Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 24 (14.6.1929)
- Date
- 1929-06-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 DIE WAfflRHÖt wenn einmal die Universitätsbehörden — Farbe bekennen und in einer offiziellen Erklärung deutlich die antisemitischen Helden brandmarken würden, die die Ehre der Wissenschaft durch nichtswürdige Exzesse schänden? * * # Eine traurige, von erschütternden Reden begleitete Feier fand dieser Tage in Stuhlweißenburg statt. Dem Andenken der 49 aus der dortigen Oberrealschule hervorgegangenen Jünglinge, die im Kriege den Heldentod gefunden, galt die Feier, an der sich in friedlicher Eintracht militärische und bürgerliche Vertreter ohne Unterschied der Konfession beteiligten. Der Tod hatte, frei von perzentuellen und sonstigen Erwägungen, sich nicht darum gekümmert, daß unter den Jünglingen, die für das ungarische Vaterland ihr Leben geopfert, 20 Juden und 29 Christen waren, und auch keiner der Redner fand es am Platze, über diese weitherzige Ignorierung des Numerus clausus-Prinzipes ein Wort zu verlieren. Diese Feier in dem Horthy-Ungarn lehrte, daß es keine Schranke mehr zwischen Juden und Christen gibt, wenn es gilt, für das Vaterland zu sterben. Der Numerus clausus lebt nur für die Lebenden. _ Ego. Oberkantor Josef Goldstern. Von J. Löwit, Präsident des Oesterr. Kantoren-Vereines. Am 17. Juni 1899 ging durch Wien die Schreckensbotschaft, Oberkantor G o 1 d s t e i n sei, auf einem Spaziergange begriffen, eines plötzlichen Todes gestorben. Niemand wollte, niemand konnte es zuerst glauben. Hatte' er doch noch am seJben Tage (es war dies ein Samstag) beim Morgengottesdienst seinen herrlichen Tenor' in jugendlicher Frische erklingen lassen und durch sein hervonragendes Chasonus Begeisterung hervorgerufen wie in seinen jüngsten Jahren! Leider war die Unglücksbotschaft aber.* traurige Wahrheit. Josef Gold st ein wurde am 27. März 1839 zu Kecskemet als Sohn des den früheren Generationen bestbekannten „ScbmeJke Chasen" geboren, der in Neutra lange Jahre als Chasen wirkte, woselbst der kleine Josef bereits mit 6 Jahren als „Singerl" im Tempel mitwirkte und so die erste Grundlage für seinen späteren Beruf empfing. Durch den frühzeitigen Tod seines Vaters war große Not im Hause der Mutter, die für zahlreiche Kinder zu sorgen hatte, eingezogen. Da wurde der Meine Josef Goldstein im Alter von 10 Jahren vom Banowitzer Kantor an Kindesstatt angenommen; eir> hielt es jedoch infolge schlechter Behandlung dort nicht lange aus. entwich dem Pflegevater und kehrte zur Mutter zurück. Bald darauf erhielt der damals kaum 13jähirige Junge die Kantorenstelle in Neutra, so daß er bereits Mutter und Geschwister erhalten konnte. Aber auch in dieser Stellung hielt er es nicht lange aus, bereiste vielmehr ganz Ungarn und GaMzien und kam dann auch nach Wien, wo er im polnischen Tempel vorbetete und als Wunderkind angestaunt und enthusiastisch aufgenommen wurde. Nach weiterer dreijähriger Wanderung kehrte er abermals nach Hause zurück, machte eine kurze Mutationszeit durch und ging dann nach Prag zum Kanton Kömer, von dem er den ersten musikalischen Unterricht ehielt. Im Alter von 18 Jahren wurde er als Kantor in Neusatz angestellt, woselbst er 2 Jahre verblieb. Mittlerweile hatte sich seine Tenorstimme zu außerordentlicher Kraft und Schönheit entwickelt, so daß er sich verleiten ließ, ein Engagement am Pester Theater anzunehmen. Dort fand Goldstein in dem Kunstfreunde Moritz Adler einen Gönner und Förderer seinies großen Talentes. Dieser ließ in durch Professor Marchese ausbilden, worauf er einen Ruf als erster Tenor' nach Florenz ehielt. Auf der Reise dorthin wurde er jedoch von Heimweh überfallen und machte kurzerhand Kehrt. Auf dieser Heimreise berührte er auch Wien, wo damals gerade der LeopoldstädteT Tempel im Bau begriffen war. Hier in Wien wurde seine Liebe zum Kantomate wieder in ihm wach und dies veranlaßte ihn, sich um den Kantorenposten am neuen Tempel zu bewerben. In Dr. J e 11 i n e k fand der kleine große Sänger einen eifrigen KAUF UND VERKAUF .VON REALITÄTEN JEDER ART SOWIE ÜBERNAHME VON HAUSVERWALTUNGEN DURCH ARCHITEKT HERA/INN EBENSP/INQER WIEN IX., LATSCHKAGASSE 4 / TEL. A16-5-15 Fürsprecher und so wurde Goldstein nach einem Probesingen von dem damaligen Präsidenten der Kultusgemeinde von Sychrowsky und dem gesamten Vorstande unter außerordentlichem Beifalle zum Kantor gewählt. In dieser hervorragenden Stellung bildete er sich immer weiter aus und wurde so zur Weltberühmtheit. Mehr als vier Dezennien wirkte Goldstein am Großen Leopoldstädter Tempel, begeisterte seine Zuhörer durch seine große, schöne, in allen Lagen leicht ansprechende, herrlich klingende Tenorstimme, durch seine Bezaubernde Gesangskunst und sein überaus großes Chasonus, das besonders durch seine brillantei Koloratur, mit der er die schwersten Passagen mühelos meisterte, zur Geltung kam. Josef G o 1 d s t e i n, der in Sulzer den großen Schöpfer und Meister der Synagogenmusik verehrte, hielt sich strenge an den „Schir-Zion". mit dem er sein hervorragendes Chasonus in vorbildlicher Weise verband und so damit Schule machte. Da Sulzer für Baritonstimme komponiert hatte, verstand es Goldstein, sich diese Kompositionen auf seine Art zurechtzulegen und die Rezitative wirkungsvoll für seine Tenorstimme zu transponieren. Goldstein war auch als Komponist erfolgreich tätig; er komponierte ein Synagogengesangswerk „Schir Jeschuirun", ein Requiem, viele bedeutende Psalmen und eine große Zahl herrlicher Keduschos. Selbstverständlich war Goldstein selbst der beste Interpret seiner eigenen Kompositionem Diesen großen Künstler mußte man, um ihn richtig einschätzen und würdigen zu können, an den „Jomimi noroim" gehört haben; da war er einzig sowohl als Chasen wie als gottbegnadeter Sänger. Sein „unesane tokef, sein „Malchios Sichronos" und „Schofros", seine „Owinu malkenus" und sein „Neilagebet" sind unerreicht geblieben. Nicht minder hervorragend war sein „Schiro- und Megilla-leinen", seine „Echo" und „Kinos" am „Tischo beow" und sein „Scholau'schregolämdawenen" waren meisterhafte künstlerische Leistungen. Wie groß die Bedeutung Josef Goldsteins als Sänger und Chasen war, tritt gerade dadurch besonders deutlich hervor, daß er es neben dem Großmeister des Kantorates Prof. Salamon Sulzer zur Weltberühmtheit bringen konnte. Goldstein fand auch große Anerkennung und Verehrung für seinen klassischen Lieder- und Opernarien-Gesang nicht nw in seinem Berufskreise, sondern auch von Seite der Wiener Künstler, die an dem Oper und Burg wirkten und dieser Anerkennung und Verehrung wurde bei besonderen Gelegenheiten, wie z. B. anläßlich seiner Jubiläen wiederholt in auszeichnendster Weise Ausdruck verliehen. So ist dieser große Künstler und Sänger des Herrn leider in voller Manneskraft wie ein starken Baum vom Sturm gebrochen und gefällt worden. Sein Andenken aber wird, wie heute nach 30 Jahren, noch lange fortleben iii der Geschichte der altehrwürdigen Kultusgemeinde Wien und in den Herzen aller, die das Glück hatten, ihn zu kennen und zu hören. Gedächtnisfeier für Oberkantor Josef Goldstein. Montag, den 17. Juni 1929, um V27 Uhr abends, findet im großen Leopoldstädter Tempel, II., Tempelgasse 3, eine vom Bethausvorstande veranstaltete Gedächtnisfeier anläßlich des 30jährigen Todestages des Oberkantors Josef Goldsteins. A. statt. Bei dieser Feier gelangt das von dem genialen und unvergeßlichen Meister komponierte Requiem (Psalm 49) zur Aufführung. Die Gedenkrede hält Se. Ehrw. Herr Rabbiner Dr. Max Grunwald. \\M\Ml\ I Dentöl WIEN I., Sellenstettengcsse 2 Tel. U 28-1-28 XI., Zentralfrledhof, neben dem 1. Tor, Tel. U18-0-85