Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1927-01-21 · Heft 4 (21.1.1927) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 4 (21.1.1927)
Date
1927-01-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064299-3064303--15139-3087906
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 6 DIE WAHRHEIT Künstler, Universitätslehrer und Politiker erstanden aus den jüdischen Söhnen, und wunderbar blühten alle Fähigkeiten unter ihnen auf. ■ Ii I ' j; | [ <; Wann wird der Dichter erstehen, der uns schildern wird, was später aus diesen Kindern des Ghetto geworden ist, wie es geworden ist und wie es jetzt ist? Bis jetzt hat unseren Großmüttern niemand ein literarisches Denkmal gesetzt, wie sie es wohl verdient hätten. Aber sie haben sich selber ein Denkmal gesetzt in ihren Kindern, die gar nicht lange nach dem Falle der Ghetto-Mauern ihren andersgläubigen Gefährten in allem Großen, Guten, Schönen, Nützlichen und Idealen mindestens ebenbürtig an der Seite standen. Unvergessen sind die großen Wohltäterinnen, weiche den Grund legten zu den imposanten jüdischen Wohltätigkeits- und Wohlfahrtsinsötuten, deren Aufzählung für Berlin allein ein ganzes Bändchen füllt. Unvergessen ist es, daß es jüdische Frauen waren, deren geistige Energie und praktische Schöpf er gäbe sie in die erste Reihe der Kämpferinnen stellte, die in Deutschland für Fraoxenrecht ihre ganze Lebenskraft einsetzten und noch einsetzen. Ich nenne Ihnen nur Lina Morgenstern, Jeanette Schwerin und Henriette Goldsohniidt Aber wichtiger noch als die Leistungen der hervorragensten unter den Frauen ist dasjenige, was sie in ihrer Gesamtheit sind und leisten." Eine andere Großmutter schMert L. Ysaye in der „Oesterreichischen Wochenschrift" 1900 („Mal ch'en"): Ich kannte einen Mann, der einmal sehr reich war und er erzählte mir, was er empfand, als er erfahren, er habe sein ganzes Vermögen verloren. „Ich hörte nicht, was man zu mir sprach", sagte er, „ich verstand keines von ihren vielen Worten, aber ich fühlte auf einmal, daß ich verarmt sei, und ein Frösteln überlief mich." So ging es mir, als ich von Maichens Tod hörte, ich verstand nichts genau, aber ich fühlte, daß iah ärmer geworden sei und mich fror in der Sonne. Dann bin ich zu den Kindern gegangen, die mit einander spielten und lachten und sagte ihnen: „Maichen üst gestorben". Da verstummte ihr Lachen und die dunklen, tiefen Augen des kleinen Mädchens wurden noch einen Schein tiefer und dunkler und sie sprach langsam: „Malchen kommt in den Himmel, Malchen war gut." Malchen war gut und darum erzählte ich Euch von ihr, denn ein gütiger Mensch ist, wie das helle Licht der Sonne, allen gemeinsam, und wenn er erlischt, so wird es für alle dunkler und kälter. Malchen war gut und hat Euch geliebt, denn sie Bebte alle Menschen. Ihr hättet ruhig zu ihr kommen können mit Euren Schmerzen, sie hätte schon einen Trost gewußt, sie wußte immer einen Trost. Sie hätte Euch auch von den Tagen erzählt, da sie noch jung war und in derselben alten Stadt zur Schule ging, in der man sie gestern begraben hat Dann hätte sie weiter gesprochen, wie sie Braut wurde, wie es ihr in den ersten Jahre ihrer Ehe ging und wie dann nach all den schönen Tagen trübere Zeiten kamen und wie zuletzt alles noch besser geworden, als sie gedacht. Denn so war sie; am Ende aller ihrer Erzählungen versicherte sie immer wieder: „Ich und mein Kind wir leben glücklich und zufrieden." Es gab eine Zeit wo mich das Glücksgesicht dieser Frau befremdete. Aber später habe ich erkannt, daß ihr wirklich das Geschick wenig anhaben konnte, denn wenn es noch so finster und drohend daher kam, von ihrer Güte wurde es erhellt und durchleuchtet. Als ich noch ein Kind war und Kinderträume ersann, da machte ich mich selbst zur Prinzessin und jeder bekam Rang und Platz in meinem Hofstaate. Nur Malchen ließ meine Piiantasie unangestatet. Sie war immer dieselbe gleiche gütige Großmutter, und wie sie das für mich war, so ist sie es später für meine Kinder geworden, denen Maichen das Allerbeste und Allerliebste ihres jungen Lebens bedeutete. Sonnabend, wenn Malchen mit dem Gebetbuch am Fenster saß und Sabbathfriede das Zimmer erfüllte, habe ich sie oft aufmerksam betrachtet und sie erschien mir stets als die schönste Großmutter der Welt Sie trug, so lange ich nur denken kann, stets die gleichen sorgfältig gemachten Bogenscheiteln und mir waren diese Scheiteln die vornehmste und feinste aller Haartrachten. Und an Festtagen zog sie "tias schwarze Moireekleid; an, dessen Namie mein Kinderheriz schon mit feierlicher Festtagsfreude erfüllte. Malchen hatte viele schöne Kleider, aber an das schwarze Moireekleid reichte doch keines heran. Und sioheriiich wird niemals wieder ein Kleid solchen Eindruck auf mich machen, und wenn es einer Fürstin oder einer Kaiserin gehören würde. Ja, Malchen war gut, und nun ist sie von uns gegangen und unser Herz ist traurig und kummervoll. Aber später werden wir von stiller Freude erfüllt sein, daß Malchen bei weden nur noch daran denken, daß sie gelebt hat. Und das wird immer unser bester Gedanke sein, 'einer der tröstlichsten und schönsten ..... Am Abend, wenn wir tagesmüde beisammen sitzen, werden wir von Malchen sprechen, als ob sie noch bei uns weilte und alles Häßliche und Taurige, das uns begegnet, wird verblassen und verschwinden vor diesem Gedanken. Und dann werden wir von stiller Freude erfüllt sein, daß Malchen bei uns war, daß sie uns liebte, und endlich werden wir dasselbe sagen, was das kleine Mädchen mit den blonden Haaren und den dunklen Augen sagte: „Malchen war gut". Und wir werden wissen, daß Güte das Höchste und Seitenste ist und ewig lebendig, und daß nichts ihr zu vergleichen ist Aber jetzt weinen wir noch und es wird lange dauern, ehe unsere Tränen versiegen. (Fortsetzung folgt) Budapester Brief. Wie ich Ihnen in meinem letzten Schreiben mitgeteilt habe, beschäftigen die Vorgänge bei der Wahl der jüdischen Magnatenhausmitglieder noch immer die ungarische Oeffentlichkeit. Sämtliche Tagesblätter haben sich eingehend mit dieser Angelegenheit befaßt und jüdische und nichtjüdische Journalisten von Rang suchen in langen Auseinandersetzungen das Rätsel zu lösen, wieso es kam, daß der Oberrabbiner von Budapest, Dr. Simon Hevesi, den man als den aussichtsreichsten Kandidaten für das Oberhaus ansah, nicht einmal in die engere Wahl gekommen ist Obwohl man Oberrabbiner Dr. Immanuel Low allgemein für einen sehr würdigen Vertreter des ungarischen Judentums ansieht, ist man dennoch über die unverdiente Zurücksetzung Doktor H e v e s i s, mit der offenbar dieBudapesterReligionsgemein de getroffen werden sollte, im höchsten Grade verstimmt und zwar richtet sich die Verstimmung in erster Linie gegen die Führer der israelitischen Landesk a n z 1 e i, denen die Schuld an dem so unerwarteten Ausgang dieser Wahl zugeschrieben wird. Man sieht deshalb der bevorstehenden Wahl in das Präsidium der israelitischen Landeskanzlei mit um so größerer Spannung entgegen, als man dessen gewiß ist, daß sich die Erregung speziell der Budapester Judenschaft bei dieser Gelegenheit Luft machen wird. Als aussichtsreiche Kandidaten für die Präsidentschaft werden bekannte jüdische Politiker, z. B. Reichsratsabgeordneter Paul Sandor genannt Vergangene Woche wurde durch eine Abordnung der israelitischen Landeskanzlei dem Oberrabbiner Dr. Low das Oberhausmandat in feierlicher Weise überreicht und zwar spielte sich der Festakt in der Szegediner Synagoge * in Gegenwart zahlreicher offizieller Persönlichkeiten ab, bei welcher Gelegenheit der durch die ihm entgegengebrachten Ehrungen zu Tränen gerührte Oberrabbiner Worte des Dankes an die Ueberbringer des Mandates richtete. Er sagte u. a.: „Vor sieben Jahren richtete der Untersuchungsrichter an mich die eindringliche Aufforderung, ihm doch zu gestehen, welchen Teil unseres Landes ich verkauft und verraten und an welche Macht ich mein Vaterland verkauft hätte. Ich antwortete ihm mit einer alten biblischen Legende, derzufolge sich das Rückgrat des verstorbenen Menschen nach sieben Jahren in eine Schlange verwandle. Sieben Jahre sind seither verstrichen und aus der Schlange ist abermals ein mit steifem Rückgrat versehenes Gebilde entstanden: das zielbewußte ungarische Judentum, das nun auch im ungarischen Oberhaus seinen Platz findet. Ich danke für das Mandat und gelobe, daß ich auch im Oberhaus mit voller Kraft für die Interessen des ungarischen Judentums und das Wohlergehen des Vaterlandes kämpfen werde." Neben Immanuel Low und Oberrabbiner Koppel Reich wird noch ein dritter hervorragender Jude in das Oberhaus einziehen und zwar Dr. Samuel Glücksthal, welcher von der hauptstädtischen Kaufmannschaft als ihr Vertreter entsendet wurde. Der Name des neuen Magnatenhausmitgliedes hat in Ungarn einen guten Klang, denn seit einem Menschenalter arbeiteten Dr. Samuel Glücksthal gemeinsam mit Paul Sandor am Aufschwünge des ungarischen Handels, wobei ihm ein immenses juridisches Wissen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.