Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 48 (30.11.1934)
- Date
- 1934-11-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seile 3 menden Werke aus der Bibliothek entfernt zu haben. Herr Loge kann sich leicht vom Gegenteil fiberzeugen. Er wird bestimmt in der Universitätsbibliothek mindestens je ein Exemplar des „Armen Heinrich" von Hartmann v. Aue und des „Pfaffen Amis" von Stricker finden. Beide Epen stammen aus dem 13. Jahrhundert; in dem einen soll ein Ritter durch das Blut einer Jungfrau vom Aussatz befreit, in dem andern sämtliche Insassen eines Spitals durch das Blut des Siechsten unter ihnen geheilt werden. Hier könnte Herr Loge die Quellen aufspüren, aus denen der Aberglaube, man vermöge durch Genuß fremden Blutes leibliches oder gar seelisches Heil erringen, stammt. Leider sind es aber christliche Quellen und keine jüdischen und daher für Herrn Loge höchst uninteressant. Denn auch er will ja nicht der Wahrheit nachgehen, sondern bloß den Juden eins am Zeug flicken und außerdem der Regierung einen Tort antun, zur Strafe, weil sie es wagte, einen Juden in den Kulturrat zu berufen. Das ist dem „Styria"-Verlag nämlich nicht recht und er kündigt bereits ein Werk von Anton Orel an: „Ausschluß der Juden aus der Ständeordnung" . . . . Unsere Regierung bekennt sich zum System der Autorität und Ordnung. Man darf daher von ihr erwarten, daß sie die nötige Autorität geltend macht, um die von ihr betonte Ordnung durchzusetzen. Als Grundlage dieser Ordnung hat sie wiederholt die Gleichheit aller vor dem Gesetze deklariert. Mit diesem Prinzip ist es aber schwer in Einklang zu bringen, daß die religiösen Gefühle der Juden in gröblichster Weise verletzt werden dürfen, ohne daß der Staatsanwalt sich zum Einschreiten gegen solche Blasphemien veranlaßt fühlt. Dem Frieden zwischen den Konfesisonen, den endlich herbeizuführen Kardinal Innitzer als dringendstes Gebot bezeichnet hat, wird auf diese Weise schlecht gedient. Unter der Patronanz des Wiener Erzbischofs hat jüngst eine Zeitschrift zu erscheinen begonnen, die den konfessionellen Haß abbauen will, indem sie die verborgene Schau der jüdischen Religiosität den christlichen Kreisen offenbart. Man kann es nur als Konterminierung dieses Versöhnungswillens werten, wenn — gleichfalls mit höchster kirchlicher Approbation — Bücher erscheinen, von denen eines das Judentum als Schatten des Antichrist qualifiziert und das andere als die verborgene Schau der jüdischen Religiosität den — Ritualmord feststellt. Oder wenn jüngst ein katholischer Gefängnisgeistlicher als glänzenden Beweis seiner bewährten Seelenbesserungsmethode den Brief eines Sträflings veröffentlicht, in dem tens. 1198 wurde er Leibarzt des Atafda, des Nachfolgers des Saladins. und sagte ihm kühne Wahrheiten. Richard Löwenherz wünschte, ihn zu seinem Leibarzte zu ernennen, er schlug aber den Antrag aus. Seine Selbständigkeit als Mediziner bekundet Maimonides unter anderem darin, daß er als erster den Galen, die größte medizinische Autorität des Mittelalters, zu bekämpfen wagte. Für sein Ansehen als Arzt spricht schon die Pracht, mit der die Kopien seiner medizinischen Werke ausgestattet wurden, so daß Napoleon, als er, wohlberaten, von den Kunstschätzen Italiens die kostbarsten für Paris wählte, mit den ersten Maimonidesmanuskripte der italienischen Bibliothek für Frankreich mitnahm. Im Abendlande haben bekanntlich auch die Päpste und Konzilien wiederholt es für eine Todsünde erklärt, von einem jüdischen Arzte sich heilen zu lassen. Dessenüngeacihitet waren die meisten päpstlichen Leibärzte im Mittelalter nicht bloß jüdischer Abkunft, sondern auch jüdischer Konfession, derart, daß König Friedrich II. von Sizilien einmal sagte: „Wir erinnern uns aus den Predigten der Geistlichen, daß jeder der Exkommunikation schuldig sei und eine Todsünde begehen, welcher zur Heilung seines Leibes einen Juden in Ansprach nehme. Wir sehen aber, daß für gewöhnlich kein anderer Arzt in den Klöstern ein- und ausgeht denn ein Jude. Dies gilt sowohl von Männerwie auch von FTauenklösteTn." Nichts ist bezeichnender für den Charakter des jüdischen Arztes im Mittelalter als das ergreifend schöne und echt menschliche Gebet, mit welchem nach einer Ueberlieferung Maimonides seine ärztliche Tätigkeit zu beginnen pflegte und das da lautet: „Ich schicke mich jetzt an zu meinem Berufe. Stehe mir bei, Allmächtiger, in diesem großen Unternehmen, daß es mir gelinge; denn ohne Deinen Beistand gelingt den Menschen auch das Kleinste nicht Gib, daß mich beseele die Liebe zur Kunst und zu Deinen Geschöpfen. Gib es nicht zu, daß Durst nach Gewinn, Haschen nach Reichtum oder Ansehen sich in meinen Betrieb mische, _denn dies sind der Wahrheit und der Menschenliebe Feind und sie könnten auch mich irreleiten in meinem großen Berufe, das Wohl Deiner GeschSpfe zu fördern. Erhalte die Kräfte meines Körpers und meiner Seele, daß unverdrossen sie immerdar bereit seien, zu helfen und beizustehen dem Reichen und dem Armen, dem Guten and dem Bösen, dem Feind und dem Freunde! Lasse in Leidenden stets mich nnr den Menschen sehen!" ' So beteten Indische Aerzte im Mittelalter, ehe sie an das; Krankenbett eines leidenden Ntchtjuden traten. (Fortsetzung fotet) alle Schuld den — „schmierigen Juden" in die Schuhe geschoben wird. Da dieser Sträfling ein Nazi- Verbrechen abzubüßen hat, scheint hier die Bekehrung weniger dem Seelsorger an dem Uebeltäter, als vielmehr dem Uebeltäter an dem Seelsorger geglückt zu sein. Und das ist ja eben das Charakteristische an dem nationalsozialistischen Bakterienkrieg, daß er nicht nur leichtgläubige Anhänger, sondern auch solche Geister infiziert und in seinen Dienst zwingt, die aus gewichtigsten Gründen im gegnerischen Lager stehen müßten: wie die Schweizer in Verteidigung ihrer uralten demokratischen Tradition, die Tschechen aus nationalen und die Katholiken Oesterreichs aus sittlichreligiösen Ursachen. Also allgemeine Gleichschaltung der Geister im Zeichen des Hakenkreuzes! »Q1111S91L ■»••»■■■•«•■•■»■■•••■■•■■■■■■•«■«•I Kriegsgefahr. Ueber Europa geistern die Schatten des Krieges. Die Situation ist seit dem tragischen Ereignis von Marseille ähnlich gespannt, wie sie es nach der Bluttat von Sarajewo gewesen ist. Und dennoch besteht ein großer Unterschied zwischen damals und heute. Ebensowenig wie Oesterreich- Ungarn im Jahre 1914 spart jetzt Jugoslawien mit Vorwürfen und Beschuldigungen gegen einen Nachbarstaat, aber diese Inkriminationen sind derzeit nicht in einem direkten Ultimatum an den Beschuldigten niedergelegt, sondern in einer Eingabe an den Völkerbund, der über die verhängnisvolle Affäre friedlich-schiedlich zu urteilen haben wird. Das ist mehr als ein formaler Unterschied. Er leuchtet vielmehr inpsychologischeTiefen der Politik unserer Tage, einer Politik des seelischen Dilemmas zwischen der Lust, brutal loszu- HERRENKLEIDERSALON S. FROST II/., Landstraße Hauptstraße 28 Telephon V11-2-72 Empfiehlt sein reichhaltiges Lager feiner Stoffe und fertiger Mäntel zu billigen Preisen schlagen, und den inneren Hemmungen, das Letzte zu wagen. Dieses Dilemma ist durchaus nicht auf die beiden Staaten beschränkt, die gegenwärtig vor dem Genfer Forum einen aufgeregten Notenkrieg führen, sondern kennzeichnet die moderne Politik aller Staaten Europas, ja vielleicht der ganzen Welt. Am deutlichsten erhellt der Kontrast zwischen dem, was der Instinkt möchte, und dem, was die Vorsicht empfiehlt, wenn man Hitlers programmatisches Bekenntnis „Mein Kampf" mit den Friedensschalmeien vergleicht, mit denen er zuerst Polens und jetzt sogar Frankreichs Mißtrauen gegen die braune Gefahr einzulullen suchte. Ueberall herrscht erbitterte Kampfstimmung. In den deutschen „Führer"-Kreisen ist die Kampfstimmung größer als die Erbitterung: Man ersehnt den Krieg nicht so sehr als Abreagierung eines — in Wirklichkeit gar nicht vorhandenen — Hasses gegen irgend einen Nachbar, sondern als letztes Auskunftsmittel, die Unzufriedenheit der durch die wirtschaftliche Not zum Aeußersten getriebenen Volksmassen nach außen abzulenken. Unter den „Geführten" wieder ist die Erbitterung größer als die Kampfstimmung: Sie sehen sich voll Verzweiflung in eine Wirtschaftskrise verstrickt, die dem Menschen alles raubt, was das Leben lebenswert macht, sogar die Hoffnung, da sich die demagogischen Versprechungen gewisser Staatsmänner als unerfüllbar erweisen. In dieser Stimmung ballen sie wild die Fäuste und möchten sie zwar gern jemandem — er sei, wer er sei — gegen den Kinnladen schmettern. Aber sich in den Dreck der Schützengräben zu legen, um sich nach kalt berechneten strategischen Plänen in Massen gegenseitig hinzumorden, ist doch eine andere Sache. Eine Sache, dfe zum Glück auch den um andere An^tamftsmittel verlegenen Führern bedenklich erscheint, da ihnen das Ende des Weltkrieges die Erfahrung beschert hat, daB ein verlorener Krieg selbst die ältesten Throne zu stürzen vermag. Wenn sogar Herrscherrechte, die vertassungsgemäß für die Ewigkeit garantiert erschienen, plötzlich erloschen, um wieviel vorzeitiger kann erst mit „zehntausendjährigen" Führerrechten aufgeräumt werden, deren Termin zur Gänze einen eskomptierten Wechsel auf die Zukunft darstellt? Auch droht die Gefahr, daß der Zukunftskrieg nicht auf die Schützengräben beschränkt bleibt, sondern daß seine prädestinierten Mittel: Gaskrieg und Bakterienkrieg, auch die Etappe, die oberste Heeresleitung und das gesamte Hinterland gefährden, also selbst für die Staatslenker eine ungesunde Lage schafft . . . Angesichts solcher Tatsachen gäbe es aus dem Dilemma zwischen den Trieben, die zum Kriege drängen, und der Angst, diesem Drängen nachzugeben, keinen Ausweg, hätte die weltgeschichtliche Entwicklung nicht für einen Faktor gesorgt, an dem alle oben geschilderten Seelenkomplexe abreagiert werden können, ohne die gleichzeitig erwähnten Gefahrenmomente heraufzubeschwören. An diesem Faktor können die Führer den Giftkrieg erproben, indem sie die Seitchenbazillen ins Geistige transponieren und die Angeführten, mit diesen Bakterien geistig Infizierten dürfen an ihm das Faustrccht üben, ohne daß staatsrechtliche Verwicklungen vorauszugehen oder nachzufolgen brauchen. Ist es ein Wunder, daß der Krieg gegen diesen idealen Feind aller, ihre nationalen und sozialen Interessen mögen noch so sehr divergieren, bereits auf der ganzen Linie entbrannt ist? Wer dieser ideale Feind ist, erfährt man gleichfalls aus Hitlers Bekenntnisbuch „Mein Kampf". Wenn man alle dort aufgezählten Gegner, die nach dem Buchrezepte „siegreich zu schlagen" sind, mit denen aber Hitler als „Reichskanzler und Führer" nach dem Vorbild seiner literarischen Lieblingshelden die Friedenspfeife zu rauchen bereit ist, abstreicht, dann bleibt e i n Feind übrig, der erbarmungslos an den Marterpfahl gebunden und mit dem Tomahawk skalpiert werden soll: der Jude. Rückzugsmanöver. Die in Berlin erscheinende völkische Zeitung „Die Wahrheit" schreibt im Zusammenhang mit dem Börner Prozeß über die gefälschten „Protokolle der Weisen von Zion": „Die Wahrheit" hat sich niemals für die Echtheit der „Weisen von Zion" eingesetzt, was auch von der völkischen Bewegung der Vorkriegszeit gesagt werden kann. Soviel uns bekannt ist, kann dasselbe von der nationalsozialistischen Bewegung behauptet werden. Nur von ganz bestimmtet Seite, die in keinerlei Beziehung zur NSDAP, steht, OerlagMCalesiisw.JieillfliEir! ist der Kampf gegen die „Weisen von Zion" in Deutschland in besonders scharfer Weise geführt worden. Wie also auch der Prozeß in Bern ausgehen mag, die antijüdische Einstellung in Deutschland kann davon nicht berührt werden." Die verlogene Notiz bezweckt offenbar, einem etwaigen Einwand zuvorzukommen» daß nach dem Berner Urteil, das die .Protokolle" als Fälschung entlarvt, die antijüdische Einstellung in Deutschland revidiert werden sollte.