Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 1 (4.1.1935)
- Date
- 1935-01-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 1 — 4. Jänner 1935 DIE WAHRHEIT „Die Welt wird sich weigern, an eine Ehrenhaftigkeit zu glauben, die, es sich versagen muß, die Oeffentlichkeit über ihre Reinigungsaktionen aufzuklären." Die breite Oeffentlichkeit innerhalb und außerhalb des Dritten Reiches hat heute noch keine Ahnung von den eigentlichen Gründen, die Hitler am 30. Juni veranlaßt haben, seine besten Freunde umzubringen, und die ihn jetzt zu einer neuerlichen, wenn auch unblutigen Säuberungskampagne drängten, der u. a. kurioserweise niemand Geringerer als Gottfried Feder, der Verfasser des offiziellen Parteiprogramms, zum Opfer gefallen ist, während dieses Parteiprogramm pro forma für die gläubigen Schäflein weiter in Geltung bleibt . . . _ Nicht weniger schlimm als um die s i 111 i c h e Kraft der Bewegung steht ihre taktische Stärke. Es gibt wohl kaum einen Punkt in Hitlers programmatischem Werke „Mein Kampf, der nicht in der Praxis von Hitlers Reichsführung ad absurdum geführt worden wäre. Im Buche spricht sich der Osaf für die Kolonisierung Osteuropas durch deutsche Eroberer aus; in der Praxis hat Hitler-Deutschland mit Polen gepackelt und sogar auf den „polnischen Korridor" verzichtet. Im Buche sagt Hitler von den Franzosen: „Dieses immer mehr der Vernegerung anheimfallende Volk bedeutet in seiner Bindung an die Ziele der jüdischen Weltbeherrschung eine lauernde Gefahr für den Bestand der weißen Rasse in Europa." In der Praxis titulieren Hitler und sein Propagandaminister Frankreich als „große" Nation, mit der in Frieden und Eintracht zu leben, Deutschland bestrebt sein müsse. Die Franzosen haben als Garantie für die Ehrlichkeit dieser Bestrebungen die Zurückziehung von Hitlers „Mein Kampf gefordert Dieser Forderung wird wahrscheinlich Rechnung getragen werden. Hitler hat mit seinem Buche ein Heidengeld verdient, aber schließlich stockte der Absatz. Daraufhin wurde es als Schullektüre eingeführt, aber die jüngeren Schüler kauften es von den älteren, die es bereits hatten lesen müssen. Das wird natürlich aufhören, wenn eine neue Auflage erscheint, in der kaum ein Wort der früheren Auflagen unverändert erhalten bleibt. Es ist also damit zu rechen, daß das Werk gründlich umredigiert wird. Voraussichtlich wird sogar der Titel „Mein Kampf in „Mein Rückzugsgefecht" umgewandelt Es wird ein Rückzug auf der ganzen Linie. Sogar der Judenpunkt, bisher der einzige Programmpunkt Hitlers, der konsequent ausgeführt wurde, soll einer Revision unterzogen werden. „News C h r o n i c 1 e", bekanntlich das Organ der englischen Liberalen, läßt sich von seinem Berliner Korrespondenten melden, daß in engsten Kreisen der maßgebenden Nationalsozialisten Erwägungen angestellt werden über eine neue Stellung zum Judenproblem. Die Ueberlegungen gingen dahin, nicht weiter die Vernichtung des Judentums anzustreben, sondern seine Kräfte dem Deutschen Reiche nutzbar zu machen, dabei aber allerdings öffentliche Funktionen den Juden vorzuenthalten. Diese Meldung erhält eine gewisse Bestätigung durch eine Reuter-Depesche, die gleichfalls von einer möglichen Besserung der Lage der Juden spricht. Das Reuter-Bureau gibt zwar die Quelle seiner Meldung nicht an, aber es deutet auf deren Verläßlichkeit und Kompetenz hin. Hieraus schöpfen englische politische Kreise die Meinung, daß sich der Reuter-Korrespondent auf eine Information Goerings stütze, mit dem er jüngst eine eingehende Unterredung über die politische Lage hatte. Goering sei auch der einzige deutsche Minister, der mit führenden Persönlichkeiten des Judentums verkehrt. Eine Rückfrage der JTA in Berlin hatte kein positives Ergebnis. Die Aenderung der Judenpolitik ist von der Bevölkerung selbst bereits angebahnt worden, indem sich die Leute entschieden weigerten, den Boykott der jüdischen Warenhäuser mitzumachen. Das ülatzer Nazi-Blatt bezeichnete es jüngst als „A f f e n s c h a n d e", daß die Kauflustigen vor, jüdischen Geschäften Schlange stehen, während die arischen Kaufleute nichts zu tun haben. Diese „Affenschande" ist in Wahrheit eine Riesenblamage der Nationalsozialstten und ihrer diversen Nachahmer in allen Ländern der Erde. Arische Geschäftsweisen. Weihnachten ist vorüber. Damit verschwinden auch die verschiedenen „Geschäftsweiser", deren Aufgabe es ist, die christliche Bevölkerung vom Kauf in jüdischen Geschäften abzuhalten. Das Verschwinden dieser Hetzschriften erfolgt nicht immer freiwillig. Erfreulicherweise hat die Staatsanwaltschaft der Boykottp.opaganda die nötige Aufmerksamkeit geschenkt und ist in den krassesten Fällen mit Beschlagnahme vorgegangen. So wurde die von uns letzthin besprochene Flugschrift „Kenn dich aus" beschlagnahmt, bei deren Lektüre sich der Leser übrigens nicht auskannte, denn die roten Punkte (arische Firmen) und die schwarzen Punkte (nichtarische Finnen) wurden gar oft verwechselt, so daß auch die Arier — vom Standpunkte der antijüdischen Boykottpropaganda — Grund zur Klage wegen Geschäftsschädigung hatten. Die Schädigung der jüdischen Geschäftsleute lag hier ebenso klar vor wie im Falle des schon früher verbotenen „Arischen Geschäftsweiser s". Wir hatten wiederholt schon Gelegenheit, auf dessen mehr als merkwürdige Praktiken hinzuweisen. Besonders kraß illustriert diese Methoden der Fall Ludwig Last. Der prominente Leihbibliothekar hat sich bekanntlich knapp vor seinem Selbstmord mit aller Entschiedenheit gegen die Anprangerung seines altberühmten Literaturinstituts in dem „Arischen Geschäftsiweiser" zur Wehr gesetzt. Gleichzeitig mit den Erklärungen an die Wiener jüdische Presse, u. a. auch an „Die Wahrheit", hat Herr Ludwig Last an den Herausgeber des „Arischen Geschäftsweiseif', Franz Wenger, Wien IX., folgende Zuschrift"gerichtet: _ ■+ Wien, 21. Dezember 1934. Herrn Franz Wenger, Wien IX. Gestatten Sie mir mitzuteilen, daß ich bezüglich der in unglaublicher Weise ohne mein Wissen erfolgten Aufnahme unserer Firma in den sogenannten „Arischen Geschäftsweiser" sofort die nötigen Schrine, unternommen habe. Leider ist, wie ich erfahre, das' Unternehmen nicht mehr zugänglich, da die Druckerei, Wien VII., Halbgasse 25, polizeilich ..gesperrt ist und die Exemplare des Geschäftsweisers gerichtlich beschlagnahmt wurden. Die Herrschaften' haben es wohlweislich unterlassen, uns ein Exemplar zu übersenden, so daß ich von diesem unerhörten- Uebergriff erst jetzt durch die Polemiken erfahre. Ich habe alle Schritte eingeleitet, um den verantwortlichen Herausgeber dieses „Arischen Geschäftsweisers" zu stellen, ihn zu einer öffentlichen Richtigstellung zu zwingen, widrigenfalls ich es mir vorbehalte, im Klagewege energisch vorzugehen. Ich erkläre Ihnen, mit allen antisemitischen Machenschaften nichts zu tun haben zu wollen. Wie Sie sich selbst überzeugen können, haben wir auch die Werke jüdischer Schriftsteller in reichlichem Maße aufgestellt und kennen nur ein Werturteil, das der literarischen Qualität! Andere Maßstäbe hat unsere seit 1847 bestehende Firma niemals an ein schriftstellerisches Werk gelegt Die notwendigen öffentlichen Erklärungen werde ich selbst in die Wege leiten. Ludwig Last Auf dieses Schreiben hat die Firma Last statt einer Entschuldigung von dem „Arischen Geschäftsweiser" die folgende impertinente Antwort erhalten: Wien, am 22. Dezember 1934. Arischer Geschäftsweiser Wiens. Firma Ludwig und Albert Last, Leihbibliothek Wien I., Kohlmarkt 7. In Beantwortung Ihres Schreibens teilen wir Ihnen mit, daß unsere Erhebungen bezüglich der Einschaltung Ihrer Firma in den „Arischen Geschäfts- &eui£teton Glauben and Wissen. Aus einem Vortrag von Dr. Max Grunwald. (Schluß.) Aus dem Entrüstungssturm, der nach dem Erscheinen des Moreh in strenggläubigen jüdischen Kreisen gegen Maimonides tobte, heben wir nur einige Stimmen hervor: Jehuda Alpachar kleidet sein Urteil in das beziehungsreiche Wortspiel: Halau jodato im lau schomato sch'mikzas Maure Nebhuchim nebhuchim hem bobretz ssogar alehem hamidbor. „Weißt Du es nicht," so schreibt er an David Kimchi, „oder hast Du es nicht gehört, daß ein Teil der Aussprüche des Führers der Irrenden im Gebiete der Spekulation verwirrt umherirren und keinen anderen Ausweg finden als in die Geisteswüste?" Meir Halevi aus Toledo, ein anderer Gegner des Maimonides, faßt seine Einwendungen scharf und bestimmt in die Worte: „Der Maure kräftigt wohl die Wurzel der Religion, aber er haut die Zweige ab. Er bessert die Risse in den Grundlagen aus, reißt aber die Zäune um; in seiner Kehle ist Erhebung Gottes und dennoch ist zugleich Tod und Leben auf seiner Zunge. Er nähert mit der Rechten, stößt aber ab mit der Linken." Die Gegensätze stießen hart aneinander. Der Kampf nahm mit der Zeit so scharfe, verbitterte Formen an, daß der Genius des Judentums darob trauernd sein Haupt verhüllte. Auch das liebliche und friedliche Kind der Muse mußte, angetan mit Helm und Panzer, das Schwert führen. Die Bewegung gegen den More fand ihren Höhepunkt in einem feierlichen Bannspruch, den Salomon ben Aderet über diejenigen verhängte, die in den nächsten 50 Jahren vor zurückgelegtem 25. Lebensjahre mit profanen Wissenschaften, ausgenommen die Arzneikunst sich beschäftigen werden. Rabbi Salomon ben Aderet war kein Feind der Wissenschaft Er erfreute sich gerne — wie er selbst an das maimonidische Wort sich anlehnend, sagte — an dem Dufte der Wurzeln, die dem menschlichen Leben einen höheren Reiz verleihen. Er will ja auch die Philosophie nicht ganz verbieten, er will ihr nur den Stachel benehmen. Nur für 50 Jahre hat er den Bann ausgesprochen, in der weisen Erwägung, daß der Wechsel der fortschreitenden Zeit neue Geistesströmungen an die Oberfläche treiben kann, geeignet, die Grundpfeiler althergebrachter Anschauungen zu erschüttern, die Schatten des Aristoteles zu verscheuchen und in unbefangenen Geistern die Ueberzeugung wachzurufen, daß man nie und nimmer von unerschütterlichen und unumstößlichen Ergebnissen menschlichen Denkens sprechen darf. Der Lärm der Geisteskämpfe, der so heftig um den More getobt hat, ist längst verstummt Von Jahrhundert zu Jahrhundert steigerte sich das Ansehen des Maimonides. Auch in christlichen Kreisen. Christen wie Juden, Albertus Magnus, Thomas v. Aquino, Spinoza, Leubnitz, Mendelssohn, Lessing, sie alle lesen und benützen ihn. Heute darf man, ohne Gefahr, der Ketzerei geziehen zu werden, sagen: Maimonides hat Ewigkeitswerte für uns geschaffen. Der Ideengehalt den er in seinen Werken niedergelegt hat, mutet uns noch immer quellfrisch, voll Gegenwartswert an. Dankbar können wir Gott preisen, daß er diesem Manne den Abglanz seiner Weisheit verliehen, eine Weisheit an der sich noch nach 700 und mehr Jahren die Geister erheben, diie Gemüter erquicken. Um den More Nebuchim wird nicht mehr gestritten. Allein der Kampf der Geister um Glauben und Wissen lodert heller, denn je. Und wie es Männer gegeben hat, die vom „Fluche der Wissenschaft" und dem „Aussatze der Philosophie" gesprochen haben, so gibt es Denker in unserer Zeit die eine Verfassung der menschlichen Gesellschaft erstreben, in der nichts geglaubt und alles nur gewußt werden soll, in der die Eigenschaften aller Dinge aufgedeckt werden, in der die Wissenschaft jeden unserer Schritte regeln und jedes Urteil auf wissenschaftlicher Basis ruhen muß. Und doch, wie eng ist das ganze Gebiet welches das Wissen uns erschließt! Gewiß, manche Resultate der Naturwissenschaft und Technik zwingen uns zum Staunen und zur Bewunderung. Vergleichen wir aber die Resultate mit dem, was wir nicht wissen können und doch wissen möchten, wie ärmlich erscheint uns da das menschliche Wissen, wie unberechtigt jener Stolz! Unser Forschen wird mit einem zeitgenössischen Philosophen, dessen Behandlung unseres Gegenstandes wir hier folgen, am besten mit dem Aufstieg eines Luftschiffers verglichen, dessen Höhe gegen die Unermeßlichkeit des Weltenraumes nichts bedeutet, oder mit dem Schürfen des Bergmannes, dessen tiefster Schacht, an der gesamten Masse der Erde gemessen, nicht viel mehr als ein Ritzen der Oberfläche darstellt. Was jenseits des irdischen Zeitraumes liegt können wir mit den Methoden unserer Wissenschaft ebensowenig ergründen wie das Innere der Dinge, das Wesen der Materie, des Raumes und der Zeit. Nur die Objekte unmittelbar sinnlicher Erfahrung und die Gegenstände mathematisch-logischer Erkenntnis können gewußt werden; was diesen Kreis überschreitet ist lediglich Sache des Glaubens. Ebenso glauben wir, ohne daß von einem Wissen in diesen Angelegenheiten die Rede sein könnte, an die Treue unserer Familienmitglieder wie unserer Freunde. Das historische „Wissen" ist gleichfalls nichts weniger als exakt Auch hier hängt alles davon ab, welchem Gewährsmann wir Glauben schenken. Denn je nach Standpunkt und Tendenz schwanken die Charakterbilder und Ereignisse in der Geschichte.,, Sq.. glauben wir den Berichten unserer Altvordern, wie der- Richter dem Zeugen glaubt. Glaube und Wissenschaft leisten einander wichtige. Dienste. Die Wissenschaft schützt die Religion vor"dem: Versinken in Aberglauben, die Religion die Wissenschaft; vor Erstarrung im flachen Materialismus. Glaube, freilich nicht im Sinne eines blinden Kirchenglaubens, sondern als Ueberzeugung vom Dasein einer höheren Waltung, und intensive Erfassung eiiies Kernes der Dinge als Sprache von Menschenseele zu Weltseele, ist ein Bedürfnis unseres Herzens, wie wissenschaftliches Erkennen eine Forderung unseres Verstandes. So wenig wie wir annehmen können, was den Grundgesetzen unseres Denkens widerspricht, so wenig dürfen wir Uebergriffe auf das Gebiet dulden, das die Domäne des reinen Glaubens bildet. Von dem Gleichgewicht zwischen Glauben und Wissen hängt der Friede unserer Seele ab. Wir sind Glieder zweier Welten, der erkennbaren und der unerkennbaren. Dem Unerkennbaren, dem ,;Dih£ an sich", stehen wir noch heute genau so gegenüber wie der Mensch der Urzeit. Fortgeschritten sind wir jedenfalls zu dem Wissen, daß wir nichts wissen, nichts wissen in dem Sinne, daß die Welt uns bis zur Stunde noch ein Rätsel ist Daß wir erkannt haben, daß das gewaltige Bild der Natur um uns und in uns nicht als letzte — sinnlose — Realität erscheint sondern als er-