Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 4 (21.1.1927)
- Date
- 1927-01-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT üiiiiii Seite 5 Leipzig zu verlassen. Er hielt sich zuerst in der Nähe aui, dann ging er nach Berlin (November 1847). Dort suchte er die Erlaubnis zu erlangen, Vorträge über Nationalökonomie halten zu dürfen. Statt dessen wurde er aus Berlin und Preußen ausgewiesen. Von Berlin begab er sich wieder nach Leipzig; kaum dort angelangt, wurde er aus dem Bette geholt, verhaftet und mußte noch am selben Tage Sachsen verlasser-. Er kehrte zu seinem Vater nach Ungarisch-Brod zurück und befaßte sich dort mit Abhandlungen über Spinoza und die französische Revolution. In seiner „literarischen Gefangenschaft zu Ungarisch-Brod", wie er diese Zeit später in einer Flugschrift nannte, erfuhr er bald von den Aufständen in Frankreich, Belgien, Deutschland und Wien. Er wollte nach Brüssel eilen, allein die Geldmittel, die ihm sein Bruder Moritz zur Verfügung stellte, und die dieser sich wieder erst leihweise verschaffen mußte, reichten nicht aus. So begab er sich nach Wien. Hier fand er den Boden, der ihm am besten entsprach. Er wurde Mitarbeiter, und zwar Leitartikler der „Aug. Oesterr. .Zeitung" bis September 1848, und als diese Zeitung ins gemäßigte Fahrwasser einlenkte, wurde er Mitarbeiter des Tagblattes „Der Radikale", das von Dr. Julius Becher, einem Deutsch-Engländer und Musikschriftsteller, herausgegeben wurde. Eine lange Reihe von Artikeln stammte aus der Feder J ellin eks. Was ihn vor den anderen Redakteuren und Schriftstellern auszeichnete, war die scharfe Kritik, die er in nationalökonomischer Hinsicht übte. Hermann JelJinek war ausgestattet mit einem immensen Wissen, nicht bloß philosophischen, sondern auch nationalökonomischen Inhaltes, und die aus diesem Wissen gewonnene Ueberzeugung brachte ihn in Gegensatz zu dem damals überhandnehmenden Manchesterliberalismus. Einige Auszüge aus dem Tegblatt „Der Radikale" mögen dies bestätigen: „Die Bauernfrage ist ©ine p o 1 i t i s c h - s o z i a 1 e, ebenso die Frage, ob direkte oder indirekte Wahlen. Herr (Minister) Bach meint: Der Bauer soll den großen Grundbesitzer entschädigen. Wie aber, wenn der erstere durch eine Geldentschädigung zum Proletarier gemacht würde." „Wie will man die Frage über den Adel entscheiden, ohne ihn als Unrecht erklärt zu haben? Wie will man die Nationalitätsfrage beantworten, ohne den Inhalt der neueren sozialen Politik zu kennen? Wie will man die Feudäirechte abschaffen, ohne ihren schädlichen Einfluß vom rem ökonomischen Standpunkte auf das genaueste zu kennen?" „Der absolute Monarch genießt ohne zu arbeiten, er läßt die Völker fühlen, daß er ein arbeitsloser Herr ist. Er ist der Nutznießer der Völker, aber in einem ganz anderen Sinne, wie man das Nutznießungsrecht bei einem durch wirkliche Arbeit zu gewinnenden Nutzen sich zu seinem Eiigentume macht." „Der Konstitutionalismus ist wohl die Anerkennung der Völksrechte, aber zugleich die Aufhebung derselben, denn die Rechte, welche der Gesellschaft zugestanden wären, strafen sich selbst Lügen durch die Vorrechte und Privilegien, ... welche in konstitutionellen Ländern bestimmte Teile der Gesellschaft haben." „In Oesterreich waren die Völker seit dem Jahre 1740 bis zur Märzrevolution nichts mehr als veräußerliches Eigentum der Fürsten. In der konstitutionellen Monarchie tritt eine Teilung ein. Die Völker gehören zur Hälfte sich selbst an, zur Hälfte sind sie aber Eigentum des Fürsten und der privilegierten Stände." „In der sozialen Wissenschaft hat Religion zu herrschen aufgehört. Sie ist menschlich, das ist ihr Stolz, ihre Würde. Solange das Christentum herrschte, herrschte die Willkür, das Recht beginnt mit der Kritik der Religion." „Die soziale Demokratie ist nichts anderes als die Erfüllung, die Konsequenz, die Bewahrheitung der konstitutionellen und demokratischen Monarchie." „Die Wiener Kamarilla will keine Freiheit der Nationen, die Nationen aber werden sich selbst frei machen." (Schluß folgt.) N erhet Atonneoten f flr „Die Uakrhelt" - .^.«.Bezaös&edlnfianaen: Halbjährig: für Oesterreich S 8.50, Ungarn Pengö 8-50, Deutschland Goldm. 7—, Tschechoslowakei 2K 60.—, Polen ZI. 11—, Schweiz Fr. 7.—, Amerika 1V2 Doli.,Italien Lire 40.—.EnglandSchilling — 15.—.Rumänien Lei 300.—.Jugoslawien Dinar 100.— ■ I Judische Frauenideale. Eine Blütenlese von Dr. Max Grunwald. Die Großmutter. (Fortsetzung.) Selten nur in ihrem langen arbeitsreichen Leben hat die Großmutter einen Ausgang, niemals aber einen Spaziergang gemacht. An den Wochentagen hinunter ins Geschäft, an den Sabbaten in die nahe „alte Schul"; so floß ihr Leben dahin. Ein zweckloser Schritt wurde nicht gemacht. Sah man sie aber doch in einem seltenen Falle einmal auf der StraBei, so wußte man, sie hatte einen großen Zweck. Eine arme Braut mußte ausgestattet und dazu mußte Geld beschafft werden oder eine früher reiche und vornehme Familie war am Rande des Ruins angelangt. Dem mußte vorgebeugt, die Familie durfte nicht fallen gelassen werden. Warum sie außer Bibel und Zermerinne (ein Erbauungsbuch) kein Buch las, das hatte einen besonderen Grund. In ihrer Jugend hatte sie einmal den Robinson gelesen. Nach all den großen Erlebnissen des Helden, dessen Schicksale sie mit heißer Spannung und innigem Migefühl verfolgt hatte, erschien ihr der Schluß so unbefriedigend, daß sie in ihrer energischen Natur den Vorsatz faßte, nie wieder die Zeit mit so unnötigen, im Sande verlaufenden Geschichten zu verbringen. Dieser kleine Zug ist charakteristisch, nicht nur für die einzelne Frau, sondern für den ganzen, auf vernünftigen, gerichteten Sinn der damaligen Jugend. Sie hatten noch nicht Zeit gefunden für den Luxus zweckloser Beschäftigungen. Das Nützliche, das Gute, das Zielbewußte lag ihnen im Blute. Sie hatten ein Wort dafür geprägt, für das es gar keine deutsche Uebersetzung gibt, ein Wort, das die Richtschnur bildete, bilden mußte, wonach das Leben geführt wurde; ein Wort, das der Zwang auf den Thron erhoben hatte, der Zwang, unter dem alle Kräfte der Juden immer gestanden hatten und noch damals am meisten standen, wo es galt, den Weg vom Schatten des Ghetto in die Sonne der freien Wohnsitze zu finden, wo es galt, die Spuren von Jahrhunderten des Druckes schnell zu tilgen und dazustehen, als wären sie immer freie Bürger des Staates gewesen. Ich meine das Wort, den Begriff: Tachlis. ' ' . . *!* Erst im Alter von 80 Jahren, nach dem fast gleichzeitigen Tode des Gatten und ihrer einzigen Tochter, meiner Mutter, gönnte sich die Großmutter Ruhe und zog sich ganz vom Geschäfte zurück. Sie erlebte noch Urenkel, und starb in dem glücklichen Bewußtsein, ihren Enkeln durch ihre Arbeit das Haus mit erbaut zu haben und dieselben so vermählt zu sehen, wie es ihrem frommen Sinne und ihrem am jüdischen Wissen hängenden Herzen genehm war. Damit sind wir bei der nächsten Generation angelangt. Jetzt war die Sachlage bereits eine andere. Da die Männer nunmehr für den Erwerb sorgten und die ökonomische Lage durch den unverdrossenen Fleiß und die geschäftliche Tüchtigkeit derselben sich rasch aufbesserte, konnten die Frauen ihr großes Erbe an Tatkraft und Pflichtgefühl ganz auf das Haus verwenden. Die Sorgfalt für das Wohl der Familie, für die körperliche und moralische Erziehung der Kinder war nunmehr ihre Hauptaufgabe. Wie sie dieser Aufgabe gerecht wurden, das zeigt eben das an ein Wunder grenzende Aufblühen der jüdischen Gemeinden. Die Kräfte wuchsen mit dem Wohlstände, und war der Kaufmann zu Vermögen gekommen, so konnte man sicher sein, daß jeder Sohn von Begabung, und leider auch manchmal ohne dieselbe, dem gelehrten Beruf sich zuwenden würde. Weniger begüterte Familien setzten nur allzuoft ihr Letztes daran und legten sich die größten Entbehrungen auf, um den Kindern das Studium zu ermöglichen. In dieser Periode kam es oft vor, daß die Frau in weltlicher Bildung ihrem im Geschäftsleben kämpfenden Gatten um einen Schritt voran war, deshalb spielte sie sich aber nicht etwa auf die sogenannte unverstandene Frau heraus, sondern bemühte sich doppelt und dreifach, das Haus auf ein höheres Niveau zu bringen, und war glücklich, wenn sie den Söhnen und Töchtern eine höhere Bildung zu verschaffen vermochte. Tief lag die Wertschätzung des Wissens den Juden im Blute, und hatten die Großväter dieses höchste Gut, das Wissen, am Talmud und an nichts als am Talmud geübt, hatten die Väter, der Not gehorchend, als Geschäftsleute Vermögen erworben, so kehrten die Söhne, wo es irgend anging, zum gelehrten Berufe der Großväter zurück, nur mit dem Unterschiedie, daß sie Aerzte und Juristen, statt Talmudisten wurden. Aber auch Schriftsteller, Dichter, Gelehrte,