Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 1 (4.1.1935)
- Date
- 1935-01-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 40 Groschen In Deutschland verboten! Jüdische (Dothens dirifi Die tbährheif mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden* /: Erscheint jeden Freitag Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 51. Jahrgang Wien, 4. Jänner 1935 Nummer 1 Hitlers „Mein Rückzugsgefecht". Den Schlüssel zum politischen Verständnis des Jahres 1934 lieferte das nationalsozialistische Regime in Deutschland. Nicht bloß für die Vorgänge im Dritten Reiche selbst, sondern für die gesamte weltgeschichtliche Entwicklung auf Erden. Um zuerst das uns nächstliegende Beispiel herauszugreifen: In unserem Vaterland Oesterreich, dem klassischen Boden der Gemütlichkeit, auf dem selbst der Umsturz von 1918 die klare Tendenz der Aufrechterhaltung des inneren Friedens getragen hatte, gab es in dem abgelaufenen Kalenderjahre nicht weniger als zwei blutige Putsche, deren jeder die Gefahr langwieriger Bürgerkriege heraufbeschwor und mit grundlegenden Veränderungen der politischen Struktur des Landes endete. Hatte der November 1918 bloß die Größen- und Machtverhältnisse zwischen den traditionellen Hausparteien Deutschösterreichs zugunsten der Sozialdemokratie verschoben, so brachten Februar und Juli 1934 das faktische Ende der den jeweiligen Putsch verschuldenden Partei. Das war wohl nur im zweiten Falle, der den erschütternden Märtyrertod des Bundeskanzlers Dollfuß mit sich brachte, unmittelbar der Hitler- Anhang, mittelbar trug aber der Aufstieg des Nationalsozialismus ganz unleugbar auch an der Zuspitzung jener Gegensätze im Staate, die sich im Februar blutig entluden, die Schuld. Während bis zu Hitlers Machtergreifung im Nachbarreiche die betont nationalen Kreise Oesterreichs nur eine ganz unbedeutende Rolle spielten und im Wiener Gemeinderate mit bloß zwei Mandaten vertreten waren, eroberten die Hakenkreuzler unter der Suggestion ihrer reichsdeutschen Triumphe bei der letzten Gemeinderatsiwahl in Wien im ersten Ansturm 15 Mandate. Dieser Anfangserfolg sowie die terroristische Art, mit der sich daraufhin die Nationalsozialisten in Oesterreich häuslich einzurichten begannen, wobei sie Methoden anwandten, die von ihrem damaligen Führer Dr. Walter Riehl nachträglich als „Bubokratie" gebrandmarkt wurden, mahnten die verantwortungsbewußten Politiker, die in der Regierung saßen, zur Abwehr. So sah die christlichsoziale Regierungspartei in der Vermeidung von Neuwahlen und Favorisierung eines autoritären Kurses den einzigen Ausweg aus dem Chaos, in das unser Vaterland zu stürzen drohte. Der sozialdemokratische Februar- und der nationalsozialistische Juli-Putsch haben diese Entwicklung, gegen die sie gerichtet waren, nicht nur nicht gehemmt, sondern infolge der Niederwerfung der beiden Oppositionsparteien sogar noch gefördert, so daß der christlich-deutsche Ständestaat auf autoritärer Grundlage in der neuen österreichischen Verfassung in aller Form verankert werden konnte. Auch in anderen Staaten, sogar solchen mit ehrwürdiger demokratischer Tradition, sind Verfassungsrevisionen mit ähnlicher Tendenz geplant oder — wie in Frankreich — schon in voDem Gang. So hörte man jüngst sogar aus Amerika Gerüchte von einem faschistischen Anschlag gegen Roosevelts Wirtschaftssystem und aus Japan werden Bestrebungen zur Gründung eines „Gehirntrusts", der den Staat autoritär beherrschen soll, gemeldet. Der Name „Gehirntrust" offenbart allerding's eine gewisse Gegensätzlichkeit zum Hitler- Regime, das sich bekanntlich gegen den Intellektualismus richtet und daher als „Antigehirntrust" zu qualifizieren ist. In uns Juden beschwört das Wort „Gehirntrust" den vertrauten Klang der „Weisen von Zion" herauf und es erscheint uns von grotesker Pikanrerie, daß die Völker der verschiedensten Rassen in ihren Staaten dasjenige System zu verwirklichen bestrebt sind, das verleumderische Schwindler als jüdische Erfindung zur Errichtung einer jüdischen Weltherrschaft „entlarvt" haben. Die Entlarvung dieser „Entlarver" vor dem Berner Gerichtshof steht trotz der Versehieppurgsmanöver des antisemitischen „Sachverständigen" günstig für uns Juden. Schon der bisherige Verlauf des Prozesses muß allen Einsichtigen klar gemacht haben, daß die „Protokolle der Weisen von Zion" eine plumpe Fälschung sind. „Man hält eine Geschichtslüge aufrecht, die ein schweres Unrecht an zahllosen Menschen fortsetzt." So beurteilt der in der.holländischen Grenzstadt Oldenzaal erscheinende „Deutsche Weg", „Ein Blatt für deutschsprechende Katholiken", in seiner Nummer vom 9. Dezember die Stellungnahme Alfred Rosenbergs im „Völkischen Beobachter" zu dem bisherigen Ergebnis des Berner Prozesses über die sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion". „Juden haben mit diesen Protokollen nachweisbar nicht das Geringste zu tun. Warum anerkennt man nicht einfach eine solche nun einmal wissenschaftlich erwiesene Tatsache? . . . Der antisemitischen Propaganda zuliebe wird etwas anderes behauptet, was erwiesenermaßen falsch ist. . . . Wir verurteilen das! Dinge dieser Art haben mit Judenfreundlichkeit oder Judenfeindlichkeit nichts zu schaffen, es geht dabei einzig um die Wahrheit." Den Amtsblättern der bischöflichen Ordinariate in Deutschland wurde eine 120 Druckseiten umfassende Broschüre beigelegt, die sich mit Rosenbergs antikatholischen und antisemitischen Schriften auseinandersetzt und auch seinem österreichischen Ableger, dem von uns schon wiederholt gebührend gekennzeichneten steirischen Pfarrer Gaston Ritter, ordentlich die Leviten liest. Aber was hilft das? Paradoxerweise sind im christlich-deutschen Oesterreich Faktoren, die zur Stütze des herrschenden Systems berufen erschienen, unermüdlich in einer Weise tätig, als wäre der herrschende Regierungskurs nicht katholisch-autoritär, sondern — jüdisch-autoritär . . . Durch die in Graz erschienene Sudelschrift, die sich nach dem Vorbild Streichers mit dem Ritualmordmärchen befaßte, ist das Pseudonym ChristianLoge einigermaßen bekannt geworden.Weniiu MMm\ Eure HäuserverwaHungen, Geldbeschaffungen und Reparaturkredite, kulantest nur durch das behördlich konzessionierte Realitäten-, Hypotheken- und Verwaltungsbüro, Sensal R. Yaubmaan, Wien II., NordpolstraSe 2/3. Tel. A 48-9-22 Wo Rasiere Dldi gut und billig Oesterreichlsciics Qoaiitälsfabrlkal Ueberau erhältlich niger bekannt ist eine andere Infamie des verschämt seinen richtigen Namen verbergenden christlich-deutschen Helden. In der Zeitschrift „Das neue Volk", Blätter der katholischsozialen Bewegung, Ausgabe vom 12. August 1934, behandelt „Loge" die Ermordung Dollfuß' und kommt dabei zu folgendem Schluß: „Ist doch der kleindeutsch-restösterreichische Konflikt zum ganz großen Teil jüdische Mache zum Zweck der Einkreisung des ihm gefährlich erscheinenden Nationalsozialismus." Man wird es noch erleben, daß alle christlich-deutschen Führer, die gegen den Nationalsozialismus agitieren, als Söldlinge der Weisen von Zion deklariert werden . . . Uns Juden berührt es schmerzlich zu sehen, daß der brutale Antisemitismus, der im Dritten Reiche praktiziert wird, statt das europäische Gewissen zum Widerspruch herauszufordern, sogar noch Schule macht. Wer solcher Ausbreitung einer Seuche fassungslos gegenübersteht, der vergißt, daß das Dritte Reich als ein Seuchenherd wirkt und daß bei Berührung eines Gesunden mit einem Kranken niemals der Kranke gesund, sondern meistens der Gesunde krank wird. Romain Rolland hat Recht: „Ungerechte Kraft besticht insgeheim noch mehr als gerechte. Denn sie offenbart sich deutlicher als Kraft, ganz roh, ganz ungemischt." Mit Verlaub: Offenbart sich der Nationalsozialismus wirklich noch als Kraft? An starken Stücken hat er ja unleugbar im Jahre 1934 Verschiedenes geleistet. Aber sind solche starke Stücke auch Beweise innerer Stärke? Ist etwa die Blutnacht des 30. Juni ein Beweis für Hitlers ungebrochene Kraft? Hören wir einmal, was eine dem Nationalsozialismus freundliche Stimme hierüber sagt. Die „Wiener Neuesten Nachrichten" schreiben in ihrem Neujahrsleitartikel: „Im Deutschen Reiche strebt die Entwicklung einer Konsolidierung im Innern zu. Der Prozeß, der sichtbar am 30. Juni begonnen hat, ist noch nicht zu Ende. Er besteht, auf eine kurze Formel gebracht, im Abbau der Partei und ihrer Ueberführung in den Staat, der selbstverständlich anderen Prinzipien •unterworfen ist als eine Parteiorganisation." Da muß man schon sagen: „Vor Tische las man's anders." Damals wurde als Ziel des Dritten Reiches die Ueberführung des Staates in den Nationalsozialismus verkündet Heute wird plötzlich das Umgekehrte als „selbstverständlich" erklärt. Aber auch wenn man sich über solche Widersprüche hinwegsetzt, wird man doch schwer kapieren, wieso die AbschJachtung einer großen, niemals genau eruierten Zahl von Parteiführern ohne Gerichtsverfahren und Urteil eine „Konsolidierung" bedeutet Soll man das Wort etwa moralisch nehmen? Auf diese Zumutung gibt die Londoner „News Chronicle" die richtige Antwort: