Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (14.1.1927)
- Date
- 1927-01-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 5 die zur Debatte stehende Frage als viel zu wichtig (Bravorufe bei den Jüdischnationalen; Rufe bei der Mehrheit: ausreden lassen), um sie durchzupeitschen, und unterbrach, nachdem ein gleicher Antrag auch seitens des Herrn Kommerzialrat B. Buchwald gestellt worden war, ex präsidio die Verhandlung. So wird also die Debatte in einer der nächsten Sitzungen des Kultusvorstandes ihre Fortsetzung finden; es bleibt zu hoffen, daß dies in würdigerer Form geschehen wird. Nur noch eine Frage: läuft die Unterbrechung der Sitzung, der auch Dr. Löwenherz als Mitglied des Präsidiums seine vollkommene Zustimmung gab, im Effekt nicht auf das Gleiche heraus, wie die von der Majorität beantragte Vertagung der Sitzung? * * * Vom Verband der israelitischen Kultusgemeinden im Bundesstaate Oesterreich erhalten wir zu unserem Bericht in Nr. 52 vom 17. Dezember 1926 über die erste Verbandsversammlung folgende Richtigstellung: Die zionistischen und sozialistischen Mitglieder der Wiener Kultusgemeinde wurden zur Verbandsversammlung nicht eingeladen, sondern erschienen auf unbekannte Veranlassung und ersuchten, ihren Standpunkt klarlegen zu dürfen. Eingeladen waren nur die Zeitschriften aller Richtungen des Judentums in Wien, sonst niemand. Jeder Versuch, der Verbandsleitung einen parteipolitischen Anstrich zu geben, muß zurückgewiesen werden. — In einem weiteren Schreiben der Verbandsleitung (Vorsitzender Herr Baumeister H. W i n k 1 e r, Groß- Enzersdorf) heißt es: Es muß in dieser Hinsicht (betreffend die vollständige Parteilosigkeit des Verbandes) auch der geringste falsche Schein vermieden werden. Gerade aus diesem Grunde hat es hier verstimmt, daß in Ihrem Blatte der Verwunderung Ausdruck gegeben wurde, daß man die Zionisten und Sozialisten eingeladen hat und die Liberalen und Orthodoxen nicht. Dadurch wurde ganz unberechtigterweise dem Verbände eine zionistische Färbung aufgedrückt, di e ihm garnicht zukommt. — Wir stellen somit das angesichts der?anz verschiedenartigen Zusammensetzung der Wiener Parteienvertreter bei der ersten Verbandsversammlung wohl leicht erklärliche Versehen unseres Berichterstatters gerne richtig und hoffen, daß damit auch die „Verstimmung" gegen unser Blatt behoben sein wird. Jüdische Frauenideale. Von Dr. Max Grunwald. (Fortsetzung.) Die Großmutter. In seinen Jugenderinnerungen („Aus meiner Jugend") erzählt Mor. Lazarus: „Auf meine Erziehung hatte die Großmutter den größten Einfluß geübt, obgleich sie nie direkt in dieselbe eingegriffen hat. Aber ihr sanftmütiges, gütiges und helles Wesen stellte uns von früh auf in den Bann guter Sitte. Durch einen Blick, ein Wort veredelte sie uns. Noch höre ich ihre schöne, reine Stimme, wenn sie Psalmen und Gebete, wie sie es liebte, laut psalrnodierend rezitierte. Daum schwebte eine Weihe durch die Räume, und ich weiß deutlich, wie manchmal ich als Knabe von 11 bis 12 Jahren von einem Schauer ergriffen wurde, der aus kindlich-schwärmerischer Liebe für sie und einem Anflug von religiöser Schwärmerei war. Ihr zu widersprechen, sie zu erzürnen, ihr auch nur zu mißfallen, wäre uns unmöglich gewesen; nur, vielleicht am meisten deswegen, haben wir sie oft und viel geneckt, besonders mit ihren übermäßigen Ansprüchen an uns zur Befolgung edlen Anstände oder feiner Sitten, Und es wirkte ihr Wort, wo es ganz aus der Sachlage und aus dem Herzen kam. überwältigend. Eines Tages hatte ich einen Weg für sie gemacht. Aus einer Seitenstraße heraus und quer über die Hauptstraße kommend, war ich in hastigen Sätzen herangesprungen. In derselben Stunde war drüben ein Nachbar gestorben: „Schickt es sich, so über die Gasse zu jagen, wenn Trauer fn der Gasse ist?" —Es lief mir kalt über den Rücken, und ich hatte eine Lektion fürs Leben erhalten, welche in unendlichen Varatfonen anwendbar ist Eine oft wiederkehrende und besonders liebe Neckerei: ieden Nachmittag des Freitages mußten wir an einige, am Neumond an mehrere, am Rüsttage der großen Feste an viele Witwen. Alte. Arme und Kranke Geld bringen; das hatte die Großmutter nach der Liste für jeden Empfänger in ein Papierchen gewickelt, obendarauf den Namen geschrieben. Nun besaß aber jedes im Orte seinen Spitznamen, zuweilen emen recht derben. Die Großmutter hatte diesen nicht nur im Schreiben, sondern auch im Sprechen streng vermieden; wir Jungens aber lasen ihr die Namen laut vor, immer statt dem einfachen den Spitznamen; das tadelte sie dann als eine „Verschautigkeit", aber ein Gaudium war's, wenn wir sie dennoch einmal zum Lachen bringen konnten; waren die Namen doch oft drollig genug!" In seinem Buche „Treu und frei" sagt Lazarus von der Großmutter seiner Frau: „Die Frauenvereine bearbeiteten damals ein reiches Feld, weibliche Krankenpflege und Leichenbestattung, Pflege der Wöchnerinnen, Ausstattung, besonders Ausrichtung der Hochzeit armer Bräute forderten eigentlich kaum erschwinglichen Tribut. Der persönliche Dienst kannte bei manchen der Versteherinnen kaum eine Grenze oder Ermüdung. Bobe (Großmutter, wie sie allein hieß) Zartelchen hatte in unserem Hause gewohnt; ich habe sie nicht mehr gekannt, aber der Ruf ihrer Heiligkeit und Werktätigkeit hat sie lange überlebt, und das Zimmer, worin sie gewohnt, betraten auch wir noch mit ererbter Ehrfurcht. In vielen Anekdoten wurde ihr Andenken charakteristisch gefeiert, nur einer will ich gedenken. Von ihrer früh verstorbenen einzigen Tochter lebte ihr einziger Enkelsohn in der Gemeinde draußen vor der Stadt, auf einem Vorwerk. Als diesem ein Töchterchen geboren war, das — nach der Sitte — den Namen seiner Mutter erhielt, .erreichte ihr der Besuch dieses Kindes als der neuauflebenden Tochter zur süßesten Freude. Aber an keinem Wochentage hat sie diesen Besuch sich gegönnt; diese gehörten allesamt dem heiligen Dienste, den sie den Pfleglingen all der Vereine leisten möchte." Im übrigen sagt Lazarus von den jüdischen Frauen jener Zeit: „Die reinen, frommen, in ihrer Art gebildeten, mit der Kenntnis nicht bloß der Schriftzeichen, sondern auch der Sprache des Hebräisclien gezierten jüdischen Matronen voriger Geschlechter gehören zu den edelsten Erscheinungen, welche menschliche Kultur gezeitigt hat; ihr gesittigtes, gemütsinmiges, von Wohltätigkeit durchleuchtetes und von religiöser Tiefe durchgeistigtes Wesen hat seinesgleichen an Würde selten gefunden." Anschließend führt Rosalie P e r 1 e s (Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur, 1902) aus: „Wie damals in sehr vielen anderen Fällen, war es auch hier bei meinen Großeltern die Aufgabe der Frau und nicht des Mannes, für den Erwerb, für das Geschäft, mit einem Worte für die Existenz zu sorgen. Der Großvater, dessen Wissen und Gelehrsamkeit (auch in nichtjüdischen Fächern, was damals noch eine Seltenheit) ihn zum Aristokraten stempelten und sein« Familie dadurch in eine höhere gesellschaftliche Sphäre rückten, war. seit er denken konnte, mit seinem Studium beschäftigt. So kam es denn, daß die Frauenfrage, die uns Heutigen soviel Kopfzerbrechen verursacht, liier ganz von selbst sich löste. Die Erwerbstätigkeit der Frau wurde nicht als Recht gefordert, sondern als Pflicht, oft als sehr schwere ausgeführt. Wenn das heutige Motto in der Frauenfrage lautet: Die Frau ist zu allem berechtigt, wozu sie befähigt ist, so kümmerte sie sich damals um gar kein Motto, hielt sich zu allem verpflichtet und das geschäftliche Pflichtgefühl machte sie zu allem befähigt Im Ertragen von Strapazen, von Kälte und Hitze, von Hunger und Durst, konnte diese Frau mit dem abgehärtesten Kriegshelden es aufnehmen. Ob alles von Frost erstarrte, ob glühender Sonnenbrand alles versengte — immer war die Großmutter unten auf ihrem Posten, vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Ja, auch ihre Mahlzeit wurde im ungeheizten Geschäftsloka! (es war ein Engrosgeschäft) eingenommen, wenn sie rächt gar lieber dem Kunden aus der Provinz angeboten wurden, während sie selber sich am Zusehen sättigte und erwärmte. Das Auspacken der frisch