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Die Wahrheit · 1927-01-28 · Heft 5 (28.1.1927) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 5 (28.1.1927)
Date
1927-01-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 il!lltl!!!!ll!l!lill!llli DIE WAHRHEIT seines Hymnus zu bewegen suchte, ohne daß er davon Notiz nahm. Als die Worte des Geistlichen endlich versiegten, fehlte nicht viel, daß das überaus peinliche Gefühl, mit dem die meisten dieses endlose Gebet über sich hatten ergehen lassen, in Gelächter umgeschlagen wäre. Die Quelle dieser Heiterkeit war das Gefühl des in keiner Beziehung zum Anlaß Stehenden. Es war nicht Verspottung des sehr ehrlich wirkenden und geachteten Rabbiners, vielmehr ein Befremden über die Unwahrhaftigkeät derer, die ihn an eine ungeeignete Stelle gebracht und sich durch die Vortäuschung einer nicht bestehenden Beziehung selbst ins Unrecht gesetzt hatten." Ein vielleicht noch charakteristischer Vorfall war der zweite, da er die ganze innere Beziehungslosägkeit der Jüdischnationalen zur jüdischen Religion, zur Bibel und den Propheten, in krassester Form aufweist Gewarnt durch frühere Erscheinungen hatte man bei der Jubiläumsfeier des Keren Kajemeth auf jede religiöse Zeremonie verzichtet „Gewissermaßen an Stelle des priesterlichen Segens (!), an erster Stelle des Programmes, hatte man ein Mitglied der Arbeiter-Schauspieler-Vereinigung „Ohe!" zur Vorlesung eines Bibeätextes aufgefordert Und hier begab sich etwas, das viel peinlicher winkte als seinerzeit das lange Rabbinergebet: Vom ersten Augenblick ab, da der junge Mann in einem der Arbeitertracht ähnlichen Anzüge die Bühne betrat und mit einer seinem Kreise ganz fremden Gebärde das Haupt bedeckte, hatte man den Eindruck eines theatralischen Vorspielens von religiöser Versenkung. Bei der Verlesung desT'nach-Textes (Jesaja 40) in einem zwischen altbekanntem Pathos und modern-expressionistischer Herausreißung des Wesentlichen schwankenden Tone, der sich stellenweise zum Gesang steigerte, wurde man das peinigende Gefühl nicht los, daß etwas, das in diesem Lande und in dieser Stadt entweder ans der Tiefe des Herzens heraus gesagt werden muß oder gar nicht gesagt werden darf, hier zu einer (nicht sehr gelungenen) künstlerischen Leistung hergeliehen wurde. Mag sein, daß in anderer Umgebung die erhabenen Worte des »Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott in jeglicher Art des Vortrages ihre Wirkung auf die Zuhörer ausgeübt hätten. Hier aber, wo der ,hohe Berg', das »dörrende G$ras\ der ,Hirt, der die Lämmer in seinem Busen trägt', hier wo die Namen ,Jeruschalajim\ ,Zion' und »Libanon' keine bloßen Begriffe, sondern Wirklichkeit sind, hier, wo es Menschen gibt, die in körperlicher Nähe zu den Stätten religiösem Ueberlieferung ,auf den Ewigen hoffen' und andere der Erfüllung mit neuem, nicht minder großem Inhalt entgegensehnen — hier wirkt eine Zitierung dieser Worte aus Schauspielermunde, im Schauspielertone, unerträglich. Und so geschah es auch hier, daß die Mahnung an das Göttliche bei den ernsteren Zuhörern Beschämung und bei den zynischen ein Lächeln oder Gelächter hervorrief. Wieder war das Bemühen, eine Beziehung zwischen der nationalen Feier und dem Ewigen herzustellen, mißglückt und hatte uns als Opportunisten entlarvt" Helene Hanna Thon hat recht: Auf diesem äußerlichen Wege kann eine innere Beziehung zum Ewigen, zur Religion nicht hergestellt werden. Dieses ist in den Gemütern zahlreicher Zionisten tatsächlich „erstorben" und braucht gar nicht mehr „zertrümmert" werden; es wird auf diesem Wege kaum wieder zum Leben erweckt werden können. Vollkommene Umkehr tut not, sollen dae Seelen nicht Trümmerfelder und die Herzen nicht Steinwüsten bleiben. Und darum kann es auch für .-die Zionisten, wenn sie wahrhafte Erneuerer des Judentums und Aufbauer Palästinas sein wollen, nur eine Parole geben: das herrliche Wort des „Predigers in der Wüste" gerade in jenem Pirophetenabschnitte, der bei seiner Verlesung im Kreise der seelisch verwüsteten Hörer so grenzenlose Verlegenheit und Beschämung hervorgerufen hat: „Bereitet dem Herrn den Weg, machet auf dem Gefilde eine ebene Bahn unserem Gotte!" Gedanken über Religion. Nachstehende Aussprüche sind dem geistreichen Buche „Die Weltanschauung der Halbgebildeten" von Oskar A. H. Schmitz entnommen. Das Wesen der Religion beruht darauf, daß der zwischen einer Fülle von sinn- und zusammenhanglosen, ihn häufig sehr gefährdenden Tatsachen gestellte Mensch in diesen eine höhere Einheit fühlt und erlebt, um derentwillen die einzelnen Härten und Unbegreiflichkeiten als Wille einer höheren Macht halb vertrauensvoll, halb entsagend hingenommen werden. Dieses Gefühl einer höheren Einheit, in die sich der einzelne, ob er will oder nicht, eingeordnet sieht, ist das religiöse Gefühl und der höchste Besitz, den ein Mensch haben kann. * * * Das religiöse Gefühl ist____ein höherer menschlicher Wert als die aufgeklärte „Vorurteilslosigkeit" unserer religionslosen Halbgebildeten, deren Fortgeschrittenheit in Geldverdienen, Streben nach Komfort und heilloser Besserwisserei besteht. * * * Die Freiheit des Wortes an sich ist gar nichts wert, wo sie nicht der Wahrheit, sondern der Verhetzung dient, auch wenn an sich vielleicht wahre, aber aus dem Zusammenhang gerissene Einzeltatsachen benutzt werden. * * * Der Wert eines Menschen besteht nicht darin, daß er möglichst viele richtige Sätze kennt, sondern er beruht darauf, daß er in irgendein lebendiges Verhältnis zur Welt kommt, wenn auch auf Grund einer unbeweisbaren Auffassung. * * * Noch kein Großer hat an eine naturwissenschaftliche, den Geist ausschließende Welterklärung geglaubt. Auch die drei größten neueren Geister, die wir noch als Ausdruck unseres Zeitalters erlebt haben, Nietzsche, Tolstoi und Strindberg, waren tief religiös. * * * Was das Altertum, das Mittelalter und noch heute die Islamvölker so wesentlich von den Ländern unserer Gesittung unterscheidet, ist gerade, daß jener Widerspruch zwischen Denken und Handeln, zwischen Wollen und Müssen noch nicht annähernd in dem Maß besteht wie bei uns. Wo eine Bibel oder ein Koran das geistige Leben eines Volkes leitet, da sind eben alle Fragen gelöst und das Denken des Menschen kann sich nur mit dem Ausbau der abgegrenzten Gebiete beschäftigen. Dr. Hermann Jellinek. Vom Rabbiner Dr. M. Rosenmann. (Schluß.) Unterdessen bereiteten sich in Wien gewaltige Ereignisse vor. Die Ermordung des Kriegsministers Grafen Latour und die Aufstände, die einander ablösten, veranlaßten die Flucht des kaiserlichen Hofes nach Tirol und die Uebernahme der gesamten militärischen Leitung in Oesterreich durch den Fürsten Alfred Windischgraetz. Im Verein mit dem Banus Jellaöic" schlug er den Oktoberaufstand nieder und am 31. Oktober wurde Wien in Besitz genommen. Eine Proskriptionsliste mit den Namen verschiedener Revolutionäre, unter denen sich aber der Hermann Jeüineks nicht befand, wurde aufgestellt. Außerdem versuchte man nach anderen Männern, die sich exponiert hatten, zu fahnden. Hermann Jellinek, dem sein Bruder Moritz und seine Freunde mehrmals geraten hatten, in dieser kritischen Zeit Wien zu verlassen, weigerte sich dies zu tun, indem er ein solches Vorgehen als Feigheit bezeichnete. Am 5. November begab er sich in das Haus der Baronin Perin, die eine Freundin des Dr. Julius Becher war und 4er demokratischen Partei angehörte. Als er dort eintrat, fand er einige Polizisten vor, die ihn nach seinem Namen fragten. Er nannte ihn, wurde verhaftet und abgeführt. Bis zum 20. blieb er ohne Verhör im Gefängnis. An diesem Tage wurde er einem Verhör unterzogen und am 22. vor das Kriegsgericht gestellt. Von manchen Biographen wird behauptet, daß er beim Verhör eine aufreizende Sprache geführt habe. Aus dem von Brügel veröffentlichten, mit Hermann Jellinek aufgenommenen Protokoll geht hervor, daß diese Vermutung falsch ist Seine Angaben

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