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Die Wahrheit · 1934-12-07 · Heft 49 (7.12.1934) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 49 (7.12.1934)
Date
1934-12-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis cßeser Nummer 40 Groschen Jüdische DielMirneil tat Deutschland «erboten mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden tirsdieint jeden Freitag Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 50. Jahrgang Wien, 7. Dezember 1934 Nummer 49 Das gestörte Weihnachtsgeschäft. Das von uns in der vorigen Nummer gebrandmarkte, einen Rekord der Judenverleumdung dar-' stellende Pamphlet von Christian Loge „Gibt es jüdische Ritualmorde?" ist inzwischen von der Grazer Staatsanwaltschaft konfisziert worden. Unsere Ansicht, daß die Duldung einer so um geheuerlichen Verletzung unserer religiösen Gefühle mit dem von der Regierung verkündeten Prinzip der Gleichheit aller Konfessionen vor dem Gesetz nicht in Einklang zu bringen wäre, hat mit erfreulicher Raschheit und Entschiedenheit die Bestätigung der kompetenten Behörde gefunden, die damit nur den Beweis erbrachte, daß Oesterr eich ein Kulturstaat ist, dessen gesetzliche Bindungen an die Maximen der Humanität nicht bloß auf dem Papier stehen. In dem Konflikt Loges contra leges hat das Gesetz über seinen Verächter, die Staatsautorität über politische und geschäftliche Konjunkturtendenzen obgesiegt. Der Versuch eines spekulativen Verlags, aus dem literarischen Niederschlag politischer Verdrossenheit und Ranküne klingende Münze zu schlagen, ist gescheitert; die Leser jener katholischen Pädagogenblätter, die das Produkt gehässigster Judenfeindschaft als passendstes Weihnachtsgeschenk anpriesen, werden vor dem grotesken Schicksal bewahrt bleiben, an ihrem Lichterfeste — hinters Licht geführt zu werden» indem sie an Stelle einer Liebesgabe ein Dokument verleumderischen Hasses empfangen oder spenden. In Deutschland herrscht das umgekehrte System. Dort reguliert nicht das Gesetz die politische Agitation, sondern die politische Propaganda hat sich das Gesetz unterjocht und setzt sich souverän über alle Gebote des Anstands und der Gerechtigkeit hinweg, was besonders kraß in diesen Tagen der Fall Furtwängler beweist. Die übelsten Pamphlete politischer und konfessioneller Gehässigkeit haben sich die Schule erobert und infizieren vom Katheder aus die Seelen der deutschen Jugend. Und trotzdem ist heuer auch dort das Weihnachtsgeschäft der Hakenkreuz-Literaten arg bedroht." Alfred Rosenberg, vom Reichsführer Adolf Hitler zum „Erzieher" des deutschen Volkes eingesetzt, auf dessen Initiative und unter dessen Leitung die „Protokolle der Weisen von Zion" und andere schmutzige antisemitische Fälschungen überall in der Welt in den verschiedensten Sprachen verbreitet werden, scheint durch die Entwicklung, die der Prozeß wegen der „Protokolle" in Bern genommen hat, beunruhigt zu sein. Er versteigt sich zu Drohungen an die Adresse der Juden in der vagen Hoffnung, daß die Juden, durch die Terrordrohung eingeschüchtert, von einer weiteren Verfolgung der Angelegenheit der erwiesenermaßen gefälschten „Protokolle" absehen werden. In einem „Der Judenprozeß in Bern" überschriebenen Leitartikel des „Völkischen Beobachters" führt Alfred Rosenberg aus: „Wir werden den gesamten Komplex, der hier von den Juden selbst heraufbeschworen wurde, in einer Anzahl von Aufsätzen einer sachlichen Prüfung unterziehen und es wird nicht unsere Schuld sein, wenn erneut die große Gefahr, die die P jüdische Finanz, der jüdisch geleitete Kommunismus für die Geschicke der Welt bedeuten, ins grelle Licht des Alltags gestellt wird. Grundsätzlich müssen wir, da auch unser Zentral-Parteiverlag vor dem Berner Gericht angeklagt ist, folgendes bemerken: Wir bestreiten die Aktiv-Legitimation der Jüdischen Kultusgemeinde in Bern, einen Prozeß für das Judentum an sich zu führen. Schon allein die Tatsache, daß die dortige Kultusgemeinde durch die Angriffe auf die jüdische Weltpolitik sich persönlich beleidigt fühlt und als Grund dafür angibt, daß, wenn alle Juden angegriffen werden, auch die Mitglieder der Kultusgemeinde in Bern mitangegriffen seien, zeigt schon die Solidarität der Judenheit in aller Welt. ... Ehe wir auf die Materie selbst eingehen, ist noch vorbereitend zu bemerken, daß es sich hier unseres Erachtens weniger um die sogenannte Echtheit der „Protokolle" handeln kann, als um die innere Wahrheit dessen, was in den .^Protokollen" erklärt wurde. Die Tatsache, warum sowohl an die Echtheit, als auch an die innere Wahrheit dieser „Protokolle" geglaubt wurde, besteht eben darin, daß die Menschen, die offenen Auges in die heutige Welt der Weltwirtschaft, der Politik und Kultur blicken, fast alles bestätigt finden, was dort als Plan niedergelegt und von dem russischen Schriftsteller Nihis vor rund 20 Jahren bereits veröffentlicht worden war." Diese Rosenbergsche Abwehrstrategie zerfällt deutlich in zwei Teile: einen geschäftlichen und einen sachlichen. Die Geschäftstüchtigkeit des Mannes erhellt aus seiner Ankündigung, die durch den Berner Prozeß bewirkte Absatzkrise der „Protokolle" durch eine Neufassung der alten Verleumdungen zu paralysieren, wobei er scheinheilig die Schuld an den Folgen dieser neuerlichen Hetzkampagne auf die Juden abwälzt, weil sie die alte Fassung der gegen sie erhobenen Lügen, die „Protokolle" desavouiert haben. Herr Rosenberg will auf alle Fälle verdienen. Verdirbt man ihm das Geschäft mit den „Protokollen", dann hat man sichs selbst zuzuschreiben, wenn all der Unsinn, der dort verzapft worden ist, in neuer Gestalt „ins grelle Licht des Alltags gestellt wird." Formell soll diese Drohung den Eindruck hervorrufen, daß es den Juden peinlich ist, wenn gewisse Tatsachen ins Licht gerückt werden. In Wirklichkeit haben die Juden das Licht nicht zu scheuen. Daß es sowohl jüdische Kapitalisten als auch jüdische Kommunisten gibt, ist kein Geheimnis, das erst durch dickleibige Bücher verraten werden müßte. Und würden diese Bücher nichts anderes enthalten als solche Tatsachen, dann könnte man sich mit ihnen abfinden. Das Ungeheuerliche dieser Machwerke liegt aber nicht in den von ihnen angeführten Tatsachen, sondern in den ganz absurden Schlußfolgerungen, die aus an sich harmlosen Tatsachen abgeleitet werden. Indem alles, was Juden tun oder lassen, als Zeichen ihres Strebens nach Weltbeherrschung gedeutet wird, wird den gesamten jüdischen Lebensäußerungen ein Sinn unterlegt, den sie niemals hatten und meistens auch gar nicht haben können. Ein Beispiel hiefür: In der ursprünglichen Fassung der Protokolle wird der Bau von Untergrundbahnen in den Großstädten auf die Initiative der Rasiere Didigaf und billig S Ocsterreiclilsclies Qualität* roDrlhat Ueberau erhältlich Juden zurückgeführt, die durch solche Unterminierung der Straßen die Möglichkeit gewinnen, im Kriegsfalle die ganze Stadt in die Luft zu sprengen. Nun ist, seitdem Nihis diesen Unsinn schrieb, der Weltkrieg geführt worden. Aber während seiner ganzen Dauer ist keine einzige Großstadt mit Benützung der Untergrundbahnschachte als Minengänge in die Luft gesprengt worden. Das Beispiel hat denn auch an Zugkraft bedeutend eingebüßt und fehlt in allen neueren Ausgaben der „Protokolle". Vor der Rosenbergschen Logik hält es aber immer noch stand: Wer „offenen Auges in die Welt blickt", sieht die Untergrundbahnen. Und daher muß er auch an die Gefahr glauben, die sie als Werkzeug der Weisen von Zion darstellen. Genau so wie ihm die Existenz jüdischer Kapitalisten und jüdischer Kommunisten alle Schlußfolgerungen bestätigt, die Nilus daraus gezogen hat . . . Kein nüchtern prüfender Richter kann finden, daß diese Logik auf starken Füßen steht. Auch Herrn Rosenberg selbst und seinem österreichischen Ableger, dem Pfarrer Gaston Ritter, fehlt dieses Sicherheit gebende Gefühl. Beide erklären daher, daß es im Wesen gleichgültig ist, ob die „äußer e" Echtheit der „Protokolle" gewährleistet sei oder nicht. Die Hauptsache sei die „innere" Echtheit. Unter „innerer Echtheit" verstehen sie die Tatsache, daß die „Protokolle" die Juden so schildern, wie sie sich der naive Antisemit, der vielleicht im Leben keinen Juden gesehen hat, vorstellt... In Wirklichkeit gibt es natürlich nur eine Wahrheit und der Versuch, sie in zwei Teile zu gliedern, von denen nur einer wahr ist, ist im höchsten Grade absurd und beweist nur die Doppelzüngigkeit der Argumentatoren. Auch Christian Loge liebt die Doppelgeleisigkeit. Er teilt die Juden ein in Israeliten, d. h. Gotteskämpfer, und Judaisten, d. s. Ritualmörder. Auch das ist Unsinn. Wenn wir in diesen Tagen das Wort „Judaismus" hören, denken wir an Juda Makkabäus. War das etwa kein Gotteskämpfer? So unerfreulich diese antisemitischen Verstiegenheiten an sich sind, so bergen sie doch einen sehr erfreulichen Kern.: nämlich die Erkenntnis, wie wenig Nachteiliges sogar unsere erbittertsten Feinde über uns wissen, wenn sie ihre Anklagen gegen uns aus so mystischen Geheimlehren holen, die sie ad hoc konstruierten. Wären wir Juden wirklich ein destruktives Element, dann gäbe es wahrlich solideres Beschuldigungsmaterial gegen uns als das in den mysteriösen „Protokollen" der Weisen von Zion angehäufte. Wären wir verbrecherisch entartet, dann brauchte man den Beweisen nicht auf den dunklen Wegen der Ritualmordlüge nachzuspüren . . .

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