Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 4 (21.1.1927)
- Date
- 1927-01-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 IflfllHNM DIE WAHRHEI1 ••*"*. ..........................*.....*................................■...........*........*........*\ ^. Watnlkeiien vom Ja£e 'M "»•** '••••lt***MM*»«M«MMt»««>»»«tMt*M**««t«««*»t*««aat****IM»**M»M««*tlM«*M««**«*M*«M*t*»** *»»^ Der Begründer des „wissenschaftlichen" Antisemitismus. Mit Houston Steward Chamberlain, der vor kurzem in Bayreuth gestorben ist, verschwindet zweifellos eine scharf umrissene Persönlichkeit vom Schauplatz des politischen und geistigen Lebens Deutschlands, ein Schriftsteller, dessen sprühender Geist der Ungeist einer Epoche, dessen Werke der Ausdruck der dieser Epoche innewohnenden Tendenzen gewesen ist. Was war es, das diesem Dilettanten den Anschein wissenschaftlicher Gründlichkeit verlieh, und wie kam es, daß der in Paris erzogene Sohn eines britischen Admirals zum Vorkämpfer des deutschvölkischen Gedankens wurde? Es war der Wille zur Macht, der, von Nietzsche, dem geistigen Vorgänger Chamberlains gepredigt, in diesem einen begeisterten Verfechter gefunden hat. Dieser Wille zur Macht gab ihm auch die Macht, sich über wissenschaftliche und nationale Skrupel bedenkenlos hinwegzusetzen, er gab ihm die Macht über die Geister einer Zeit, die überschwelgend im Machtprotzentum dem Phantom einer „blonden Rasse" nachlief. Kann es unter diesen Umständen noch weiter verwunderlich sein, daß Wilhelm II. selbst es war, der diesen „Philosophen des Imperialismus" begünstigte, daß der Machtdünkel des politischen Dilettanten auf dem Kaiserthron die Machtphilosophie des wissenschaftlichen Dilettanten sich zu eigen machte? Doch auch Wilhelm II. war nur ein Kind seiner Zeit, denn Herrschsucht und Machtwillen waren die Triebkräfte dieser Zeit, die in dem fürchterlichsten aller Kriege ihren Kulminationspunkt fand, sie waren die „Grundlagen des 19. Jahrhunderts". In zwei dicken Bänden hat Chamberlain diese „Grundlagen" aufgewiesen und sich hierbei mit souveränem Machtwillen über all das hinweggesetzt, was diesen seinen „Grundlagen" zuwider war, über die Ergebnisse der historischen Forschung, der Kulturphilosophie und andere unnütze Dinge, die er nur dann zu würdigen verstand, wenn sie in sein „System" hineinpaßten. Doch was war dies für ein System, mit welchem er der heranwachsenden Generation und sogar gekrönten Häuptern systematisch den Kopf umnebeln konnte, war es ein wissenschaftliches oder ein philosophisches Lehrgebäude? Es war nichts als Rassendünkel und Rassenhaß, systematisch geordnet und mit Anmerkungen und Fußnoten versehen. Und von diesen mit dem Schein wissenschaftlicher Gründlichkeit ausgestatteten Fußnoten bis zu den Fußtritten, mit welchen die Anhänger Chamberlains Ethik und Recht sowie überhaupt alles diesem „System" entgegengesetzte traktierten, war nur ein kleiner Schritt. Dem Judentume aber war Chamberlain einer der erbittertsten Feinde, die ihm je erstanden: Haß, Haß und wieder Haß, das waren die Gefühle, die er uns Juden entgegenbrachte, entgegenbringen mußte. Denn das Judentum war ein lebendiger Beweis, daß dieses ganze „System", das Chamberlain mit unendlichem Fleiße aufgebaut hat, falsch war, das Judentum war eine Tatsache, an welcher der ganze Gedankenaufbau Chamberlains scheitern mußte. Der Gedanke, welcher die Grundlage der sittlichen Entwicklung der Jahrhunderte war und den das Volk der Hebräer in die Welt getragen, er war unverträglich mit dem Gedanken, welchen Chamberlain dem 19. Jahrhundert zugrunde legte. Damit er am Judentume nicht zuschanden werde, mußte das Judentum an ihm zuschanden werden. Das ist ihm trotz eifrigster Bemühungen, das Judentum herabzusetzen und die Juden als „Auswurf der Menschheit" hinzustellen, nicht gelungen. Chamberlain war der erste, welcher die Gleichsetzung von „jüdisch" und „schlecht" versucht hat, er war derjenige, welcher den Antisemiten nicht nur Deutschlands, sondern auch ihren Gesinnungsgenossen in Ungarn, Polen und Rumänien das „wissenschaftliche Material" geliefert und die theoretische Grundlage für Pogromhetzen und Judenverfolgungen. Chamberlain war derjenige, welcher die Höherwertigkeit des Germanentums und die Minderwertigkeit des Judentums verkündet und der hakenkreuzlerischen und rassenantisemitischen Bewegung der Nachkriegszeit die Schlagworte geliefert hat. Und dennoch, Chamberlains Antisemitismus steht — wenn der Ausdruck in diesem Zusammenhange gebraucht werden darf — unendlich hoch über dem Judenhaß der gegenwärtigen Zeit, dessen Standardwerk ,J3ie Protokolle der Weisen von Zion" sind, denn er war geistvoller und wenigstens wissenschaftlichsein-wollender Antisemitismus, während der Antisemitismus unserer Tage nur roh, nur gemein, nur niederträchtig ist und das Mäntelchen des Geistes, das ihm Chamberlain umgehängt hat, nicht mehr nötig zu haben glaubt. Chamberlain glaubte noch, das Judentum mit dickleibigen Folianten bekämpfen zu können, während heute Gummiknütteln und Totschläger als weit wirkungsvollere Argumente angesehen werden. Die Saat, die Houston Steward Chamberlain gesät hat, ist furchtbar in die Halme geschossen, es war eine Drachensaat. Dr. Franz Josef Weiß. Friedhofskultur. Von dem „Sächsischen LandesausschuB für Friedhof und Denkmal" ist eine Aktion eingeleitet worden, die auch bei manchem Leser der .Wahrheit", der die Zustände auf unseren Friedhöfen nicht ideal findet, Billigung finden dürfte. In dem Rundschreiben, das diese Aktion ankündigt, heißt es: „Es ist nichts Neues, daß unsere Friedhöfe seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts ein wahrer Sammelplatz von Scheußlichkeiten unbeschreiblicher Art sind. Die Ursachen sind nicht nur in dem allgemeinen Verfall der Gründerjahre zu suchen, die weder Bescheidenheit, Unterordnung in eine Gesamterscheinung noch Disziplin auf dem Gebiete der Kunst kannten. Es ist vielmehr stark die allgemeine Industrialisierung daran beteiligt, die sich behende auf die Friedhofskunst stürzte und statt des Handwerkes die Fabrikation setzte. Diese Umwertung blieb aber, wie auch auf anderen Gebieten, wo Maschinen die Hand verdrängten, eineäußerliche: d. h. die wirtschaftlichen Konsequenzen wurden daraus gezogen, doch was die Form betraf, so versuchte die Industrie „Handwerk" nachzuahmen, das verfallene Handwerk aber seinerseits fing an, „schematisch" zu arbeiten. Diesem Uebel will der „Reichsausschuß für Friedhof und Denkmal" entgegentreten. Dieser Reichsausschuß setzt sich zusammen aus Mitgliedern der Künstlerschaft (Prof. Karl Gross, Dresden, Prof. Seeck, Berlin, Stadtbaurat Wolf, Dresden usw.), Vertretern der Friedhofsbehörden des Reiches und der Industrie. Die Aufgabe ist, der Industrie Normen zur Herstellung von ästhetisch einwandfreien Grabsteinen zu geben, alte Friedhöfe zu verbessern, Städte und Gemeinden in Friedhofsdingen ästhetisch zu beraten und das Publikum aufzuklären. Das letztere ist mit das Wichtigste. Und die Erfahrung lehrt, daß dies zu jeder Zeit möglich ist, nur nicht dann, wenn die Hinterbliebenen einen Toten beklagen. In diesem Augenblick besteht für diese zuni ersten Mal ein Konnex mit der Friedhofsfrage, dann aber sind diese hartnäckig, und der Streit mit der Behörde wegen eines unmöglichen Grabsteines ist da. Ein Programm macht bekannt mit dem Inhalt einer Publikation, die alle diese Fragen behandeln soll und Verbreitung über das Reich finden wird. Wir haben auch Geistliche sowohl der protestantischen wie auch der katholischen Konfession aufgefordert, über das „Syrabo 1" auf dem Grabstein zu schreiben. Dabei wäre es besonders wünschenswert, wenn diese Ausführung neben geläufigen religiösen Zeichen auch besonders auf solche Symbole mit Nachdruck hinweisen würde, die gerade wegen ihres hohen Altens gegenwärtig in Vergessenheit geraten sind und es verdienen würden, aufs neue in Gebrauch zu kommen." Für die protestantische Kirche ist Pfarrer Dr. Mensin g, Dresden, für den Katholizismus Prof. Dr. Fuchs, Paderborn, für das Judentum Rabbiner Dr. M. Grünwald, Wien, für weltlich-monistische Symbole Dr. Max D e r i zur Mitarbeit eingeladen worden. Graz. Von einem Freunde unseres Blattes erhalten wir folgende Zuschrift: Ein empörender Vorfall, der in allen wahrhaft jüdisch fühlenden Kreisen unserer Stadt berechtigtes Aergernis hervorgerufen hat, verdient es, als trauriges Zeichen der Zeit einer weiteren jüdischen Oeffentlichkeit bekanntgegeben zu werden. Obwohl unser geschätzter Herr Rabbiner Prof. Dr. D. Herzog in einer ausgezeichneten Rede am letzten Sabbat des vergangenen Kalenderjahres gegen den Plan des zionistischen Vereines „Hakoah", am Freitag abends eine Silvesterfeier zu veranstalten, energisch Stellung genommen und das Unjüdische eines solchen Verhaltens in eindringlichen Worten gekennzeichnet hatte, wurde dennoch von obgenanntem Verein jeglicher jüdischer Sitte und jedwedem religiösen Empfinden zu Trotz dieses Fest mit Rauchen, Musik und Tanz trotz des Sabbateinganges abgehalten. Bezeichnend ist es auch, daß der zionistische Präsident der Gemeinde und ein Vorstandsmitglied der Chewra Kadischa demonstrativ zu dieser Feier erschienen sind und durch ihr Erscheinen bekundet haben, daß sie dieses Verhalten billigen. Auch der streng zionistische Vizepräsident der Gemeinde war bei dieser Feier am Freitag