Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 49 (7.12.1934)
- Date
- 1934-12-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Weitere 10.000 deutsche Juden existenzlos. Die Londoner „Times" veröffentlichen einen spaltenlangen Artikel aus Berlin, in dem auf die Wirkungen des „stillen Pogroms" gegen die Juden m Deutschland hingewiesen wird. Die Zeitung stellt fest, daß in neuterer Zeit weitere 10.000 Juden durch Maßnahmen der Regierung ihrer Existenzbasis in Deutschland beraubt wurden. Die Wirtschaftsbasis der deutschen Juden verengt sich immer mehr, weil fortgesetzt die freien Berufe den Nichtariern versperrt werden. „Times" treten der jüngst im Auslande verbreiteten Auffassung entgegen, als ob bisher die Wirkungen der antisemitischen Gesetzgebung der deutschen Nazi-Regierung als übertrieben dargestellt worden seien. So habe man zum Beispiel erklärt,- daß jüdische Bankiers von der Neuordnung der Dinge fast nicht berührt wurden, weil der Reichsminister und Reichsbankpräsident Dr. Schacht es verstanden hätte, ein Vorgehen gegen die Juden im Wirtschaftsleben zu verhindern, um die Unruhe von der Wirtschaft fernzuhalten. Alle diese Behauptungen, stellen „Times" fest, stimmen nicht ganz. Die Schraube wird besonders gegen jüdische Angehörige der freien Berufe und gegen die jüdischen Kleinhändler angesetzt, der Druck ist ein stetiger und vernichtender. Die von Dr. Goebbels geleitete Kulturkammer wendet den Arier-Grundsatz erbarmungslos nicht allein gegen ausübende Künstler an, sondern auch gegen die mit dem Kunstleben verbundenen Wirtschaftsmänner und die Angestelltenschaft. Infolge dieser Wirksamkeit der Kulturkammer sind etwa 2000 jüdische Familien, deren Ernäher im Theater und Filmleben beschäftigt waren, auf die Straße geworfen worden. Die gleichen Methoden werden von der Kammer für bildende Künste angewandt; auch diese Kammer hat es erreicht, daß 500 jüdische Künstler mit ihren Familien brotlos wurden. Außer den zahlreichen jüdischen Journalisten, die aus dem Presse-Leben eliminiert wurden, sind nun auch tausende Juden, die wirtschaftlich mit dem Pressegeschäft verknüpft waren, durch Goebbels Presse-Kammer auf die Straße gesetzt werden. Man greife nicht zu hoch, wenn man die Zahl der jüdischen Familien, die in der letzten Zeit durch die Goebbelsschen Kammern ihrer Existenzbasis beraubt wurden, mit 10.000 ansetzt. „Times" bemerken noch, daß Dr. Schacht ernstlich bemüht sei, das Los der Nichtarier erträgt licher zu gestalten. So z. B. intervenierte Doktor Schacht kürzlich in Braunschweig gegen den in Zusammenhang mit Streichers Braunschweiger Besuch dort proklamierten antijüdischen Boykott. Er erließ als Wirtschaftsminister eine Verordnung, die Boykott-Posten vor den jüdischen Geschäften zurückzuziehen. Als dies geschah, strömte das Publikum, das anscheinend mit den antisemitischen Fanatikern nicht übereinstimmt, in die jüdischen Geschäfte. Synagoge in die Luft gesprengt. Die Synagoge in der Stadt Arhaus in Westfalen ist in der Nacht mit Dynamit indieLuftgesprengt wurden. Die Andachtsstätte der Juden von Arhaus ist vollkommen zerstört Die Polizei fahndet nach den Tätern. Frankreich - kein Platz für Judenhaß. Von amtlicher französischer Seite geht der Jüdischen Telegraphen-Agentur folgende Mitteilung zu: „Im Ausland kursieren Meldungen, von denen einige auch in die jüdische Presse Eingang gefunden haben, denen zufolge gewisse in Frankreich durch Gesetzgebung oder administrative Verordnung getroffene Maßnahmen gegen die hier lebenden jüdischen Einwanderer gerichtet oder auf antisemitische Gedankengänge zurückzuführen sein sollen. Für eine solche Auffassung besteht keinerlei Grund. Es handelt sich bei diesen Gerüchten anscheinend nicht nur um Uebertreibungen, sondern ihnen liegt dar Wunsch zugrunde, darzutun, daß selbst das freiheitlichste und duldsamste Land Europas die Notwendigkeit einer Art von „Schutz" vor den Juden erkannt habe. Es gibt keine einzige von den französischen Behörden getroffene Maßnahme, die gegen die Juden, seien es eingewanderte fremde oder einheimische, gerichtet wäre. Die in bezug auf die Arbeit von Ausländern in Frankreich getroffenen Maßnahmen sind ausschließlich mit Rücksicht auf die steigende Arbeitslosigkeit in Frankreich beschlossen worden und finden gegenüber allen Ausländern, gleichgültig welcher Nationalität oder welchem Glauben sie angehören, Anwendung. Antijüdische Diskriminierung gibt es in Frankreich auf keinem Gebiete, weder de jure noch de facto. Hinzuzufügen ist, daß die Behörden jeden Einzelfall, in dem eine Ausnahme von der allgemeinen Regel möglich sein könnte, ohne daß dadurch die allgemeinen Interessen des Landes geschädigt werden, auf das sorgfältigste prüfen und größte Weitherzigkeit aus Gründen der Menschlichkeit walten lassen. Die jüdische Presse sollte davor gewarnt werden, solche unbestätigte und alarmierende Nachrichten ohne entsprechende Nachprüfung zu übernehmen." Dar frühere Premier und jetzige Vizepremier Edouard Herriot übergab der New Yorker jiddischen Zeitung „Der Tog" die folgende Erklärung: „Werden die Reaktionäre in Frankreich wieder das- Haupt erheben,- werden' sie die R^ssenfrage zur Diskussion stellen und versuchen, die Tage des Dreyfus-Prozesses wieder zurückzurufen; so werden wir Linken ihnen eine Lektion erteilen, sa einprägsam, daß sie zur Ueberzeugung kommen werden, daß Frankmei-ch kein' Pla'tz ist f ür Antisemitismus-. Die Juden haben sich ganz in das französische Volk eingefügt, sie arbeiten loyal auf allen Gebieten mit, ihre Söhne haben mit unseren Söhnen auf den Schlachtfeldern geblutet; dies nicht nur im letzten Weltkrieg, sondern aucb in alten Kriegen seit der Emanzipation der Juden durch die französische Nationalversammlung von 1789. Die französische Kultur wurde durch jüdische Beitrage bereichert, wir sind den Juden für diese Beiträge dankbar. Die Menschen und Organisationen, die durch Aufwerfen der Rassenf rage das französische Volk spalten wollen, spielen mitdenFeuer. Weil die Demokratie tolerant MÖBEL Moderne KQchen- Vorzlmmer- Wohnzlmmer- F. KOMIN, Wien IL, TABORSTRASSE Nr. 22 Telephon R 40-7-14 Samstag geschlossen — Angeschlossen der »Schomra* ist, scheint es, als ob sie Fortschritte machten. Aber wir werden einer Sabotage der demokratischen Hauptprinzipien scharf entgegentreten und es nie und nimmer zulassen, daß unsere jüdischen Mitbürger gepeinigt werden wie in anderen Ländern. Wird: die Reaktion von Worten zu Taten übergehen, so wird sie auf den festen Widerstand dergroßen radikalen Mehrheit des französischen Volkes stoßen, welches nicht allein mit Worten, sondern auch mit Einsetzung seines Blutes die Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verteidigen wird. Die Juden bilden einen organischen Teil unserer Gesellschaft; wer sie anrührt, greift die Souveränität des französischen Volkes an. Das darf nicht sein!" Arbeltserlaobnis für 6000 deutsche Flüchtlinge. Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, gestalten sich die Verhandlungen jüdischer Persönlichkeiten mit Mitgliedern der französischen Regierung über Gewährung von Arbeitserlaubnissen für deutsche Flüchtlinge in Frankreich hoffnungsvoll,* es wird erwartet, daß die französischen- Behörden in kurzem 6000 deutschen Flüchtlingen Arbeitserfaubnisse gewähren werden. Eine weitere Abmachung zwischen* den zuständigen französischen Behörden und jüdischen Organisationen betrifft das Schicksal' der aus Frankreich ausgewiesenen- Flüchtlinge; deren Lage dürfte in der Weise geregelt werden, datt die jüdischen Organisationen es übernehmen» die .Ausgewiesenen allmählich in andere' Länder zu befördern. HERRENKLEIDERSALON S. FROST III., Landstraße Hauptstraße 28 Telephon U 11-2-72 * Empfiehlt sein reichhaltig** Lager feiner Steife and fertiger Mäntel zu billigen Preisen Furchtbares Martyrium jüdischer Auswanderer. Die Lemberger Tageszeitung „C h w i 1 a" meldet: Die 400 Auswanderer, die von dem griechischen Dampfer „Velo s" vor einigen Tagen nach dem Piräus gebracht, aber in Athen ebenso nicht ans Land gehen durften wie in zahlreichen anderen Häfen des Mittelmeeres, wurden vor demVerhungerngerettet und sind bereits in ihre galizische Heimat zurückgekehrt. Sie konnten nach Konstanza und von hier nach Za-, lesczyki gebracht werden, wo sie insgesamt von der Gräfin Sournai auf ihrem Gute verpflegt werden. Menschenschmugglern in die Hände gefallen. Die 400 jungen Leute, jüdische Burschen und Mädchen, haben eine Irrfahrt hinter sich, die in Europa fast unglaublich ist. Sie sind Menschenschmugglern In die Hände gefallen und wären im Mittelmeer beinahe verhungert. Am 13. August haben sie Polen verlassen, nachdem sie zum Teil ihre Stellungen aufgegeben hatten, um nach Palästina auszuwandern. Im Hafen von Varna schifften sie sich auf den Dampfer „Velos" ein, ein griechisches Küstenfahrzeug unter englischer Flagge, Kapitän Dimitrieff, Reeder Makri. Sie hatten keine gültigen Einwandererpässe, aber die Herren des Schiffes hatten ihnen versichert, daß dies belanglos sei. Gleich nach der Einschiffung begann das Martyrium der jungen Leute, da das Schiff für so viele Passagiere nicht Platz hatte und sie auch nichts zu essen bekamen. Die „Velos" darf nirgends landen. Als sie nach einer längeren Fahrt an die Küste kamen, verlangte der Kapitän, sie sollten sich auf kleinen Barken ans Land schmuggeln, weil er wegen der englischen Wachen nicht landen könne. AberschondieersteBarkescheiterte in der Dunkelheit. Sie fuhren nach Jaffa und wurden dort von der englischen Hafenpolizei vertrieben. Dabei gerieten sie an ein Felsriff und waren alle in Lebensgefahr. In H a 1 f a photograpfaierte die Hafenbehörde das Schmugglerschiff und sandte die Bilder an alle Mittelmeerhäfen. Jetzt war jede Landung unmöglich, und es begann eine Irrfahrt, die drei Monate dauerte. Im Zwischendeck eingesperrt Ueber das Martyrium dieser Fahrt erzählen die Unglücklichen schauerliche Einzelheiten. Die Nahrungsmittel gingen aus und konnten nicht ersetzt werden, da in den Häfen jeder Verkehr mit dem Schiffe verboten wurde. In S a 1 o n i k 1 intervenierte die Stadtvertretung vergeblich bei der griechischen Regierung. Da Selbstmordversuche vorkamen, namentlich von Mädchen, sperrte der Kapitän seine „Ladung" Ins Zwischendeck unter Bewachung von Matrosen. Für ein Stückchen Brot oder ein Glas Tee wurden ihnen ihre letzten Doitars abgenommen, später auch ihre Ausrüstung und die Kleider. Zum Schluß; lehrte auch das Trink wasser. Auf wiederholte Bitten der Eltern und des polnischen Konsuls entschloß sich endlich die rumänische Regierung, eine Landung in Konstanzazu gestalten: Nun sind die Unglücklichen in Zalesczyki und bemüBen sich; um legale Auswandererscheine.