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Die Wahrheit · 1927-01-14 · Heft 3 (14.1.1927) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 3 (14.1.1927)
Date
1927-01-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Stlte 6 OK'W^iUräStT angekommenen Waren wurde immer in der Nacht nach dem Zehnuhriadenschluß, oben nur die Wirtschaft für den anderen Tag, besorgt und der frühe Morgen sah sie schon wieder -unten auf ihrem Posten. Der Kampf der Konkurrenz, der heute in anderen Formen fortwütet, äußerte sicth damals noch in handgreiflicher Oestalt Jede versäumte Minute rächte steh, jede versäumte Minute bedeutete einen Vorteil des eifrigeren Konkurrenten. Jeden Abend, bevor der Laden geschlossen wurde, wurde der Barerlös des Tages gezählt und jedesmal das Maaser (der den Armen reservierte TeÖ des Verdiensites) sorgsam berechnet und gewissenhaft in die für diesen Zweck breitstehende Kassette getan. MSt der eifrigen Geschäftsfrau, die für nichts anderes Sinn zu haben schien als für ihre Arbeit, ging am Feiertag nachmittag, wenn der Laden geschlossen war, eine Wandlung vor. Bevor die Sabbatlichter angezündet wurden, war die hochgewachsene Gestalt in eine Fürstin umgewandelt. Wir Enkel mußten ihr helfen, schnell damit fertig zu werden; deim die Zeit war kurz bis zum Beginn des Sabbats. Wenn sie am Sabbatmorgen, mit kostbarer Pelzstola geschmückt, an der Seite ihres männlich schönem, sie noch überragenden Gatten der Synagoge zuschritt verbeugte sich alles vor dem stattlichen Paare. Nichts an der heutigen Erscheinung 'der Frau ließ dje Strapazen der vorangegangenen Woche ahnen. Was der Großmutter der Synagogenbesuch war, das ist einem heutigen Publikum schwer klarzumachen. Man muß es gesehen haben, dieses häßliche, düstere, vom Alter geschwärzte Gemäuer, das sich die alte Schul in Posen nannte, mit der sackähnlichen, langgestreckten Frauenschul, von der ans man durch kleine, in die dicke Mauer durchgebrochene Lödier, die in langen Abständen angebracht waren, einen Blick in die Männerschul werfen konnte. Als eine der Vornehmsten hatte die Großmutter ihren Platz vorn, an dem ersten dieser Fensterlöcher. Mit welcher Inbrunst verrichtete sie ihre Andacht mit welcher verständnisvollen Aufmerksamkeit folgte sie jedem Worte, mW weichem naüven Entzücken lauschte sie dem Kantor, während die Vorlesung aus der Thora das immerwährende Ehrenamt ihres Mannes war, der in dieser Art Vortrag eine unbestrittene Ueberlegenheit besaß. Später, als er im hohen Alter die ohnehin lange Sidra durch seinen gedehnten Vortrag noch mehr als nötig Ln die Länge zog, wagte man dennoch nicht, ihm dieses verjährte Vorrecht zu entziehen. So groß war der Respekt vor seiner Person. Die Großmutter ließ sich während der Dauer des Gottesdienstes durch nichts m ihrer Andacht stören. Nur in einem Fälle machte sie eine Ausnahme: wenn nämlich eine junge Frau nach der Hochzeit zum ersten Male „schulgeführt" wurde. Einer solchen räumte sie immer dienstwillig ihren Platz ein, um sie.etwas von dem Gottesdienste sehen zu lassen. ■Für meine Großmutter war dieser Gottesdienst mit seinem Kantor der Inbegriff aller Kunstgenüsse. Er war ihr höchstes Entzücken, ihr einziges Vergnügen, das sie wahrhaft beglückte und das gar kein anderes Zertsrfeuungsbedürfnis mehr an ihr aufkommen ließ, wie sie denn auch, wenn sie strahlend vom gehabten Genuß aus dem Gottesdienste heimkam, immer zu sagen pflegte: „Seht Rmder, das ist meine Komödie," was ungefähr soviel bedeuten sollte als: Gehet ihr nur in eure Konzerte, in euer Theater, so was bekommt ihr doch nicht zh hören. Hörte sie gar, eine Predigt von Salamon Pleßner. einem der frühesten deutschen Prediger, der manchmal auch in der alten Schule eine Predigt hielt, dann kannte ihre Begeisterung keine Grenzen mehr. Die übrigen Sabbatstunden waren ebenso wie der Freitagabend der Lektüre geweiht und zwar der Lektüre, die ich eben geschildert habe. Sie las nichts als die Bibel und die Zennerinne, und war doch eine nicht nur überaus kluge und geistreiche, sondern, obgleich sie nur Jargon sprach, gebildete Frau. An ihr konnte man so recht sehen, daß es nicht die Summe der gesammelten Kenntnisse ist, was die Bitdung macht, sondern die Wirkung, die diese auf den Geist, auf die Veredelung des ganzen Menschen üben. Woher kam -ihre Erkenntnis, aus welcher unsichtbaren Quelle strömte ihrem klaren scharfen Geiste Nahrung zu? Diese eigentliche Bildung, die das ganze Innere durchleuchtet hat ihr die Bibel aHein vermittelt. Allsabbatäieh den Wochenaösdiniitt in ihrem Jüdischdewtsch lesend, lernte sie zunächst dfie "fünf Bücher Moses gründlich durch alljährliche Wiederholung kennen. .Aber auch die anderen Bücher der Bibel waren ihr geläufig. -Ans den Sprüchen Salomonis, ja sogar aus Hk>b zitierte sie bei passender Gelegenheit in der Ursprache, wie überhaupt ihr Sprichwörterschaitz allein schon ein Bändchen füllen würde, (Fortsetzung folgt.) Die jüdischen Vertreter im ungarischen Oberhaus. Am 6. Jänner fand die Wahl der jüdischen Vertreter für das ungarische Oberhaus statt. Von Seiten der Neologen wurde der Oberrabbiner von S z e g e d i n, Dr. Immanuel Low, und seitens der gesetzestreuen Juden der Budapester orthodoxe Oberrabbiner Koppel Reich in das Oberhaus entsendet. Rabbi Immanuel Low zählt zu den bedeutendsten jüdischen Gelehrten Ungarns, dessen Ruf weit über die Grenzen seines Heimatlandes hinausgedrungen ist. Aber nicht nur als Gelehrter, sondern auch als Kanzelredner und religiöser Führer seiner Gemeinde genießt Rabbi Low das größte Ansehen, als Forscher wird er in jüdischen und nichtjüdischen Kreisen verehrt. Insbesondere ist sein Monumentalwerk „Die Flora der Juden" ein unerreichtes Standardwerk, das eine umfassende Kenntnis sowohl der gesamten jüdischen Literatur als auch der Botanik verrät. Rabbi Low, der im Alter von 73 Jahren steht, hat bekanntlich infolge einer nichtswürdigen antisemitischen Verleumdung eineinhalb Jahre unter der schweren Beschuldigung des Hochverrates im Gefängnis zugebracht und scheint nunmehr durch die Wahl in die hohe Körperschaft glänzend rehabilitiert. Allgemein ist der Eindruck, daß durch die Wahl des Oberrabbiners Dr. Immanuel Low eiii würdiger Vertreter des ungarischen Judentums in das Magnatenhaus einziehen wird. Nichtsdestoweniger ist das Ergebnis dieser Wahl einigermaßen überraschend* gekommen, weil Oberrabbiner Dr. S. H e v e s i, der als ein ebenso würdiger Repräsentant des ungarischen Judentums anerkannt ist, nicht einmal in die engere Wahl kam, obgleich gerade er es war, dessen Erfolg allgemein als gesichert gegolten hat. Laut den uns vorliegenden Mitteilungen von informierter Seite ist die Erklärung für das überraschende Wahlresultat in Folgendem zu finden: Die Landeskanzlei, der die Vorbereitungen für die Wahl der Rabbiner von der Regierung übertragen worden war, hatte es dank einer wohlorganisierten Kampagne verstanden, bei der Entsendung der Elektoren fast ausschließlich Gegner des Oberrabbiners Dr. Hevesi zu designieren, so daß ein Erfolg für Eingeweihte von vornherein ausgeschlossen war. Wie wenig das Vorgehen der Landeskanzlei der Stimmung der Mehrheit der ungarischen Kultusgemeinden entspricht, geht schon daraus hervor; daß unter dem Eindruck dieses Wahlergebnisses die Status-quo-Gemeinden mit der Büdapester Kultusgemeinde an der Spitze sofort an die Bildung eines eigenen Verbandes geschritten sind, mit der ausgesprochenen Tendenz, der Landeskanzlei, über deren Verhalten sie schon öfter Anlaß zu Beschwerden hatten, entgegenzutreten. In Oberrabbiner Koppel Reich bekömmt Rabbi Immanuel L ö w einen ebenso würdigen wie allgemein geschätzten Kollegen. Dieser nahezu 90 Jahre alte Greis, der ein großes talmudisches Wissen und ein ebenso großes Ansehen in seiner Person vereinigt, gilt als der anerkannte Führer der ungarischen Orthodoxie. ,

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