das Blutbad lesen werden, wird hoffentlich Ihr Gewissen ruhig sein." Mit diesen Worten wollte er den Audienzsaal verlassen. Bevor er aber die Tür erreicht hatte, rief ihn der König zurück und sagte: „Ich werde schreiben und tun, was ich kann." Da v/ard Moses Melchior vor Rührung so bewegt, daß er die Hofetikette und die Umgebung vergaß und sagte: „Der Dank eines alten Mannes, Majestät, kann Ihnen nicht viel bedeuten; aber der Segen Gottes möge Ihnen Ihre Wohltat vergelten!" Und er segnete den König mit seinem so sonderbaren klaren, tiefen Blick, daß dieser das Haupt beugte wie vor einer höheren Majestät. Und der verhängnisvolle Freitag ging vorbei, ohne daß die Welt und am allerwenigsten die Bedrohten etwas ahnen konnten. Moses Melchior, der im Jahre 1825 geboren war. starb in höchstem Ansehen im Jahre 1912 in seiner Vaterstadt Kopenhagen. Dr. Hermann Herz, derzeit in Dänemark. DerCherem vonMunkacs. in. Während die Beizer Dynastie ortsansässig ist, ist dies bei den Munkäcser nicht der Fall. Denn die Munkäcser Dynastie scheint in der chassidischen Bewegung älter zu. sein und stammt von dem in Chassidim-Kreisen sehr populären Rabbi Mosche Leib aus Sassow ab. Der erste Chassid'im- Rabbi in Munkäcs war Rabbi Zwi E1 i m e 1 e c h aus D y n o w. Zu seiner Zeit war der Chassiidiismus in der Munkäcser Gegend noch nicht so stark verbreitet Er verließ aus diesem Grunde Munkäcs. Rabbi Zwi E1 i m e 1 e c h ist der Verfasser des in chassidischen Kreisen bekannten Werkes „B'nei J i s o sschor". Erst sein Nachkomme Rabbi Salomo Schapiro, der Großvater des jetzigen Rabbi Chaim Eleazar Schapiro, ist der eigentliche Begründer dför Munkäcser Dynastie. Er erfreute sich großer Beliebtheit in seiner Gemeinde und Umgebung. Seine Tätigkeit als Rabbiner des Ortes wie auch als „Zadik" hat allgemeine Anerkennung gefunden. In seiner Eigenschaft als Chassiddm-Rabbi versah er das Vorbeteramt in seinem Beth-Hamidrasch und zu den hohen Feiertagen strömten aus nah und fern die Chassidim herbei, um sich an dem von ihm abgehaltenen Gottesdienste zu erbauen. Seine ergreifende Art des Vortrages verbreitete sich auf seine Kinder. Sein Nachfolger im Amte Rabbi Zwi Hersch Schapiro galt auch als hervorragender Talmudkenner und Kabbaiist. Er ist der Verfasser des in hallachischen Kreisen bekannten Werkes „D a r k e j T'schuwa" wie auch des kabbalistischen Werkes „B'e r L a c h a j R o i j" als Kommentar zum Werke „T i k u n e j s o h a r". Seine Gelehrsamkeit, die sich durch seine noch zu seinen Lebzeiten erschienenen Werke offenbarte, verschaffte ihm viele Anhänger. Trotzdem war seine Autorität nicht unbestritten, zumal die Beliebheit der in den umgebenden Städten lebenden Großrabbiner von M ä rmaros-Sziget, Huszt und Szatmär eine sehr große war. Zu jener Zeit wurde in Munkäcs die große Beizer Klaus errichtet Während min Anhäger aus nah und fern an den hohen Feiertagen nach Munkäcs strömten, um dem berühmt gewordenen Gottesdienste in dieser Gemeinde beizuwohnen, pügierte ein großer Teil der Gemeindemitglieder nach Beäz, was sicherlich in Munkäcs peinliche Gefühle auslösen müßte. Dieses ablehnende Verhalten angesehener Gemeindemitglieder ihrem Rabbi gegenüber machte diesem viel Kummer und Kränkung und verstimmte ihn gegen Beiz. Sein Sohn, der jetzige Munkäcser Rabbi, der von (kr großen Gelehrsamkeit seines Vaters durchdrangen war, sah dieses Vorgehen geradezu als Herausforderung an. Selbst Verfasser eines bedeutenden hallachischen Werkes unter dem Namen „M i nchas Eleazer" war er schon zu Lebzeiten seines Vaters Rosch-Beth-Din von Munkäcs. Von Natur aus mit impulsivem Temperament ausgestattet, ließ er sich als junger Mann einmal sogar zu Tätlichkeiten gegen ein älteres Mitglied des Rabbmerkollegiums hinreißen. Diese Tat verursachte Aufruhr in Munkäcs. Sein Ehrgeiz steigerte sich zur Unduldsamkeit, indem er sich sagte: Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich. Diesem Umstände ist es zuzuschreiben, daß ihm sieine Kandidatur als Oberrabbiner von Munkäcs nach dem Tode seines Vaters strittig gemacht wurde. Schließlich wurde er nach einem erbitterten Kampf doch zum Oberrabbiner gewählt. Inzwischen waren die großen Rabbiner der Umgebung aus dem Leben geschieden. Als Rabbi Chaim Eleazar Schapiro bereits glaubte, uneingeschränkter Herr der Situation zu sein, brach der Weltkrieg aus, der ganz unerwartet den Rabbi von Beiz, den bedeutendsten „Zaddik" seiner Zeit, nach Ujf6herto, das sich in nächster Nähe von Munkäcs befindet, brachte. Die große Entfernung zwischen Beiz und Munkäcs und die mit einer Reise verbundenen Unkosten hatten so manchen abgehalten, nach Beiz zu fahren. Mit dem Erscheinen des 3elzer" inUjfehertö begann eine Völkerwanderung dahin. Der Traum des Munkäcser Rabbi, als alleinige Autorität des oberungarischen orthodoxen und chassidischen Judentums anerkannt zu werden, war mit einem Maie vernichtet Die Art und Weise, wie er diese Strömung bekämpfen wollte, löste den schärfsten Widerspruch sogar unter den Mitgliedern seiner Gemeinde aus. Als der Munkäcser glaubte, endlich doch Herr der Situation zu sein, geschah etwas ganz Unerwartetes. Der Beizer Rabbi erschien gezwungenermaßen, wie bereits im ersten Artikel erwähnt, in Munkäcs, um dort ständigen Aufenhalt zu nehmen. Jetzt erreichte die Feindschaft ihren Höhepunkt, zumal der Munkäcser Rabbi Rechte für sich in Anspruch nahm und Maßregeln ergriff, die ihm die größte Mißbilligung eintrugen. Er glaubte nämlich berechtigt zu sein, als More deathro (Rabbiner des Ortes) jedermann den Aufenthalt in seiner Gemeinde gestatten oder verbieten zu können. Es entspricht dies einer talmudischen Satzung, welche wiederholt mißbräuchlich angewendet wurde. Es ist wohl überflüssig zu erklären, welch unhaltbare Zustände aus dem Verhalten des Munkäcser gegen den Beizen „Zaddik" sich ergeben mußten. (Fortsetzung folgt.) Glossen. Die Wiener Staatsanwaltschaft hat den „Volkskampf' wegen eines Ritualmordbildes und eines Artikels, in welchem die Juden als Köterrasse beschimpft wurden, beschlagnahmt. In beiden geistigen Erzeugnissen hatte sich die Absicht, den noch immer geltenden Gesetzen ins Antlitz zu schlagen, mit herausfordernder Dreistigkeit geoffenbart, als ob die Schriftleiter des Blattes mit der Möglichkeit rechnen würden, daß die Prüfung ihrer literarischen Exkremente Analphabeten zugewiesen werden könnte. Oder dachten die Herren, denen der Staatsanwalt diesmal den Maulkorb etwas niedriger hängte, daß ihnen die Scherze mit der Köterrasse wenigstens temporär gestattet sein müßten, da man diese in den geheiligten Räumen der Universität so lange geduldet hat? Das war ein Irrtum. Die Anschlagtafeln im Universitätsgebäude werden nicht der hohen Staatsanwaltschaft zur Zensur vorgelegt; sie unterstehen bloß der gütigen Aufsicht der akademischen Behörden. * * Die hakenkreuzlerische Presse, die sicherlich in allen die konfessionelle Hetze störenden Paragraphen des alten österreichischen Strafgesetzes „die Uebermacht des zersetzenden jüdischen Geistes" erblickt, könnte mit Recht darauf hinweisen, daß bei der

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