Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 2 (11.1.1929)
- Date
- 1929-01-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiwhiiiiimiHwiiiiiiiiM^ Seite 0 i fnülieler i Deitsft WIEN l.t Seltenstettengasse 2 Tat. U 28-1.28 XIMZentrairrledhof, neben dem 1. Tor, Tel. U18-0-85 die Anklage, daß er dem Mystizismus und Aberglauben Tür und Tor geöffnet hat. Es ist bezeichnend, daß die Zöglinge eines französischen Gymnasiums eines Tages erklärten, sie wollten sich nicht länger mit mathematischen Aufgaben plagen lassen, da jaBergson die absolute Zuverläßlichkeit der Wissenschalt bestreite. Bergson ist der eriolgreichste Qegner des einseitigen Intellektuismus, der länger als fünfzig Jahre geherrscht hat und der glaubte: weil es gelungen ist, künstliche Ameisensäure herzustellen, lasse sich alles Leben, auch Beethovens Neunte' und Rembrandts Nachtwache mit einbegriffen, in chemische Formeln fassen. Er hat vor allem seine Bedeutung, wenn wir ihn mit dem als Biologe mit Recht gefeierten Ernst Mäckel vergleichen. Wir müssen diesem Apostel des Monismus gegenüber und seiner Behauptung, daß nun alle Welträtsel gelöst seien, einen Bergson würdigen als den neuerstandenen Propheten der Selbständigkeit des Geistes und seiner Superiorität über die Materie. Während der Mechanismus das Leben aus der Materie ableiten will, lehrt Bergson, daß die Materie nur die Umkehrung des Lebens, die Negation der Wirklichkeit, der zum Licht gehörende Schatten ist. Bergson hat für den Gottesbegriff wieder Raum geschaffen. Indem er das Seelenelement, das im Menschen sittlich wirkt, als ein über den Menschen hinausreichendes kosmisches Prinzip anerkennt, hat er den Weg gezeigt, zu dem Begriff eines heiligen Gottes zu gelangen, der sich im Menschen und seinem ethischen Streben offenbart. Auf eine Umfrage: „Erleben wir eine Auflösung oder eine Entwicklung des religiösen Gedankens und Gefühles?" antwortete Bergson: „Ich kann nur sagen, daß das religiöse Gefühl mir nicht der Auflösung verfallen zu sein scheint. Nur das Zusammengesetzte ist auflösbar. Aber, obwohl ich zugebe, daß das religiöse Gefühl sich allmählich bereichert und mit sehr verschiedenen Elementen versetzt ist, ist darum nicht weniger wahr, daß es in seinem Wesen etwas Einfaches und sui generis ist, das keiner anderen Seelenbewegung ähnelt. Dürfte man nun sagen, daß ein einfaches Element sich, wenn nicht zersetzen, so doch verflüchtigen könne, und daß das religiöse Gefühl in natürlicher Weise verschwände, wenn es kein Objekt mehr fände, an welches es sich anschließen könnte? Das hieße vergessen, daß der Gegenstand des religiösen Gefühles, zum Teil wenigstens, diesem Gefühl selbst innewohnt, daß er mehr „gefühlt" als „gedacht" ist, und daß der Gedanke hier die Wirkung des Gefühles ebenso wie seine Ursache ist. Die Vertieiung des Gedankens wird daher das Gefühl mehr und mehr erhellen, aber nicht in seinem wesentlichen Gehalt beschränken, geschweige denn es verschwinden lassen können." Gott ist, religiös gesprochen, das, was Bergson philosophisch den Impuls, die Schwungkraft des Lebens nennt. Religion ist das Gefühl der Einheit mit diesem Lebensschwunge und Lebensgrunde. „Sie verleiht", wie er sagt, „gesteigerte Kraft.zum Tun und zum Leben". Das Bewußtsein, von einer so mächtigen schöpferischen Kraft getragen zu sein, spornt zu der Hoffnung an, daß sie auch durch uns Großes wirken kann. „Die gesamte Menschheit in Raum und Zeit wird zum ungeheuren, neben jedem von uns galoppierenden Heere, vor uns und hinter uns in hinreißendem Vorstoß, fähig, alle Hindernisse zu überreiten und die größten Widerstände zu überwinden — vielleicht selbst den Tod." „Eine Philosophie", sagt Bergson, „die nicht die Möglichkeit des Unsterblichkeitsglaubens erweisen könnte, ist nicht die Mühe einer Stunde wert". Gott — Schöpfer ist ihm offenbar eine Persönlichkeit, die wir freilich nur nach Analogie der menschlichen ahnen können. Seine Philosophie ist eine. Vermittlung zwischen Verstandes- und Intuitionserkenntnis, zwischen Realismus und Idealismus, zwischen Monismus und Theismus. Bergson ist Jude. Daß der Mann, der eine so übergroße lebendige Tat vollbracht hat, unser Stammes- und Glaubensgenosse ist, das darf uns Juden mit Befriedigung erfüllen, uns in unser Judentum, neues Vertrauen setzen lassen. Wenn wir sehen, daß es heute noch stark genug ist, solche Geister aus seinem Schöße hervorzubringen, dürfen wir neuen Mut fassen in dem schweren Kampfe, den wir heute mehr denn je um unsere Selbsterhaltung und Ehre zu führen haben. VSeäuJwUe^vonilag» Warum Herr Stricker bös ist! Die Auslassungen des Herrn Robert Stricker über Wassermann haben in weitesten Kreisen der Wiener Judenschaft Abscheu hervorgerufen. Von verschiedenen Seiten werden wir angefragt, wie es möglich ist, daß ein Publizist, der jüdische Interessen zu vertreten vorgibt, in solch gehässiger Weise über einen Dichter herzieht, auf den das Judentum nur stolz sein kann. Wir linden auch keine andere Erklärung für dieses unglaubliche Verhalten des Herrn Stricker als seine Wut gegen Wassermann. Denn dieser hat auf die persönlichen lnvektiven des „demokratischen" Zionisten in einer Form geantwortet, die dieser übel aufnehmen mußte. In einem Briefe Wassermanns an Dr. Felix W e 11 s c h, den Redakteur der Prager zionistischen „Selbstwehr" heißt es: „Ich habe die Portion Schmutz, die mir Herr Stricker ins Gesicht warf, nicht näher untersucht, weil ich mich mit solchen bassessen aus Grundsatz nicht befasse und aus der Deberschritt und den Anfangszeilen des Artikels schon sehen konnte, auf welchem Niveau der Mann kämpfte; so weit konnte ich mich nicht hinunter begeben. So erfuhr ich erst aus Ihrem Brief zu meinem großen Staunen, in welchen giftigen Niederungen sich der Herr bewegt und daß er vielleicht gar erwartet, ich solle mich mit ihm in Auseinandersetzungen über mein Privatleben einlassen, was mir nicht im Traum einfällt/4 Das mochte freilich Herrn Robert Stricker bös machen. Numerus-clausus-Propazanda in Berlin. Der Berliner „Montag-Morgen" weist darauf hin, daß just in den Tagen, da der amerikanische Botschafter Schurmann der Heidelberger Universität die 500.000 Dollar der New Yorker Bankiers (unter den Spendern befanden sich bekanntlich mehrere prominente amerikanische Juden) feierlich in die Hand drückte, sich Berliner Studenten zusammensetzten und beschlossen, „daß an den deutschen Hochschulen endlich dem leuchtenden Ruhm Budapests zu folgen und ein .Numerus clausus für fremdstämmige Studenten' geboten wäre". Die Zeitung fährt fort: „Nun ist ja die Bezeichnung: .Die Studentenschaft der Friedrich-Wilhelm-Universität', als welche sich der Antragsteller hier auftut, ein glatter Schwindel, eine Art intellektueller Urkundenfälschung, direkt gemeingefährliche Irreführung der Oeffentlichkeit. Denn die .Allgemeine Studentenschaft der Berliner Universität' ist seit dem Kriegszustand mit dem preußischen Kultusminister bekanntermaßen nichts weniger als die offizielle Berliner Studentenschaft, die im Namen aller etwas zu fordern berechtigt ist, sondern ein trauriger Haufe nationalistischer und völkischer Unentwegter, denen sich die kommunistische Gruppe beigesellt hat. Soweit könnte man also die Sache auf sich beruhen lassen und mit einem Achselzucken zur Tagesordnung übergehen. Aber mag es eine noch so belanglose Minderheit, mag es auch nur der „Völkische Beobachter" sein, der ihr hysterisches Pathos ernst S. Grüners 3*2 Restaurant II., Zirkusgasse 30 Telephon R 43-1.SO VorzUgl. Wiener, ungarische und orientalische) (rumänische) Köche. Mittag und Abend Menü nach Wahl. Erstklassige Getränke.