Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 48 (30.11.1934)
- Date
- 1934-11-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3064504-3064550--19993-3085191- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Preis (fieser Nummer 40 Groschen Jüdische II« UUrU In Deutschland verboten! mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden Erscheint jeden Freitag Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien; A 100 918 50. Jahrgang Wien, 30. November 1934 Nummer 48 Sieh sehen lassen! Die Sprache des Chanukka-Lichtes. In der Londoner City soll es Weltfirmen geben, deren Chefs in ihrem Privatbüro noch heute die Oelbeleuchtung ihrer Vorfahren, der Gründer des Geschäftes, beibehalten. Jedenfalls neben dem Elektrischen ein Symbol. Diese Oelflämmchen sollen nicht sowohl leuchten, d. h. anderen sehen helfen, als vielmehr nur selbst gesehen werden. Der Chef des Hauses soll, so oft sein Blick auf sie fällt, sich der Geschäftsprinzipien erinnern, auf denen seine Firma einst aufgebaut und durch die sie groß wurde. Mag dies nun Wahrheit oder Legende sein, es beleuchtet den konservativen Grundzug im Charakter des Briten. Es spricht daraus die richtige Erkenntnis: wodurch ein Haus groß geworden, daran muß es festhalten. Zeiten, Menschen, Methoden der Arbeit und des Forschens — sie mögen sich von Grund aus ändern, Welten mögen untergehen und neue entstehen — der Kern, die Seele, die aufbauende Grundkraft des Hauses muß dieselbe bleiben. Dieses zähe Festhalten an überlieferter Väterart, dieser gesunde Lebensleitsatz, dem das mächtigste Volk der Erde seine Größe und seine Wesensart verdankt, wurzelt in der heiligen Weisheit des machtlosesten Volkes, in der uralten Judenbibel. Nicht umsonst erzählt die alte Sage von der Abstammung Albions von den Helden und Weisen des Hebräervolkes. Wenn wir Juden nun am Chanukka das stille Lichtchen zünden, wie_es seit mehr als 2000 Jahren schon unsere Väter taten, so sprechen wir die Worte: („We-en lanu reschuth l'hischtammesch bähen ela lirothan bilwad"). „Diese Lichtchen sollen keinem anderen Gebrauche dienen, als um gesehen zu werden und schon dadurch, daß sie sich sehen lassen, uns dankbar gegen Gott dafür zu stimmen, daß er Wunder wirkend unseren Vätern im schweren Kampf zum Sieg verholfen." Auch diese Flämmchen sollen uns an das erinnern, was unser Volk, wenn auch nicht zu weltlicher Macht und irdischer Größe, so doch auf einen Weg geführt hat, auf dem es Selbstachtung errang und zugleich vor der Welt sich sehen lassen durfte. Diese Stärke unseres Volkes lag („lo wechajil welo wekoach ki im beruchi") nicht im Säbelrasseln und .nicht in einem Athletenrekord, nicht im Stolz auf politische oder wirtschaftliche Erfolge, sondern in der Demut und Ehrfurcht vor Gott, die sie gegen Menschen.' selbstsicher und unüberwindlich machte. Dieser Geist echter Frömmigkeit beseelte die Makkabäer, als in ihnen und ihrer tapferen Gefolgschaft unser Volk aus der Stille seiner selbstgenügsamen Zurückgezogenheit auf die Weltbühne der großen Entscheidungen herauszutreten gezwungen wurde. Es galt, in der Notwehr gegen eine Weltmacht, eine Kraftprobe gottbegeisterten Mutes abzulegen. Und jene jüdischen Helden haben diese Probe so glänzend bestanden, daß sie für echtes Heldentum zum Gleichnis und Vorbild und ihren Namen für alle Zeiten sprichwörtlich geworden sind. Sie durften sich sehen lassen! Nicht immer war es rühmlich, wenn Juden vor der Welt sich sehen ließen. Sie taten es nicht immer in jener Demut und Ehrfurcht vor Gott, die auf Geltung bei den Menschen verzichtet. Was sie gar oft nur sehen ließen und aufdringlich hervorkehrten, war der Flitierglanz ihres Goldes, war der überladene Prunk ihrer Frauen, die anmaßliche Verwöhntheit ihrer Söhne und Töchter. Was aber viele von ihnen nicht sehen ließen, sondern 4» VERWALTUNGEN j> «S* SÄTZE - HYPQTHEKEN^jgfr ^fr» KÄUFE - VERKÄUFE^ * IX, ROTENLÖWENG. 3 BEN. AKT. SEISAL TEL. A 10-5-69 | Achtung! Samstag, den 1. Dezember 1934, in allen Festsälen des rtandelsmuseums, Wien IX., Bergg. 16 CHANUKA-FEIER DER „UNION" Siehe Ankündigung auf Seite 4 schnöde und feige zu verbergen suchten, das war: ihr Judentum. Was sie damit geerntet, war der Haß, die Verachtung, die sich jetzt mit der niederschmetternden Wucht eines Orkans über uns entlädt, die einen schon vernichtet hat, die anderen mit Vernichtung bedroht. In diesem Düster flammt ein Lichtchen der Hoffnung auf: der Wiederaufbau Palästinas. Aus Not ist dieses Werk geboren. Opfer des Zarismus haben es begonnen. Und Wiener Juden standen ihnen mit ihrer Bruderhilfe bei. Denkwürdig bleibt jene Versammlung im Jahre 1882, in der Rabbiner Salamon Spitzer mit begeisternden Worten zur Gründung eines Vereines zur Kolonisation des alten Väterlandes und damit zur Mobilisierung der Judenheit des Westens für praktische Palästinaarbeit den ersten Anstoß gab. Als ihm damals Stimmen aus der Versammlung entgegenhielten, daß man in Oesterreich doch vor Judenhetze sicher lind geborgen sei und daß, wer. als Jude Not leide, doch eher, in Amerika Zuflucht fände, da glaubte er keine schlagendere Abfuhr finden zu können, als in dem Hinweis: In Amerika würden diese flüchtigen Juden dem Judentum verloren gehen, in Erez Dosiere Didi got nnd billig Oesferrelcbisches Qualität* robrlMot Ueberau erhältlich Jisroel hingegen, da würden sie fromm bleiben, ja erst recht thoratreu werden. Was hat sich in den 50 Jahren seit jener Versammlung alles zugetragen! Wer hätte damals ahnen können, was jetzt aus Palästina geworden! Wieder, wie in den Makkabäertagen, eine Bühne, auf der das Judentum vor den Augen aller Welt eine Kraftprobe bestehen, sich sehen lassen soll! Wenn man jetzt an all die Orte kommt, deren einstige ruhmverklärte Namen uns aus der Geschichte der Makkabäerkämpfe geläufig sind, an alle die Schauplätze, auf denen Juda, der Held und Führer, gesiegt, an jenen Hügel besonders, auf dem er gefallen ist, man staunt zuerst, daß keinen dieser Lichtpunkte in dem Dunkel unseres Leidenschicksals nach der Weltweise ein Denkmal ziert. Doch bald sieht man ein, daß doch kein Denkmal ihrer würdiger sein könnte, als das Werk es ist, das von den Enkeln jener Helden jetzt dort geleistet wird. Aber ein Gebet entringt sich unseren Herzen: Möchte es doch ein Werk auch im Geiste jener Gottesstreiter sein („ki im beruchi")! Daß es nicht nur bestehen könne vor dem prüfenden Blick des Technikers und Wirtschaftsführers, daß es sich auch sehen lassen könne vor dem Geiste Judas, des Führers im Kampfe für Gott gegen herausforderndes Heidentum! Ehrfurchts- und demutsvoll, im Herzen den alten Gott der Väter, so standen am ersten Chanukka jene Sieger vor den Lichtchen, die zum ersten Male wieder sich sehen lassen durften auf der vom Feind befreiten Väterscholle. Dieser Geist hat uns aller Welt zum Trotz bis heute erhalten. Daß er allein uns als Juden auch fürderhin erhalten kann, das sagen uns die Lichtchen, die sich jetzt wieder sehen lassen an Chanukka. —d. OkkosumsoeckauQ von Juwelen aus Privatbesitz verlängert bis «1. Dezember Österreicher Wien /., Graben, Ecke Seilereasse