Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 48 (30.11.1934)
- Date
- 1934-11-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Antisemitische Gleichschaltung. Die famosen „Protokolle der Weisen von Zion" wurden kürzlich vor dem Berner Gerichtshof durch ein überzeugend argumentiertes Sachverständigengutachten als gewissenlose Fälschung und abscheuliche Schundliteratur gebrandrnarkt, aber das hat die Hitler-Regierung nicht davon abgehalten, das so gekennzeichnete Pamphlet als — Schullektüre einzuführen, es verhindert nicht, daß in Oesterreich jetzt die von dem steirischen Pfarrer Gaston Ritter veranstaltete Ausgabe der „Protokolle" (in der „Wahrheit" nach dem Erscheinen dieses Verleumdungswerkes eingehend besprochen) in katholisch-pädagogischen Zeitschriften als passendes — Weihnachtsgeschäft empfohlen wird. Es fehlt auch sonst nicht an Beweisen, daß es den Antisemiten aller Couleurs nichtdarum zu tun ist, die Wahrheit aufzuspüren, sondern daß sie wder besseres Wissen den Judenhaß zu verbreiten beflissen sind. Am eklatantesten erhellt dies in den deutschen Gebieten der Schweiz. In Bern wurden die geistigen Fundamente des Nationalsozialismus als Lug und Trug entlarvt, in Zürich dokumentieren die Hakenkreuzler, wie wenig Bedeutung sie der Wahrheit beimessen. Allabendlich produzieren sich am Seeufer antisemitische Sprechchöre; in den Straßen, durch die einst Gottfried Keller beschaulich wandelte, ertönt jetzt allnächtlich das „Juda verrecke!" Nur dem planmäßigen Vorgehen der Polizei ist es zu verdanken, daß bisher schwerere Ausschreitungen vermieden wurden. Der Israelitische Gemeindebund hat folgende charakteristische Kundgebung in allen Züricher Tageszeitungen verlautbart: „Da wir es ablehnen, uns mit Sprechchören auf der Straße mit dem Volksbund, der Heimatwehr, der front, den Nationalsozialistischen Eidgenossen und allen übrigen sogenannten Erneuerungsbewegungen zu messen, und es ferner ablehnen, den Kampf gegen diese Verleumder, gewissenlosen Aufwiegler und Feinde der Demokratie mit dem Schlagring, der Stahlrute, der Gaspistole und Tränengasbombe zu führen, wenden wir uns an die zürcherische Oeffentlichkeit und legen Verwahrung ein gegegen den aus dem Dritten Reich seitens der sogenannten Erneuerer übernommenen Kampfruf des „Juda verrecke!", wie er in schädlichster Weise mitten in unserer Stadt dieser Tage erneut erhoben wurde. Wir sind uns dabei bewußt, daß wir die Elemente, die einen sogenannten politischen Kampf auf diese unschweizerische, undemokratische und vor allem ungeistige Weise fuhren, nie und durch nichts eines Besseren belehren werden. Jedoch geben wir der festen Ueberzeugung Ausdruck, daß das Zürcher Volk auf Grund alterprobter politischer Erfahrung diese Methoden, die morgen zum Untergang der Rechte des souveränen Volkes führen würden, verurteilt, daß es daher unentwegt festhält an der Gleichberechtigung aller Bürger, welcher Konfession oder Rasse sie auch immer angehören mögen, und daß es daher seine Behörden unterstützt in dem Bestreben, solche Kampfmethoden radikal auszurotten." Die Ursache der Züricher Dauer-Skandale ist nebst der natürlichen Radaulust, die den Hakenkreuzlern angeboren ist, der von der reichsdeutschen Parteileitung "erteilte Auftrag, den in der Schweiz weilenden deutschen Emigranten — das Geschäft zu stören. Im Züricher Schauspielhaus wird das Emigrantenstück „Professor Mannheim" aufgeführt und im Kursalon spielt ein Kabarett, dem unter Leitung von Erika Mann etliche arische und nichtarische Künstler aus Deutschland angehören. Denen zu Ehren erschallen jetzt allabendlich aus rauhen Schweizerkehlen — traute Klänge aus der deutschen Heimat . . . Aber auch die in die T s c h e c h o s 1 o w a k e i geflüchteten Juden aus Deutschland durften sich in den letzten Tagen in Prag „wie zu Hause" fühlen. Dafür sorgte aber nicht etwa eine Solidaritätskundgebung von Sudetendeutschen mit Hitlerdeutschland, sondern ini Gegenteil chauvinistische tschechische Studenten benützten die gewaltsam — offenbar aus Mangel an anderen Sorgen — aufs Tapet gebrachte Prestigefrage der Universitätsinsignien, die bisher im Besitze der deutschen Universität gewesen waren, um Deutsche und — Juden zu verprügeln. Dafür revanchierten sich die in Wien aus dem gleichen Anlasse demonstrierenden studentischen Organisationen mit Attacken gegen die Juden, obwohl die Empörung über die Prager Maßnahmen eine interkonfessionelle ist. In einem so allgemeinen Krieg gegen die Juden darf Hitler-Deutschland natürlich nicht fehlen. Ueber die sadistische Grausamkeit, mit denen die braunen Stützen des Dritten Reiches diesen permanenten Krieg führen, erschien soeben ein neues, erschütterndes Zeugnis: Der Prediger und Lehrer der jüdischen Gemeinde Rathenow bei Berlin erzählt darin unter dem Titel „Juda verrecke! Ein Rabbiner im Konzentrationslager" (Druck- und Verlagsanstalt Teplitz^ Schönau) seine ^persönlichen haarsträubenden Erlebnisse im Konzentrationslager Oranienburg. Das größte Befremden auf der ganzen Welt muß aber die paradoxe Tatsache hervorrufen, daß auch Oesterreich, das offiziell in energischer Opposition gegen den Hitlergeist steht, gleichfalls in der Hitlerfront gegen das Judentum vertreten erscheint. Hier ist es vor allem der längst bekannte Dr. Jerzabek, der in seinem „Antisemit e n b u n d" einen Kader für alle jene, die sich nach dem 25. Juli in die dunkelsten Schlupfwinkel verkrochen hatten, bereithält und jetzt eine eifrige Versammlungstätigkeit entfaltet. Aber viel trauriger als dieses geistig kleinkalibrige Infanteriefeuer ist der seelische Bakterienkrieg seitens antisemitisch verseuchter Verlage. Besonders der Gräzer „Styria"-Verlag spielt in diesem Krieg die große Kanone. Er brachte im Vorjahr die vom Pfarrer Gaston Ritter unter dem Titel „Das Judentum und die Schatten des Antichrist" redigierten „Protokolle der Weisen von Zion" heraus und druckte jetzt ein Buch, in dem der Verfasser Christian Loge die im Titel gestellte Frage „Gibt es jüdische Ritualmorde?" bejahend beantwortet. Da der genannte Verlag, wie schon erwähnt, für die Rittersche „Protokoll"- Bearbeitung trotz der vernichtenden Ergebnisse der Berner Gerichtsverhandlung gegen die „Protokolle" weiter Reklame macht, darf man sich nicht darüber wundern, daß er sich auch um den schon etliche Jahrzehnte zurückliegenden siegreichen Prozeß Dr. Blochs gegen den Talmudfälscher und Ritualmordbejaher Rohling nicht kümmert. Schon durch diese Tatsache ist das sittliche Niveau der ebenfalls mit großer Reklame aufgezogenen Neuerscheinung gekennzeichnet, die aus der einmütigen Abwehr der Juden gegen diese ihren Glauben diffamierende unsinnige Beschuldigung nur einen neuerlichen — Schuldbeweis der Juden ableitet. Es wäre bloß Raum- und Energieverschwendung, sich mit den Anschuldigungen und „Beweisen" des Herrn Loge auseinanderzusetzen. Was gegen die Ritualmord-Verleumdung zu sagen ist, das steht in unzähligen Rabbiner-Gutachten, in päpstlichen Bullen und den Edikten einfacher christlicher Geschworener aus den Prozessen von Tisza-Eszler und gegen Mendel Beilis. Für Herrn Loge sind allerdings die in diesen Prozessen freigesprochenen Angeklagten trotz des Geschworenen-Edikts nur überführte Ritualmörder. Wozu einem solchen Argumentator die Ehre antun, gegen ihn zu polemisieren? Nur eine Behauptung Loges sei hier herausgegriffen, weil sie die tiefere Absicht seines Buches verrät. Der Mann erdreistet sich nämlich, gegen den jüngst von der österreichischen Regierung in den Kulturrat berufenen Hofrat Dr. Frankfurter den Verdacht auszusprechen, er habe sein Amt als Beamter der Wiener Universitäts-Bibliothek dazu mißbraucht, alle auf den Mißbrauch fremden Blutes bezugneh- Glauben und Wissen. Aus. einem Vortrag über Maimonides. Von Dr. Max Grunwald. (Fortsetzung.) Maimonides wurde am 14. Nissan (gleich 30. März) 1135. nach 1 Uhr mittags, zu Cordova geboren. Sein Vater war, ebenso wie seine Ahnen in acht Geschlechtern aufwärts, talmudisch gelehrtes Mitglied des Rabbinates von Cordova. Bei seinem Vater lernte der iunge Mose die jüdischen Wissenfächer sowie Mathematik und Astronomie. Mohammedanische Lehrer führten ihn in die Naturwissenschaften, die Arzneikunde und die Phi- Josophie ein. Im Jahre 1148 wurde Cordova von den fanatischen Almohaden erobert und. wie so viele andere, mußte auch Maimonides' Familie auswandern. 1159 oder -1160 finden wir den Vater, die beiden Söhne Mose flind David sowie eine Tochter in Nordafrika, in Fez. Mose hatte mit 23 Jahren für einen guten Freund eine kleine Schrift über den jüdischen Kalender in hebräischer Sprache verfaßt („Cheschbon ha- Ibbur") und arbeitete seitdem an einem Kommentar zur Mischnah. Mitten unter den persönlichen Gefahren, die über ihm und den Häuptern seiner Lieben schwebten, bedrückte sein Herz vor allem eine große Gefahr, der das Judentum ausgesetzt war. Vielfache Erfahrungen prägten ihm die Ueberzeugung ein, daß alle Verfolgungen nicht soviel Unheil anrichten können, als der allgemeine Mangel an Kenntnis des Lehrinhaltes des Judentums. Diesem Uebelstande abzuhelfen, betrachtete er schon während dieser Lehr- und Wanderiahre als seines Lebens Ziel und Zweck. Trotz all des bitteren Ungemachs, das er um seines Glaubens willen auf sich genommen, schwebte dem Jüngling die edle Aufgabe vor, die Wahrheit dieses geschmähten Glaubens so leuchtend und über jeden Zweifel erhaben festzustellen, daß er die Hochachtung auch der Anhänger anderer Religionen und der Philosophen gewinnen müßte. Auch in Fez in der Ausübung ihres Glaubens behindert suchte die Familie in Palästina Zuflucht. Im April 1165 bestiegen sie das Schiff. Nach sechstägiger Fahrt erhob sich ein furchtbarer Sturm: erst nach einem Monat lief das Schiff in den Hafen von Akko ein. Nach einem halben Jahre etwa reiste Maimonides mit den Seinen nach Jerusalem, um an den heiligen Stätten zu beten. Nach dreitägigem Aufenthalt in der heiligen Stadt wandten sich die 'Reisenden nach Hebron. Dort betete Mose einen ganzen Tag an der Höhle Machpela, dem Erbbegräbnis der Patriarchen. Von Hebron ging es nach Aegypten; einige Tage nach der Ankunft starb der Vater. Mose und sein Bruder' David betrieben gemeinsam einen Juwelenhandel, doch so, daß David der eigentliche Geschäftsführer war, während Mose sich dem Studium widmete. Auf einer Geschäftsreise ging David im Indischen Ozean unter und mit ihm das Vermögen beider Brüder. Mose begann nunmehr die Heilkunde auszuüben. Im Jahre 1168 vollendete er sein erstes Meisterwerk, den Mischnahkommentar. Dieser Kommentar hatte die Bestimmung, den gesamten Stoff der Ueberlieferung unabhängig vom Talmud zu popularisieren und das Verständnis für die Tradition in den weitesten Volkskreisen zu verbreiten. Jeder Mann im Volke, und ging ihm auch die Kenntnis des Talmud völlig ab, sollte imstande sein, einen Abschnitt der Misohnah mit voller Klarheit zu erfassen. Darum schrieb auch Maimonides seinen Kommentar in der zu jener Zeit in den weitesten Ländergebieten herrschenden arabischen Sprache. Er behandelt den reichen Lehrstoff der Mischnah dem Wesen nach in der Beleuchtung, die er im Talmud findet, der Form nach dem in der Schule des Aristoteles erworbenen wissenschaftlichen Verfahren. Diese Methode, überall die Grundsätze und Prinzipien anzugeben, das Allgemeine aus dem Besonderen herauszuheben, führte Maimonides darum auch zur Aufstellung von allgemeinen Prinzipien des Judentums, zur Abfassung von Glaubensartikeln, den bekannten dreizehn „I k k a r i m". die dem jüdischen Gebetbuch einverleibt wurden. Dieser Versuch) wurde in weiten Kreisen mit großem Mißvergnügen aufgenommen. Es schien vielen, als wollte Maimonides damit das verpflichtende Wesen* des Judentums auf diese 13 Artikel reduzieren, alles übrige aber^für unwesentlich erklären. In einer solchen Unterscheidung erblickte man aber eine ernste Gefahr für das Judentum. Im Judentum sei alles gleich wesentlich, die scheinbar geringfügigste Satzung ebenso bedeutsam -wie dieerhabenste Glaubens- und Sittenlehre. Jedes einzelne Gebot und jedes Verbot habe für den offenbarungsgläubigen Juden dasselbe Gewicht wie der Glaube an Gott Auch von einem anderen, mehr rationellen Standpunkt aUs wurden die 13 Glaubensartikel bekämpft Indes macht es den Eindruck, als hätte Maimonides selbst dieser seiner Dogmenfixierung keinen entscheidenden Wer,t beigelegt. In seinem religidnsphUosophischeh Werke „More nebuchim" wird dieses Thema gar nicht berührt, und selbst in seinem „Mischne Thora" geschieht es in so wenig systematischer Weise, daß J e d a j a h P e n i n i im letzten Abschnitt seines Werkes „Beschinath Olam" 35 dogmatische Lehrsätze aneinanderreiht, deren maimonidischer Ursprung nachgewiesen ist. Maimonides verfolgte eben nur einen bestimmten Zweck mit Rücksicht auf die Erfordernisse seiner Zeit. Die überlieferten Anschauungen vom Judentum hatten in seiner Zeit und in seiner nächsten Umgebung von innen und außen her mancherlei Anfechtungen erfahren. Bei seinem Drange, in das treibende Rad der Entwicklung richtunggebend einzugreifen, bemühte sich nun Maimonides. den Glaubensstand zu fixieren, um den erhobenen Widersprüchen gegenüber festzustellen, was für die- Zugehörigkeit zur jüdischen Glaubensgemeinschaft wesentlich sei oder nicht. So unterliegt es keinem Zweifel, daß in jenen 13 Glaubensartikeln der Satz, daß Moses der größte der Propheten sei, sich gegen den Islam wendet, der Mohammed den größten aller Propheten nennt, und daß der Artikel, das Gesetz der Thora sei unwiderruflich, sich gegen das Christentum kehrt das bekanntlich den neuen Bund dem alten gegenüberstellt. Die Frage der Dogmenfixierung hat im Laufe der Jahrhunderte eine ansehnliche Literatur gezeitigt. Die Tatsache, daß darüber ernstlich gestritten werden konnte, zeigt zur Genüge, daß dem Judentum Dogmen im kirchlichen Sinne fremd sein müssen. . Es hat auch nie eine besondere Vorliebe für ein scharfumrissenes Glaubensbekenntnis gezeigt. Die Glaubenssätze des Maimonides haben wohl im Laufe der Zeit in Prosa und poetischer Form ihren Platz in , der Liturgie; aber nirgends und niemals bildeten sie:'die Grundlage des Religionsunterrichtes, nirgends und niemals haben sie sich zu dem ausgestaltet, was man in anderen Kreisen Katechismus nennt Ein Bekenntnis wurde dem noch lallenden Kinde eingeprägt; kurz, anschaulich in die Sinne dringend: „Höre Israel, der ewige, unser Gott ist ein einziger Gott" Darüber hinaus drang nicht begrifflich, sondern anschaulich der Inhalt des Judentums in die kindliche Seele. Seit 1175 galt Maimonides als entscheidende rabbinische Autorität, von allen Seiten werden an ihn rituelle Anfragen gerichtet und bis in die entlegensten Länder sendet er seinen Glaubensbrüdern Belehrung und Trost in Not und Verfolgung. Im Jahre 177? wurde Maimonides Mitglied des Rabbinates von Kahira und bald darauf das geistliche Oberhaupt (Her Juden Aegyp-