Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 52 (28.12.1934)
- Date
- 1934-12-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIX Seite 5 Die Sind aber leider zumeist nicht mehr am Leben. Die Redaktion der „Laubhütte", die orthodoxen Gruppen nahe steht, sowie einen Bekannten, der zur Orthodoxie Ungarns und Siebenbürgens Beziehungen unterhält, bat ich, mir mit den Rabbonim des Ostens Verbindungen anzubahnen. Zunächst hoffte ich aber, durch den „Israelit", in dem wiederholt Beiträge von mir und über mich erschienen waren, in dieser Richtung gefördert zu "werden. Die Redaktion antwortete jedoch, es widerspreche ihren Gepflogenheiten, Artikel abzudrucken, die bereits anderwärts erschienen sind. Da in meinem Briefe von einem solchen Abdruck nicht die Rede war, bedeutete diese Antwort eine Ablehnung. Als ich nun im „Israelit" in ungewöhnlicher Form gerade darum angegriffen wurde, weil ich mich nicht an die Thoragrößen des Ostens gewandt und die Ernennung des einstigen Synhe- <Irion vorgeschlagen hätte, konnte ich unter Hini weis auf den hier bekanntgegebenen Tatbestand die gegen meine Anregung ins Treffen geführten Argumente entkräften. Ich wandte mich an den <3erechtigkeitssinn der Schriftleitung mit dem Ersuchen, meine streng sachlich gehaltene Erwiderung zu veröffentlichen. Sie antwortete aber, der Verfasser des Ar- -tikels habe mich mit einem anderen Rabbiner verwechselt. In der Sache müsse sie aber bei ihrem ablehnenden Standpunkte beharren. Ein solches „Zentralrabbinat werde natürlich zuerst die jüdische Ehegesetzgebung revidieren, die zweiten Feiertage abschaffen, etc. etc." Sie lehne den Abdruck meines Briefes ab. Diesen Brief sah einer meiner Badener Bekannten, der mir den Artikel -der „Jüdischen Presse" brachte. Er hat darüber an die „Jüdische Presse" und an das von ihr erwähnte ungarische Organ berichtet. Um der Sache willen muß ich dieses Vorgehen bedauern. Ich selbst war zugegen, als 1918 auf der Palästina-Konferenz, die Talaat Pascha nach Konstantinopel einberufen hatte, Vertreter der Agudah, unter ihnen der Herausgeber des „Israelit" mit Delegierten anderer jüdischer Oruppen über den geistigen Aufbau Palästinas auf religiöser Grundlage verhandelten. Sollten seitdem die äußeren und inneren Verhältnisse für uns Juden sich so viel günstiger gestaltet haben, daß die Agudah ein solches "friedfertiges Verbandeln mit anderen Lagern jetzt nicht für angezeigt hielte? Und dies in einem Falle, in dem ihr in allen halachischen Fragen der unbedingte Primat sichergestellt wird? Erst kürzlich habe ich wieder einen zustimmenden Brief des Herrn Oberrabbiner Dr. Markus, Istanbul, in diesem Sinne beantwortet. Es ist eine historisch bedeutsame Zeit, in der wir leben, eine Zeit, in der wir Juden jüdische Ge- I schichte nicht nur durch Lektüre und Fest- und I Fasttage uns verlebendigen lassen, sondern grau- I sam hart selbst erleben müssen. Und gekommen I. ist, wir fühlen es, ein geschichtlicher Moment zur Einigung unserer Judenheit, wie er bisher kaum ie gegeben war und, wird er jetzt versäumt, vielleicht niemals wiederkehrt! Max Liebermann ernstlich erkrankt Professor Max Liebermann, der große jüdische Maler, früher langjähriger Präsident der Preußischen Akademie der Künste, dem man aber zuletzt als Juden die Ausübung seines Berufes untersagt hat, ist ernstlich e r k r a n k t. Er ist 87 Jahre alt. Professor Scheftelowitz gestorben. Am 19. Dezember fand in London die Beerdigung des im 60. Lebensjahr verstorbenen Honorarprofessors für indo-iranische Philologie an der Universität Oxford, Dr. Isidor Scheftelowitz. statt Der Verstorbene hatte sich frühzeitig als Gelehrter in jüdischen und nichtjüdischen Kreisen einen großen Ruf erworben. Im Jahre 1908 ging er als Religionslehrer an die Synagogenx gemeinde in Köln, nachdem er eine Berufung an die IUniversität Königsberg abgelehnt hatte, weil sie an die Bedingung seines Austritts aus dem Judentum geknüpft war. Bald darauf wurde er zum Rabbiner der konservativen Synagoge in Köln—Ehrenfeld gewählt An der Universität Bonn hielt er wiederholt Gastvorlesungen. Im Frühjahr 1919 wurde er als Honorarpro.fessor auf den Lehrstuhl für indo-iranische Philologie und Sanskrit an die Universität Köln berufen. Seine Hochschullehrertätigkeit nahm ihn schließlich zu stark in Anspruch, daß er sich seit 1926 ausschließlich seinen wissenschaftlichen Studien widmete. Im Sommer 1933 erhielt er einen Rur an die Universität Oxford. Außer durch seine fachwissenschaftlichen Veröffentlichungen ist Prof. Scheftelowitz besonders durch eine Untersuchung „Arisches im Alten Testament" und Jine Streitschrift über den Begriff des Glaubensdogmas in der jüdischen Religion sowie durch seine Mitarbeit an der „Jüdischen Enzyklopädie" in weiten Kreisen bekannt geworden. Im Jahre 1920 erschien sein Buch „Die altpersische Religion und das Judentum", 1925 sein Werk „Der altpalästinensische Bauernglaube". Eine ökonomische Zentralkommission. Vom Comite' des Delegation Juives und des Jüdischen Weltkongreß wird der JTA mitgeteilt: Die Wirtschaftstendenzen des modernen Staates, das Ueberhandnehmen der vom Staate dirigierten Wirtschaft und die Bildung von Ständen haben bewirkt daß in Ost- und Zentraleuropa auch die sichersten politischen Rechte der Juden oft zu einer inhaltlosen Formel degradiert werden, wenn sie nicht eine Politik der sorgfältigenWahrung der Wirtschaftsinteressen begleitet Anderseits hat die schwere Not der Juden in Mittel- und Osteuropa bei gleichzeitigem Mangel einer einheitlichen zielbewußten Wirtschaftsaktion in der letzten Zeit vielfach zur Entstehung von neuen Gesellschaften geführt die von den besten Wünschen beseelt oft undurchführbare Rettungspläne in Umlauf setzen, wodurch die ohnehin bedauerliche Zersplitterung der jüdischen Gesellschaftstätigkeit noch gesteigert und der Weg zur Bildung der von allen Einsichtigen erstrebten Einheitsorganisation versperrt wird. Mit Rücksicht darauf und in Uebereinstimmung mit den in den jüngsten Beratungen in Osteuropa vielfach geäußerten Wünschen hat das „Comite des Delegations Juives et Comite Executiv pour le Congres Juif Mondial" beschlossen, unverzüglich eine aus sachverständigen Wissenschaftlern und Praktikern bestehende Oekonomische Zentralkommission einzusetzen. Die Kommission wird die folgenden Aufgaben haben: 1. die Entwicklung der ökonomischen Verhältnisse der Juden in Zusammenhang mit den Wirtschaftsstrukturwandlungen der betreffenden Länder zu verfolgen, das gesammelte Material in objektiver Form der Weltöffentlichkeit zu unterbreiten und auf diese Weise die, absichtlich verschleierte, Entziehung der Existenzmöglichkeit der jüdischen Bevölkerung sichtbar werden zu lassen; 2. den Entwurf eines Wirtschaftsprogramms vorzubereiten, der dem einzuberufenden Jüdischen Weltkongreß zur Annahme empfohlen werden könnte. Die Zusammensetzung der Oekonomischen Zentralkommission in Paris, ebenso wie die des in Aussicht genommenen Wirtschaftsrates in Warschau wird demnächst bekanntgegeben werden. Palästina-Nachrichten, Wie aus Aden telegraphiert wird, ist ein Jude bei dem Versuch, die GrenrS-von Jemen zwecks Auswanderung nach Palästina zu überschreiten, von der Grenzwache erschössen worden. » Ins Gefängnis von Akko wurden 120 illegal nach Palästina eingewanderte Juden eingeliefert, von denen 90 zu Gefängnisstrafen in verschiedener Höhe, 12 von ihnen zu einem Jahr Gefängnis, alle mit nachfolgender Landesverweisung, verurteilt wurden. 30 Gefangene sollen noch abgeurteilt werden. * Die Palästinaregierung hat 150 E i nwanderungs-Zertifikate für Araber aus Aegypten und Syrien zur Verfügung gestellt, die im Hafen von Haifa als Träger und Packer verwendet werden sollen. Es ist dies der erste Fall in der Geschichte der Mandatsverwaltung Palästinas, daß ausländischen arabischen Arbeitern Einwanderungs-Zertifikate gegeben werden. DQfglcnlschcs HöntgsliclK Jüdische Arbeiter, die an einem von nichtjüdischen Unternehmern aufgeführten Neubau beschäftigt waren, sind durch arabische Posten gezwungen worden, ihre Arbeitsstätte zu verlasseji, Die arabischen Arbeiter standen unter der Fahruns Farchi Nashashibis, eines Vetters des letzten Jerusalemer Bürgermeisters, der vor kurzem einen national'» arabischen Arbeiterverband begründet hat. Der Fall hat da er der erste seiner Art in Palästina ist allgemein großes Aufsehen erregt * In einer Pressekonferenz in Jerusalem machten die Mitglieder der Palästina-Executive der Jewish Agency Dr. Arthur Ruppin und Dr. Werner Senator Mitteilungen Uber die Palästina-Einwanderung deutscher Juden in den beiden letzten Jahren. Es sind in dieser Zeit 15.042 Juden aus Deutschland nach Palästina gekommen, was 24 Prozent der gesamten jüdischen Palästina-Einwanderung dieser Periode ausmacht. Durch die Kinder- und Jugend-Aliah wurden 600 Jugendliche nach Palästina gebracht weitere 152 Kinder sollen binnen kurzem folgen. Für das nächste Jahr hat die Palästinaregierung 350 Zertifikate für Kinder bewilligt Kolonisiert wurden 300 jüdische Familien aus Deutschland, davon 60 bis 70 Familien ehemaliger Anwälte und Aerzte. Die deutsche Immigration hat zehn Millionen Pfund Sterling nach Palästina gebracht Z. T. A. Sememdedktonifa Tempeljubiläum. Ein schlichte, aber eindrucksvolle Feier war es. die am Freitag, den 7. Dezember, ein stattliche Zahl von Bewohnern der Bezirke Mariahilf und Neubau, sowie zahlreiche Gäste und Ehrengäste anläßlich der Vollendung des 50. Bestandjahres des Schmalzhoftempels in diesem Gotteshause versammelte. Nach dem vom Kantor Glück in feierlicher Weise verrichteten Minchagebet entzündete Oberkantor L e w i n die Chanukalichter und hielt sodann den Abendgottesdienst in besonders vorzüglicher Weise mit dem sein Bestes bietenden Tempelchor ab. Durch die feierlichen Klänge eines „Hallelujah" von Löwenstamm wurde die eigentliche Feier eingeleitet. Präsident Dr. Jakob Engel dankte zunächst dem Allmächtigen, daß der Tempelverein diesen Freudentag erleben konnte. In ergreifdenen Worten schilderte er die im Gotteshause sich vollziehenden Begebenheiten. Sodann hieß er die erschienenen Vertreter der Tempelvereine und alle Festgäste herzlichst willkommen und flehte Gottes Segen für ein weiteres Gedeihen des frommen Werkes und dessen dauernden Bestand herab. Hernach hielt Rabbiner Prof. Dr. I. Drobinsky eine inhaltlich wie formell meisterhafte Festpredigt. Er begann mit einem Hinweis auf die ersten Anfänge eines Gemeindegottesdienstes, der sich durch den Zusammenschluß namentlich aus Böhmen und Mähren eingewanderter Juden von Mariahilf und Neubau in den Fünfziger- und Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts ergab. Die gemieteten Betlokale erwiesen sieb aber immer wieder als zu klein, so daß man Ende der Siebzigerjahre an den Bau eines eigenen Tempel* gebäudes dachte, der dann durch den Präsidenten des Tempelvereines. Baurat Arch. Max Fleischer in meisterhafter Weise ausgeführt wurde. Der Grundstein wurde anläßlich der Vermählung des Kronprinzen Rudolf im Jahre 1881 gelegt, die Einweihung erfolgte 1884. Die durch die Vollendung des Tempelbaues geförderte Entfaltung des Gemeindelebens fand auch in der Unterstützung der Bestrebungen jüdischer Wohltätigkeit ihren Ausdruck, hidem der Tempelverein humanitäre Institutionen in seinen steten Schutz nahm, wie insbesondere den Israelitischen Frauen-Wohltätigkeitsverein für Mariahilf und Neubau, der seit Jahrzehnten, besonders aber unter der Leitung der derzeitigen Präsidentin Ida Wolf Hervorragendes auf charitativem Gebiete leistet Schon vor der Erbauung des Tempels war der Gottesdienst in Mariahilf vorbildlich, er war der dritte in Wien, der mit modernem Chor abgehalten wurde Diese Einrichtung gestaltete der Tempelvorstand dann im eigenen Gotteshause hochmusikalisch aus. indem er als Oberkantor den unübertrefflichen Tenor Simon Dünnmann berief, welcher durch seine künstlerischen Leistungen viel zur Berühmtheit des Tempels beitrug. Wertvollste Mitarbeit fand er an dem noch heute ausgezeichnet wirkenden, auf eine mehr als 40iährige Tätigkeit zurückblickenden Chordirigente.i Gustav E r b e r und Organisten Schulrat Josef Herz. Auch durch die erstmalig in Wien erfolgte Einführung der Freitag-Abendpredigten erwarb sich der Tempelvorstand bleibendes Verdienst um die Entwicklung des Gottesdienstes. Rabbiner Dr. Drobinsky würdigte ferner die mehr als 20jährige Tätigkeit seines Amtsvorgängers Dr. I. T a g 1 i c h t, des gegenwärtigen Oberrabbiners am Leopoldstädter Tempel, sowie die des verstorbenen Veremssekretärs Heinrich Bondy. des Verfassers der „Geschichte des Maria hilfer Tempelvereines". Dank der Opferwilligkeit der Vereinsmitglieder und der umsichtigen Führung durch den Vorstand hat sieb der Verein in der schweren Nachkriegszeit erhalten. Besonderer Dank und Bewunderung gebührt dem Präsidenten Dr. Jakob Engel, der dem Vorstande seit fast 50 .Jahren, hievon 28 Jahre als Präsident angehört dessen Klugheit, Tatkraft Liebe und Begeisterung es i.