Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 34 (14.8.1936)
- Date
- 1936-08-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 34 — 14. August 1936 DIE WAHRHEIT dein, wären die Jüdischnationalen prompt mit ihrem Spotte über die „Paradechristen" zur Stelle. So aber billigen sie diesen die Aufgabe zu, Herrn Hitler als Vorbilder zu dienen, wie sich Arier den Juden gegenüber verhalten sollen. Indes brauchte der deutsche Reichskanzler solche Vorbilder, wenn er ihnen Beachtung schenken wollte, nicht im Ausland zu suchen. Er hat erst dieser Tage von reichsdeutschen Pastoren, also von Volksgenossen, ein Schreiben erhalten, in dem die evangelischen Seelenihirten dem nationalsozialistischen Judenhaß das biblische Gebot der Nächstenliebe entgegenstefllten. Wir haben schon früher von einem Pastor im Dritten Reiche gehört, der den Konfirmanden- Unterricht dazu benützte, seinen Schülern, durchwegs Hitler-Jungen, den Judenhaß auszureden. Solche Mahnungen sind ungleich höher zu werten alsBegrüßungsfloskeln an irgendeinen jüdischmiationalen Kongreß, denn sie entspringen nicht der Höf- Jichkeitspflicht in Ausübung eühar repräsentativen Stellung, sondern der GewSssenspflicht von Männern, die ihre soziale Stellung für das einsetzen, was sie für recht erkennen. Wenn sie* trotzdem Hitler nicht von der Schändlichkeit des Antisemitismus überzeugen konnten, wie sollten das Kongreßredem der Jüdischnationalen, die nach vierzig Jahren zionistischer Propaganda, nach zwanzig Jahren Balfour-Dekiaration noch immer vergeblich um den Beweis befmüht sind, daß der Judenstaat in Palästina ein WeitbedürMs sei? Die Eröffnungsreden der Veranstalter des „Weltkongresses" klangen denn auch einigermaßen skeptisch. Der Hauptpionier der Kongreßpropaganda, der amerikanische Rabbiner Dr. Stephen S. WlSise erkJä|rteL dler jüdische Weltkongreß werde keine Wunder vollbringen. Er taxiert also ganz richtig die beabsichtigte Heilung der nationalsozialistischen Führer vom Rassenhaß als eta Wunder. Aber dieses Wunder ist ja in den letzten Wochen Ereignis geworden! Dieselben Führer, die den deutschen Juden sogar das gemeinsame Baden mit arischen Deutschen verboten haben: klatschen jetzt begeistert Beifall, wenn sie ihre deutschen Volksgenossen im Schwimmen, Ringen und allen anderen Sportdisziplinen die Kräfte mit Minderrassigen messen und dabei oft genug unterliegen sehen. Dem Wiener Juden Robert Fein, nach seinem Siege im Stemmen durch Schiedsrichtermachinationen auf den zweiten Platz verwiesen, würde ex praesidio nachträglich die goldene Medaille zuerkannt, was in diesem Zusammenhang deshalb Erwähnung verdient, weil es seit dem Beginn des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland den ersten Fall bedeutet, daß ein an einem Juden begangenes Unrecht vom einem internationalen Forum wieder gut gemacht wurde. Das berüchtigte Hetzblatt „Der Judenkenner" wurde zu Beginn der Olympiade eingestellt mit der Motivierung, daß es bei Bekämpfung der Juden den journalistischen Anstand verletzt habe. Von allen Wundern, die da in Hitler-Mizraim geschahen, ist die Besinnung auf die journalistische Anstandspflicht den Juden gegenüber wohl das größte. Die Möglichkeit solcher Wunder erscheint bedingt durch ihre Rentabilität. Wenn es für den nationalsozialistischen „Idealismus" ein gutes Geschäft bedeutet, ist er sofort zu einem Waffenstillstand mit dem jüdischen „Materialismus" bereit. Kamn diese Lehre aus der Olympiade dem jüdischen Weltkongreß irgendwie von Nutzen sein? Die Referate, die man dort hörte, blieben die Antwort auf diese Frage schuldig. Man vernahm nicht einen einzigen positiven Vorschlag, sondern nur negative Feststellungen. Dr. Nahum Goldmann bezeichnete als das entscheidende Charakteristikum der jüdischen Lage in den Ländern der Diaspora, daß das Judentum nicht Herr seines Schicksals ist. Wie es sich damit derzeit in Palästina verhält, verschwieg dieser Call Pension Echsfcln Semmering Neu renoviert! Bevollmächtigte der zionistischen Organisation diskret Er beklagte ferner das totale Versagen aiter urkundlichen Vereinbarungen zum Schutze Die Geschichte des Wiener Judentums hat in den letzten zwei Jahrzehnten in Einzel- und Gesamtdarstellungen mehr Bearbeitung gefunden als in dem ganzen verflossenen Zeitraum. Man denke nur an Dr. Rosenmanns treffliche Biographien Mannheimers und Jeili'ineks, an Wachsteins „Wiener Ghetto" an S. Kraus' „Wiener Geserra", an Sigmund Mayers unübertreffliche Darstellungen, an Grunwalds kurzgefaßte für die Wiener Schuljugend bestimmte illustrierte Gesamtgeschichte, die einer der vielen beklagenswerten Mißgriffe des'.. sozialdemokratischen Regimes nicht zur Verteilung kommen ließ. Die monumentale, aber von einzelnen Irrtümern nicht freäe und für ein großes Publikum wohl zu schwer gefaßte Geschichte! Tietzes, der ja als Nichtjude vielfach nicht zu den ersten Quellen aufsteigen konnte und sich auf Gewährsmänner verlassen lnzlöe jadisffle Handelssdiale Kaufmännische Wirtschaftsschuie für Knaben und Mädchen. Unterricht nach dem normalen Lehrplan der Handelsschulen. r Wien II., TaborslraB« 39 Telephon Nr. A 45-6-57 Aufnahme in der Direktionskanzlei; An Werktagen, außer Samstag, von 10 bis 12 und 3 bis 5 Prospekte gratis # Erst kl. Lehrkräfte iÄPÖÄSTEONI IHOTEL ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang der Juden sowohl in den Friedensverträgen als auch in den Verfassungen der einzelnen Staaten. Das ist ein Eingeständnis des Fiaskos der jüdischnationalen Hoffnungen auf das von allen Einsichtigen von Anfang an abgelehnte Schutzrecht der Juden als nationale Minderheit. Aber welches Pos'iitivum schlägt der jüdische Weltkongreß dafür vor? Man erfuhr das nicht und empfing den Eindruck, daß es die Referenten selbst gern wissen möchten!. Trotz ihrer völligen Ziel- und Planlosigkeit wurden sie nicht müde, alle Juden zu eifrigster Mitarbeit aufzufordern. Sie beschworen durch dieses Gehaben die Erinnerung an eine boshafte Kritik herauf, die einst Dr. Viktor Adler einer gegnerischen Fraktion zollte, die mehr durch G'schaftelhuberei als durch ein klares Programm auffiel: „Die Herren wissen zwar nicht, was sie wolem, aber sie geben keine Ruhe, bis sie es durchgesetzt haben..." mußte, ließ den Wunsch nicht verstummen, eine moderne Gesamtdarstellung von jüdischer Seite erstehen zu sehen. Hiezu kommt, daß noch andere sehr anfechtbare Darstellungen von christlicher Seite erscheinen, so in letzter Zeit eine Publikation von Georg Glockenmayer „Zur Wiener Judenfrage1", die große Bedenken erregen muß. i Da ist es von außerordentlicher Bedeutung, daß fast gleichzeitig obgenannte Geschichte des Wiener Judentums vom Dr. Grunwald erscheint, eine Apologie, aber keineswegs einseitige Verherrlichung des Wiener Judentums, die leider — entsprechend der Not der Zeit — nicht in deutscher Sprache, sondern in Amerika als Publikation der Abraham Erlangeirischen Stiftung herauskommt. Die Uebersetzung des deutschen Originalmanuskriptes von Dr. Salomon Grayzel, das leider noch eine Verkürzung und Umarbeitung von Mister Albert Mordell erleiden mußte, auf dessen Wunsch die jüngste Gegenwart, so das Wirken der zwei vorletzten großen Oberrabbiner ausscheideln mußte, ist zum Glück so flüssig und leicht faßlich, daß bei der großen Verbreitung englischer Sprachkenntnisse, namentlich in der „VIENNA" Eine neue Geschichte der Wiener Juden. Von Rabbiner Dr. Max Grunwald. Philadelphia. The Jewish Publikation Society of America 1936. Scuiffeton. Südafrikanische Impressionen. 'i V. Reiseberichte Mai—Juli 1936. Von Dr. Margarete Ed elfte im, Berlin. Versuch eines Resumes. Während der Rückfahrt auf dem prachtvollen „Duilio" verdichten sich all die Eindrücke, die ich in Südafrika gewonnen habe, und allmählich versuche ich einigen Extrakt zu ziehen aus dem Einblick in den Aufbau jüdischen Lebens in einem Lande, das wiederum Diaspora ist Denn Palästina — auch wenn man es nicht als das „Vaterland" der Juden anzusehen vermag — ist kein Auswanderungsland. Wohl gibt es auch in Palästina neben den Einwanderern Auswanderer: Menschen, die nur um ihres eigenen Schicksals, nicht um des Landes willen, dort hingekommen sind, und die sich in ihrer seelischen Haltung von der Allgemeinheit isolieren. Aber dennoch, in Palästina, auch dort, wo ich es als Diaspora empfand wie in Jerusalem, steht das gesamte Leben, das geistige wie das wirtschaftliche, das politische wie das kulturelle unter dem einen alles und alle verbindenden Aspekt, der national-jüdischen Idee. Auch der Nichtzionist hat sich dort, indem er sich in die Synthese aller eingewanderten Menschen einzuordnen versucht, doch nur einer jüdischen Umwelt zu assimilieren, denn die Assimilation an die arabische ist ja weder gewollt noch erwünscht In jedem Lande der Diaspora aber muß sich der Auswanderer dem jeweiligen geistigen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Gesetz des betreffenden Landes unterstellen, also einer nichtjüdischen, nicht jüdisch orientierten Umwelt. Bei einer Untersuchung darüber, bis zu welchem Grad diese Einordnung zu erfolgen hat von wo ab sie jüdisch nicht mehr zu verwerten wäre, erkennt man am besten, mit wieviel Unrecht man den Begriff der Assimilation zu einem Schlagwort verflacht hat. Wenn man die Diaspora bejaht, und zwar nicht nur als Notlösung neben Palästina, das ja nicht Raum für alle Juden hat, sondern weil man aus der grundsätzlichen Auffassung von der weltweiten Bedeutung des Judentums in der nationalstaatlichen Konzeption eine Verengung sieht, dann muß man von allen Auswanderern fordern, daß sie so schnell wie möglich in den von ihnen erwählten Ländern aus Auswanderern Einwanderer werden. Das heißt daß sie in vollem Bewußtsein ihrer gesamtjüdischen Verantwortung sich in die kulturellen, politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Notwendigkeiten des Landes einordnen. Die Möglichkeiten und Grenzen dieser Einordnung haben wir in den letzten Jahren in Deutschland erkennen gelernt Diese Lehre wird der Einwanderer in seiner neuen Heimat nicht vergessen dürfen. Sie wird ihn davor schützen, eine flache Assimilation vornehmen zu wollen, und sie wird ihn befähigen, mit allem Takt der einem Neuzuwanderer im fremden Lande auch dem landesansässigen Juden gegenüber Pficht ist, geleitet von einem gesamtjüdischen Verantwortungsgefühl auch den ansässigen Juden als Beispiel und als Mahnung zu leben. Praktisch gesehen heißt das vor allem, daß sieh die Juden in ihrer Berufsstruktur der sozialen Struktur des Landes anpassen müssea Es wurde in dieser Aufsatzreihe verschiedene Male darauf hingewiesen, daß die Juden in der Südafrikanischen Union im wesentlichen auf zwei Berufe zusammengedrängt sind, auf den Handel und die akademischen Berufe. Die neuen Einwanderer der Jahne 1933—36 sind wieder überwiegend Kaufleute. Sie sind fast alle in Stellungen untergekommen, und es gibt sicher auch, noch für den einen oder anderen Spezialisten Platz. Aber darauf kommt es in diesem Falle nicht an. Selbst wenn noch Plätze für Kaufleute in Hülle und Fülle vorhanden waren, müßte man aus gesamtjüdischer Verantwortung heraus sagen: es sollte kein Jude mehr als Kaufmann in die Südafrikanische Union gehen, weil die Massierung in diesem Beruf schon jetzt stärker ist, als der Berufsstruktur der weißen Bevölkerung entspricht Und ähnlich steht es mit dem Akademiker. Dafür fehlt es an jüdischen Handwerkern. Südafrika ist erst im Begriff, sich eine Industrie zu schaffen. Es fehlt also überhaupt an weißen Handwerkern, und unter der Zuwanderung von Facharbeitern ist hier auch für Juden noch Platz. Natürlich wäre es auch wünschenswert daß ein Teil der ansässigen jüdischen jungen Generation, statt in die Hochschulen zu gehen, handwerkliche Berufe erwählte. Für uns ist wichtiger, daß zur Zeit jüdische Handwerker aus Deutschland dort Platz finden. Aber es müssen — nicht lediglich der Vorschriften der Trade Union wegen -- gründlich geschulte Handwerker sein. Die kurze Umschulung, wie sie vor allem Akademiker, die ihre Existenz verloren hatten, in den letzten Jahren durchgemacht haben, genügt nicht Diese Menschen sind in einem Lande wie Südafrika nicht konkurrenzfähig. Man hatte mir schon im vergangenen Jahre in Palästina immer gesagt: schickt uns nur gut geschulte Handwerker, andere haben wir allein genug. Aber immerhin, in Palästina können die Umgeschulten vielleicht noch Arbeitgeber finden, die gutherzig genug sind, sich die Zeit zu nehmen, den zu kurz Geschulten fertig auszubilden. In einem rein privatwirtschaftlich-kapitalistischen Lande, in dem die Entwicklung so stürmisch vorwärts geht wie in Südafrika, kann der Arbeitgeber in der Regel nicht das menschliche Interesse für den Arbeitnehmer aufbringen wie in Palästina, wo beide Teile Juden sind. Dort liegt der kurzgeschulte Handwerker sofort wieder auf der Straße, wenn er überhaupt jemals in einem Arbeitsplatz unterkommen sollte. Die Aus-