Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 31 (27.7.1934)
- Date
- 1934-07-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Jod Brombad Bad Hall bewährt seit Jahrhunderten bei Erkrankungen der Blutgefäße, Oelenksrheumatismus, Nervenleiden, bei Stoffwechselerkrankunsen, wie Gicht und Erkrankunsen der Luftwege Kur-Methoden: Trink- und Bade-, Kaltwasser.- elektrische Kuren und Röntgenbehandlung Mäßige Preise für Logis und Verpflegung Audi räaeU-koschere Restaurants Stunde der Not stark genug zeigen würde, den zentrifugalen Kräften der nationalen Zersplitterung das Gleichgewicht zu halten. Der hereinbrechende Weltkrieg hat zunächst diese Frage bejaht Das Grillparzer-Wort, daß die Armee das wahre Lager Oesterreichs darstelle, in dem Böhmen und Ungarn sich über alle sprachlichen Divergenzen hinweg zu dem Worte „Vorwärts!" bekennen, bewahrheitete sich aufs neue. Es schien, daß die Bevölkerung, als der Sturm losbrach, doch mehr Vertrauen zu den alten, in vielen Wettern bewährten Mauern des vielhundertjährigen Reiches hegte als zu den Luftschlössern, die ihnen nationale Schwärmgeister als •wohnlicher empfohlen hatten. Wohl war die nationale Verhetzung auch an der Armee nicht spurlos vorübergegangen. Trotz der strengen Zensur verbreitete sich gelegentlich die Kunde von meuternden Regimentern. Aber das waren bloß Einzelfälle. Sonst hätte die Monarchie schon dem ersten Ansturm der Feinde ringsum nicht widerstehen können, wäre das Heer den gigantischen strategischen Problemen, die ihm erwuchsen, nicht in so ruhmvoller, in der Weltgeschichte beispiellos dastehender Art gewachsen gewesen. Daß Oesterreich-Ungarn, dessen Fundamente vor Kriegsbeginn durch die Nationalitätenfrage unterwühlt schienen, noch viereinhalb Jahre den vehementesten Kriegsstürmen, die je über einen Staat hereingebrochen sind, in der glorreichsten Weise standzuhalten vermochte, ist nur darauf zurückzuführen, daß alle Bevölkerungsschichten ihre patriotischen Pflichten erfüllten. Allen vorandieJud e n! In dem Kampfe aller gegen alle, zu dem der Nationalitätenhader in Oesterreich sich ausgewachsen hatte, offenbarte sich dem scharf blickenden jüdischen Auge der Weg ins Chaos. Lugte es nach einem die Ordnung rettenden Prinzip aus, so erblickte es jenseits des nationalistischen Gedankens und diesem übergeordnet die Realität des Reiches. So ging den Juden Feuilleton Der Talmud. Nach einem Uraniavortrag von Dr. Max Grunwald. | (Schluß.) a ' Während die „Halacha", deren Geschichte wir Ibisher skizziert haben, an den Buchstaben des Gesetzes, die kalte logische Regel gebunden war und sich an den nüchternen Verstand wendet, war der „Agada" ein so großer Spielraum und eine so freie Bewegung gestattet, daß sie auf den unbeschwerten Flügeln der Phantasie die Welt der Ideen in allen Richtungen durchstreifen konnte. In den Talmuden sind „Halacha" und „Agada" durcheinander gewürfelt Wir finden hier tiefe philosophische Ideen neben Einfällen aus dem Stegreif; erhabene ethische Prinzipien neben kleinlichen Ansichten; . aus lebhaftem und strengem Rechtsgefühl hervorgegangene juridische Sätze und Entscheidungen neben dialektischen Kunstgriffen; — Urteile, die von religiöser Duldsamkeit und wahrhafter Humanität zeugen, neben befangenen Anschauungen; — aus edlem Volksgeiste erwachsene Sitten neben Vorurteilen und Glauben an Hexen; — wertvolle Bruchstücke der Geschichte neben Legenden; herrliche Erzeugnisse dichterisches Geistes neben Wortschwall und Uebertreibungen; —. gründliche Kenntnisse aus vielen Wissenschaften: Mathematik, Astronomie, Physik, Naturgeschichte, Geographie, Anatomie. Therapie, Etymologie und Exegetik — neben seichten und oberflächlichen Beurteilungen. Nicht selten stoßen wir im agadischen Teile des Talmuds auf Sätze, die unseren Anschauungen nicht zusagen. Doch fragt es sich immer, ob wir den Sinn der Texte richtig erfassen. Wo der Gedanke verschleiert ist hat der Fürwitz leicht spotten. Man muß oft sehr tief schürfen, um zum Ideengrundc zu gelangen. Von schwer verständlichen und dock sinnigen Agadas will ich einige Probe« vorführen. das Verständnis für die österreichische Staatsidee auf. Dieser Staat war nicht wie so viele andere, ein Zufallsprodukt kriegerischer Eroberungen, sondern einer weitschauenden, klug berechnenden Hausmachtpolitik, die mit allen Mitteln, hauptsächlich mit so rein pazifistischen wie Erb- und Heiratsverträgen, auf die Bildung eines in sich geschlossenen idealen Wirtschaftsgebietes abzielte. Den Juden, mit dem Konnex wirtschaftlicher Probleme vertrauter und inniger verwachsen als andere, mußte die staatsbildende Ideologie der Habsburger sympathischer erscheinen als die staatszersetzende Mentalität der diversen nationalen Spaltpilze. Auch war es in einer Zeit, da die Besetzung des Nachtwächterpostens von Leitomischl zu einem nationalen Zankapfel ersten Grades wurde, überaus beruhigend zu wissen, daß es an der höchsten Spitze des Staates ein den Zugriffen nationaler Aspirationen entrücktes Wächteramt gab: das des Monarchen. So offenbarte sich, den Juden der Segen des dynastischen Prinzips. Schließlich blieb ihnen als geistig orientierten Menschen der Vorteil nicht verborgen, den die Zugehörigkeit zu einem Kulturstaat bedeutet. So wirkte die Treue für Oesterreich in der Seele der jüdischen Staatsbürger lebendiger als ein zur Lesebuch-Ideologie erstarrtes Schemen, zu dem sie in den vom Nationalitätenhader vergifteten Gemütern vielfach verblaßt war, mächtig fort und aus innerem Impuls eilten Oesterreichs Juden in Ca7e"p^ Semmering der Schicksalsstunde des alten Reiches zu den Fahnen. Man sage nicht, daß dies im Zeichen der allgemeinen Wehrpflicht kein besonderes Verdienst war, denn nicht wenige konnten sich der von ihnen als bloß äußerem Zwange empfundenen Dienstpflicht entziehen. Einer dieser Drückeberger ist sogar sehr berühmt geworden: Adolf Hitler! Der künftige Erneuerer des germanischen Heldengeistes kam als Deserteur nach Deutschland . . . Dort ist er allerdings vom Regen in die Traufe geraten, da die Reichsdeutschen jeden wohlgewachsenen Jüngling, der sich im Hinterland als Zivilist herumtrieb, mit Mißtrauen und •Verachtung straften. Um beiden zu entgehen, meldete sich der mehr von politischem als militärischem Ehrgeiz Besessene schließlich als Kriegsfreiwilliger zur bayrischen Armee, in der er sich als Melde-Ordonnanz betätigte. Ueber den Aufwand an Heldenmut, den diese Dienstleistung erforderte, sind die Meinungen geteilt. Tatsache ist jedenfalls, Von dem Tode Moses wird in einer Agada folgendes erzählt: Als Mose durch die Pforte des himmlischen Palastes trat da eilten mit freundlichem Gruße die Engel auf ihn zu und jeder enthüllte ihm sein spezielles Geheimnis, den ihm anvertrauten Schlüssel in der Verwaltung des Kosmos, in der Leitung der Welten. Auch der Todesengel blieb nicht zurück, auch er lieferte dem göttlichen Manne ein Geheimnis aus. Welches Geheimnis war es? Er offenbarte ihm, heißt es, „das Mysterium des heiligen Räucherwerkes". Man hat viel darüber nachgedacht, welcher tiefere Sinn in diesem „Mysterium des Räucherwerkes" verborgen sei. Vor dem geistigen Auge des größten der Propheten streifte auch der Engel des Todes seine grausigdüstere Gestalt ab. Er enthüllte ihm, daß er durchaus nicht das lebenhassende und lebenzerstörende Element sei, dem Schreckbilde entsprechend, als das er, seinem traurigen Amt gemäß, der Phantasie der Menschen vorschwebt Sondern so, wie beim Verbrennen edlen Gewürzes der bis dahin gebundene Wohlgeruch des Weihrauches frei wird und die der Feuersglut entströmenden Duftwellen zu köstlichem, zartem Aroma sich veredeln, so befreie auch die Zerstörung, die der Tod scheinbar herbeiführt, von den irdischen Fesseln die Seele, so daß sie gen Himmel entschweben kann. Und wie der Wohlgeruch sich nicht verflüchtigt, auch wenn der Weihrauch längst entschwunden und nichts mehr von ihm vorhanden ist, — so auch der Segen eines edlen Menschenlebens: er schwindet nicht geht nicht verloren, und ist auch längst sein irdisch Teil der Mutter Erde zurückgegeben. In einer zweiten Agada von Mose lesen wir, er habe einzelne Gebote Gottes unverständlich gefunden. Er konnte nicht begreifen, was Gott mit manchem Gesetze meine. Ein solch schwer verständliches Gesetz war ihm zum Beispiel die Schekelvorschrift Das Gesetz bestimmt daß jeder Mann aus dem Volke einen halben Schekel, eine Silbermünze zur Sühne der Seele für den Tempel beisteuern solle. Nun sagt die Agada: Mose habe die Vorschrift nicht begreifen können, bis Gott seinem Verständnis zu Hilfe kam und ihm im Himmel eine „Münze aus Feuer" zeigte mit den Worten: „Das sollen sie geben." HOTEL ELISABETHHOB Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang daß Hitler in einer Zeit, da man in Deutschland Krieger, die sich zu Unteroffizieren eigneten, mit der Laterne suchte, es bloß zum Gefreiten gebracht hat. Indessen soll ihm der kriegerische Geist, dessen er sich jetzt so gern rühmt, nicht abgestritten werden. Fehlt es doch nicht an Stimmen, die die letzten blutigen Ereignisse in Deutschland, die Hitler auf dem Gewissen hat, sowie seinen Bombenkrieg gegen Oesterreich als verspätete Abreagierung seiner im Kriege merkwürdigerweise „verdrängten" Heldenkomplexe deuten ... Die Juden haben die im Kriege gebotene Gelegenheit, Heldentum zu entfalten, ganz anders ausgenützt: Die jüdischen Studentenverbindungen machten ihren Mitgliedern die sofortige freiwillige Stellung zum Kriegsdienst zur Pflicht. Einer ihrer Besten, Dr. Hugo Zuckermann, hat der österreichischen Armee sein „Reiterlied" geschenkt. Bald darauf ist er gefallen — „ein Sänger und ein Held zugleich", wie es von Theodor Körner heißt. Als Feldmarschall K ö v e s z einmal auf einem gefährdeten Frontabschnitt ein ostgalizisches Regiment einsetzen mußte, das zum großen Teil aus jüdischen Soldaten bestand, hat sich dieses Regiment so heldenhaft geschlagen, daß Kövesz gar nicht genug Worte staunender Anerkennung fand. Er hatte offenbar von dem Regiment derlei nicht erwartet . . . Und der Dank des Vaterlandes? Zuerst hat man den jüdischen Helden den Dank verweigert, indem man sie sogar von den Heldenfeiern in der Aula der Wiener Universität ausschloß, und jetzt will man ihnen auch noch das Vaterland rauben: Die nach dem Kriegsende erfolgten Einbürgerungen von Juden in Oesterreich sollen revidiert werden. Juden, die staatsbürgerlich und gefühlsmäßig nie etwas anderes gewesen sind als Oesterreicher und die das auch nach dem Kriege bleiben wollten,, werden höchst unzutreffend als „Neuösterreicher" verhöhnt, und zwar von Politikern, die durchaus nicht alle auf dem Boden des heutigen Oesterreichs geboren wurden, sondern erst nach dem Kriege „zugereist" sind und hier Karriere machten. Die nach 1918 hier eingebürgerten Juden wollen nicht Politiker werden, sondern widmen sich bescheideneren Erwerbszweigen. Wenn man ihnen das verwehrt, wenn man ihnen die Möglichkeit nimmt in einem Lande zu leben, für das sie einst in den Tod zogen, ist Will man den tiefen Sinn dieses Satzes erfassen, so muß man sich an die Rolle des Geldes in unserer Weltordnung erinnern. Was schafft uns Geltung bei aller Welt? Das Geld. Was macht uns klug, weise und geistreich? Was entschuldigt und verteidigt uns am besten, wenn wir gefehlt ein Unrecht begangen haben? „Das Geld verantwortet alles," wie der biblische Weise sagt, es schafft Vergebung und Verzeihung und macht, daß wir oft einen Unwürdigen mit Vorzug behandeln, als wäre er mit allen Tugenden ausgestattet Die allbeherrschende Macht des Geldes in der menschlichen Gesellschaft ist gewiß zu bedauern und ein schwerer Schaden. Weit schlimmer aber wäre es. wenn, wie es in unserer Erzählung scheinen will, nicht nur in den Augen der Menschen, sondern selbst in den Augen Gottes das Geld Gewicht und Ansehen, Geltung und Bedeutung hätte; wenn Gold und Geld nicht nur bei den Menschen Unrecht und Fehler verdecken. Vergehen entschuldigen, sondern auch bei Gott Sühnung, Vergebung und Verzeihung zu verschaffen vermöchten. „Der halbe Silberschekel soll Sühne für die Seele sein," so spricht ja der Herr. Als Mose diese Worte aus Gottes Munde vernahm, erschrak er. „Wie," rief er, „selbst in den hellsehenden Augen Gottes soll das Geld ein Mantel sein, der sich über der Seele Flecken breitet?" Da zeigte ihm der Herr eine flammende Münze und fügte hinzu: „Siehe da, das sollen sie geben." Wohl ist es wahr, es kann das Gold zu einer Quelle des Unheiles werden, wenn der Mensch Mißbrauch mit seinem Reichtum treibt Eine Zaubermacht aber trägt das Geld in sich, wenn man gebrochene Gemüter damit heilt, bittere Tränen damit trocknet, blutende Herzen aufrichtet Darum zeigte Gott den halben Schekel Mose im Feuer! Das Feuer ist für den Menschen die segensreichste Naturgewalt Wie viele nützliche Werke, die der erfinderische Menschengeist ins Leben ruft sind nur vermittels des Feuers möglich! Die Speise, die uns nährt wir bereiten sie durch Feuer; in der Fabrik, der Maschine muß das Feuer wirken. Allein, wenn der Mensch nicht behutsam mit dieser Naturkraft umgeht dann gibt es nichts in der Natur, was so verheerende, entsetzliche Schäden stiftete, wie das Feuer. Wean der