Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 5 (28.1.1927)
- Date
- 1927-01-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064299-3064304--15155-3087923- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DIE WAHRHEIT il(llllllllllllllllllll!!|i!ilti!l!i!i;!l!ll!l!!!!!!^ Seite 5 hauten wörtlich: „Ich heiße Hermann Jeiiinek*) bin geboren in Ungarisch-Brod, in Mähren. 25 Jahre alt, israelitischer Religion, ledig, Doktor der Philosophie und Mitarbeiter des politischen Tagblattes „Der Radikale". Ich hatte noch nie einen gerichtlichen Anstand. Die Ursache meiner gegenwärtigen Verhaftung ist folgende: So oft ich darüber nachdachte, warum ich eigentlich verhaftet bin, konnte ich hierzu nüe eine genügende Antwort finden. Ich habe als Publizist geaibeitet und hatte als solcher nie einen Prozeß. Selbst in absoluten Staaten, namentiich in Deutschland, galt seit jeher der Grundsatz, daß rein wissenschaftliche Bestrebungen nie in den Bereich populärer Wirksamkeit zu ziehen wären und in dieser Beziehung bin ich mir keiner Schuld bewußt. An der Bewegung der Oktobertage hatte ich nie praktisch mitgewirkt, meine Tätigkeit beschränkte sich bloß auf meine Aufsätze, die ich bis zum 23. und 24. Oktober fortführte. Nach dem Erscheinen der Proklamation erklärte ich Retnisch und Becher, daß jeder Widerstand vergeblich wäre. Während meiner publizistischen Tätigkeit, die von großer Ausdehnung war, hatte ich nie ein Wort gegen die Dynastie oder gegen die k. k. Truppen geführt. Ich berufe mich namentlich auf einen von mir geschriebenen, am 10. oder 11. Oktober im „Radikalen" erschienenen Artikel, worin ich namentlich auf die schwierige Stellung der Soldaten aufmerksam machte und vor deren Beleidigung ernstlich warnte." Sein Tod dürfte bereits früher beschlossen worden sein. Man versuchte nämlich an Vertretern der drei Konfessionen Exempel zu statuieren; Wenzel Messenhauser, der Oberkommandant der Nationalgarde, war Katholik, Dr. Becher Protestant; nun mußte auch ein jüdisches Opfer fallen. Lange Zeit suchte man Adolf Fischhof, den Mann, der am 13. März. 1848 das Zeichen zum Aufstand gegeben hatte. Man fand ihn aber nicht, und so war es Dr. Hermann Jellmek, der den blutigen Tribut zu zahlen hatte. Er wurde zum Tode durch den Strang verurteilt, obschon er nicht mit der Waffe in der Hand betroffen wurde. Gemeinsam mit seinem Schicksalsgenossen Dr. Becher wurde er in eine Zelle gesperrt. Dort besuchte ihn der Religionslehrer Leopold Breuer. Es wird behauptet, daß er diesen brüsk von sich gewiesen. Auch dies ist eine Legende. Er hat vielmehr denselben am 22. abends, wohl unfreundlich, empfangen, indem er jede religiöse Diskussion ablehnte. Am 23. frühmorgens empfing er ihn freundlich und übergab ihm einen Brief an seinen Vater. In der Nacht verfaßte er ein Testament und schrieb einen Brief, fn dem sich der Satz befindet ..daß seine Ideen nicht erschossen werden können". Am 23., um 7 Uhr früh, wurde er mit Dr. J. Becher in den Stadtgraben vor dem Neutor geführt und dort erschossen. Sowohl vor der Prozedur als auch während derselben bewahrte Hermann Jellmek die Seelenruhe eines Philosophen und verwirklichte so jene Anschauung, die Spinoza — sein Ideal — mit dem Ausdrucke bezeichnete: tranquilitas a n i m i. Seine Leiche wurde in das Josefinum gebracht und am 25. abends auf dem Währinger Friedhof unter Nummer?C> bestattet. Und nun zur Hauptfrage: Was war dieser frühverblichene, hhnmelstürmende Jüngling seinem inneren Wesen nach? Und was hätte er werden können, wenn nicht ein hartes Schicksal in sein Leben frühzeitig eingegriffen hätte? War er für das Judentum ein Acher, ein Elisa ben Abu ja, fnr die Menschheit ein Phantast, ein Schwarmgeist, wie dies die Verteidiger jenes kriegsgerichtlichen Urteil es behaupten, oder war er ein Küuder, ein Bürger späterer Zeiten? Hermann Jeiiinek weist Züge aui. die Karl Marx, um vier Jahre früher geboren, eigen waren. Beide sind aus der Hegeischen Schule hervorgegangen: beide ließen sich nicht von den Schlagworten der damals herrschenden christlichen Romantik einfangen; beide waren scharf bohrende, durch nichts zu beeinflussende Kritiker; beide waren die Herolde des Sozialismus; Marx sein großer Begründer, Jeiiinek, in welchem ein Funke jenes Feuergeistes loderte, der ahnende Vorläufer, der weit weg von Ziele fiel. *) Das Dokument, das Georg Jeiiinek bezüglich der Tochter Hermann Jdlineks vorlag, dürfte nach den: mir zugekommenen Mitteilungen der zuständigen Stellen noch folgenden Vermerk enthalten haben: „Eltern angeblich bürgerlich getraut, Hamburg, 1. Dezember 1847", was noch nachgewiesen werden muß, um dae Rubrik ehelich oder unehelich auszufüllen. Ueber Dr. Hermann Jeiiinek äußerte sich der Dichter Moritz Hartmann in seiner literarisch bedeutsamen Roimchronik, „Der Pfatf Mauritius": „Hermann, du armer, stiller Denker. Als wir zusammen in der Nacht Gesessen und bei dunklen Kerzen Der eine in des andern Herzen Die Freiheitsflamme angefacht, O Gott, wer hätte da gedacht, Daß dir dein Los fällt durch den Henker? Er war ein Stern, zu früh verraucht. Ein Morgenrot, zu früh verhaucht. Ein junger Hirsch, zu früh gefällt. Ein Glas voll Glut, zu früh zerschellt. Ein neues Schwert, zu früh gesprungen. Ein weiser Spruch, zu früh verklungen. Sein Name sei den Enkeln lieb. Er starb, weil er die Wahrheit schrieb." Hermann Jellmek verdient es, in der Geschichte der modernen Voksbewegung nicht vergessen zu werden. Sein© Genialität, sein kristallreiner Charakter sowie seine selbstlose Liebe zu den Volksmassen begründen dieses Anrecht. E r verdient es aber auch, mag man zu seinen Ansichten und persönlichem Verhalten wie immer sich stellen, ein wenn noch so bescheidenes Plätzchen in der neuzeitlichen Geschichte des Judentums, das er nie verleugnet hatte, zu erhalten; denn seine Zugehörigkeit zum jüdischen Volke hat er mit dem teuersten Preise, der je geboten wurde, bezahlt — mit dem jungen Blute seiner 26 Jahre. Spengler und wir. Sollen wir es bedauern oder froh darüber sein, daß fast jedes Buch, welches Aufsehen in der Welt erregt und Gegenstand leidenschaftlicher Diskussion bildet, sich mit uns Juden in irgendeinem Sinne beschäftigt, zur Judenfrage Stellung nimmt, Urteile über Juden und Judentum hinauszuposaunen für notwendig hält? Vor einem Menschenalter spielte die Rolle das Buch des soeben verstorbenen H. S. Chamber lain „Grundlagen des 19. Jahrhunderts". Max Grunwald sagt von ihm, er sei ein Charlatan, ein Pamphletist, der Giftblüten buntschillernder, narkotischer Stilkunst treiben lasse. Aber wir erinnern uns noch des furchtbar quälenden Eindrucks, den wir von den einzelnen Kapiteln dieses Buches empfinger:, jedesmal, wenn sie in einer Zeitschrift erschienen. Die blendende Darstellung und die vorgetäuschte Fülle des Wissens bei der heuchlerisch zur Schau getragenen Bescheidenheit und demütiger Anspruchslosigkeit wirkten namentlich auf die Menschen anfangs der Zwanziger imponierend. Chamberlains Urteile über Juden und Judentum waren erdrückend, vernichtend. Der Leser sagte sich bei jedem Satz: „Das ist eine Lüge, eine Uebertreibung, eine Verdrehung, eine Fälschung, aber wo ist der Mann, der Wissen und Beredsamkeit genug besitzt, um das alles zu widerlegen?" Das schien uns über Menschenkraft zu gehen. Es war zum Verzweifeln. Nicht ganz so, aber sehr ähnlich erging es uns angesichts von Oswald Spengler „Untergang des Abendlandes", der ebenfalls eine Fülle von verwirrenden Urteilen über das Judentum und seine Träger ausschüttet, die nicht gerade geeignet sind, unser Selbstbewußtsein und unsere Selbstschätzung zu erhöhen. „Hier spricht ein genialer Polyhistor, der, wie es nur wenigen vergönnt ist, den ungeheuren Stoff ge-