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Die Wahrheit · 1935-02-01 · Heft 5 (1.2.1935) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 5 (1.2.1935)
Date
1935-02-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 5 — 1. Februar 1935 DIE WAHRHEIT In Holland sind, wie eine Rundfrage des „Ausschusses für wirtschaftliche Information deutscher Emigranten" ergeben hat, seit dem 1. April v. J. gegen 100 Betriebe mit je mehr als 5 Arbeitnehmern gegründet worden, und zwar Herrenkonfektionsfabriken, Metallwarenfabriken, eine Fabrik für elektrochemische Instrumente, chemische Fabriken usw. Zum großen Teil werden in diesen Fabriken Waren erzeugt, die bisher in Holland nicht hergestellt wurden, und insgesamt sollen in ihnen gegen 4500 Arbeiter Beschäftigung gefunden haben. Leider fehlen einigermaßen zuverlässige Zahlenunterlagen über die wirtschaftliche Tätigkeit der Emigranten in den anderen Ländern. Aber wir wissen, daß es einzelnen von ihnen in den Balkanstaaten, sodann ir Portugal, in den skandinavischen Ländern ebenso wie in Italien gelungen ist sich nicht nur selbst eine neue Existenz zu gründen, sondern ihre Kräfte dem dortigen Wirtschaftsleben befruchtend dienstbar zu machen — was nicht zuletzt auch für viele der Re-Emigranten in Oesterreich gilt. Wir wissen, daß die Zahl dieser Emigranten, gemessen an der Gesamtzahl, klein ist und daß, wie Dr. Herbatschek im Leitartikel unserer letzten Nummer ergreifend schilderte, überwiegend ihr Los in der Fremde in materieller Beziehung traurig genug ist, wobei wir ganz davon absehen, die seelische Belastung zu schildern, in der sie, ohne Schuld von Heimat und Vaterland entfernt, leben müssen. Aber die Länder, nach denen sich die Emigration gerichtet hat, haben jedenfalls von ihr durchweg wirtschaftlich ungleich viel mehr Nutzen als Schaden gehabt. Soweit die Emigranten unterstützungsbedürftig waren und es noch sind, sind die Mittel zu dieser Unterstützung überwiegend von den Juden der ganzen Welt aufgebracht worden. Der Nutzen ihres Vermögensverzehrs aber, der Nutzen ihrer materiellen und geistigen Besitztümer, ihres Fleißes und ihrer dringenden Arbeitswilligkeit ist den Ländern zugute gekommen, in denen sie sich niedergelassen haben. Das hat auch der Flüchtlings-Kommissar MacDonald in seinem letzten Rechenschaftsbericht festgestellt, in dem esr nachwies, daß die Emigranten keineswegs eine finanzielle Belastung der Gastländer bedeuten, sondern i m Gegenteil ihnen manchen wirtschaftlichen Vorteil bringen. Das ist die andere Seite des Emigrationsproblems, die im Rahmen dieses Artikels gewiß nur oberflächlich und andeutungsweise behandelt werden konnte, die aber bei der Beurteilung des Emigrationsproblems nicht übersehen werden darf. ■ Die Offenbarung und die liberale Bewegung. Von Rabbiner Dr. Am 20. v. M. hielt die deutsche Vereinigung für religiös-liberales Judentum in Berlin ihre diesjährige Hauptversammlung ab, um grundlegende Fragen des religiösen Liberalismus in der Gegenwart zu erörtern und zu klären. Diesem Zwecke diente vor allem das Referat des Herrn Rabbiners Dr. Max Dienemann „Wo stehen wir heute?", mit dessen grundsätzlichen Thesen sich im folgenden Rabbiner Dr. A. K aminka auseinandersetzt Die Thesen, die aus Dr. Dienemanns Referat über das religiös-liberale Judentum gemeldet werden, haben einen überraschend konservativen Zug und es wird schwerlich auch nur einen orthodoxen philosophisch gebildeten Rabbiner geben, der sie ablehnen oder nicht wenigstens mit unwesentlichen Korrekturen akzeptieren würde. „Der jüdisch-religiöse Liberalismus geht aus von der Offenbarung Gottes und er wertet sie als ein dem Menschen übergebenes Gut, das er mit der Kraft seines Gefühles und seines Verstandes verwalten und in die Welt einbauen soll." Dagegen hätte weder Jehuda Halevi noch S. R. Hirsch eine Einwendung zu machen gehabt. „Er gibt der Gemeinschaft ihr überindividuelles Recht und erkennt dem Individuum nicht das Recht zu, sich ohne Zusammenhang mit der Gemeinschaft die Formen des religiösen Lebens zu prägen" — das ist ja die ganz uneingeschränkte Bindung durch die Tradition, mit Einschluß von Karo und Isserls und des Chassam Sofer. Denn was die streng Gesetzestreuen als „Thora Hak'doscha" über alle Diskussion erheben, ist ja eben das „Erbe der Gemeinde Jakobs". Die schüchterne Beifügung „frei von dogmatischer Festlegung" kann auch nach konservativen Grundsätzen zur Not als verzeihlicher Schönheitsfehler angesehen werden, denn schließlich kennt schon der Talmud den Grundsatz: Es kann ein Zeitpunkt kommen, da für Gott zu wirken ausnahmsweise dem Religionsgesetz zuwiderhandeln bedeutet, und jüdisch-religiöser Liberalismus zielt ja nach den Worten des Referates auf „Entfaltung des religiösen Lebens", also keineswegs auf dessen Einschränkung hin. Um so erstaunlicher sind die erläuternden Ausführungen zu den Thesen, die zu letzteren nicht so ganz passen und in sich nicht sehr klar sind, so daß ihre Weglassung für die Thesen vielleicht günstiger gewesen wäre. Sie bilden eine etwas schwankende Grundlage für ein Gebäude, das an sich ziemlich fest errichtet zu sein scheint. Das liberale Judentum bekennt sich grundsätzlich zur Offenbarung, „aber es begreift sie nicht als einen einmaligen geschichtlichen Vorgang". Ist denn das Volk Israel, das Hervortrten der Prophetie und der gesamten biblischen Lehre in seiner Mitte nicht in der Weltgeschichte einmalig? Ist seine Zerstreuung und Leidensgeschichte nicht einmalig? Hat seit Jahrtausenden irgendeine Lebensauffassung, Würdigung des Menschen, Vorstellung von Gott sich als höher, würdiger, segensreicher als die mosaisch-prophetische erwiesen, so daß deren Einschränkung oder unvermeidliche Ergänzung durch eine Art Nachtrags-Offenbarung in Frage käme? Und wenn eine solche in der Theorie erwünscht wäre (der Wunsch wäre durchaus nicht ketzerisch, ihn sprach bereits Jesaja aus: O, würdest du den Himmel wieder öffnen und herniedersteigen!) — wer von den Philosophen, Staatsmännern, Priestern oder Politikern bei uns oder in der weiten Welt hat jemals den Ernst, die Kraft, die Weihe und das Pathos der universalen Menschenliebe gehabt oder kann sie ausgerechnet in un- A. Kaminka. serem unglückseligen Zeitalter haben, um dem Weltepos der Schöpfungsgeschichte und der religiösen Sendung Israels, des faktisch zur Substanz gewordenen einmaligen Offenbarungswortes Gottes, etwas Gleichwertiges an die Seite zu stellen? Handelt es sich aber nui um eine jeweilige Interpretation nach dem Verständnis einer Geschichtsepoche und das Erwecken und Beleben des sinnlos erscheinenden Buchstaben, wenn dies der Gedanke des Liberalismus ist, so hat Maimonides, dessen Andenken jetzt gefeiert wird, es am besten gezeigt wie man fest auf dem Boden der Tradition, in grenzenloser Ehrfurcht vor dem geringsten Zipfel des materiellen Gewandes, in das sich die Offenbarung hüllt, dem Worte freisinnig frisches Leben einhauchen kann. „Offenbarung ist die stete Selbstmitteilung Gottes in Geschichte, Natur und Leben." Ich gebe mir Mühe, diesen vagen Spruch zu verstehen. Geschichte zerfällt in Gewesenes, das wir zwar ganz genau nicht kennen, aber aus dem wir doch ziemlich deutlich die Bewährung des Prophetenwortes vom Welken und Vergehen aller menschlichen Größe entnehmen; ferner in Werdendes, das wir noch nicht überschauen, und in Zukünftiges, das uns verhüllt ist Natur, und Leben sind■; ganz sicher Gebiete einer gewaltigen Offenbarung Gottes, die niemand mit mehr Ergriffenheit als der Dichter des Psalm 104 geschildert hat. Aber sie sind doch nur Objekte, denen der Mensch allein, der denkende, der religiöse Mensch als Subjekt gegenübersteht Woher sollen wir bei unserem Tasten und Suchen nach einem Lebensweg eine andere Stütze finden, als die uns durch ein Geschenk des Himmels glücklicherweise bereits, wie die fertig vorgefundene Welt und die Wundertatsache des Lebens, in der Ueberlieferung gegebene, sich für den religiösen Menschen bewährende Lehre? Doch die Einschränkung des Begriffes der Offenbarung hat für den Liberalismus einen praktischen Sinn. Er will, sagen wir es deutlich, die ihm kleinlich erscheinenden religiösen Lebensformen, etwa die minutiösen Speisevorschriften oder Sabbatverbote, als temporäre, zeitgebundene, von Menschen ersonnene Forderungen qualifizieren und aus der vermeintlich ethisch höheren oder logisch klareren Anschauung der Gegenwart heraus sie aus dem ewig gültigen Inhalt der Offenbarung ausschließen. So meint auch der Referent: „Religiöse Formen müssen immer in Uebereinstimmung mit der inneren Haltung einer Zeit sein." Natürlich liegt es in den Dingen dieser Welt und daher auch in den Lebensformen, daß sie sich von selbst abschleifen und „FAMILIEN SC NUTZ" Gemeinnützige Vereinigung für Familienfürsorge Wien II. Aspernbriickenaasse 2_ Tel. R 43-500 Unten Monatsbeiträge von S I bis 10 kann man bei uns sicherstellen: Studienbeiträge für Töchter und Sohne Ausstattungsbeiträge für Töchter Vorsorge für das Alter und für die Hinterbliebenen Unsere Vorteile: 1. Geringe Beiträge. 2. Hohe Versicherungssummen. 3. 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Wenn der Liberalismus mehr Wärme und Licht hätte, würde er keine noch so geringe Form finden, mit der nicht „religiöses Bewußtein und Zusammenhang mit Geschichte und Gemeinschaft" zum Ausdruck käme. Es kann in einem Hause ein jüngerer Bruder, vielleicht ein Kind noch, den Vater dadurch ehren, daß er ihm die Hausschuhe reicht, während der ältere Bruder ihm zu Ehren bereits an einer philosophischen Dissertation arbeitet; das Gemeinsame ist ihre Liebe zum Vater. Wenn der Liberalismus auf Grund seines Glaubens an die Macht abstrakter Ideen und logischer Schlüsse den Mut hat (auch noch in unseren Tagen), sich als älteren und weiseren Bruder zu betrachten, so darf er doch nicht Kriterien aufstellen für die Ausschließung religiösen Gutes der anderen, der Einfacheren im Geiste, die dadurch implicite als inferior erscheinen, während sie vielleicht mehr gesammelte Kraft, ein tieferes Gefühl für das Unendliche im Winzigen und in der Scherbe eines alten Brauches, mehr Feuer bewahren, als im vollen Herde derer zu finden ist, die sie geringschätzen. Es würde daher die jüdisch-liberale Bewegung, deren ethische Berechtigung ich keineswegs verkenne, am besten tun, wenn sie auf jedes Epitheton verzichten würde und nichts anderes sein wollte,' als eine religiöse Bewegung innerhalb der gebildeten, bis jetzt indifferenten Judenheit. Ich würde eine Organisation dieser Bewegung sogar für überflüssig halten, wenn ich nicht, in der Mitte einer der größten Gemeinden lebend, sehen würde, wie in Ermanglung jeder formalen religiösen Bindung der überwiegenden Mehrheit der Gemeinde, die vom Leben und Denken der Orthodoxie himmelweit entfernt ist, unter den Intellektuellen ein religiöser Nihilismus entstanden ist und viele, auch führende Männer, „im Prinzip" mit der äußersten Orthodoxie gehen, weil sie im Konkreten für sich und ihre Kinder nichts, aber auch gar nichts mehr von den häuslichen oder synagogalen religiösen Lebensformen erhalten haben — außer daß sie etwa am Jahrzeitstage der Eltern ein Licht anzünden, das symbolisch auch dem für sie gestorbenen Judentum gelten kann. Eine ernste religiöse Bewegung würde sich da liberal auswirken, ohne daß sie im vorhinein eine Marke trüge, die sie in einen Gegensatz zu den treuen Bewahrern der Ueberlieferung bringen muß. Gegen den Jüdischen Weltkongreß. Der Präsident des Board of Deputies of British Jews Neville Laski äußerte sich Vertretern der Presse Englands gegenüber, die ihn um eine Stellungnahme zu den im Vordergrund des allgemeinen Interesses stehenden Problemen der Verteidigung jüdischer Rechtspositionen baten, ausführlich über die Beobachtungen, die er bei seinem jüngsten Aufenthalt in Amerika und bei der Zusammenarbeit mit dortigen jüdischen Körperschaften und Persönlichkeiten gemacht hat. Eine der Fragen, die die amerikanische Judenheit zur Zeit am stärksten bewegen, erklärte Neville Laski, seien die bevorstehenden Wahlen zum amerikanisch-jüdischen Kongreß als ein Vorspiel zum geplanten jüdischen Weltkongreß. Seine Teilnahme an der Jahrestagung des American Jewish Comittee, die bekanntlich die Beteiligung am Weltkongreß ablehnte, und die Einladung, auf dieser Tagung zu sprechen, habe er benutzt, um sich in erster Linie zu dieser Frage zu äußern. Hierbei habe er nicht nur im eigenen Namen, sondern auch in demjenigen einer Reihe von Freunden gesprochen, auf die er ausdrücklich Bezug genommen habe. Für seine Person wüßte er kein nützliches Ziel, dem ein jüdischer Weltkongreß in dieser Zeit dienen könnte. In diesem Augenblick würde der Kongreß, welchen Wert immer er in einem anderen Zeitpunkt haben möge, nur de Judengegnern Waffen in die Hände spielen. Hierzu komme, daß die beiden vorangegangenen Experimente in Genf keinen einzigen konstruktiven Gedanken für die Lösung der aktuellen jüdischen Probleme gebracht hätten. Immerhin wiederhole er, was er schon früher erklärt habe, daß kein verantwortungsbewußter Mensch iür die Argumente anderer unzugänglich sei; werde man ihn und seine Freunde davon überzeugen können, daß das Gegenteil ihrer jetzigen Ansichten richtig ist, dann würden sie dies sicherlich öffentlich zugeben. Soweit es ihm seine Zeit gestattet habe, fuhr Neville Laski fort, habe er sich bemüht, Beziehungen zu Vertretern möglichst vieler verschiedener Ansichten anzuknüpfen, von denen er erwarten durfte, daß sie ihm einen Einblick in das Leben der amerikanischen Judenheit verschaffen würden. Während seines Aufenthaltes in Amerika habe er keine Erfahrung gemacht, die ihn zu der Ansicht hätte führen können, daß die vom Board of Deputies und vom Joint Foreign Committee geübte Methode, jüdische Probleme der Gegenwart zu behandeln, unrichtig wäre. Er halte weiter an der Ansicht fest daß eine andere Methode die ohnehin schwierige'Lage nur noch verschärft hätte Das jüdische Problem bilde, wie er oft schon auseinandergesetzt habe, nur einen sehr kleinen Teil der durch eiue höchst komplizierte Weltlage n entstandenen Fragen. Welche Vorstellung immer wir von

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