Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1934-12-28 · Heft 52 (28.12.1934) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 52 (28.12.1934)
Date
1934-12-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3064504-3064554--20031-3085233
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

am wahrst S^to3 beschönigen. Bei einer Literatur, die viele Jahrhunderte umfaßt, kann es nicht an Einzelheiten fehlen, die den n.odern Empfindenden, der außerhalb steht, befremdlich, vielleicht .abstoßend berühren mögen. liier gilt besonders das „Alles begreifen heißt alles verzeihen". Den richtigen Maßstab für eine religiöse Literatur besitzt aber immer nur der, für den sie eben religiösen Charakter trägt. Er liest sie nicht mit den Augen des Verstandes. Sie spricht zu ihm in der Stimme seines Herzens. Grill spricht ja auch — und wir wehren es ihm gewiß nicht — über die Quellen des Christentums, wie für seinen Teil ebenso der gläubige Jude das Recht behauptet, über Talmud und .Schulchan Aruch zu sprechen. Das enthebt aber weder den Christen noch den Juden der Pflicht, unbedingt der Wahrheit die Ehre zu geben. Vor allem bewußte Unterstellungen zu unterlassen! Das eherne Lohngesetz in dieser Zeit lautet: „Willst du. Lohn, so schalte dein Gewissen aus und setze an seine Stelle das Parteidiktat! Denn Recht ist, was der Partei dient." Hüten wir uns, auch das Höchste, das einzig Hohe, das uns geblieben ist, die Religion, in diesen Sumpf, in dieses moralische Chaos herabzuziehen! Ja, Friede auf Erden! Aber nicht im Sinne und auf dem Wege solcher Hetz- und Werbeschriften. Trotz allen hohen und höchsten Approbationen und Protektionen! So wahr das höchste Wesen die Wahrheit ist, so gewiß können und werden Christen und Juden zueinander finden, wenn sie die Wahrheit aufrichtig lieben und suchen. Selbst auf die Gefahr hin, im eigenen Lager auf Unverständnis und Ungerechtigkeit zu stoßen, werden sie mit den Gleichstrebenden aus dem anderen sich freundlich begegnen in jenem Zwischenland, auf dem allein das Wunderkraut echter, reiner, vorbehaltsloser Menschenliebe reife Früchte trägt. Auch zwischen feindlichen Schützengräben gab es zu bestimmten Festeszeiten friedliche Verständigung. Aus dem Buch von Grill tönt aber keine Friedensmelodie. Wäre er nur seinen schlechten Quellen gefolgt, man hätte ihn einen schlechten Musikanten schelten können. Nicht jeder kann Klavier spielen, wenn man ihn auch an den besten Flügel setzt. Daß er aber in seinem Buche auch absichtlich daneben greift, das raubt den Tönen, die er hier zu Gehör bringt, jeden Beifall geradgerichteter Wahrheitssucher. Sie lassen sich, um im musikalischen Bilde zu bleiben, nicht anders quittieren, denn als — Katzenmusik. Ein nächstesmal hoffen wir bestimmt von ihm Besseres zu hören. Ihn wie bisher zu beraten, wenn er es wünscht, bin ich weiterhin bereit. Oder traut er nur einem Sancho Pansa? Dr. G r u n w a 1 d. Die Boykottagitation dauert an. Immer wieder tauchen in Wien Bo-ykottaufrufe gegen die Juden auf, die unbeanstandet verbreitet werden. Die jüdischen Geschäftsleute sind Opfer einer systematischen Propaganda, die nach nationalsozialistischem Muster betrieben wird. So ist vor einiger Zeit eine Flugschrift erschienen mit dem Rufe: „Kenn' dich aus... beim Einkauf in der Mariahilferstraße." In dieser wurde die Mariahilferstraße bis zur Neubaugasse schematisch dargestellt und bei jeder Hausnummer die in dem betreffenden Hause etablierten Geschäfte mit Namen angeführt, wobei die arischen Geschäfte s chwarz und die jüdischen rot gedruckt sind. Bei „gemischten" Firmen ist dem Namen ein roter Punkt beigesetzt. Nun ist ein zweites Heft erschienen, das in gleicher Weise die Mariahilferstraße bis zum N e u b a u g ü r t e 1 behandelt. In Kreisen der jüdischen Geschäftsleute herrscht große Aufregung darüber, daii man diese naziähnliche Boykottagitation frei gewähren läßt. Die Israelitische K u 11 u s g e m e i n d e ist bei den maßgebenden Behörden wegen Beschlagnahme dieser antijüdischen Hetzschrift eingeschritten. Inzwischen wird in dem zweiten Heft die Herausgabe ähnlicher Wegweiser für alle Wiener Geschäftsstraßen angekündigt. Auf zahlreiche Anfragen teilen wir mit, daß der „Arische G e s c h ä f t s w e i s e r" in der „betont nationalen" Buchhandlung R. Lucek, 1., AugusHnerstralie 7, erhältlich ist. Neben den wirtschaftsrantisemitischen Flugschriften erscheinen auch „weltanschauliche" Hetzschriften. Neuerdings wird zum Preis von zehn Groschen eine 32 Seiten starke Broschüre „A b w e h r" an allen Straßenecken angeboten. Darin wird über Einstein, Freud, Zamenhof und andere weltberühmte jüdische Gelehrte maßlos geschimpft und als Kronzeuge für das Bestehen einer tült Pension Eckstein Semmering „jüdischen Geheimorganisation Kahal" der berüchtigte Jakob Brafmann geführt. Dann heißt es: „Das Judentum, das internationale jüdische Machtsystem, begründet seine ganze Existenz auf unserer arischen Schwäche, arischen Uneinigkeit, arischen Zersplitterung. Wir wollen uns wehren und wieder wehren mit all unserer Kraft gegen die jüdische Umklammerung, solange bis wir getrost unseren Kindern sagen können: Du wächst hinein in ein wahrhaft neues, freies, deutsches Oesterreich. Wir haben mitgeholfen, es zu reinigen und zu befreien — Eure geliebte Heimat." Diese an die „Protokolle der Weisen von Zion" und an Loges Buch „Gibt es jüdische Ritualmorde" erinnernde Hetzschrift darf in Oesterreich unbehindert erscheinen. Ludwig Last schrieb uns ... Ludwig Last, der Besitzer der altbekannten Leihbibliothek, 1., Kohlmarkt 7, richtete am 24. d. M. an unseren Chefredakteur folgendes Schreiben, das auf die Propagandamethoden des „Arischen G e s c h ä f t s w e i s e r s" ein bezeichnendes Licht wirft: Von befreundeter Seite erhalte ich die Mitteilung, daß in der letzten Nummer ihrer geschätzten Zeitschrift meine Firma unter der Liste jener Finnen angeführt war, die in dem Adreßbuch „Arischer Geschäftsweiser" aufgenommen wurden. Diese Aufnahme erfolgte ohne mein Wissen und ohne meinen Auftrag. Ich werde vom Verlag auf meine Beschwerde eine Bestätigung erhalten, daß ohne meinen Auftrag diese Einschaltung erfolgt ist. Ich identifiziere mich absolut nicht mit diesen Tendenzen und ersuche Sie dringendst, in der nächsten Nummer der „Wahrheit" meinen Widerruf ausdrücklich zu veröffentlichen, damit ich dieser WillkürHchkeit entgegentreten kann. Hochachtungsvoll Ludwig Last. Diesen Brief hat der 81jährige zwei Tage vor seinem aus Furcht vor Erblindung und vor einem Nachlassen der geistigen Fähigkeiten begangenen Selbstmord geschrieben; er dürfte also einer der letzten Briefe des bekannten Buchhändlers gewesen sein. Wie wir erfahren, ist auch bei anderen prominenten Firmen und Unternehmungen die Aufnahme in den „Arischen Geschäftsweiser" in ähnlicher Weise erfolgt, d. h. die Hersteller dieses famosen Adreßbuches schalteten die betreffenden Firmen ohne deren Auftrag, ja manchmal sogar gegen denselben in ihre „arischen" Listen ein und waren, wenn die Firmen empört reklamierten, noch impertinent frech, wie wir nächstens gerade im Falle Ludwig Last beweisen werden können. Schon diese Praktiken, aus denen gar leicht eine Geschäftsschädigung der im wahrsten Sinne des Wortes an den Pranger gestellten Firmen erwachsen kann, sollten den Herrn Staatsanwalt veranlassen, sich etwas näher mit dem „Arischen Qeschäftsweiser" zu befassen. Pogrom in Mainz. Die von parteiamtlicher Seite überall in Deutschland geförderte und von regierungsamtlicher Seite unbeschadet der bestehenden Reichsgesetze, die das Hineintragen von Rassegrundsätzen in die Wirtschaft verbieten, geduldete neue Judenboykottswelle ergreift immer weitere Teile des Deutsches Reiches. In Mainz kam es am Silbernen Sonntag zu Vorgängen, die schon einem Judenpogrom ähneln. Sämtliche jüdischen Geschäfte in Mainz wurden mit Tränengas- und Stinkbomben belegt. Die Käufer und Käuferinnen verließen fluchtartig die Geschäfte. In mehreren Geschäftshäusern kam es zu schweren Verwüstungen, zu Raub und Diebstahl. Besonders wüst und einem Pogrom nahekommend waren die Vorgänge in dem Geschäftshause Stub. Diese Firma beschäftigt etwa 60 Angestellte, in der Mehrzahl Arier. Das Haus Stub gilt als sehr billig und hat deshalb seit jeher großen Zulauf. Als am Silbernen Sonntag der Laden viel Publikum hatte, fingen plötzlich rauhe Hitlerkämpfer in den Geschäftsräumen zu brüllen an: „Heraus aus dem Juden laden!" Die Kunden, meist Frauen, antworteten: „Wir kaufen, wo es am billigsten ist." Daraufhin betrat ein Mann mit dem Abzeichen der NSDAP das Geschäft. Auf. dieses verabredete Signal hin erhob sich ein wildes Gebrüll: „Das Parteimitglied muß aus dem jüdischen Laden!" Der Nazi mit dem Parteiabzeichen rief nun dem Inhaber zu: „Schließen Sie schnell die Türen, denn man will stürmen." In diesem Augenblick ging das Licht aus. Die „alten Kämpfer" und ihr Plünderungslustiger Anhang drangen in den Laden ein und demolierten und raubten, was sie erreichen konnten. Es entstand eine wilde Schlägerei. Frauen und Kinder wurden niedergeworfen und niedergetreten. Es gab zahlreiche Verletzte. Einige Frauen und Kinder waren so mitgenommen, daß sie ins Krankenhaus geschafft werden mußten. Interessant ist, daß sechsmal das Ueberf allskotnmando angerufen wurde, ohne daß es erschien. Erst nach einer Stunde trafen Polizeibeamte ein. Als der Inhaber Stub der Poiizei sagte: „Hier ist einer, der noch Tränengasbomben in der Tasche hat", gab ihm die Polizei zur Antwort: „Sie haben hier nichts zu sagen." Der Mann mit den Tränengasbomben konnte ungehindert davongehen. Die Firma Stub beziffert ihren Schaden zwischen 60.000 und 70.000 Mark. Aus der braunen Hölle. Will Stetnberg, bis zum Hitler-Regime einer de; cnolgreichsten Dichter der deutschen Kleinkunstbühne, hat zusammen mit seiner Mutter Selbstmord begangen, nachdem ihm als Juden im heutigen Deutschland keine EjSstenzmöglichkeit mehr gegeben war. Er wurde 42 Jahre alt * Am" Beschwerde von Nazi-Anwälten, daß im Anwaltszimmer des Oberlandesgerichtes in Breslau Bilder der jüdischen Justizräte Heilberg und S t e i n i t z, der früheren Vorsitzenden der Anwaltskammer, neben dem Bild Hitlers sich befänden, sind jetzt die beiden Bilder der jüdischen Justizräte entfernt worden. * Der „Bote für Stadt und Land (Bodenständige Heimatzeitung im Kreise Mors)" berichtet aus Xanten, daß auf dem jüdischen Friedhof Grabdenkmäler umgelegt und über Grabhügel gelauien wurde. Die T ä t e r sind unbekannt. Die israelitische Gemeinde in Xanten hat in der gleichen Nummer des Blattes für die Namhaftmachung der Täter eine Belohnung von 50 RM. ausgesetzt. Sie begründet die Auasetzung einer Belohnung damit, daß auf ihrem Friedhof „in letzter Zeit mehrmals Grabdenkmäler umgelegt und Grabhügel zertreten word e n" sind. * In den „Mitteilungen des Provinzialvereins der schlesischen Buchhändler e. V. in Breslau" wird folgende Erklärung veröffentlicht: „Nichtarier können nicht mehr als Lehrlinge und Volontäre im Buchhandel ausgebildet werden, da sie nicht damit rechnen können, in die Keichsschrifttumskammer über die zuständigen Verbände aufgenommen zu werden. Eine solche Mitgliedscha:t ist aber Voraussetzung für die Berufsausübung. Eine Ausnahme gilt nur für rein jüdische Buchhandlungen, die sich auf Belieferung jüdischer Kundschaft beschränken." Z. T. A. iAAAi 3 Schames bis 45 Jahre alt, mit entsprechenden Kenntnissen, wird aufgenommen. Zuschriften bis 10. Jänner 1935 an „Melchisch Jaachuah" «fl«n II. B«z., Joseflnengasse Mr. f FTff»TyTTTTVyTTt¥T*f?y?ffTyyf?TyTTfr ► ► ► ► ►

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.