Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 4 (21.1.1927)
- Date
- 1927-01-21
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 11 abends anwesend. Dieser Vorfall zeigt wiederum, daß gerade diejenigen, welche ihr Judentum stets im Munde führen und sich allein als wahre Juden ausgeben, allem jüdischen Denken und Fühlen vollkommen fernestehen. Denn auch nur eine Spur jüdischen Empfindens hätte sie sicherlich davon abgehalten, sich einer öffentlichen Entweihung eines der höchsten und edelsten Oottesgebote in dieser Weise hinzugeben, obwohl sie vorher von berufener Seite davor gewarnt worden waren. Jedes Mitglied unserer Gemeinde, das an den uns von unseren Vätern überlieferten heiligen Gebräuchen des Judentums in Treue festhält, ja selbst den, welcher sich noch einen Rest jüdischen Sinnes bewahrt hat, müssen diese Zustände mit Schmerz und Trauer erfüllen. R. S. Hebräischer Sprachunterricht Ein jüdischer Lehrer, der von modernem Grammatikunterricht im Hebräischen nichts wissen will, sendet dem „Israelitischen Wochenblatt für die Schweiz" folgendes Gleichnis, welches das auch bei uns im Vordergrunde des Interesses stehende Problem treffend beleuchtet: Ein Dieb kam in der Nacht und plünderte. Die Frau flüsterte ihrem Mann zu: „Man ganwet (stiehlt). Der Mann rührt sich nicht. Der Dieb räumte gemächlich ein Zimmer nach dem andern aus. Die Frau: „Man ganwet". Der Mann rührt sich nicht Der Dieb verschwand schon, verließ eben die Wohnung. Die Frau in ihrer Verzweiflung: „Man ganwet". Der Mann öffnete endlich den Mund: „Man sagt nicht, „man ganwet"; es heißt „man ganewt." Inzwischen war der Dieb mit allem fort So gehts. meinte der alte jüdische Lehrer, mit der Grammatik. Bis man den Kindern das Deklinieren und Konjugieren beigebracht hat, geht alles andere verloren. Ein kurzes Gedächtnis hat der „Völkische Beobachter", der aus Anlaß des Todes des jüdischen Philosophen Achad Haam seinen Lesern eine vor nicht zu langer Zeit widerlegte Lüge neuerdings zum Besten gibt. Das Blatt schreibt: „In Tel Awiw (Palästina) ist ein Miturheber des ersten Zionistenkongresses zu Basel, Achad Haam, gestorben. Er war einer der zielbewußtesten Kämpfer des Judentums und vermutlich der eigentliche Vortragende, der die unter dem Namen „Die Protokolle der Weisen von Z i o n" bekannten Berichte veranlaßt hat. Es wird sich Gelegenheit bieten,, auf dieses alljüdische Weltprogramm wieder einmal zurückzukommen, das sich Tag für Tag weiter verwirklicht." Wir nehmen schon heute Gelegenheit, die Unrichtigkeit oder, was uns wahrscheinlicher erscheint, bewußte Falschmeldung des Hitlerblattes ad adsurdum zu führen, indem wir auf einen Prozeß hinweisen, der vor einigen Jahren! in Berlin stattgefunden hat, in welchem Achad Haam als Kläger gegen den völkischen Abgeordneten Graf Ernst Reventlow auftrat. Gegenstand des Prozesses war ein Artikel des „Völkischen Beobachters" und im Anschluß dann des „Deutschen Tageblattes", in welchem die Behauptung aufgestellt wurde, „Achad Haam alias Ascher Ginzberg sei der anonym gebliebene Verfasser der Protokolle der Weisen von Zion". Da diese Behauptungen von dem bekannten deutsch-völkischen Politiker Grafen Reventlow stammten, überrreichte Achad Haam durch die Anwälte Dr. Elias Straus in München und Dr. Alfred Klee in Berlin gegen den „Völkischen Beobachter" und gegen den Grafen Reventlow die Ehrenbeleidigungsklage. Während die Verhandlung in München nicht stattfand, weil die Klage des Dr. Straus erst drei Monate nach Erscheinen des Aufsatzes im „Völkischen Beobachter" erhoben wurde, kam es in Berlin zu einem Prozeß, der sich über ein Jahr lang hinzog und schließlich mit einer Erklärung des Grafen Reventlow seinen Abschluß fand. Reventlow erklärte, „daß er seine Behauptung, daß Achad Haam Verfasser der „Weisen von Zion" sei, nicht aufrecht zu erhalten vermöge, die Kosten des Rechtsstreites übernehme und diese Erklärung in seiner Zeitung publizieren werde". Ist das Gedächtnis des „Völkischen Beobachters" wirklich so kurz oder spekuliert er nur auf das kurze Gedächtnis seiner Leser? O, (fhcater, Jiunst u. £iterotar vQ Uraniavortrag für die israelitische Schuljugend. Dienstag, den 18. d. M. fand in der Wiener Urania ein von der israelitischen Kultusgemeinde veranstalteter Lichtbildervortrag statt, welcher einen außerordentlich guten Besuch aufzuweisen hatte. In Vertretung der Kultusgemeinde war Vizepräsident Dr. Jakob O r n s t e i n erschienen. Se. Ehrw. Herr Rabbiner Dr. Max G r u n w a 1 d behandelte in einer dem kindlichen Gemüte wohlangepaßten Weise die Geschichte der Wiener Juden und die begeisterten. Gesichter der Kinder zeugten von dem Verständnis, mit welchem die Kleinen den interessanten Ausführungen des Redners folgten. Dr. Max Grunwald ist zu diesem Vortrage zu beglückwünschen, nicht minder die Kultusgemeinde zu ihrer ausgezeichneten Idee, eine ganze Reihe von Vorträgen für die israelitische Schuljugend in der Urania und ihren Bezirksfilialen diesem ersten wohlgelungenen Vortrage folgen zu lassen. Um die Verwirklichung dieser Idee haben sich insbesondere Herr O e h 1 e r vom Jugendamt und Herr Förster vom Schulamt der Kultusgemeinde verdient gemacht Der nächste Vortrag Dr. Grünwalds findet am 27. d. M. im Hauptgebäude der Urania statt Eine Flüchtlingstragödie. So nennt sich das jüdische Drama „Der Profit" von Edbin M u n d r u, hinter welchem Pseudonym sich ein talentvoller junger jüdischer Dramatiker Dr. Edmund Rubin verbirgt Der Autor des Stückes, das Dienstag, den 11. d. M. im Lustspieltheater in Wien zur Uraufführung gelangte, ist selbst ein Kriegsflüchtling gewesen und schildert so aus eigener Erfahrung das Schicksal jener Unglücklichen, die der Krieg aus dem stillen jüdischen Ghetto Galiziens mitten in den Trubel der Großstadt, in eine ungewohnte Umgebung geschleudert hat Unbeholfen und schwerfällig stehen sie dem Ungewohnten gegenüber und werden die Beute jener „Wissenden", die sich an sie heranmachen, um aus ihrer Unwissenheit und Unerfahrenheit ihren „Profit" zu ziehen. Edbin Mundru hat das Leben und Treiben einer aus den Fugen geratenen Zeit gesehen, wie es ist, hätte er auch die Charaktere geschildert, wie sie sind, dann wäre sein Stück als eine Meisterleistung zu bezeichnen gewesen. Immerhin zeigt es trotz'mancher Mängel in der Durchführung von der dramatischen Begabung und künstlerischen Gestaltungskraft des jungen jüdischen Autors. Hans Ludwig Held: Das Gespenst des Golem. Eine Studie faus der hebräischen Mystik mit einem Exkurs über das Wesen des Doppelgängers. (München, 1927, Allgemeine Ver- I - — - -............ flagsanstalt.) Das längst erwartete wissenschaftliche Werk Hans Ludwig Heids, des tiefschürfenden Mystikers, über das Golem-Problem ist endlich erschienen und es muß gesagt werden, daß es alle Erwartung übertroffen hat Die neue Bearbeitung — die erste war vor zehn Jahren in einer Münchner Zeitschrift veröffentlicht worden —, eine Frucht unermüdlichen Fleißes, bringt eine ganz erhebliche Erweiterung des Stoffes und eine zusammenfassende Darstellung der ältesten und neuesten Fassungen der Golemlegende, die mit feinem Verständnis beleuchtet sind. Held anerkennt daß mein Werk „Der Prage r Golem" für seine Studie besonders fruchtbringend war, versucht nichts weniger als auf die Frage „Wer war der Golem des Hohen Rabbi Loew" eine Antwort zu geben und das ganze dunkle Gebiet aufzuschließen. Er glaubt, daß der Inhalt unserer Weltanschauung immer wieder unsere Ueberzeugung schaffe. Dies scheint ihm besonders bei Problemen zu gelten, die trotz deutlicher Beobachtungen und Erfahrungen um ihres Wesens willen ewig Probleme bleiben müssen. Er glaubt in seinem vorliegenden Buche die einzige richtige Deutung des Problems gegeben zu haben. Zur Einführung bringt der Verfasser eine knappe, aber sehr fesselnde Wettet ötorntw lir M WairtnT! JAG MAVER Kleider-, Pelzeu. Gummimäntel-Fabrik Zentrale: Detailverkauf: Wien 11., Glockengasse 24 Wien II., Taborstra&e 3