Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 5 (1.2.1935)
- Date
- 1935-02-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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HIE WAHRHEIT Seite _5 der Bedeutung unserer eigenen Probleme haben mögen, könne man, solange man Sinn für Proportion besitzt, nicht erwarten, daß man außerhalb unserer Reihen diesen Problemen eine ebenso hohe Bedeutung beimißt Auf diesem Standpunkt stehe das American Jewish Comittee. Ein anderer sei der Standpunkt des American Jewish Congress. Zwischen diesen beiden Standpunkten gelte es zu wählen. Er habe seine Wahl getroffen; in Amerika habe er nichts erfahren, was eine Revision dieser Entscheidung rechtfertigen könnte. Wie oben erwähnt, hat das American Jewish Committee beschlossen, sich an dem geplanten Jüdischen Weltkongreß nicht zu beteiligen. Dazu gab der Präsident des Committee, Dr. Cyrus Adler, eine Erklärung ab, die u. a. besagt: American Jewish Committee steht auf dem Standpunkt, daß Juden als amerikanische Bürger das Recht haben, sich, individuell oder in Gruppen, an die amerikanische Regierung zu wenden, daß diese ihren Einfluß zugunsten der Verbesserung des Loses der unterdrückten Juden in anderen Ländern geltend machen soll. Das Committee glaubt aber nicht, daß es im Einklang mit diesen Prinzipien steht, wenn amerikanische Juden sich mit Bürgern anderer Länder zur Schaffung einer internationalen Körperschaft verbinden und wenn diese Körperschaft im Namen der Juden in Amerika handelt. Ohne realen Zwecken dienen zu können, würde ein jüdischer Weltkongreß nur die Situation der Juden in den Ländern, in denen sie Staatsbürgerrechte genießen, gefährden. Als Staatsbürger erkennen die Juden allein die Autorität des Parlaments ihres Landes an. Ein jüdisches Parlament aber würde nur denjenigen, die Haß gegen die Juden verbreiten, indem sie ihnen internationale Solidarität vorwerfen, einen Vorwand mehr zur Hetze geben. Diese gefährlichen Resultate werden sich einstellen, obwohl der Kongreß faktisch nicht alle Juden vertreten und in der Praxis nicht mehr sein wird als eine Plattform für Reden und Annahme von Resolutionen. Güdemann-Feiern in Wien Der 100. Geburtstag des Oberrabbiners Doktor M. Güdemann bot der Kultusgemeinde und einigen Wiener jüdisch-wissenschaftlichen Vereinigungen den willkommenen Anlaß, das Andenken dieses großen Oberrabbiners unserer Gemeinde in solenner Weise zu ehren. Vor allem ist in dieser Hinsicht erwähnenswert die Gedenkfeier, die Mittwoch, den 23. v. M., dm Seitcnstettentempel in Anwesenheit des Gesamtpräsidiums der Kultusgemeinde, zahlreicher Kultus- und Bethausvorvorstände, vieler Gemeinde- und Vereinsrabbiner, der Witwe und der Familie des Verewigten und eines starken Auditoriums stattfand. Nach dem gediegenen Vortrag des Abendgebetes durch Oberkantpr M. Matyas und nach Chorvorträgen des unter der •ausgezeichneten Leitung von Chordirigent Kurt Fuchsgelb stehenden prächtigen Chors, insbesonders des „Halleluja" hielt Oberrabbiner Dr. D. Feuchtwang die Festrede. Er befaßte sich zunächst mit der hervorragenden Bedeutung Güdemanns für die Entwicklung der Wiener Gemeinde und betonte insbesondere dessen konservative Grundeinstellung, die ihn zur Zeit der Reformbestrebungen sogar in Konflikt mit einem Teil des Kultusvorstandes brachte, in welchem Streite Güdemann stark blieb und so die E i n h e i t der Gemeinde rettete, an der festzuhalten. Aufgabe auch unserer Generation ist. Dr. Feuchtwang besprach sodann das Wirken Güdemanns als Historiker und Apologeten, auf welchem Gebiete er in Wort und Schrift sich mannhaft den Judenfeinden stellte, und manchen großen Erfolg errang. Dr. Güdemanns innerjüdische Einstellung wurde in recht einseitiger Weise behandelt. Den Grundgedanken der Rede bildete der Appell, daß die heutige Generation sich würdig der von Dr. Güdemann geführten erweisen möge und durch treues Festhalten an der Gemeinde das hehre Werk, das er aufgebaut, den Stürmen der Zeit zum Trotze erhalten solle. « Am vorletzten Freitag abends hielt Herr Oberrabbiner Dr. I. Tag Ii cht im Großen Leopoldstädter Tempel eine Predigt, in welcher er ebenfalls auf den 100. Geburtstag des Oberrabbiners Dr. Moriz Güdemann s. A. zu sprechen kam. Dieser war 52 Jahre in der Wiener Kultusgemeinde tätig, davon 28 Jahre im Leopoldstädter Tempel. Oberrabbiner Dr. Taglicht schilderte ihn 'als bedeutenden Gelehrten, sehr fruchtbaren Schriftsteller und treuen Bewahrer der Einheit der Wiener Kultusgemeinde. Diesen Vorzug bezeugt unter anderem folgende Begebenheit: Dr. Taglicht war, bevor er nach Wien kam, Rabbiner in Ung.-Ostra in Mähren, welche Gemeinde in ihrer Mitte einen bedeutenden jüdischen Gelehrten, Herrn Aron Leb Winter, hatte, dessen Bibliothek Dr. Taglicht käuflich erwarb. Als er eines Tages — vor etwa 35 Jahren — in einem Talmud-Folianten studierte, fand er darin einen hebräischen Brief, welchen Dr. Güdemann am 14. Schwat des Jahres 5631 (im Jahre 1871) an den in Ung.-Ostra ansässigen Gelehrten Reb Aron Leb Winter gerichtet hatte. Die deutsche Uebersetzung des hochinteressanten Schreibens, das klar und deutlich den Nachweis für das treue Festhalten Dr. Güdemanns am konservativen Judentum erbringt, lautet: Frieden und alles Gute meinem Freunde, der mir wie ein Bruder ist, dem hochgelehrten Rabbi Löb Winter. Ich weiß seit jeher, daß dein Mund die Wahrheit spricht und deine Seele die Lüge hasset. Das hat den Bund der Freundschaft, der Brüderlichkeit, der Liebe zwischen uns gestiftet. Jetzt ist die Zeit gekommen, da ich dich in einer sehr wichtigen Sache um Rat fragen muß. Das Schwert des Verderbens, das schon viel Unheil angerichtet hat, das Schwert der Reform ist auch an unserer Pforte angelangt. Vor acht Tagen hielt der Vorstand eine Sitzung ab, in welcher über Neuerungen und Aenderungen im Gottesdienste beraten wurde. Ich muß betonen, daß sehr angesehene Vorstandsmitglieder wie Königswarter, Brandeis, Schiff u. a. an dem alten Brauch festhalten, aber die Majorität hat über sie den Sieg davongetragen. Und so wurde die Streichung aller auf die Bitte um Erbauung Jerusalems und Wiederherstellung des Opferdienstes bezüglichen Stellen beschlossen. Sie wollen demnach den Text der Gebete ändern, so daß nur eine bloße Erinnerung an Jerusalem und die Opfer bliebe. Gebete wie „Setze ein unsere Richter wie in der Vorzeit", „Baue Jerusalem wieder auf" sollen beseitigt werden. Sie wollen auch eine Orgel im Gotteshause aufstellen. Wohl ist dies noch nicht durchgedrungen, aber ich zweifle nicht an dem Sieg der Linksgerichteten. Es ist bei mir beschlossene Sache. Wenn dies alles wirklich durchgeführt wird, muß ich diese Stadt verlassen und darf in dieser Gemeinde mein Amt nicht mehr versehen. Mein Streben ging von je dahin, das Bestehend« zu erhalten und zu befestigen, nicht aber die Risse noch zu erweitern. Wie könnte ich es mitansehen, daß unsere Hoffnung auf den Aufbau Jerusalems und des heiligen Tempels vernichtet würde. Was würden die Menschen sagen, wenn ich diesen Frevlern die Hand böte, mich ihnen anschlösse zum Niederreißen und Zerstören? Sie würden sagen: Das Geld hat ihn verführt Für Geld hat er seine Ueberzeugung aufgegeben. Mein Entschluß ist gefaßt. Aber ich dachte: „Besser zu zweien als allein." Darum lege ich dir die Sache vor. Ich beschwöre dich, daß du dich nicht beeinflussen lassest durch die Sorge, was ich nun beginnen werde. Ich vertraue auf Gott Seine Gnade wird mich nicht verlassen. Deiner Antwort entgegensehend, bin ich dein Freund in Treue Mosche Güdemann. Anläßlich der 100jährigen Wiederkehr des Geburtstages des seeligen Oberrabbiners Dr. Güdemann wurde am 24. Jänner im Maimonides-Institut eine Gedenkfeier veranstaltet. In der zahlreich besuchten Versammlung befand sich auch die Familie des hervorragenden Gelehrten und langjährigen geistlichen Führers der Wiener Gemeinde. Der Leiter des Instituts, Rabbiner Dr. A. Kaminka, stellte fest, daß das Andenken Dr. Güdemanns durch seine fruchtbare wissenschaftliche Arbeit auf dem Gebiete der Kulturgeschichte und der Apologetik des Judentums frisch in unserer Mitte geblieben ist und auch für ferne Generationen bleiben wird. Er hat nicht nur das traditionelle Judentum besonders würdig und kraftvoll vertreten, sondern er war schon in seinem persönlichen Wirken, ungleich seinen etwas älteren Zeitgenossen Geiger und Hirsch, die eigene Richtungen anbahnen wollten, Vertreter einer Tradition, nämlich der des von Zacharias Frankel begründeten Rabbiner-Seminars, das im Geiste des jetzt gefeierten Maimonides die uneingeschränkte Wahrung der Ueberlieferung mit klassischer Bildung und wissenschaftlicher Forschung zu verbinden sich zur Aufgabe stellte. Güdemann war der erste aus dieser Anstalt im Jahre 1862 hervorgegangene Rabbiner, er hat durch seine Charakterfestigkeit und Gelehrsamkeit sich die allgemeine Verehrung nicht nur innerhalb der Wiener Großgemeinde, sondern in der gesamten Judenheit erworben. Von seinen zahlreichen wissenschaftlichen Werken ist besonders von bleibendem Werte seine „Geschichte des Erziehungswesens und der Kultur unter den Juden des Abendlandes", die eine Fülle neuer Materialien aus Handschriften herangezogen hat und die bereits vor fast vierzig Jahren ins Hebräische übersetzt wurde. Zu dieser Uebersetzung hat er selbst in elegantem Hebräisch ein Vorwort geschrieben. Ebenso ist von unschätzbarem Werte seine „Jüdische Apologetik", in der er mit überlegenem Wissen und mit geistvoller Kritik gegen die „wissenschaftlichen" Judengegner kämpft Der Redner entwarf ferner ein Bild vom persönlichen Wirken Güdemanns, dem er im letzten Jahrzehnt seines Lebens als sein Vertreter im Tempel der Seitenstättengasse nahegestanden hat. Herr Obermedizinalrat Dr. Heinrich Haase las hierauf eine noch nicht gedruckte, im Nachlaß Güdemanns erhaltene Abhandlung über die Bileam- Erzählung, ein Meisterwerk literarischer Analyse, in welchem sich zugleich die umfassende klassische und kulturhistorische Bildung des Verfassers zeigt. Herr Studienrat Rabbiner Dr. M. Bauer würdigte schließlich in einer gediegenen Ansprache die Persönlichkeit des unvergeßlichen Oberrabbiners, womit die schöne Feier einen würdigen Abschluß fand. GROSSFLEISCHHAUEREI IIEGM. KORNMEHL ■ ■ nm<W«BMBM«M»MMWMaBMMB«MWMWMMi WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE! XVIII., WAKRiNaiRSTRASSE •? Telephon Nr. A 17-3-99 na4 A 18-3-34 Lieferant Mr Heilanstalten AbteilungenffirKoscherfleisch mitar Aufsteht des «hrw. Rabblnates dar Isr. Kultua>g«m«fnd« Wie». 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Es seien hier noch Teile aus einem Schreiben wiedergegeben, das der Oberrabbiner im Jahre 1907 an eine ihm bekannte Schriftstellerin gerichtet und das damals nicht unbeträchtliches Aufsehen erregt hat Es heißt darin: .....Ich war schon erwachsen, bevor der Name Antisemitismus aui die Welt gekommen ist. Hätte ich vor 60 Jahren in meiner Vaterstadt Hildesheim in Preußen oder vor 50 Jahren als Student in Breslau auf die Frage nach meiner Nationalität geantwortet: Ich bin ein Jude, so würde man mich entweder für schwerhörig oder verrückt erklärt und mir gesagt haben: Du bist deiner Nationalität nach ein Deutscher, ein Jude bist du nur. durch deine Religion. Was ist geschehen, daß dies jetzt anders sein soll? Hat man erst entdeckt, daß semitisches Blut in meinen Adern rollt? Vielleicht waren meine Ahnen zu irgendeiner Zeit deutsche Christen, die zum Judentum übergetreten sind. Warum soll ich nicht von deutschen Christen abstammen können? . . . Was nun Sie betrifft, die Sie sich eine Vollarierin nennen, können Sie beschwören, daß Ihre Ahnen im 16. oder 10. Jahrhundert nicht getaufte Juden waren?... War der Präsident des Frankfurter Parlaments Simson ein Deutscher? War der Abgesandte dieses Parlaments, der Friedrich Wilhelm IV. die deutsche Kaiserkrone anbieten sollte, Johann Jacobi, ein Deutscher? Diese Männer waren aber ihrer Religion nach Juden . . . Die jetzige reinliche oder vielmehr unreinliche Scheidung, in Deutsche und Juden, die der Antisemitismus vornimmt, weil es ihm gerade in den Kram paßt, ist so unberechtigt wie lächerlich. Ernst Schneider unterscheidet sogar zwischen Menschen und Juden. Da wäre schon die Unterscheidung zwischen Menschen und Antisemiten berechtigter .... Dagegen haben Sie vollständig recht, wenn Sie den Antisemitismus eine Gemeinheit nennen .... Was ich vom Ariertum halte ... Es reicht vielleicht bis zum Großvater oder Urgroßvater, dann kommt plötzlich wie bei Schönerer — Schmul Leb Kohn! . . . . Das Judentum ist eine Religion, darin liegt seine Bedeutung . . . ." Zusammenfassend sagte Amtsleiter Kraus: Mit scharfem Verstand, klugem Sinn und ordnendem Geist verband Güdemann seine unbeugsame Arbeitskraft, einen festen, sittenreinen Charakter. Was er als Meister des Gotteswortes in seinen Predigten und Gelegenheitsreden, als Leuchte der Wissenschaft in seinen Schriften und Werken, als Repräsentant des Gesamtjudentums und begeisterter Kämpfer für unseren erhabenen Glauben durch nahezu Dreiviertel eines Jahrhunderts geleistet hat, sichert ihm unter den Großen des Volkes Israel einen schem tauw, einen ehrenvollen Namen für viele Geschlechter Im Anschluß an die mit langandauerndem Beifall aufgenommenen Ausführungen des Herrn Amtsleiters Kraus brachte Herr Obermedizinalrat Dr. Haase einige noch unbekannte interessante Stellen aus den „Erinnerungen Güdemanns" zum Vortrage. Durch die Anwesenheit eines überaus zahlreichen und illustren Auditoriums, in dem sich u. a. Dr. Güdemanns Witwe, die Herren Oberrabbiner Doktor Feuchtwang und Dr. Taglicht sowie Präsident Dr. O r n s t e i n befanden, erhielt der Vortragsabend einen solennen Charakter. Es muß wohl sehr auffallen, daß die Wiener jüdische Schuljugend in keiner Weise auf den Gedenktag des überragenden geistlichen Führers unserer Gemeinde aufmerksam gemacht wurde und daß die Wiener jüdischnationalen Fußballklub „Hakoah" bringt Samstag, den 2. Februar in Stadttheater. 11 Uhr nachts „Nacht der Prominenten" mit Felix Bressart, Armin Berg, Karl Ehmann, Franz Engel, Jakob Feldhammer, Kammersänger Josef Kaienberg, Prof. Bela Laszky. Meiler und Wagner, Sevilla Pastor, Grete Schaffers, Fritz Wiesenthal u. a., Conference: Josef Baar. Das Symphonieorchester des Bundes jüdischer Frontsoldaten (74 Mann), Dirigent Dr. Kurt Pahlen. Restliche Karten beim Fußballklub „Hakoah" (R 25-4-97). I., Kai 7, und an den Stadttheaterkassen.