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Die Wahrheit · 1934-11-23 · Heft 47 (23.11.1934) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 47 (23.11.1934)
Date
1934-11-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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preis <Be6er Nummer 40 Groschen In Deutschland verboten! Die UUrU mit den Veröffentlichungen der „Union österreidiischer Juden* Erscheint jeden Freitag ■BnUHnBUOHHHH Redaktion und Administration: Wien 11., Jfeinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 •— Postsparkassenkonto Wien; A 100.918 50. Jahrgang Wien, 23. November 1934 Nummer 47 Das Totenschiff. Rasiere Dldi gut ond billig Iir seiner Seemannsgeschichte „Das Toten- Schiff" gestaltete der Dichter B. Traven ein grausiges Symbol der „Staatenlosigkeit". Er schildert das Leben auf einem Schiffe, das von Seiner Mannschaft trotz aller Leiden, die sie auf der Fahrt erdulden müssen, nirgends verlassen werden kann, weil die ganze Besatzung vom Kapitän bis zum Kohlenschlepper aus „Heimatlosen" besteht, aus Männern, die aus irgend einem Grunde — meist wegen ganz harmloser, aus Unachtsamkeit oder Unkenntnis der völkerrechtlichen Bestimmungen begangenen formalen Verstöße gegen diese Bestimmungen — die Heimatberechtigung in ihrem Vaterland verloren haben oder auch bloß nicht imstande sind, ihre tatsächlich bestehende Zuständigkeit nach irgend einem Staate dokumentarisch nachweisen zu können. Der Held der Erzählung, ein schlichter Deckarbeiter, versäumt in irgend einem Hafen die Abfahrt seines Schiffes, auf dem er mit seinen übrigen Habseligkeiten auch seine Papiere zurückgelassen hat, und steht nun ohne Geld und ohne Personalausweis auf fremdem Territorium da. Anfangs nimmt er die Sache nicht besonders tragisch: Der Konsul seines Heimatlandes, der Vereinigten Staaten von Amerika, wird ihm wohl helfen. Der Konsul erklärt sich hiezu auch wirklich bereit, verlangt aber vorerst den Nachweis, daß der Bittsteller wirklich amerikanischer Bürger ist. Und weil der Mann diesen Nachweis nicht erbringen kann, gestaltet sich fortab sein Leben zu einer der grausamsten Tragödien. Zunächst wird in grotesker Weise geschildert, wie die Behörden der verschiedenen Länder, in die der „Heimatlose" gerät, sich seiner zu entledigen suchen, indem sie ihn in illegaler Weise über die Grenze des jeweiligen Nachbarlandes treiben. Das gehetzte Objekt dieser Treibjagd hat nur eine Sehnsucht: seinen Beruf auf irgend einem Schiffe wieder aufnehmen zu können. Aber auch das bleibt ihm versagt, denn die anständigen Schiffe heuern nur Seeleute, die im Besitze ordentlicher Personaldokumente sind. ' Allerdings gibt es auch Schiffe, die nicht so wählerisch bei der Zusammenstellung ihrer Mannschaft sind: sogenannte „Totenschiffe", die illegalen Geschäften, wie Waren- und Waffenschmuggel, dienen und für solche unsaubere Zwecke gerade nur jene Seeleute heuern, die anderswo keine Aufnahine finden .und nun, da sie wegen ihres Mangels an Papieren aus der Gemeinschaft der Lebenden de facto ausgeschlossen sind, gewissermaßen als „Tote" an das Schiff gefesselt bleiben, da die Haferibehörden sie nirgends an Land lassen; Auf solch ein- Schiff gelangt auch unser Held und lernt dort das traurige Leben und noch traurigere Sterben •aaammniimtiiiiiinMiMi^ VERWALTUNGEN |tfr;, KÄUFE - VERKÄUFE"*^» 4_ VbKVYAL I UI>JCä£IM j* '4$jf SÄTZE — HVPOTHEKEN^1^ ■ .: , . ,-— ~f> "SZILAGYI BEH. AUT. SE8SAL »X-r F^DTENLÖWENG. 3 TEL. A lO-Svon Leidensgenossen kennen, von Männern, die aus den im Friedensvertrag von Deutschland abgetretenen Gebieten stammend, das Optionsrecht zugunsten der alten oder der neuen Heimat nicht ausgeübt' hatten, weil sie zu dieser Zeit auf hoher See waren und keine Zeitung lasen, und so gleichfalls „heimatlos" geworden und durch die bürokratische Verzopftheit der Behörden dem „Totenschiff" als einzigem Asyl zugetrieben worden waren. Auf solch einem Schiff werden, wie alle gesetzlichen Vorschriften, auch die zum Schutze der Mannschaft dienenden außer acht gelassen, so daß sich der anstrengende Dienst nur unter ständiger Gefahr für Leben und Gesundheit verrichten läßt und die gräßlichsten Verletzungen an der Tagesordnung sind, bis schließlich das ganze Schiff, der Versicherungssumme zuliebe, gewaltsam einer Katastrophe zugeführt wird, bei der fast die ganze Besatzung untergeht. Man kann zugeben, daß der Dichter die Tragödie der Staatenlosigkeit auf die Spitze getrieben hat und daß sich das Leben der Heimatlosen nur selten in so extremen Formen abspielt. Es bleibt aber auf jeden Fall mit empfindlicher Tragik belastet. Dafür sorgt schon der Bürokratismus, dessen Despotie merkwürdigerweise, wie auch Traven darlegt, im selben Maß angewachsen ist, in dem als Errungenschaft des Weltkrieges die „Volksfreiheit" verkündet wurde. In der Vorkriegszeit konnte Schreiber dieser Zeilen als militärpflichtiger Oesterreicher ohne Paß ins Ausland reisen. Damals gab es auch noch keine „Staatenlosen". Dieser Begriff kam erst nach dem Kriegsende auf. Als die damals errungene „Freiheit" noch ganz neu und ungebärdig war, brauchte man schon für die Reise von Wien nach Stockerau einen Paß und in St. Pölten herrschte für Wiener-Neustädter ein Visumzwang. Erst mit der Größe der Freiheit schwanden allmählich auch derlei Schikanen und heute, da an Stelle der „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" Autorität und Ordnung getreten sind, benötigt man nur noch zum Ueberschreiten der Staatsgrenzen einen Paß und viele Staaten haben im gegenseitigen Reiseverkehr den Visumzwang aufgehoben. Von dem paßlosen Idealzustand der Vorkriegsreisen ist man aber noch immer sehr weit entfernt und wenn dies schon die Staatsbürger peinlich empfinden, die sich für Geld und gute Worte jederzeit ein vollgültiges Personaldokument verschaffen können, um wie viel übler ist die neugeschaffene M'enschenkategorie der „Staatenlosen" daran, die nirgends zuständig sind und sich daher auch ihre Zuständigkeit nirgends bescheinigen lassen können. Fritjof Nansen hat. sich dieser Unglücklichen angenommen und ihnen in der Form der „Nansen-Pässe" doch zu irgend einem Reisedokument verholfen. Der kühne Nordpolforscher, der sich durch die größten Gefahren der unentdeckten Arktis seine Reiselust nicht beeinträchtigen ließ, fand es offenbar parado-4 daß in kultivierten Ländern, in denen es statt ^Eisbären bfoß brummige Bürokraten gibt, das Reisen unmöglich erscheinen sollte. Er hoffte wohl, daß deF Begriff der Heimatlosigkeit an dem Widerspruch* in sich zu allmählichem Verschwinden kommen würde und m Oesferreiclilsc&es Qaaiitafc-raDrikaf Ueberau erhältlich daß die vorläufig Staatenlosen, sobald sie sichin den verschiedenen Staaten als seßhafte, nützliche Menschen erweisen würden, mit offenen Armen als Bürger aufgenommen werden würden. Nansen war ein genauer Kenner des nördlichen Eismeeres, aber die Eiskruste über den Herzen der Nachkriegsmenschen hat er gewaltig unterschätzt. Er konnte nicht ahnen, daß die Zahl der Staatenlosen nicht nur keine Verringerung, sondern sogar noch eine Vermehrung erfahren würde. Wie in allen Wendungen zum Schlechten ist auch hierin das Hitler-Reich mit seinen Massen-Ausbürgerungen vorbildlich geworden. Lange nicht im selben Ausmaß, aber doch in bedauerlicher Art ist das Uebel auch in anderen Ländern bemerkbar. In Oesterreich hat die Bundesregierung, wie die J. T. A. meldet, 76 Fälle von Zusicherungen der Aufnahme in den Heimatverband der Gemeinde Wien beim Bundesgerichtshof angefochten. Die Aufnahme in de» Heimatverband wurde diesen Leuten unter der Bedingung zugesichert, daß sie die Entlassung aus dem bisherigen Staatsverband erwirken. Die von ihnen eingeholte Entlassung aus dem bisherigen Staatsverband erfolgte aber unbedingt, so daß Im Falle des Obsiegens der Regierung vor dem Bundesgerichtshot die- Gesuchswerber Gefahr laufen, nun staatenlos zu werden. Wie der Wiener ITA-Vertreter aus zuverlässiger Quelle erfährt, sind noch ungefähr 410 Fälle in Vorbereitung, die ebenfalls angefochten werden sollen, wenndie Anfechtung der oberwähnten 76 Fälle im gewünschten Sinne ausfällt. Die Be*- troffenen werden ebenfalls Staaten-los sein; wenn die Regierung beim Bundesgerichtshof obsiegt. Demnach sind 5ÖÖ Mensehen, denen die Gemeinde Wien bereits-die Aufnahme Achtung! Samstag, den 1. Dezember 1934, in allen Festsälen des Handelsmuseums, Wien IX., Bergs. 16 CHAN II KU-FEIER DER „UNION" BEZ.IOIÖSE FEXEB AKADEHIE — TAIZ Sichern Sie sich rechtzeitig Karte» bei den KömiteemitglletfenF oder im Sekretariat der „Union" WlenDft.Bergsr. «Tel. A 19-&77

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