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Die Wahrheit · 1934-11-23 · Heft 47 (23.11.1934) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 47 (23.11.1934)
Date
1934-11-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT in den Heimat verband zugesichert hatte, was man früher als fast sichere Einbürgerung zu betrachten pflegte, da alles weitere nur Formalität war, von einer Annullierung dieser Einbürgerung-Zusicherungen bedroht Vergebens fragt man sich angesichts solcher Verschärfung des Staatenlosen-Problems: Cui prodest? Wer hat auch nur den allergeringsten Vorteil davon, daß eine neue Schar nützlicher und harmloser Menschen überflüssigen Schikanen preisgegeben wird? Die Schädlinge spotten ja erfahrungsgemäß solcher Beschränkungen. Die Enthüllungen über die Reise der Attentäter von Marseille nach Frankreich haben bewiesen, daß der Paßzwang keinen Staat vor der Ueberflutung durch Verbrecher schützt Ebensowenig erwehrt sich ein Staat durch Verweigerung der Bürgerrechte einer „Ueberfremdung". Das zeigt in grotesker Weise Deutschland, das die Ausbürgerungen im größten Ausmaß betreibt und dessen Politik jetzt — ein Oesterreicher, ein Aegypter, ein Balte und ein Brasilianer machen . . . Auch in Oesterreich sehen wir Emigranten aus der Tschechoslowakei eine „Ordnung in /der Judenfrage" anstreben, die den von der Regierung verkündeten Prinzipien der Gleichheit aller vor dem Gesetz widersprechen. In Jugoslawien hat ein Organ eingewanderter Russen den tragischen Tod des Königs Alexander zu einer kleinen Judenhetze ausnützen wollen, sich aber durch die dort bodenständige Presse eine artige Abfuhr geholt Es ist absurd, Maßregeln, die dem Import politischer Verhetzung keinen Riegel vorschieben können, gegen unpolitische Menschen anzuwenden, die nur darauf bedacht sind, sich einen Broterwerb zu sichern und dem neuen Vaterland, das für sie gewöhnlich ein altes Vaterland ist, in Liebe zu dienen. setzes vom Jahre 1890, das die Autonomie und die Steuerhoheit der Kultusgemeinden Oesterreichs gewährleistet, zu sichern, und sie stellt mit freudiger Genugtuung fest, daß die neue Verfassung Oesterreichs diesen ihren Bestrebungen Rechnung trägt." Die Einheitsgemeinde gefährdet ' Das Präsidium der orthodoxen Wiener Synagogengemeinde „Schiffschul" hat sich offiziell an die Regierung mit dem Ersuchen gewendet, ihre Trennung von der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde und die Schaffung .einer orthodox-jüdischen Sondergemeinde zu genehmigen. In Oesterreich gilt bekanntlich gegenwärtig nur die Israettische Kultusgemeinde als Einheitsgemeinde, in der alle Juden, gleichgültig welcher religiösen Richtung, zusammengefaßt sind, welche auf dem Boden dieser Gemeinde ihren Wohnsitz haben. Die „Schiffschul" will nun nach dem Muster der deutschen Trennungsorthodoxie und der separierten ungarischen Orthodoxie eine eigene orthodoxe jüdische Gemeinde bilden, die organisatorisch und in ihren religiösen und Unterrichtseinnchtungen von der Wiener Kultusgemeinde vollkommen unabhängig ist Dieses Begehren wird in einem Moment gestellt, da der Zusammenhalt der österreichischen Judenschaft notwendiger denn je ist. Das Band, das diese Judenschaft einigt und heute mehr denn je einigen sollte, ist die Religion, nicht die Nation. Man leistet deshalb der jüdischen Sache keinen guten Dienst, wenn man an dem einigenden religiösen Bande in diesen kritischen Zeiten rüttelt. Die Kultusgemeinde ist nach ihrem Statut verpflichtet, für die religiösen Bedürfnisse aller ihrer Mitglieder, der orthodoxesten wie der fortschrittlichsten zu sorgen. Der Schritt der „bciunschul" macht der Kultusgemeinde zum Vorwurf, daß sie dieser ihrer höchsten Aufgabe nicht voll und ganz gerecht wurde und daß deshalb die Schaffung einer eigenen orthodoxen Gemeinde notwendig wäre. Dieser Schritt war ein unzeitgemäßer, er wird auch bei jenen Ablehnung finden, die sonst der Wiener Orthodoxie mit Sympathie und Verständnis gegenüberstehen und für ein Entgegenkommen auf die besonderen religiösen Wünsche dieser Kreise stets eintreten. Die „U n i o n" im ^besonderen hat erst vor einiger Zeit zu dem nun neuerlich aufgerollten Problem der Einheitsgemeinde Idar und deutlich Stellung genommen. Gelegentlich der im Mai d. J. unternommenen Versuche Wiener orthodoxer Kreise, die eine ähnliche Tendenz wie der nun bedauerlicherweise erfolgte Schritt der „Schiffschul" hatten, gab die Leitung der „Union" dem Vertreter der Jüdischen Telegraphen Agentur folgende Erklärung ab: „Die .Union' steht auf dem Boden der Einheit der Kultusgemeinde. Für sie ist auch in dieser Beziehung maßgebend das gegenwärtig geltende sogenannte Judengesetz vom Jahre 1890, gemäß dessen § 2 in jedem Kultusgemeindesprengel nur eine Kultusgemeihde bestehen kann für alle Israeliten, die in diesem Sprengel ihren ordentlichen Wohnsitz hätten. Es ist nach § i dieses Gesetzes Aufgabe der Kultüsgemeinde, für die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse ihrer Mitglieder zu sorgen und die für diesen Zweck gebotenen Anstalten zu erhalten und zu fördern, damit alle ihr angehörenden Juden, selbstverständlich auch die der strengsten Observanz, sich in ihr wohlfühlen können. Dies war und ist die Einstellung der .Union'. Die Bemühungen der .Union' waren und sind darauf gerichtet, den Fortbestand des Ge- Die Missionspropaganda. Im dichtgefüllten Tempel in der Seitenstettengasse sprach Oberrabbiner Dr. Feuchtwangin seiner letzten Sabbath-Predigt über die neuestens unter dem Deckmantel der Verständigung zwischen Christen und Juden eingeleitete christliche 'Bekehrungsaktion unter der Wiener Judenschaft. Er skizzierte Entstehung und Entwicklung der monotheistischen Religionen — des Christentums sowie des Islams —, die aus der Religion des' JüK dentums hervorgegangen sind, und erklärte: Wir5 Juden sind unseren Schwester- und Tochterreligionen unendlich dankbar dafür, daß sie für'die Verbreitung der göttlichen Lehre unter den Völkern der Erde, für die Verbreitung des Glaubens an den einzigen Gott und an die ewige GerechtigT keit so viel getan haben. Wir schätzen und VeV ehren ihre Stifter und würdigen deren Lehren, weil und insoweit sie Lehren der höchsten menschlichen Sittlichkeit und erhabener ethischer Grundsätze sind. Aber welchen Sinn hat es, mit diesen aus unserem Geiste hervorgegangenen Lehren Wieder zu uns zu kommen und daraus künstlich eine „Judenfrage" zu machen? Was will man denn von uns? Was man „Ordnung in der Judenfrage" nennt, ist keine Ordnung, sondern eine'Verwirrung. Diese „Ordnung in der Judenfrage" strebt in Wahrheit eine Verminderung unserer Rechte an und ist im Grunde eine maskierte Judenf eindschaf t. Oberrabbiner Dr. Feuchtwang befaßte sich dann mit den Bekehrungstendenzen der Zweimonatsschrift „Erfüllung". Was soll das heißen:;,die religiöse Schau des jüdischen Seins Juden und Christen vermitteln"? Das jüdische Sein liegt offen und klar zutage. Da gibt es nichts Verborgenes und auch nichts zu verbergen. Es ist auch ganz falsch, wenn man "trn jüdischen Denken und Wirken „nur das Menschliche" sieht und das Göttliche in der jüdischen Religion übersieht. Wir Juden dienen dem Menschlichen und dem Göttlichen, aber nicht dem Gottmenschen. Dahin führt uns kein Weg und keine „Erfüllung". Wir Juden wollen den Frieden. Das will auch das Oberhaupt der Kirche in Wien. Feierlich schließe ich mich diesem edlen Geistesfürsten an. Aber Erfüllung muß verbunden sein mit T r e u e zu uns selbst. Der Weg der Erfüllung darf für uns kein Weg sein, der zum Abfall führt. tfeuitleton Glauben und Wissen. ' Aus einem Vortrage über Malmonides von Dr. Max Grunwald. Das Gleichnis von den beiden Schwertern, dem geistlichen und dem weltlichen, findet seit Jahrhunderten ün Kampfe der Geister immer neue Anwendung. Aelter als sechs Jahrhunderte ist die 1271 zu Paris bekräftigte Bestimmung, daß kein Lehrer der philosophischen Fakultät eine der im engeren Sinne theologischen Fragen behandeln dürfe. In Florenz machte damals in der Logik des Aristoteles der kleine Dante die ersten Gehversuche. Als er der Größte seines Volkes geworden, flüsterte man ihm auf der Straße nach: „Eccovi 1' uom che statp all Inferno." „Seht, der ist in der Hölle gewesen!" In Wahrheit hatte er die Höllenversuchung des Zweifels gekostet Der Jünger Thomas4, des Aquinaten. war durch das Feuer des Forschens und Grübelns gegangen. Das „Purgatorio" durchflammt ein Glaube, der, im heißesten Ofen der Seele geläutert. Frieden geschlossen hat mit der weltlichen Wahrheit. Ihr Name war: Aristoteles. Die Schriften der großen Heiden hatte Friedrich d e r Z w e i t e, des Papsttums allergetreuester Feind, ins Lateinische übertragen lassen. Wie Brandpfeile trafen sie den stolzen Bau der Kirche. Eine Gefahr ohnegleichen drohte. Noch Karls des Kahlen Hofmagister Johannes, der kühne Ire, hatte öffentlich Uebereinstimmung wahren Glaubens mit echtem Wissen fordern dürfen. Dem Turnier zwischen Philosophie und Theologie war der Tummelplatz damals ziemlich weit gezogen. Die Dogmen der Dreieinigkeit und der Menschwerdung Gottes waren allein, als unantastbar, den Schranken entrückt. Doch der Spielraum verengte sich mehr und mehr. Die Lehren jenes Johannes wurden verworfen, über Aristoteles der Bann verhängt mit der Philosophie gebrochen, da sie, die einstige „Magd", die spätere Verbündete, anfing, sich als Herrin zu fühlen. Wissen gegen Glauben abzugrenzen begann ein Kadi zu Cordova, „der strahlenden Stadt der Krone des Spanierlandes", wie Roswitha die Vielgerühmte preist. IbnRoschd, i.der Commentator" des Aristoteles, achtet die Religion als "den einzigen Weg. der den für Philosophie Unreifen zur Glückseligkeit führt Der Philosoph wächst darüber hinaus und gelangt zu Ergebnissen, die von der offenbarten Religion wohl abweichen, deren Wahrheit jedoch unantastbar ist. Ibn Roschds Freund, IbnTofail, zeigte überdies in seiner spannenden Robinsonade vom „Naturmenschen", wie ein Mensch, auf eine einsame Insel verschlagen, ganz aus sich selbst auf natürlichem Wege zur Erkenntnis der höchsten Wahrheiten gelangt. Die Idee einer solchen „natürlichen" Religion steckte auch christliche Kreise an. Hier fanden sich nun Männer, die erkannten: Ideen fängt man nicht in Mausfallen. Das gegebene Dogma muß man dem Denken, dem Selbstbewußtsein näherrücken, ihm System und gedanklichen Unterbau geben. Es erblühte die Scholastik. Ueber ihr Ausarten in unfruchtbares Schulgezänk und leeres Wortgefecht mag man die Nase rümpfen. Ihr Motiv verdient ethische Würdigung. Lehrt doch in krasser Ablehnung jedes Prüfens in Sachen des Glaubens ein Wilhelm von Occam, Gott hätte statt eines Menschen auch ein Holz, ein Stein, ein Esel werden können! Und steht nicht am Ziel dieser denkfeindlichen Richtung das trotzige „Credo quia absurdum", „Glaube, weil du nicht verstehst!"? Wie anders klingt das scholastische „Credo, ut intelligam", „Mit dem Glauben hebt das Erkennen an!" Das Beginnen war nicht ohne Vorgang und Muster. In lateinischer Uebersetzung kannte man weit und breit die „Dalalat al Hairin" („Leitung der Zweifelnden") des Cordovaners Abu Im ran Musa benMaimun — den „More Nebuchim"unseresMoseMaimonides —.eines der bedeutendsten Aerzte seiner Zeit, des ersten, der an Galen, der medizinischen Autorität des Mittelalters, Kritik zu üben das Geschick und den Mut hatte. Ihm gilt unantastbar nur eine Autorität: die der Vernunft. Ihr unterwirft er Aristoteles, selbst die Bibel und die religiösen Vorschriften und Lehren. Streng logisch widerlegt er die Lehre des Aristoteles von der Ew'gkeit der Welt Das Schwergewicht legt er auf die Ethik. Jede positive Aussage über das Wesen Gottes wäre eine Art Majestätsverletzung. (So sagte Bismarck von Wilhelm dem Ersten, er sei jeder platten Schmeichelei Feind, in der richtigen Empfdndurig: „Wenn einer das Recht hätte, mich ins Gesicht zu loben, so hätte er auch das Recht, mich ins Gesicht zu tadeln.") Von Gott wissen wir nur und gerade genug, was wir für die Ethik brauchen. Ob die Sonne sich um die Erde, oder die Erde sich um die Sonne dreht, ob Geologie und Bibelkritik einem Ausspruch der Schrift diese oder jene Deutung geben, die sittliche Verpflichtung bleibt die gleiche in jedem Falle. Die Wissenschaft ist nicht nur frei, sondern geradezu Gottesdienst. Denn Gottes liebe ist Gotteser k e n n tnis. Die Schrift enthält nichts, was nicht auch die Vernunft als wahr erkennen kann. Für die Göttlichkeit eines Gesetzes spricht seine sittliche Tendenz. Der alte Opferdienst war nur eine Konzession, um das Volk von heidnischem Brauch allmählich zum wahren Gottesdienst zu leiten. :;'.' * * * , Eine Auseinandersetzung zwischen Glauben und Wissen, religiöser Tradition und philosophischer Erkenntnis, eine Prüfung und Abgrenzung ihrer gegenseitigen Gebiete und Aufgaben hat das alte Judentum nicht gekannt. Und sie mußte ihm fremd bleiben, da ihm die Religion nicht eine Summe von Glaubenssätzen darstellte. „Daath Haschern", wie der hebräische Terminus für Religion lautet, bedeutet vielmehr „Wissen von Gott, Gott erkenn tnis". Nicht Glauben, sondern Erkenntnis bildet den Kern des Judentums. Den Anstoß zur Erörterung des Themas „Glauben und Wissen" innerhalb jüdischer Kreise gab das .Entstehen der Sekte der Karäer. Seitdem war das Lehrgebäude des Judentums Anstürmen von dieser Seite ausgesetzt. Die Karäer holten sich die Waffen aus dem Arsenal der griechisch-arabischen Philosophie. Da trat der große S a a d i a (882—942) auf den Plan mit seinem Werk, das bezeichnend den Titel führt: Emunoth Wedeoth „Glaube und Wissen".-Er definiert die Aufgabe der Philosophie dahin, daß sie berufen sei. an der Hand der Religion zu forschen. Wandelt sie in deren Schatten, so kann sie nicht auf Irrwege geraten. Vielmehr kann sie durch das Rüstzeug verstandesmäßiger Forschung die Lehre der Offenbarung zur Ueberzeugung auch des kritischen Kopfes vertiefen. Sie ist imstande, die Angriffe zu widerlegen, die von Seiten des Unglaubens erhoben werden. Wenn auch die philosophische Spekulation manche Ideen zu Tage fördert, die durch die offenbarte Religion verkündet worden

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