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Die Wahrheit · 1927-01-21 · Heft 4 (21.1.1927) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 4 (21.1.1927)
Date
1927-01-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 1 DIE WAHRHEIT eines strenggläubigen jungen Juden eine wertvolle Kraft sichern, der er vollstes Vertrauen schenken und die er zu den mannigfachsten Leistungen verwenden könnte. Sagt doch schon ein altes jüdisches Sprichwort: „Ein Bocher taugt zu allem am besten". Darum sei an alle jüdischen Unternehmer, also auch an diejenigen, welche ihre Betriebe am Sabbath offenhalten, die Bitte gerichtet, die strenggläubigen Anstellungswerber bei Neueinstellungen oder Personalwechsel auch zu berücksichtigen. Es ist eine Ehrenpflicht, die sie hierdurch dem Judentume gegenüber erfüllen, aber auch — kein schlechter, Geschäft. E. St. Dr. Hermann Jellinek*) Von Rabbiner Dr. JVL Rosenmann. Die Historiker Heifert, Smets-Reschauer, Dr. Maximilian Bach, Ludwig Brügel, der Biograph Wurzbacher, sowie der Neffe Professor Georg Jellinek und Dr. Bruno Frankl-Hochwart berichteten über den am 23. November 1848 in Wien erschossenen Dr. Hermann Jellinek. Seine Persönlichkeit erwies sich aber immer als ein schwer lösbares Problem^ entglitt dem Betrachtenden und zerrann gleichsam in einen Nebel wie ein vielversprechender Frühlingsmorgen, dem kein heller, glühender Mittag folgen konnte. Vermutungen, Hypothesen, subjektive Annahmen umrankten nach und nach sein Leben und seinen Tod. Sollte es nicht möglich sein — da neue Quellen über Hermann JeUimek fließen, deren eine ich jüngst in diesem Blatte erschließen konnte — mit seinem Wesen sich etwas näher zu befassen und dasselbe, wenn auch in großen Zügen, sicher zu erfassen? Hermann Jellinek ist am 22. Jänner 1822 in Drslowitz bei Ungarisch-Brod (Mähren) geboren. Sein Vater war Isak Low Jellinek, ein Bestandmanm, d. h. Pächter einer der vielen kleinen landwirtschaftlichen Branntweinbrennereien, wie sie damals in Mähren vorhanden und mit bedeutendein Steuernachlässen ausgestattet waren. Jellineks Vater war ein religiös fühlender, zugleich aber neuzeitlich denkender Mann, der für die Erziehung seiner Kinder gerne Opfer brachte. Hermanns älterer Bruder war Adolf Jellinek, der später berühmt gewordene Prediger der Wiener Kultusgemeinde, sein jüngerer Bruder Moritz, später Direktor der Straßenbahngesellschaft in Budapest. Alle drei Brüder waren geistig hochbegabt. Die Veranlagung hierzu dürfte ein mütterliches Erbteil gewesen sein. Ihre frühzeitig verstorbene Mutter Sara war die Enkelin des Rabbiners in Kittsee, Hirsch Broda, der durch Scharfsinn und namentlich kaustischen Witz sich auszeichnete. Bis zum neunten Lebensjahre blieb Hermann Jellinek im Dorfe, wo er durch Privatlehrer unterrichtet wurde. Dann kam er nach Ungarisch-Brod, wo er einerseits dife öffentliche Privatschule besuchte, anderseits aber in einem Cheder Bibel und Talmud lernte. Der Knabe hatte eine derart schöne Singstimme, daß er im zwölften Lebensjahre in Ungarisch-Brod zu Simchat-Thora öffentlich vorbetete. Als sein älterer Bruder Adolf nach Proßnitz zog, folgte Hermann auch bald dorthin. Das Talmudstudium befriedigte ihn aber nicht und so warf er sich mit aller Kraft auf das Studium fremder Sprachen. Prag war damals das Mekka aller jüdischen Studenten. Dorthin war auch Moritz Steinschneider, der später berühmt gewordene Bibliograph, aus Proßnitz gezogen. Bald fuhr auch Adolf Jellinek, und zwei Jahre später Hermann nach Prag. Unter materiellen Entbehrungen und mit beispiellosem Fleiße — er lehnte es ab, wie sein Bruder Adolf als Erzieher in „Kondition" zu gehen — warf er sich auf die Gegenstände der Mittelschule. Von Prag aus unternahm er, wie aus seinen Briefen ersichtlich ist, eine Reise nach Wien, wo er die Prüfung über die sechs Klassen der Mittelschule ablegte und das Reifezeugnis erhielt. Er kehrte nach Prag zurück und studierte Philosophie, namentlich die Werke Immanuel Kants. Aber auch Prag schien ihm nicht alles bieten zu können; zwanzig Jahre alt, also 1842, flüchtete er aus Prag, angewidert von den sozialen und geistigen Verhältnissen an der dortigen Universität. Einen Paß ins Ausland zu erhalten, um an einer fremden Universität *) Aus einem Vortrag, gehalten im Verein für jüdische Geschichte und Literatur, Wien. zu studieren, war damals in Oesterreich schwer möglich. So flüchtete er denn bei Nacht und Nebel auf einem Leiterwagen über die sächsische Grenze. In Leipzig wurde er vom dortigen österreichischen Generalkonsul liebevoll aufgenommen und gefördert. Bald darauf ging auch sein Bruder Adolf in gleicher Weise über die Grenze. Beide wohnten zusammen und studierten zwei Jahre Philosophie, nunmehr insbesondere das System Baruch Spinozas. Dann aber gingen ihre Richtungen auseinander und sie trennten sich. Hermann Jellinek wurde zunächst Jung-Hegelianer. Unter dem Einfluß von Dawid Strauß und Bruno Bauer zerfaserte er in seinen Vorträgen das Wesen des Christentums, namentlich das der lutherischen Kirche. Er verfaßte 1847 mehrere Schriften, so: „Das Verhalten der lutherischen Kirche zu den reformatorischen Bestrebungen Nikolaus Greils". „Die gegenwärtige Krisis der Hegeischen Philosophie", „Die religiösen, sozialen und literarischen Zustände der Gegenwart in ihren praktischen Folgen untersucht. 1. Teil: Die religiösen Zustände der Gegenwart oder Kritik der Religion der Liebe". 1847 begann er auch dem, Judentum gegenüber eine kritische Stellung einzunehmen. Sein Bruder Adolf hatte einen Aufsatz „Elisa ben Abujai, genannt Ach er. Zur Erklärung und Kritik der Gutzkowschen Tragödie Uriel Acosta" geschrieben. Einige Wochen darauf veröffentlichte Hermann Jellinek eine etwas naiv gehaltene Gegenschrift „Uriel Acosta's Leb'em und Lehren. Ein Beitrag zur Erkenntnis seiner Moral, wie zur Berichtigung der Gutzkowschen Fiktionen über Acosta und zur Charakteristik der damaligen Juden". Ebenso schrieb er eine Broschüre „Die Täuschungen der aufgeklärten Juden und die Fähigkeit zur Emanzipation". Nebenbei lernte er auch die Werke der großen englischen und französischen National Ökonomen kennen, namentlich die Fouriers. Unter dem Einflüsse dieser Studien ging mit ihm eine gewaltige Wandlung vor sich; Hermann Jellinek wurde Sozialist, und zwar — um einen modernen Ausdruck zu gebrauchen — Sozial-Revolutionär. Im Leipziger „Redeübungsverein", der im Jahre 1847 gegründet wurde, trat er mit aller Schärfe gegen den damals in den gebildeten Kreisen herrschenden bürgerlichen Liberalismus auf, bekämpfte Robert Blum als einen doktrinären Liberalen und wies auf die Lehren der damals in Deutschland nur wenigen Geistern bekannten englischen und französischen Volkswirtschaftler hin. Im selben Jahre lernte er auch Amalie Hempel kenneu, die evangelisch war. Ich habe jüngst Amalie Hempel als seine Gattin bezeichnet, dies war aber, wie ich später feststellen konnte, ein Irrtum. Eine Heirat zwischen Angehörigen verschiedener Konfessionen war damals unmöglich. Für Hermann Jellinek wäre aber der Uebertritt zum Christentum eine Verleugnung seiner innersten Ueberzeugung gewesen. So schrieb er an Amalie Hempel: „Das Christentum hat das Weib erniedrigt, ja die Frage aufgeworfen, ob das Weib denn auch ein Mensch sei." Der Uebertritt zum Judentum war damals gleichfalls ausgeschlossen. Ein Biograph Hermann Jellineks (Georg Jellinek) will auf Grund eines Trauungszeugnässes festgestellt haben, daß Hermann Jellinek und Amalie Hempel am I. Dezember 1847 in Hamburg bürgerlich getraut worden seien. Nach meinem Dafürhalten ist diese Annahme schon chronologisch unmöglich, weil Hermann Jellinek nachweisbar am 1. Dezember 1847 in Berlin sich aufhielt. Außerdem spricht dagegen eine Aeußerung, die Amalie Hempel nach dem Tode Hermanns an Dr. L. A. Frank! mündlich gemacht hatte und die er niederschrieb. Sie lautet: „Ich wurde das Weib dessen, dem ich mein Schicksal anvertrauen konnte und unsere Herzen schlössen einen Bund fürs Leben, den uns die Priesterhand versagte." Sie hätte es sicherlich nicht unterlassen zu erwähnen, daß sie zum mindesten bürgerlich getraut worden seien. Schließlich wird diese Annahme dadurch vollständig aus dem Felde geschlagen, daß Hermann Jellinek, als er vor dem Kriegsgerichte seine Daten angegeben hatte, sich ausdrücklich als ledig bezeichnete. Bei der Wahrheitsliebe, die ihm eigen war, hätte er es sicherlich nicht unterlassen, seine Verheiratung anzuführen. Ebenso bezeichnet er Amalie Hempel in einem Schreiben, das er knapp vor seinem Tode an seinen Vater richtete, als seine Braut. Amalie Hempel war seine Lebensgefährtin und gebar ihm in Wien eine Tochter, Hermine. Die Vorträge, die Hermann Jellinek im Redeübungsverein zu Leipzig hielt und die ihn in Konflikt mit vielen Liberalen brachten, sollen zu Denunziationen bei den sächsischen. Behörden Veranlassung gegeben haben, die ihm befahlen,

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