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Die Wahrheit · 1929-01-11 · Heft 2 (11.1.1929) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 2 (11.1.1929)
Date
1929-01-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
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^eite g MMtttHiuiiiUMiflnimByB^^ oje WAHRHEIT fassung Wekerles." Es ergab sich wieder, daß gleich wie gelegentlich früherer Festreden zu Ehren Kossuths, Petöfys, Deaks, Oetvös usw. usw. alles, was an diesen ruhmgekrönten Gestalten gepriesen wurde, von einem Teil der Festgäste begreiflicherweise wie eine beschämende Züchtigung empfunden wurde. Kein Wunder daher, daß das Gerücht zirkuliert, man denke in Regierungskreisen daran, die Gedenkfeiern zu Ehren der großen Männer der Vergangenheit ganz einzustellen. ■if. Ä * Bergson, der geniale französische Philosoph, der nunmehr durch den Nobel-Preis ausgezeichnet wurde, ist bereits der elfte Jude in der kleinen Schar von Nobelpreisträgern. Da den Juden „bekanntlich" das Geld alles bedeutet, ist wohl anzunehmen, daß die Juden jetzt, wo die Geschäfte so schlecht gehen, es vorteilhafter finden, sich ganz auf die Erwerbung der mit einem schönen Stück Geld verbundenen Nobelpreise zu werfen. Daß da nebenbei auch ein bißchen Ehre einzustecken ist, schadet gewiß nichts. Ego. Henri Bergson. Aus einem Vortrage. Von Dr. Max Grunwald. (Schluß.) Nicht die „Dauer" kann man messen, sondern sozusagen ihre Leiche, den Strich auf dem Papier. So studiert der Anatom ein Tier an der Leiche. Aber das Leben des Tieres erfaßt er nicht daraus. „Fehlt leider nur das geistige Band." Mai? dürfte vielleicht sagen: ich kann auch die „Dauer" messen, denn in Wirklichkeit läßt sich ja auch ein Kreis in unendlich viele, unendlich kleine gerade Linien zerlegen. Dabei hat er eben nur die Eigenschaft des Kreises verloren. Hiermit im Zusammenhange steht auch die falsche Auffassung von dem Vorgange, wie in uns ein Willensakt, ein Entschluß zustande kommt. Bisher hat man sich die Entstehung des Willens nach Art eines Kampfes in einer Arena vorgestellt. Verschiedene Strebungen ringen in unserer Seele miteinander und diejenige, die siegt, ist dann unser Entschluß, unser Willensakt. Bergson aber sagt: das ist wieder eine Zerlegung von Unzerteilbarem in räumliche Vorstellungen. Es ist die Vorstellung eines Kaleidoskopes mit den verschiedenen farbigen Steinchen oder eines Glases mit Kugeln, das man schüttelt, bis eine zu unterst bleibt. Die Seele ist aber kein Gefäß, und die Gefühle sind nichts Räumliches. So verstehen wir auch, weshalb bisher über die menschliche Willensfreiheit nur falsche Hypothesen aufgestellt wurden. Die eine dieser Hypothesen ist die mechanistische. Diese lehrt: es entsteht eine Wirkung immer aus einer Ursache und aus den gleichen Ursachen entstehen immer die gleichen Wirkungen, und wenn wir von irgendeinem Dinge alle Ursachen beisammen haben und sie kennen, können wir ganz genau die Wirkung vorhersagen. Bergson erklärt: das ist ein Nonsens! Niemals wiederholt sich das Leben, es läßt sich etwa voraussagen, z. B. ein Komet in der Astronomie, in der Wissenschaft, die mit der Logik arbeitet, aber nie läßt sich etwas im Leben vorhersagen, und anzunehmen, aus gleichen Ursachen entständen gleiche Wirkungen, hieße soviel als vorauszusetzen: das Gleiche kehrt im Leben wieder. Dies geschieht aber niemals. Die entgegengesetzte Annahme ist die finalistische Hypothese. Sie meint: ,Alles, was geschieht, geschieht in Hinblick auf bestimmte Zwecke und Ziele. Bergson hält ihr entgegen: Auch hier wird angenommen, das Entstehen des Nämlichen aus dem Nämlichen, ein Grundsatz, der auf das wirkliche Leben keine Anwendung findet. Wir Menschen werden bestimmt durch Ursachen, meist durch Ursachen außer uns, durch Umstände im Leben, durch die Erziehung. In diesem Falle sind es aber nicht wir, die da handeln, nicht wir treiben, wir werden getrieben, anstatt selbst zu handeln, und die meisten Menschen leben und sterben, ohne das zu kennen, was Freiheit ist Freiheit ist etwas nicht Vorauszusagendes, freies Handeln ist die Ausprägung unseres ganzen Lebens in dem W i 11 e n s a k t. Das ist von hoher ethischer Bedeutung. Bergson stellt sich die ganze Entwicklung der Welt vor nach dem Gleichnis des winzigen Gummibandes als eine „Spannung", und sobald das Band nicht mehr angespannt wird, entsteht eine „Ausspannung". Sobald eine Ausspannung erfolgt, wird der Geist ein Automat. „Hütet Euch vor dem Automatismus, bleibt Persönlichkeiten!", so ruft uns Bergson.zu. Wie können wir uns dieses Schwanken zwischen „Spannung" und „Ausspannung" (Extension) anschaulich machen? Denken wir uns, wir seien nicht ein Mensch, nicht ein Lebewesen, sondern wir seien eine Farbe, etwa Orange; wir ständen also an zweiter Stelle im Farbenspektrum (rot, orange, gelb, grün, blau, indigo und violett). Diese Farberiskala ist wie ein Fluß, ein unmerkliches Uebergehen des einen Stadiums in das andere. Rot hat die langsamsten Schwingungen, Violett die schnellsten. Wie empfinden wir nun Orange? Wir fühlen uns in diesem Fluß getrieben aufwärts nach dem Gelb und fühlen hinter uns das Rot, dem wir enteilen. Das ist der Weg der „schöpferischen Entwicklung", wie Bergson es bezeichnet. Das ist die Entwicklung von der Materie aufwärts durch die Straße der Wirbeltiere bis hinauf zum Menschen. Besonders der Pädagoge wird das leicht begreifen. In jedem Kinde stecken verschiedene Personen, unter diesen Personen findet eine Auslese statt und eine dieser Personen entwickelt sich dann zum gereiften Menschen. Diesen Gegensatz zwischen. „Spannung" und „Ausspannung" (Ausaehnung, Materie) hat Bergson in einer seiner frühesten Schriften, „Das Lachen", mit bestem Erfolg auf die Aesthetik übertragen. Nach Bergson kann immer nur ein Mensch, ein Wesen mit der Möglichkeit, mit der Fähigkeit zur „Spannung", komisch wirken. Eine Landschaft kann schön, traurig, trostlos sein, aber niemals kann sie lächerlich oder komisch wirken. Ich will einige Beispiele wählen, die uns am nächsten liegen. Viele unter uns kennen gewiß das Buch: „Auch einer" von Vischer. Wie komisch wirkt es da, wenn der Held des Romans seiner Angebeteten sich erklärt und plötzlich von einem unaufhörlichen Niesen befallen wird, oder wenn Hjalmar Egdal die idealsten Forderungen auistellt und dabei in Gemütsruhe sein Butterbrot verzehrt. Komisch wirkt in einem Aufsatz Karlchen Miessniks die Wendung: „Der Mann war tugendhaft und wohlbeleibt" oder wenn ein Tourist in einer Gegend einen Vulkan erloschen vorfindet, auf den ihn der Baedeker hingewiesen, und wenn er den Anwohnern den Vorwurf macht: „Da hatten sie einen Vulkan und haben ihn ausgehen'lassen!" Bergson selbst führt als Beispiel den Bericht Napoleons über seine Begegnung mit der Königin Luise von Preußen in Tilsit an. Er erzählt, sie empfing ihn mit den Ausrufen: „Gerechtigkeit, Sire, Magdeburg, Gerechtigkeit!" Er lud sie ein, sich niederzusetzen, weil jedes Pathos erstickt wird, wenn wir uns niedersetzen. Und wenn wir uns zum Schlüsse fragen, was ist denn jüdisch an diesem Bergsonismus, so könnten wir anknüpfen an einen Brief, den Bergson an einen Theologen geschrieben, in dem es heißt: „In meinen drei Hauptwerken glaube ich bewiesen zu haben die Tatsache der Freiheit, die Realität des Geistes und der Schöpfung als Tatsache. Daraus ergibt sich klar die Existenz eines Wesens, dessen Schöpferkraft auf Seiten des Lebens fortwirkt in der Entstehung der Arten und in der Bildung der menschlichen Persönlichkeiten!" Gewiß ein bemerkenswertes theistisches Bekenntnis des Philosophen, das aber nicht hindert, daß man seine Werke in Rom auf den Index gesetzt hat. , Wir brauchen uns aber nur die eine. Tatsache vor Augen halten, daß es nach der seelenlosen schrecklichen Zeit des Materialismus einem Bergson gelungen ist, dem Spiritualismus zum Siege zu verhelfen. Die Kraft Bergsons äußert sich besonders in seiner zermalmenden Kritik früherer Systeme, vor ailem der mechanistischen Weltanschauung. Bergson hat uns die Existenz der Seele gerettet, er hat dem Menschen die Freiheit wiedergegeben. Es ist wahr, er hat durch den Kampf gegen die einseitige Wissenschaftlichkeit sich einen Vorwurf der Rationalisten zugezogen. j Herren- und Damenkleider! S nach Hall sowie fertig lagernd, nur Qualitätsware, billigste Preise. 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