Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 52 (28.12.1934)
- Date
- 1934-12-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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DIE WAHBHEIT Religion und Rasse. In der neuen Aula feierte die Universität Bern vor kurzem den ersten Dies Academicus nach der Jahrhundertfeier. Wenn der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt war, so nicht zuletzt wegen des aktuellen Themas, das der Rektor Prof. Dr. M. Hall er für seine Festrede gewählt hatte: Religion und Rasse. Gleich einleitend distanzierte sich der Redner deutlich von den Meinungen des Tages und den politischen Schlagwörtern und stellte es sich vielmehr zur Aufgabe, das Auge von dem gewaltsam verengerten Kampffeld auf den weiten Plan lünauszulenken, darauf die Wissenschaft seit Jahrhunderten versucht, aus der Fülle der Erscheinungen die Gesetzmäßigkeit zu erkennen und dadurch das Ihrige beizutragen, damit aus dem Chaos ein Kosmos werde. Von diesem Standpunkt aus an ein wissenschaftliches Thema heranzugehen, bezeichnete der Vortragende nicht nur als ein dankbares Unternehmen, sondern als eine Pflicht akademischer Erörterung. Dabei konnte er daran erinnern, daß die Universität Bern als eine der allerersten Hochschulen im deutschen Sprachgebiet der jungen Disziplin der vergleichenden Religionsgeschichte Heimatrecht gewährte. Vielleicht ist gerade heute wieder die Schweiz der Boden, auf dem das durch der Parteien Gunst und Haß verzerrte Bild der Beziehungen von Religion und Rasse mit leidenschaftsloser Distanziertheit neu entworfen werden kann, die das Vorrecht und Pflicht wahrer Wissenschaft ist Dies um so mehr, als sich in diesem Problem die Hauptprobleme der modernen religionswissenschaftlichen Forschung wie in einem Brennpunkt schneiden. Der Redner unternahm hierauf einen Rundgang durch die wichtigsten positiven Religionen, um zu zeigen, daß uns die Religionen nur an ganz vereinzelten Stellen als rassebestimmt entgegentreten, daß es also nicht angeht, Religion allgemein als Ausfluß bestimmter Rasseeigentümlichkeiten anzusehen, so wenig übrigens wie als ideologischen Ueberbau ökonomischer Gegebenheiten. Nach einem geistvollen historischen Exkurs, in dem er diese These in sinnreicher Art untermauerte, befaßte sich der Vortragende besonders eingehend mit zwei Religionen, bei denen die Dinge, wie er ausführte, besonders verwickelt liegen: bei Israel und den Germanen. Israel hat sich durch eine starke religiöse Ausschließlichkeit ausgezeichnet, den berühmten Partikularismus der alttestamentarischen Religion. Das exklusive Verhältnis Gottes zu seinem Volke beruht aber nicht auf Blutgemeinschaft, sondern war geschichtlich bedingt Auf der Erwählung beruht nach der Auffassung des Alten Testaments der Vorzug Israels, nicht auf der Zugehörigkeit des Volkes zu einer besonderen, als blutsverwandt empfundenen Völkergruppe; gelegentlich begegnet man im Alten Testament sogar dem Gedanken der Völkerfamilie, der die Rassengegensätze und Rassenvorurteile geradezu ausschließt. (Gen. 10.) Unleugbar ist freilich, daß das Erwählungsbewußtsein sich nach und nach in ein Abstammungsbewußtsein umgewandelt hat oder wenigstens sich damit kombiniert („Wir sind Kinder Abrahams, des Freundes Gottes.") Aber am Anfang steht doch das Erwählungsbewußtsein. Im Judentum hat man nun in der Tat das religionsgeschichtliche Beispiel dafür, wie nicht etwa Rasse Religion schafft, sondern umgekehrt eine Rasse entsteht unter der Führung religiöser und kirchlicher Notwendigkeit Das Abstammungsprinzip wird durch die Religion zur -Grundlage nicht etwa eines neuen Staates oder Volkes, sondern einer neuen Rasse, die mit der Zeit kräftig genug wird, in Gestalt zahlreicher Proselyten aus der Umwelt Fremdkörper nicht nur kirchlich anzugliedern, sondern blutmäßig aufzusaugen, bis dann zu Anfang des Mittelalters die völlige rassische Abriegelung erfolgt, die für das Judentum in der Folge charakteristisch wird. Daß diese Entwicklung für den, der richtig zu lesen und kritisch zu denken versteht, aus dem Alten Testament ohne Mühe abzulesen ist, das macht die israelitischjüdische Geschichte für den Religionshistoriker so überaus reizvoll. Wesentlich anders stehen die Dinge bei den Germanen, schon weil sichere Ergebnisse der Religionsgeschichte fehlen. Zu einer einheitlichen Religionsbildung auf germanischem Boden sei es nie gekommen, so wenig wie zu einer einheitlichen Staatsbildung, und Einflüsse von außen seien auf den Glauben der Germanen wirksam gewesen. Es sei unter solchen Umständen geradezu ausgeschlossen, von einer Rassebestimmtheit oder Rassebeschränktheit der germanischen Religion zu sprechen, ja es frage sich überhaupt, ob auch nur, wie dies oftmals versucht wurde, von einem einheitlichen germanischen Frömmigkeitstypus die Rede sein könne. Nicht Rasse-, sondern Sippengefühl, in der Wikingerzeit das Standesgefühl des Kriegers und Edlen, Treue gegen den Führer, dazu ein starkes Naturgefühl, treten hier an die Stelle der eigentlichen religiösen Empfindungen und schaffen sich in den verschiedenen Göttergestalten ihren adäquaten Ausdruck. Wenn der Vortragende so zu dem schon erwähnten Schlüsse kam, daß Rasse nicht religionsbildend sei, so gab er doch zu, daß Rasseeigenarten bis zu einem gewissen Grade auf die Religion einwirken. Aber alleinbestimmend ist Rasse für die Religion so wenig wie Milieu, Kultur, Geschichte, Grund und Boden und Sprache. Das Konstante sind nicht die physischen Erscheinungen, Spezialität» für Wolle und Strickgarne Moritz Nagel Wien, 2. Bez., Tatoorslraße Nr. 17 Fabriksniederlage. Wirku. Strickmoden _Telephon A 49-3-69__ sondern die in der Psyche verwurzelten geistigen Potenzen, zu denen, soweit unser Erkennen zurückreicht, immer auch das religiöse Empfinden gehört hat. In einem zweiten Teil des Vortrags wurde dargestellt, wie die Wissenschaft der allgemeinen vergleichenden Religionsgeschichte sich im Laufe ihrer Entwicklung zu dem Problem gestellt hat, wie sie lange Zeit vom Rassegedanken eigentlich fasziniert war, wie sie den Entdeckungen der Sprachwissenschaft gefolgt ist, indem Rasse und Sprachfamilie identifiziert wurden usw. Der Vortragende schloß mit der Feststellung, daß neben und über den Mächten von Blut und Art, Mächte des Geistes einhergehen, die im tiefsten Wesen des Menschen verankert sind und die durch jene anderen Mächte gezogenen Grenzen überschneiden. Religionen wirken in stärkstem Maße gemeinschaftsbildend, nicht trennend. Spiel mit der religiösen Wahrheit? Eine Erklärung für die Leser der „Wahrheit". Von Dr. Max Grunwald. Vorbemerkung der Redaktion. Zum Verständnis der folgenden Ausführungen des hochgeehrten Herrn Verfassers mögen einige Sätze dienen, die wir seinen Aufsätzen über diesen Gegenstand in der „L a u b h ü 11 e" entnehmen. Nach seiner Rückkehr von seiner diesjährigen Palästinareise wurde Herr Dr. Qrunwald, wie von anderen Zeitschriften, auch von der Redaktion der „Laubhütte" eingeladen, über seine Eindrücke von den religiösen Verhältnissen in Palästina zu berichten. Sein Aufsatz hierüber in Nr. 15 der „Laubhütte" _jweist auf die Tatsache hin, daß in einem bestimmten ralle, nämlich in der Frage der Klagemauer, der Vertreter der Agudab Raw Duschinsky und der Überrabbiner von Jerusalem Raw Cook einmütig, gemeinsam vorgegangen sind, flieran wird die Frage geknüpft, ob es nicht möglich -wäre,-auch Iii anderen die jüdische Gesamtheit betreffenden Angelegenheiten einen Zusammenschluß der Rabbiner der verschiedenen Richtungen herbeizuführen, Jerusalem zur Stätte solcher gemeinsamer Beratungen zu wählen und es zo zum religiösen Zentrum der Judenheit zu bestimmen. Diese Anregung begegnete der Sympathie angesehener Rabbiner im orthodoxen wie im liberalen Lager. Chief-Rabbi Dr. Hertz, London, würdigte in einem Brieie an den Verfasser die „weittragende Wichtigkeit" dieses Gedankens. Grandrabbin Israel Levy, Paris, erblickt in seiner Verwirklichung „das einzige Mittel, mit Aussicht auf Erfolg der religiösen Gleichgültigkeit innerhalb des Judentums entgegen zu wirken." Oberrabbiner Dr. C a r 1 e b a c h. Altona, schreibt in der „Laubhütte". Nr. 21: „Wir verhehlen uns die Schwierigkeit des von dem ehrwürdigen Dr. Grunwald gegebenen Vorschlages nicht. Er hat aber in dankenswerter Weise den Kernpunkt der Frage sichtbar gemacht, daß die großzügige Vertretung der Tora im Heiligen Lande fehlt, eine solche Zusammenfassung unserer besten geistigreligiösen Kräfte, daß ihre Stimme sich unbedingt Gehör schatten mußte . ., . . (Nach einem Vorschlage, in Jerusalem eine Akademie, der alten Methiwta ähnlich, zu schaffen.) Eine Forderung gilt sowohl für die Akademie als auch für das Zen.tralrabbin.at: sie dürfen mit Politik nichts zu tun haben. In diesem Sinne begrüßen wir die Anregung Grunwalds und hoffen, daß, wenn sich führende Rabbiner bereits dieses Planes bemächtigt haben, aus ihm nach genügender theoretischer Diskussion ein wirklich segensvoller Plan ergeben werde." Oberräbbiner Dr. Alkalay, Belgrad: „Sie haben aus dem Herzen eines jeden Rabbiners und jüdisch-kulturellen Arbeiters gesprochen .... Ich bin natürlich gern bereit, mit meinen schwachen Kräften Ihnen in der Verwirklichung dieser erhabenen Idee zur Seite zu stehen; denn das Fehlen eines geistigen zentralen Forums, das den Sitz in. Palästina hätte, wirkt zersetzend auf uns alle . . . . " Oberrabbiner Doktor Wiener, Brüssel: „Vielleicht können die tragischen Ereignisse dieser Tage dazu beitragen . . . (auf diesem Wege) unser Ansehen in der Welt zu heben. Ich kann Sie nur beglückwünschen, daß Sie jnit ebenso großer Klarheit als guter Methode die großen Linien für dieses Unternehmen vorgezeichnet haben. Möchte dieser schöne Gedanke in allernächster Zukunft Gestalt gewinnen!" Oberrabbiner Dr. Friediger, Kopenhagen: „Ich kann Ihnen ohne Vorbehalt beipflichten . . ." Oberrabbiner Dr. Samuel, Oslo: „Das Neue und Wertvolle Ihrer Anregung liegt bereits in der Form .... in der Art Ihres Sehens so ganz ohne Parteibrille. Sie haben ja so recht mit Ihrer Forderung, daß die Orthodoxie Deutschlands im stärkeren Maße nach Erez Jisroel kommen und dort wirken muß. Auch in der Frage „Zentralrabbinat" geht meine Ansicht mit der Ihrigen konform .... Empfangen Sie meinen Dank und meine Bewunderung für den ersten Schritt. Bauen Sie ihn weiter aus .. . ." Oberrabbjner Dr. Z o 11 e r, Triest:____ „Ich wünsche, Ihre Bemühungen mögen vom Segen des Höchsten gekrönt sein . . . ." Rabbiner Univ.-Prof. Dr. S c h o r r, Warschau, stellte sich bereits praktisch in den Dienst der Sache, der unter Leitung von Rabbiner Dr. Brande, Lodz, stehende Rabbinerverband beschäitigt sich mit dem Gegenstande, wie ihn auch Chief-Rabbi Hertz eingehender Beratung mit seinen Freunden zu unterziehen zusagte. Rektor Doktor Blau, Budapest, billigt den Plan in kurzer Mitteilung aus dem Sanatorium. Landesrabbiner Univ.-Prof. Doktor Herzog, Graz; „Ich halte den Vorschlag, ohne Ihnen schmeicheln zu wollen, für blendend." (Es folgen von ihm ins einzelne gehende Anregungen.) Oberrabbiner Dr. Federbusch, Helsingfors: „Auch wenn Sie voraussichtlich die Grenzen des Erreichbaren werden enger ziehen müssen, werden Sie sich unvergeßliche Dienste um das "religiöse Judentum erwerben, wenn es Ihnen gelingen sollte, auch nur annähernd Ihren lobenswerten Plan zu verwirklichen, was ich Ihnen vom Herzen wünsche" etc. etc. Nach dem vorliegenden Entwurf enthält das Programm dieses Planes folgende Hauptpunkte: 1. Zur Hebung des Ansehens der Tora innerhalb der Judenheit, wienach außen hin ist" eine Verständigung der Rabbiner untereinander wünschenswert n >f ,Der Gedanke a" Ere2 Jisroel, in dem sich jetzt alle Rabbiner geistig zusammenfinden, ist geeignet, einer solchen gegenseitigen Fühlungnahme als Ausgangspunkt und nächstes Ziel zu dienen. 3. Dieses Unternehmen hat weder mit Politik, noch mit dem Gedanken an eine Wiederbelebung des alten bynhedrions etwas zu tun. 4. Die Entscheidung in allen halachischen Fragen bleibt den orthodoxen Teilnehmern an der Aktion vorbehalten. 5. Für gemeinsame Beratungen ist nicht die Form von Kongressen, sondern die nicht öffentliche, von Verhandlungen von Delegierten der einzelnen Gruppen ins Auge zu fassen. 6. In der Leitung der Agenden wechseln die Vertreter dieser Gruppen ab. 7. Kooperation mit allen auf dasselbe Ziel gerichteten Bestrebungen liegt im Interesse des Unternehmens. 8. Die Durchführung der Punkte des von einem vorbereitenden Komitee zu entwerfenden Programmes eriolgt mit Anpassung an die besonderen Bedingungen der einzelnen Gruppen gemäß ihren Wünschen. Diese Anregung, die in drei Aufsätzen in der „Laubhütte" allen Rabbinern ohne Unterschied unterbreitet und, wie wir sehen, von vielen gebilligt worden war, bildete das Ziel eines in den schärfsten Ausdrücken gehaltenen Angriffes des Frankfurter „Israelit" unter dem Titel „Spiel mit der religiösen Wahrheit". Den Kern bildet der Vorwurf man habe sich nicht an die Thoragrößen des Ostens gewandt. Die würden sich übrigens mit den genannten Rabbinern nicht an einen Beratungstisch setzen. Als dieser Artikel von der Wiener „Jüdischen Presse" im Auszuge wiedergegeben und dadurch das Wiener Publikum auf den Gegenstand aufmerksam wurde, wandten wir uns an Herrn Dr. Grunwald mit dem Wunsche, unsere Leser über den Sachverhalt auiklären zu wollen. Herr Dr. Grunwald entsprach unserer Bitte mit der folgenden Einsendung: Sogleich, nachdem mein erster Artikel in der „Laubhütte" erschienen war, richtete ich an den „Israelit" das Anerbieten, ihm über diesen Gegenstand einen Originalartikel zu liefern. Ich dachte, daß ein solcher Plan doch in erster Reihe die Unterstützung der Orthodoxie finden sollte. Besonders hatte ich die des Ostens im Auge. Wohl war ich während des Krieges mit manchen aus diesen Kreisen durch gemeinsame Arbeit für die Kolelim und im Zuge anderer Aktionen bekannt geworden.