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Die Wahrheit · 1935-02-01 · Heft 5 (1.2.1935) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 5 (1.2.1935)
Date
1935-02-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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lü^üsassimsi niE WAHRHEIT Nr. 5 — 1. Februar 1935 Restaurant Höfel Stefanie vormals Opeier II , TaDorslraße 12, Tel. D 46-5-57 Ausgiebige Braien-Menus S 1.60 \\6/D „ Getlügel- „ S 2.20 Vorzogt.che Zubeieitung — Scbwecbater Biere — Naiurwcine bers der „Stimme" festgestellt, daß von^em in seinem Artikel mit Absicht unerwähnt gelassenen unionistischen Vizepräsidenten der Kultusgemeinde in seiner Eigenschaft als seinerzeitigen Obmann der Schulkommission die Bibelschulen errichtet und ausgebaut wurden, daß von dem gleichen Manne die Ausgestaltung des Jugendgottesdienstes initiiert wurde. Wurden vielleicht diese Institutionen vor dem Jahre 1932 nicht auf Kosten der Kultusgemeinde erhalten? Schließlich ist ein besonderer Teil des Artikels der „Stimme" dem Zu bau des Versorgungshauses gewidmet. Ich bin weit davon entfernt, die besonderen Leistungen des Herrn Kultusvorstehers Dr. I. H. Körner im Dienste der Versorgungsanstalt nur im geringsten zu schmälern. Aber ich habe ein Recht darauf, dem Schreiber dieser Zeilen zu sagen, daß der Zubau zur Versorgungsanstalt, der bereits vor vielen Jahren zur Zeit der unionistischen Mehrheit beschlossen wurde, niemals möglich gewesen wäre, wenn nicht drei opferfreudige Mitglieder dieser Gemeinde das Geld für den Neubau zur Verfügung gestellt hätten. Wie ernst der Inhalt dieses Artikels zu nehmen ist, beweist wohl diese ein© Tatsache der Verschweigung der hochherzigen Wohltäter am besten. Der Schreiber dieser Zeilen übersieht aber weiters, daß die Erhaltung der Versorgungsanstalt und des neuem Zubaues aus den Geldern aller Steuerträger der Gemeinde erfolgt und daß keine politische Partei «in Recht darauf hat, den Ausbau und die Erhaltung dieser Anstalt als ihre Leistung hinzustellen. Ist dem Schreiber der „Stimme" unbekannt, daß neben dem Leiter des Versorgungshauses, Herrn Kultusvorsteher Dr. Körner, auch ein unionistischer Mandatar wirkt, der sich voll und ganz in den Dienst dieser Sache stellt und von dessen Tätigkeit gerade Herr Dr. Körner immer wieder mit den Worten besonderen Lobes rückhaltslos spricht? Ist dem Schreiber der „Stimme" weiters bekannt, daß die unionistischen Mandatare jederzeit, auch in der Zeit des Konflikts mit der Majorität, alles taten, um den Ausbau des Versorgungsnauses zu fördern? Und ist dem Schreiber der „Stimme" schließlich nicht bekannt, daß der Obmann der Baukommission, dem die Herstellung des Zubaues anvertraut war, ein unionistischer Mandatar ist? Es würde zu weit führen, wollte man diesen meiner Meinung nach von einem Nichtkenner der Verhältnisse geschriebenen Artikel detailiert widerlegen. Die bisherigen Ausführungen werden wohl genügen, dem Schreiber des Artikels und alle diejenigen, die vielleicht in Unkenntnis der Verhältnisse seinen Worten glauben, eines Besseren zu belehren. Ich darf im Namen aller unionistischen Mandatare vor aller Oeffentlichkeit erklären, daß wir mit allen unserem Können und Wollen dieser Gemeinde dienen und daß wir um das Wohl der Judenschaft dieser Stadt mindestens ebenso besorgt sind wie die zionistischen Mandatare der Gemeinde. Wir wollen für unsere Leistungen kein Lob, wir wollen für das, was wir im Dienste unserer Glaubensgemeinschaft tun, keinen Dank, aber wir haben das Recht, von unseren Glaubensbrüdern ohne Unterschied ihres politischen Parteibekenntnisses zu verlangen, daß sie freiwillig auf sich genommene, opferfreudig erbrachte Leistungen! im Dienste der Gemeinde anerkennen und nicht durch Entstellungsversuche in der Presse herabsetzen. Dr. Ernst Feldsberg. ie andere Seite der Emigration. Beteiligungen zu verkaufen sich hatten entschließen müssen und die im Rahmen der gegebenen gesetzlichen Bestimmungen die Möglichkeit hatten, mit einem Teil des Vermögens auszuwandern, um es vielleicht irgendwo im Auslande wieder nutzbringend anzulegen. Die mehr als 60.000 Juden, die im Verlauf der letzten eineinhalb Jahre Deutschland verlassen haben und jetzt zum großen Teil als Emigranten fern der Heimat leben, hat wahrlich nicht ein plötzlich erwachter Wandertrieb, vererbte Ruhelosigkeit oder schweifende Abenteurerlust zur Reise über die Grenze verführt und auch nur der geringste Teil der Gesamtzahl hat aus politischen Gründen im engeren Sinne, als Flüchtling, der Verfolgung wegen politischen Handlungen zu gewärtigen hätte, Deutschland verlassen. Die Tausende sind aufgebrochen aus dem gleichen Grunde, aus dem seit den Zeiten der großen Völkerwanderungen Menschenmassen in Bewegung geraten und über die Grenze geflüchtet sind: Weil ihnen der Nahrungsspielraum zu eng, die Möglichkeiten der wirtschaftlichen und sozialen Entfaltung zu schmal wurden. Zunächst waren es Menschen der älteren Generation, Beamte und Angestellte, die auf Grund des Arierparagraphen ihre Existenz verloren, Anwälte, denen die Genehmigung zur Ausübung der Praxis, und A e r z t e, denen die krankenkasseaärztliche Tätigkeit entzogen wurde, Kaufleute, die dem wachsenden Boykottdruck insbesondere in den kleineren Städten und auf dem Lande nachgaben, Menschen also, die auch mit der Parole der Berufsumschichtnng nur in sehr beschränktem Umfange etwas anfangen konnten und versuchen mußten, sich mit dem, was sie gelernt hatten, auf andere Weise als bisher zu ernähren. Dann aber erkannte die heranwachsende Jugend die wirtschaftliche Hoffnungslosigkeit ihrer Situation. Dem Ruf nach Betätigung in Handwerk und Landwirtschaft konnte nur eine sehr geringe Zahl von Menschen folgen, sowohl wegen der zahlenmäßig beschränkten Ausbildungsmöglichkeiten, aber auch im Hinblick auf die keineswegs rosigen Aussichten, sich einmal in einem dieser Berufe in Deutschland selbständig machen zu können, und so wurde gerade für die Jugend die Parole der Berufsunischichtung im Sinne einer Vorbereitung zur späteren Auswanderung aufgefaßt Schließlich aber bildete sich auch noch so etwas wie eine Oberschicht der Emigration heraus: Ein paar Kaufleute und Fabrikanten, die unter dem Zwang der Verhältnisse ihre gutgehenden Unternehmen, ihre wertvollen MÖBEL Moderne KQchen- Vorzimmer- . Wohnzimmer- F. KOHN, Wien IL, TABOR ST RASSE Nr. 22 Telephon R 40-7-14 Samstag geschlossen — Angeschlossen der „Schomra* HERRENKLEIDERSALON S. FROST III., Landstraße Hauptstraße 28 Telephon U 11-2-72 empfiehlt seine feine Maßwerkstätte. Spezialist in allen Sorten eleganter Gesellschaftskleidung, insbesondere für Teeanzüae, Frack- und Smokingarbeiten. Billigste Preisanstellung und aufmerksamste Ausführung. So zeigt uns diese kurze allgemeine Betrachtung ein recht deutliches Bild der sozialen Struktur der deutsch-jüdischen Emigration. Norman Bentwich, ein guter Kenner der Materie, hat vor kurzem die Zahl der aus Deutschland ausgewanderten Juden auf 60.000 geschätzt, unter ihnen die Zahl der sogenannten Intellektuellen auf etwa 12.000, und unter diesen wiederum 5000 Aerzte, Anwälte und Ingenieure und zirka 1700 Studenten. Das Gros der Emigranten also, nahezu 50.000, rekrutierte sich aus kaufmännischen Berufen, vom Lehrling, der seine Lehrzeit unterbrechen mußte, bis zum selbständigen Kaufmann, völlig mittellose Menschen mit einigen Ersparnissen, aber auch eine kleine Anzahl verhältnismäßig Vermögender umfassend. Schließlich aber gab es noch eine zahlenmäßig allerdings gewiß triebt große Gruppe von Fabrikanten und Gewerbetreibenden. Es ist bekannt daß diese Emigration zu einem Problem geworden ist, dem schließlich auch der Völkerbund seine Beachtung schenken mußte. Vergleicht man die Ziffern von etwa 75.000 Menschen, die nach den Feststellungen von Bentwich insgesamt aus Deutschland ausgewandert sein sollen und von denen die Juden zirka 80% bilden, etwa mit den Ziffern der jüdischen Emigration aus Rußland in manchen Jahren der Vorkriegszeit, so könnte jes verwunderlich letrscheinen, daß diese 75.000 Menschen und insbesondere die 60.000 Juden der Welt so viel Kopfzerbrechen bereiten. Die Ursache hiefür ist eine doppelte: Eine innere, die darin beruht, daß es sich hier überwiegend um Kaufleute und Intellektuelle handelt die regelmäßig als Emigranten, wohin sie auch kommen mögen, schwerer wirtschaftlicher einzuordnen sind als etwa gelernte Facharbeiter oder Handwerker, und eine äußere, die in dem krisenhaften Zustande der Wirtschaft in fast allen Ländern der Welt beruht. In einer Zeit, da überall die Arbeitsplätze knapp werden und die Zahl der Arbeitslosen bedrohlich ist, ist jede, auch die geringste Einwanderung aus politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Gründen unerwünscht. Das Zusammenwirken dieser beiden Ursachen hat die deutsche und insbesondere die deutsch-jüdische Emigration zu* dem tragischen Problem werden lassen, als dases uns heute entgegentritt Aber die besondere Beleuchtung, die unter diesen Umständen das Problem immer wieder erfährt, so als ob überall, wohin sie gekommen wären, die Emigranten nur eine Last wären, eine Menschengruppe, die der öffentlichen Unterstützung oder der Fürsorgetätigkeit besonderer Organisationen zur Last fällt, zwingt uns, demgegenüber auch einmal die andere Seite des Emigrationsproblems zu betrachten. Ebenso wie einst die französischen Protestanten, die zur Zeit Ludwigs XIV. Frankreich verlassen mußten, mit ihren fabrikatorischen und gewerblichen Kenntnissen, ihrem Fleiß, ihrer Intelligenz, zum Teil wohl auch mit ihrem materiellen Besitz wirtschaftlichen Fortschritt und Reichtum nach der Mark Brandenburg gebracht haben, ähnlich wie einst um die Mitte des vorigen Jahrhunderts die süddeutschen Bauern, die nach den Vereinigten Staaten gingen, dort die Pioniere des Westens als Farmer und Städtegründer geworden sind, ganz ähnlich hat auch ein Teil der deutsch-jüdischen Emigration den Ländern, in denen sie sich niedergelassen hat, die Morgengabe ihres geistigen und materiellen Besitzes mitgebracht Wir denken hierbei nicht einmal in erster Linie an die große Zahl deutsch-jüdischer Gelehrter, die von vielen ausländischen Universitäten mit Freuden aufgenommen wurden und dort täglich den Ruhm deutscher Wissenschaft künden und dem wissenschaftlichen Fortschritt zum Segen gereichen, wir denken nicht an die geringe Zahl junger jüdischer Aerzte, die gewiß nicht zum Schaden der dortigen ärztlichen Forschung in Amerika und England ein neues Betätigungsfeld suchen und zu einem Teil wenigstens auch gefunden haben. Wirtschaftlich weit bedeutsamer für die Länder der Emigration sind jene jüdischen Menschen geworden, die auf Grund ihrer beruflichen Kenntnisse und ihres kleineren oder größeren Vermögens sich eine Existenz zu gründen vermochten, die nicht nur sie selbst auskömmlich ernährt, sondern darüber hinaus der gesamten Wirtschaft ihres neuen Wohnlandes nützlich geworden ist So leben etwa in Frankreich gegen 25.000 Emigranten, von denen nach zuverlässigen Schätzungen nur noch 2000 bis 3000 Unterstützungen beziehen. Von dem Rest ernährt sich zweifellos ein großer Teil kümmerlich genug. Sie hatten, da eine Erlaubnis zur Annahme von Arbeiter- oder Angestelltenposten nur in den aHerseltensten Fällen erteilt wurde, nur die Möglichkeit sich irgendwie eine kleine unabhängige Existenz zu gründen, was leider anfangs sehr planlos und ohne genaues Studium der wirklich aussichtsreichen Berufszweige geschah, so daß in Frankreich die in der Emigration schlummernden positiven Wirtschaftskräfte relativ am geringsten ausgewertet wurden. Andererseits aber ist kürzlich von gut unterrichteter Seite berechnet worden, daß die Emigranten, die von ihrem eigenen Vermogensbesitz mehr oder minder bescheiden leben, dort jahrlich gegen 216 Millionen Franken ausgeben, die der Wirtschaft des Landes zusätzlich zugute kommen. Weit fruchtbarer in die Qesamtwirtschaft eingeordnet wurde die Emigration in England und in Holland. In London hat sich ein namhafter Teil der berühmten Leipziger Pelzhändler niedergelassen, haben aus Deutschland ausgewanderte Fabrikanten lextil- und andere Fabriken errichtet Fachleute der deutschen Filmindustrie ihre organisatorischen und künstlerischen Kräfte der dortigen Produktion fruchtbar zur Verfügung gestellt. Es handelt sich hier um Unternehmen, die zum Teil mehreren Hunderten von Menschen Arbeit geben und zwar natürlich durchwegs Inländern, da ia eben — und das ist die tragischeste Seite des Emigrantenproblems — auch die jüdischen Kauileute, die in den fremden Ländern neue Handels¬ und Industriebetriebe gründen, keineswegs die Erlaubnis bekommen, etwa aus Deutschland ausgewanderte Glaubensgenossen in diesen Betrieben zu beschäftigen.

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