Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 49 (7.12.1934)
- Date
- 1934-12-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Mühseligkeit des Verfahrens, das unsere Feinde auf dem Kriegspfad gegen uns wählen, ist der beste Beweis für unsere Integrität Als nützliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft, als patriotische Staatsbürger ersehnen wir das, was jüngst ein Tiroler Staatsrat als den „Königsgedanken der österreichischen Politik" verkündet hat: Zusammenfassung aller positiv staatserhaltenden Kräfte. In Deutschland können die Juden leider nicht mit der Heranziehung zu nützlicher Entfaltung ihrer staatsbürgerlichen Tugenden rechnen. An gutem Willen fehlt es ihnen sicherlich nicht, doch kommt es ja nicht auf ihren Willen an, sondern auf den der anderen, den zu beeinflussen ihnen jedes Mittel fehlt Sie stehen der Judenpolitik der Reichslenker wehrlos gegenüber. Nur die internationale Solidarität der Auslands- Juden kann hier durch konsequenten Boykott des deutschen Warenmarktes Wandel schaffen. Das Boykott-Komitee hat erst vor kurzem gezeigt, daß es auf dem Platze ist Um so verwunderlicher ist eine jüngst vom Reicrisminister Dr. F r i c k getane Äeußerung, das internationale Judentum habe bereits ein Friedensangebot unter der Voraussetzung gemacht, daß man die deutsche Einstellung zum Judentum ändere. Die Annahme eines derartigen Angebots könne nicht in Frage kommen. Es scheint, daß hier eher ein Friedenstaster von der anderenSeite vorliegt. Das Judentum als der rein passive Teil des Hakenkreuzfeldzuges operiert weder mit Kriegserklärungen noch mit Friedenstangeboten. Ebenso wie die „Protokolle der Weisen von Zion", die die angebliche Kriegserklärung der Juden an die ganze Welt darstellen sollen, gefälscht sind, ebenso unsinnig! ist das von Frick erwähnte jüdische Friedensangebot Die Entrechtung der deutschen Juden hat ganz automatisch die Solidarität der Juden auf der ganzen Welt geweckt. Um diese selbstverständliche, von den Juden zu allen Zeiten gegenüber bedrängten Glaubensbrüdern geübte Solidarität zu kennen, bedurfte es nicht erst der Geheimniskrämerei, wie sie Rosenberg noch jetzt mit Bezug auf die Klage der Schweizer Juden inszeniert. Wenn der leichtsinnig •heraufbeschworene Krieg gegen die deutschen Juden aufhört, werden auch die Gegenmaßregeln der Juden gegen Deutschland von selbst eingestellt. Wozu sollten Unterhandlungen dienen, wo nur die Tat entscheidet? Den Nazi-Worten glaubt doch längst niemand. Die Mission. la einer amerikanischen Korrespondenz polemisierte der Chefredakteur der „Reichspost" Dr. Friedrich Funder gegen die Behauptung, daß die prekäre Lage der österreichischen Judenschaft von der katholischen Mission in Wien zur Bekehrung von Juden zum Christentum ausgenützt werde. Der Wiener JTA-Vertreter befragte über Ersuchen der Londoner JTA- Redaktion den Oberrabbiner von Wien, Dr. David Feuchtwang, um seine Ansicht in dieser Sache. Herr Dr. Feuchtwang erklärte ihm folgendes: Es ist Tatsache, daß die Paulus-Aktion sich die Judenbekehrung zur Aufgabe gemacht hat, wobei sie Hand in Hand mit der Leo- Gesellschaft und der Zeitschrift „Erfüllung" eine sehr rege Tätigkeit in dieser Richtung hin entfaltet Die Vertreter der katholischen Kirche, nach deren Auffassung das jüdische Volk auf einem Irrwege ist und zu Christus zurückgeführt werden1 müsse, halten es nicht nur für ihre allgemeine Pflicht, die Juden zu bekehren, sondern in der gegenwärtigen Zeit für eine besondere Aufgabe, eine Missionstätigkeit unter den Juden zu entfalten, da das Jahr 1934 als Gnadenjahr zur HeimhoJung Israels angesehen wird. Selbstverständlich wird diese von so hohen Stellen ausgehende und von den Kirchenfürsten geförderte christliche Bekehrungsaktion in jüdischen Kreisen sehr schmerzlich empfunden, da die Vertreter der jüdischen Religion! überzeugt sind, daß das jüdische Volk in seiner unerschütterfchen Treue zur Religion der Väter auf dem richtigen Wege ist, und es nicht so ohne weiteres hinnehmen können, daß die Millionen gläubiger Juden als auf einem Irrwege Befindliche bezeichnet werden. Nun tritt diese erhöhte Juden-Bekehrungsaktion der katholischen Kirche gerade zu einer Zeit auf, da die Situation der Judenheit in Mitteleuropasotristeist wie man es sich vor ein paar Jahren noch kaum vorstellen konnte. In diesem zeitlichen Zusammentreffen beider Erscheir nungen sieht die Welt offenbar einen direkten Zusammenhang und es ist daher kein Wunder, wenn von einer Ausnützung der prekären Lage der Judenheit zwecks ihrer Bekehrung zum Christentum gesprochen wird. Man muß sagen, daß die eben erschienene Zeitschrift „Erfüllung" tatsächlich geeignet ist, einen solchen Eindruck zu erwecken. Dem ehrlichen Beobachter kann es auch niicht:.entgeheiii, <daßi.gerade m ^diesem Jahre unter geisffichier Aegide einer ganze Reihe von Schriften erschienen ist die die1 Tendenz haben, das Judentum gegenüber dem Christentum herabzusetzen. Das in diesen Wochen erschienene Und kürzlich erst beschlagnahmte Ritualmordbuch gehört allerdings nicht in diese Reihe. Man muß nun bedenken, im welcher absönderlichlen Lage sich speziell die österreichische Judenschaft befindet. Dieses Oesterreich ist unser Vaterland, dem wir auf das tiefste verbunden sind, und diesen österreichischen Staat haben wir immer und selbstverständlich als ein allen seinen Bür- Herr und Frau Berthold Sinai erlauben sich, auch auf diesem Wege alle Freunde und Bekannten zur mxD na ihres Sohnes FRITZ welche Samstag, den 8. Dezember 1934, um 9 Uhr vorm. im Tempel II., Tempelgasse 3, stattfindet, höflichst einzuladen. Wien I!., BöckJinstraße 69 gern gemeinsames Gut betrachtet, das allen gleichermaßen gehört, den jüdischen nicht minder als den nichtjüdischen. Wir haben volles Vertrauen zu den verantwortlichen Regierungsmitgliedern hinsichtlich des uns zugesagten Rechts¬ und Kulturschutzes. Aber man wird begreifen, daß in Zeiten der Bedrängnis eine mit erhöhtem Eifer einsetzende christliche Missionstätigkeit unter den Juden eine ganz andere Beurteilung erfahren muß als in ruhigen Zeiten, wo es allein auf die Kraft der geistigen Argumente ankommt. Wir Juden waren gegenüber der rein geistigen Werbetätigkeit der katholischem Kirche in unseren Reihen nie sehr besorgt, und die von Pater Bichl maier kürzlich veröffentlichten Ziffern der relativ geringen Judentaufen in normalen Zeiten haben unsere Ansicht auch vollkommen bestätigt. Diese Ziffern zeigen aber auch, daß in Zeiten der Not und Bedrängnis die Judentaufen zunehmen können, was sich speziell im letzten Jahre in auffallender Weise gezeigt hat Was wir vom religiösen Standpunkt aus dagegen tun können, ist, die jüdischen Menschen in i^irem Glauben zu stärken und der Kultur unseres Volkes noch tiefer zu verknüpfen. Pflicht der jüdischen Publikationsorgane ist es aber, das jüdische Volk auf die ihm drohenden Gefahren aufmerksam zu machen. „Das Chanukka-Fest in Talmud und Midrasch." Zu dem unter diesem Titel in unserer letzten Nummer erschienenen Aufsatz erhalten wir yph Dr. B. folgende Ergänzung: Bereits Dr. Grunwald hat im „Jahrbuch für jüdische Volkskunde" -1923, S. 467 fg., das Chanukka-Fest mit der Wintersonnenwende in Verbindung gebracht und einen alten Agrarkalender wahrscheinlich gemacht, in dem in jeden zweiten Monat ein solches Fest fiel. Vermutlich hatten die Syrer durch ein heidnisches Wintersonnenfest das auf den -25. Kislev fiel, den Altar entweiht und Juda Makkabi wählte darum diesen Zeitpunkt zur Einweihung eines neuen Altares und zur nachträglichen Feier des Laubhüttenfestes. Daselbst auch die ältere Literatur über den Gegenstand. Feuilleton Glauben und Wissen. Aus einem Vortrag von Dr. Max Grünwald. (Fortsetzung.) Mitten in der angestrengtesten Tätigkeit als Rabbiner und Arzt in philosophischen und naturwissenschaftlichen Studien hatte Maimonides im Jahre 1180 sein zweites großes Werk, seinen Mischne Thora vollendet Sein Kompendium des talmudischen Judentums, an dem er, wie er selbst sagt zehn Jahre lang gearbeitet hat sucht Schwierigkeiten, welche das Talmudstudium bietet zu beheben. Aehnliches hatte man in den Jahrhunderten vor Maimonides unternommen. Es wurden versuche gemacht leichtfaßliche Kommentare. Wegweiser für die Methode des Talmud und halachische Zusammenstellungen zu verfassen. In dieser Beziehung ragt der Versuch Alfasis hervor. Er hat indem er die stoffliche Anordnung und Ausdrucksweise des Talmud beibehalten, nur das Wesenhafte und Kernhafte, das für die Praxis Geltende zusammengestellt. Das Werk des Alfasi hat sich für den praktischen Gebrauch nicht als ausreichend erwiesen, weites die Vorschriften und Lehren des Talmud weder systematisch geordnet noch leichtfaßlich dargestellt hatte, das Meer war kleiner geworden, aber nicht fahrbarer. Daß der Mischne Thora des Maimonides seinem Zweck entsprach, bewies schon der Umstand, daß er zehn Jahre nach seinem Erscheinen, wie er ohne Ruhmredigkeit sagen durfte, bis ans Ende der bewohnten Erde gedrungen war. Das grandiose Werk erweckte Staunen und Bewunderung. Man bewunderte die Geistesgröße, die ungeheure Fülle der Gelehrsamkeit aber auch die wunderbare Architektonik, die künstlerische Vollendung gewährte einen ästhetischen Genuß; das Werk war in einem wunderbar ausgestalteten, ungemein verständlichen Neuhebräisch geschrieben und Maimonides zeigte sich als Stilkünstler von angeborener Genialität. Nicht nur über religionsphilosopische und ethische Probleme, sondern auch über Ackerbaugesetze, über Zivilprozeßordnung, über Kaufkontrakte, über Anatomie und Technik schrieb er mit einer Exaktheit und Leichtigkeit die den Sprachkenner ins Erstaunen setzen. Del Medigo aus Candia stellt in seiner Vorrede zum „Novloth Chochmah" Maimonides als den größten hebräischen Sprachmeister dar, er rühmt den hebräischen Purismus des Maimonides. Maimonides selbst schrieb in seinem Kommentar zur Mischnah (Nedarim Abschnitt I): „Jede Sprache, die fremde Elemente in sich aufnimmt wird durch die Mischungen entstellt." Im Abschnitt 1 „Hilchoth Tefillah" (Halacha 4) sagt Maimonides: „Die Männer der großen Synode haben deshalb die hebräischen Texte der Gebote festgesetzt weil die Sprache der damaligen Juden, die im babylonischen Exil lebten, stark mit fremden Sprachen durchmischt worden ist" Besonders wuchs die Verehrung für den großen Meister, als man erfuhr, daß sein Privatleben dem Ideal entsprach, das er von einem jüdischen Weisen entwirft Maimonides' Lob erklang von Spanien bis Indien, von Südfrankreich bis Südarabien. Er galt als höchste Autorität für die gesamte Judenheit Der jüdische Gedanke hatte in ihm den würdigsten Vertreter. Diese Stimmung schlug bei vielen in das Gegenteil um, als das philosophische Hauptwerk des Maimonides, das er 1190 verfaßt hat, der More nebuchim, durch die Uebersetzung ins Hebräische allgemeiner bekannt wurde. Die starre Orthodoxie sah nun in ihm den großen Ketzer. Seinen Vorgängern war die Philosophie ein Prunkgewand, eine Arabeske zur Verzierung des Baues. Höchstens , ein schirmendes Dach gegen etwaige Stürme. Im More nebuchim aber wagt er, der Philosophie einen berechtigten Platz neben oder gar in der Theologie anzuweisen. Er unternimmt es, jeden religiösen Satz nach philosophischen Prinzipien zu bestimmen, und stellt als Kriterium der heiligen Schrift die Wissenschaft hin. Was einem anerkannten und auf unumstößlichen Beweisen beruhenden Lehrsatz nicht entspricht das kann die heilige Schrift nicht lehren. In solchen Fällen muß notwendigerweise der wörtliche Sinn aufgegeben und dafür der allegorische genommen werden. Solche Lehren mußten in orthodoxen Kreisen des Judentums vielfache Bedenken erwecken. Aber wie Maimonides mit der gelassenen Ruhe des echten Weisen vorausgesagt hatte, daß seine philosophischen Ansichten bei der Mitwelt und nächsten Nachwelt kaum Verständnis finden würden, so ertrug er auch die Angriffe, die in der Tat von zahlreichen Seiten auf ihn einstürmten und die nach seinem Tode die ganze westliche Judenheit in erbitterte Gegnerschaft spalteten und die, nicht zur Ehre des Judentumes, schließlich sogar dahin führen sollten, daß die Feinde des Maimonides beim Inquisitionsgericht der Dominikaner die öffentliche Verbrennung seiner Schriften durchsetzten und sogar die bescheidene Inschrift auf seinem Grabstein durch ein Fluchwort entstellten. Ich fühle mich alt, nicht an Jahren, sondern wegen Kränklichkeit so schrieb er in sanem letzten Brief an die Gemeinde Lunel resigniert Er starb im Alter von 70 Jahren (am 20. Tebeth gleich 13. Dezember 1204), von vielen Gemeinden auf dem ganzen Erdenrund betrauert In Fostat begingen Juden und Mohammedaner drei Tage öffentliche Trauer um ihn. Die Gemeinde, in Jerusalem veranstaltete eine außerordentliche Leichenfeier. Ein allgemeines Fasten wurde angeordnet Man las aus der Thora das Kapitel von den Strafandrohungen und aus den Propheten die Geschichte der Gefangennahme der.Bundeslade durch die Philister vor. Maimonides galt ihnen als ihre Bundeslade. Die Leiche würde nach Tiberiäs überführt Er hinterließ einen einzigen Sohn, der seine Stelle als Leibarzt am Hofe des Sultans auch die Würde des Nagid erbte. Bis 15. Jahrhundert lassen sich seine Nachkommen verfolgen. (Fortsetzung folgt)