Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 47 (23.11.1934)
- Date
- 1934-11-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Gerechtigkeit für das Judentum! Eine mutige deutsche Stimme gegen den Antisemitismus. In den von ihm herausgegebenen, 1898 gegründeten „Grünen Blättern", einer Vierteljahrsschrift für persönliche und völkische Lebensfragen, nimmt der über die deutschen Landesgrenzen hinaus bekannte evangelisch-religiöse Schriftsteller Johannes Müller auch zum Antisemitismus im Dritten Reich Stellung. Johannes Müller tritt seit vielen Jahrzehnten für ein lebendiges Christentum und einen Ausgleich der sozialen und geistigen Gegensätze ein. Seine zahlreichen Schriften und sein Wirken als Lehrer und Prediger in dem von ihm errichteten schloßartigen Sanatorium Elmau in Oberbayern haben ihm eine große Gefolgschaft unter den evangelischen Christen in ganz Deutschland gesichert. Um so beachtenswerter ist es, daß Johannes Müller, obwohl er selber auf nationalsozialistischem Boden steht, den Antisemitismus mit erstaunlicher Klarheit kritisch beleuchtet. Wir geben nachstehend mit geringen Kfflrzungen die Ausführungen wieder, die Johannes Müller im 2. Heft des 25. Jahrganges der „Grünen Blätter" über die deutsche Judenfrage veröffentlicht hat. Die Redaktion. „Seitdem die Juden im 18. Jahrhundert ihre abgesonderte nationale und kulturelle Existenz im westlichen Europa aufgeben konnten, sind sie nicht mehr Fremdlinge in Deutschland, sondern eingebürgerte Volksgenossen, die bloß einer besonderen Konfession angehöre.in.' Seit Generationen schon ist Deutschland ihr Vaterland, deutsch ihre Muttersprache, die deutsche Geschichte ihre Vergangenheit, deutsche Bildung und Kultur ihr persönlicher Besitz, Bestand und-Leben. Die deutsche Not ist ihr Bedrängnis, das deutsche Schicksal ihr nationales Leiden. Und die, deutsche Sehnsucht erfüllt sie genau so wie die. anderen Mitbürger mehr oder weniger. Ihre Arbeit, ihr Vermögen, ihre persönliche und berufliche Tätigkeit gehört ihrem deutschen Volk. Im Krieg und Frieden haben sie ihm gedient und Opfer gebracht. "Unter welchen Rechtstiteln, laus welchem Grunde verfemt und degradiert man sie ietzt zu Staatsbürgern zweiter Ordnung und minderen Rechts? Was berechtigt die Ausnahmegesetze und Maßregeln, denen sie jetzt unterworfen werden? Daßj sie der Abstammung nach keine Arier sind, beeinträchtigt doch nicht ihr deutsches Wesen, sondern gibt ihnen höchstens einen anderen Einschlag in der Anlage und Verfassung. So wie sie körperlich bis auf geringe Merkmale ganz eingedeutscht sind — wie andere gleicher Rasse romanisiert und anglisiert sind —, sind sie es a u c h s e e 1 i s c h. Ich habe noch nie eine Spur von dem magischen Seelentum bei ihnen entdeckt, das der semitischarabischen Kultur eigentümlich ist. Dagegen haben sie eine. Menge deutscher Kulturträger seit dem Jahrhundert ihrer Assimilierung gestellt, die ihr Verwachsensein mit deutschem Wesen und ihre Ebenbürtigkeit mit den anderen Volksgenossen beweisen. Ja, in der Zeit des Zerfalls der Ehen und der Zersetzung der Familien sind sie es weiterhin, die das deutsche Familienleben bewahrt haben und mit in die neue Zeit hinüber retten helfen... Weil aber der unblutige Pogrom des Antisemitismus gegen die Juden keine Rechtsgrundlage hat, deshalb klagt man sie an, Schädlinge des deutschen Volkes zu sein. Ich will nicht aufführen, was man ihnen alles vorwirft, jedenfalls was auch immer: nicht alle Juden sind Schädlinge, sondern höchstens eine Minderheit. Und diese ist es nicht allein, welche die Nation schädigt, sondern im ganzen deutschen Volke sind Genossen genug, die ihnen gleichen und denselben Schaden anrichten. Unter solchen Umständen ist es doch nur allein gerecht und notwendig, wirksam und durchgreifend, daß man grundsätzlich eine unsachliche Behandlung aller Volksschäden ausschließt und bei dieser Reinigung und Heilung ebensowenig nach Herkunlt, Stand und Namen fragt wie überall in der Gesetzgebung und vor Gericht. Man gehe rein und absolut sachlich vor! Wir brauchen HERRENKLEIDERSALON S. FROST III, Landstraße Hauptstraße 28 Telephon U 11-2-72 * Empfiehlt sein reichhaltiges Lager feiner Stoffe und fertiger Mäntel zu billigen Preisen Moderne Küchen- Vorzimmer- Wohnzimmer- MÖBEL F. KOHN, Wien II; TABOR ST RASSE Nr. 22 Telephon R 40 7-14 Samstag geschlossen — Angeschlossen der „Schomra" eine Schulgesetzgebung, welche der tatsächlich vorliegenden Gefahr steuert: Aber sie wird nur dann etwas ausrichten^ wenn, sie sich auf alle bestehenden Schädigungen und Uebel erstreckt und ohne Ansehen der Person sie ausmerzt, statt die Schuld auf einen Volksteil allein zu schieben und sich für etwas zu rächen, woran dieser zum größten Teil unschuldig ist. So wie jetzt der Führer den Sumpf der Korruption gründlich austrocknen und ausräumen läßt, ohne nach Bekenntnis und Abstammung, Partei und sozialer Stellung zu fragen, so müssen Wucher und Schiebungen, schwindelhafte Geschäftspraktiken, unsittliche Unternehmungen, sind, so war diese dennoch nötig, weil ohne sie die Menschheit einen beschwerlichen, weiten Weg hätte zurücklegen müssen, bis sie aus eigenem Nachdenken zur Wahrheit sich durchgerungen hätte. Scharf voneinander getrennt erscheinen „Glaube und Wissen" bei dem genialen jüdischen Dichter- Philosophen Jehuda Halevi. Religion und Philosophie werden von ihm in seinem „Kusari" streng gesondert. Er nimmt keinen Anstand, dem menschlichen Denken seine naturgemäßen Grenzen zuzuweisen und ihm zuzurufen: „Bis hierher und nicht weiter!" Der philosophische Zweifel, so lehrt er,', muß dem Judentume gegenüber seine Ohnmacht bekennen, weil dieses auf einem unerschütterlich festen Grunde ruht. Es ist der reale Boden historischer Tatsachen. Der Philosophie darf man in religiösen Fragen schon deshalb keine entscheidende Stimme einräumen, weil sie Schwankungen unterworfen ist und ihre Jünger oft einander entgegengesetzte Ansichten aufstellen. „Fern sei es von uns," lehrt Jehuda Halevi, „etwas anzunehmen, was die Vernunft für falsch erklärt." Wie aber das Denken die tatsächlichen Erscheinungen im Reiche der Natur, so auffallend und vernunftwidrig sie auch sich darstellen, nicht wegleugnen darf, sondern sie zu erfassen sich bemühen muß, ebenso müsse es sich auf dem Gebiete der Gotteserkenntnis verhalten.! Jehuda Halevis tieflotende Arbeit hat selbst in Toledo so wenig die Geister gewonnen, daß dort zwei Jahrzehnte später Abraham Ibn Daud eine Ausgleichung zwischen der Philosophie und dem Judentum versucht hat. „Es gibt manche in unserer Zeit," so sagt er, „die sich ein wenig in den Wissenschaften umgesehen haben, aber nicht die ruhige Sicherheit besitzen, um das Licht des Glaubens in der rechten und das Licht der Erkenntnis in der linken Hand halten zu können. Da nun bei solchen Halbwissern die Fackel der Erkenntnis das Licht des Glaubens ausgelöscht hat, so Klaubt die Menge, daß sie überhaupt schädlich sei. Im Judentum ist aber Streben nach Erkenntnis Pflicht Uas Judentum braucht die Philosophie nicht zu scheuen, da seine Grundlehren mit ihren Ergebnissen übereinstimmen." Etwa vierzig Jahre später entstand der „More nebuchim" des M a i m o n i d e s. (Fortsetzung folgt.) Brutstätten der Jugendverderbnis, zersetzende und schädliche Presse und Literatur beseitigt werden, bei denen das Wort Jude überhaupt nicht genannt zu werden braucht und darf. Denn sonst übersieht man nur zu leicht die Masse derer, die ebenso beteiligt und schuldig sind, aber zum Abschaum germanischer Rasse gehören. Solch eine Haltung und Verfahren allein ist deutsche Art... Ist nicht der Antisemitismus auch demoralisierend? Dabei denke ich gar nicht an die Hetze, welche die Juden belästigt, sondern an unser ganzes Volk, dem das Empfinden für Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Wahrheit und Respekt vor dem andern, vor jedem in seiner Art durch die antisemitische Infektion verdorben wird» was dann alle Volksgenossen, die nicht mit der Masse gehen, auszubaden haben. Ich denke aber auch an die christliche Kirche, die zu alledem schweigen kann, statt ihre Stimme gegen diesen Kreuzzug zu erheben, an die christliche Presse, die auf einmal ihc Christentum vergessen hat, an die christlichen Logen, die ihre jüdischen Mitglieder zum Austritt auffordern, an die Millionen „überzeugter Christen", denen das Gewissen nicht schlägt, das Herz versteinert und das Ohr taub ist für den Heiligen Geist, und zuletzt an alle die, welche diese Konjunktur geschäftlich gegen ihre jüdische Konkurrenz ausnützen. Ist das nicht Verrat des Heilands? Aber ist das nieht auch eine innere Schwächung der nationalen Revolution, welche die Degradierung der deutschen Juden mit ihrer demoralisierenden Wirkung auf alle ihre Anhänger mit sich bringt, und eine Schädigung des Dienstes am Volke, wenn man im freiwilligen Dienst am Volk ergraute Träger der Wohlfahrt und Leiter gemeinnütziger Unternehmugen plötzlich abdankt, weil sie Juden sind?" Die Sendung der Juden. Unter dem Vorsitz der Marquise von Reading fand dieser Tage im Savoy-Hotel, London, eine große Versammlung zugunsten der Hilfsaktion für jüdische Frauen und Kinder aus Deutschland statt, an der 4800 Pfund für diesen Zweck aufgebracht wurden. An der Veranstaltung sprachen u. a. Lady Astor, Mrs. Sieff, Neville Laski, Major Cohen. Eine besonders eindrucksvolle Rede hielt General Smuts, südafrikanischer Justizminister und früherer Ministerpräsident, über diie Sendung der Juden in die Welt. Die Juden — führte General Smuts u. a. aus — hatten einst eine große Sendung in der Welt, und eine große Sendung bleibt ihnen noch zu erfüllen, denn die Geschichte ist mit dem Alten Testament nicht zu Ende. Auch weiterhin nimmt die Judenheit an dem Leben der Welt teil und trägt überall zu seiner Bereicherung bei. Einer der hervorragendsten Beiträge zum menschlichen Fortschritt ist den Juden zu verdanken. Wir können nicht das Alte Testament oder das aus ihm hervorgegangene Neue Testament lesen, ohne zu fühlen, daß hier einer der tiefsten Einblicke in das Menschenherz gewährt wird. Wir sehen, wie das Volk von der Idee der Gewalt zu den höheren Vorstellungen von Barmherzigkeit, Zartheit, Edelmut übergeht; das sind die edelsten jemals vom Menschengeschlecht entwickelten Vorstellungen. Erbe der jüdischen Propheten ist die Lehre, daß unsere Welt nicht eine Welt der Macht, sondern der Gerechtigkeit zu sein hat.- Es ist erschreckend, zu sehen, daß diese rj.eilsbotschaft der Liebe und Güte gerade dem Volke versagt wird, das sie zuerst verkündet hat. General Smuts wandte sich dann gegen die „Philosophie der Gewalt" und sagte: die Erdrosselung der Gedankenfreiheit wird heute zu einem neuen Kult erhoben; man darf nicht mehr für sich selbst denken, eigene Ausdrucksmittel finden, alles wird in eine gemeinsame Form gegossen. Wir fühlen in uns das Gebot, uns nach dem Ebenbilde Gottes zu entwickeln, aber heute erleben wir es, daß versucht wird, die Menschen dazu zu bringen, daß sie sich nach dem Bilde eines bestimmten Menschen entwickeln. (Hier folgt eine sehr wenig schmeichelhafte Qualifikation Hitlers.) Neben Problemen der Rasse und Religion, die heute viele Menschen trennen, gibt es Dinge, die tiefer gehen 'und die uns zusammenführen; das sind die großen menschlichen Probleme von heute, für die wir alle mit Loyalität und Treue einstehen müssen. Die deutschen Juden haben Deutschland große Dienste geleistet. Noch vor wenigen Jahren galten die Juden von Deutschland als Bifite des Judentums, die sieb unter dem gebildetsten Volk der Welt befanden. Diese Blüte wurde jedoch abgerissen; trotz ihrer Leistungen wurden viele ausgewiesen und haben keinen Platz In dem Lande, in dem sie und ihre Eitern geboren wurden. Ich finde keine Worte, um auszudrücken, was ich darüber empfinde, daß in Deutschland Menschen über ihre Mitmenschen, darunter über