Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 31 (27.7.1934)
- Date
- 1934-07-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 "lEO SEE FELD (TIROL) 1200 Meter Einzigartiger Höhenkurort, intensivste Höhensonne, Wintersport, Pension Geschwister Schee r, im Hotel Hochalm, bekannt erstklassige Verpflegung, mäBige Preise, Fahrpreisermäßigung. das grober Undank, doppelt verwerflich in einer Zeit, die sich zu ihren moralischen Verpflichtungen den Kriegsteilnehmern gegenüber bekennt. Es ist in allen Ländern schöne Sitte geworden, den „Unbekannten Soldaten" zu ehren. In aufreizendem Kontrast hiezu steht das Bestreben der Antisemiten, den jüdischen Krieger zu diffamieren, der nach ihrem "Willen der unbekannteste Soldat ist, weil niemand von ihm etwas erfahren soll . . . i™ Neue Gefahren für das deutsche Judentum. Die Juden dürfen von Hitler nichts annehmen! — Das war die Antwort einer jetzt vorübergehend im Saarland weilenden hoch angesehenen deutschen Persönlichkeit an den Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur, der diese Persönlichkeit fragte, ob im Hinblick auf die Tatsache, daß Hitler sich jetzt, statt wie bisher auf die radikale S. A., auf die Reichswehr und die konservativen Kreise stützt, nicht eine Milderung in der Behandlung der Juden und eine Unterbrechung der antijüdischen gesetzgeberischen und praktischen Maßnahmen zu erwarten sei. Auf keinen Fall ist jetzt eine Besserung der jüdischen Lage zu erwarten, wohl aber eine Verschlechterung, erwiderte die Persönlichkeit. Die Juden sind jetzt, wo die Hitlermacht sich auf eine obere herrschende Schicht stützt, gegen die sich eine seit Jahr und Tag verhetzte untere Schicht verbissen stemmt, in eine Zwickmühle geraten; sie sind das Korn zwischen zwei Mühlsteinen. Ihre Lage läßt sich durch folgende drei Sätze charakterisieren: Erstens: H i 11 e r, der sich jetzt in der Abwehr nach unten befindet, muß den aggressiven Antisemitismus steigern, um auf diese Weise zu versuchen, den Verdacht einer Schwenkung nach rechts zu entkräften. Wohl würden gewisse konservative Kreise um Hitler die staatliche Judenpolitik, die dem Deutschen Reich so viel geschadet hat, ein wenig gemildert sehen, schon um angesichts der außenpolitischen Spannung ein bißchen Luft zu bekommen. Allein sie werden sich hüten, auf Hitler einen Druck nach dieser Richtung auszuüben, da sie seine Position angesichts des immer schärfer werdenden wirtschaftlichen und sozialen Druckes nicht erschweren wollen. Heute wollen die konservativen und die Reichswehrkreise Hitler halten, weil in Deutschland jetzt noch keine Persönlichkeit zu finden ist, die die heterogenen Kräfte im Reiche noch meistern könnte. General Schleicher, der einzige, der heute noch ein staatserhaltendes Regime hätte schaffen können, ist — e b e n darum — bei dem aligemeinen „Aufräumen" mit beseitigt worden. Zweitens: Angesichts der zunehmenden Verbitterung bei der in ihren Hoffnungen enttäuschten S. A.-Masse würde eine irgendwie bedeutende Milderung der Judenpolitik — die übrigens gar nicht zu erwarten ist — gerade auch die jüdische Bevölkerung beunruhigen; denn die Verbitterung und Enttäuschung der seit anderthalb Jahrzehnten zu Judenhaß erzogenen und aufgepeitschten Massen würde sich in Form von Pogromen gegen Juden entladen. Wie gesagt: die Juden selbst wollen und dürfen von Hitler nichts annehmen! Drittens: Es besteht aber die Gefahr, daß Hitler seine auf die Eliminierung der Juden ausgehende Politik nicht nur nicht mildern, sondern sogar noch verschärfen wird, da er wirklich keine andere Politik hat, die die a uf geir Jxh Am zufrieden^ mit JJviet Ivuna. Das sagen alle unsere Kunden. 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Dies — so schloß die Persönlichkeit — ist die wirkliche Situation; es wäre sträflich, wenn die ausländischen Juden und das Ausland überhaupt sich in bezug auf die Situation der deutschen Juden irgendwelchen Illusionen hingeben würden. Wer regiert in Danzig? Von einem soeben aus Danzig zurückgekehrten polnisch-jüdischen Kaufmann erhält die JTA. folgende informationen über die Lage der Oanziger Juden: Vor einiger Zeit hat der Präsident des Danziger Senats eine Erklärung über die Unzulässigkeit des wirtschaftlichen Boykotts der Juden in Danzig abgegeben. Sofort danach erließ der Gauleiter Forster, der im Auftrage von Hitler an der Spitze der Partei in Danzig steht, das folgende Rundschreiben an alle Parteifunktionäre: „Einen anständigen Juden gibt es iiir einen Nationalsozialisten nicht. Diese Rasse ist und bleibt unser Todfeind. Alles, was wii an Not und Elend erlebt haben und noch erleben, hat dieses Volk angezettelt. Unsere Gastfreundschaft darf nicht so weit gehen, daß wir den Juden geschäftlich unterstützen: Ein Nationalsoziatist, der ein besonders guter Deutscher zu sein hat, unterstützt im geschäftlichen Leben zuerst seine deutschen Volksgenossen. Der Jude muß von uns ausgeschaltet werden, wo es nur geht Jegliche Großmut den Juden gegenüber ist falsch. Wir sehen tagtäglich, wie sich das Weltjudentum bemüht, die übrigen Völker gegen uns Deutsche aufzuhetzen und Deutschland wirtschaftlich zugrunde zu richten. Wir dürfen nicht dulden, müssen es vielmehr als Verrat an unserer Bewegung und am deutschen Volk brandmarken, daß Nationalsozialisten in jüdischen Geschäften kaufen. Persönlicher Verkehr mit Juden ist für Nationalsozialisten ausgeschlossen." Dieses Rundschreiben, das mir von maßgebender christlicher Seite übergeben worden ist — erklärte der polnisch-jüdische Kaufmann zum Schluß — zeigt, wie stark sich der Gauleiter fühlt und daß er sogar über die Polizei Autorität besitzt, die offiziell doch eigentlich dem Staat, also dem Senat, untersteht In jüdischen Kreisen in Danzig hat sich dieses Rundschreiben bereits herumgesprochen. Die Besorgnis unter den Juden wächst sie fühlen sich ganz schutzlos, nachdem ja die Erklärung des Senats durch die Anweisungen Porsters, dem natürlich alle Nationalsozialisten blind gehorchen, kaum noch Wirksamkeit haben wird. Prophet Jeremias den furchtbaren Gottesgrimm verbildlichen will, sagt er: „Wie Feuer lohte sein Zorn." Geld und Feuer — das sind darum zwei verwandte Gaben Gottes, zu Glück und Segen den Menschen gegeben, beide aber auch, wenn wir nicht weisen Herzens damit umgehen, das größte Unheil und der schwerste Fluch. Das zeigte Gott Mose in dem halben Schekel aus Feuer, damit er erkenne, daß, wie das Feuer, so auch das Geld zum Segen und zum Unheil werden kann. Vor dem Unheil schützt sich nur der, der sich die Kraft bewahrt hat, von seiner Habe selbstlos herzugeben. — In der Verherrlichung der Wohltätigkeit, der werktätigen Menschenliebe ist der Talmud unerschöpflich. Als jüdisches Stammesmerkmal bezeichnet der Talmud: Barmherzigkeitt, Schamhaftigkeit und Wohltätigkeit. Schamhaftigkeit in der Mitte, das will besagen: Auf die Form des Gebens achte! In der Art, wieeinergibt, darin gibtersich selbst. Beschämt durch die Not des Menschenbruders und Rücksicht nehmend auf das Schamgefühl des Empfangenden, so soll man geben. Ein freundlich Wort, das die Gabe begleitet, ist mehr wert, als die Gabe selbst, — Ein andermal erzählt der Talmud: In einer Gasse brach ein Brand aus. Das Feuer machte Halt vor einem Hause, in dem ein Mann wohnte, der ob seiner Gelehrsamkeit und Frömmigkeit berühmt und verehrt war. Alles glaubte, sein Verdienst habe die Stadt gerettet. Aber in der Nacht darauf wurden die Burger von einem Traumbilde belehrt: „Neben dem frommen Gelehrten wohnt eine arme Frau, die von ihrem spärlichen Mehl noch anderen abgibt, die ärmer sind als sie, um ihretwillen geschah das Wunder." Man sieht daß der Talmud selbst Gelehrsamkeit und Frömmigkeit nicht höher schätzt, als das gütige Herz. Der Talmud lehrt: „Der Allerbarmer fordert Herzen sgüte." Und: „Seitdem der Opferdienst geschwunden ist ersetzten ihn von Herzensgüte geleitetes Wohltun und des Herzens Erguß im Gebete". .. Die talmudischen Gebete liegen zum großen Teil im jüdischen Gebetbuch vor. Sie sind auch in Prooen auch aus dem Neuen Testament bekannt Das Vaterunser besteht aus Sätzen des Alten Testaments und der von den Talmudisten geschaffenen Liturgie. Noch heute betet der Jude täglich: Geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, auf daß dein Name gesegnet sei in Ewigkeit Den Ausklang der Gebete bildet Sehnsucht nach Menschenverbrüderung in Gotteserkenntnis und Gottesliebe und Friede auf Erden, ein Uni versa Iis mus, der nicht nur theoretisch die Nächstenliebe auf alle Menschen, auch die Heiden, erstreckt, sondern sich auch praktisch betätigt in Liebeswerken an den Armen, Kranken und Toten der Heiden genau, wie an den eigenen Glaubens- und Volksgenossen. Mit diesem Universalismus geht aber Hand in Hand ein kräftiges Stammesbewußtsein, glühender Patriotismus, eine Pietät, die der Talmudjude sogar an seinem erbittersten Feinde, an den Römern, schätzte, deren Heidentum er nicht als einen Götzendienst aus Neigung ansah, sondern als Pietät gegen das, was den Vätern heilig war. Groß ist in den Augen der Talmudlehrer* die Heimatliebe: In lachender Landschaft am Genezaretsee bei Tiberias hielt ein Weiser seinen Vortrag. Da hörte man eine Frau zu einer Nachbarin sagen: „Wohl uns, daß wir aus dieser elenden Gegend wegkommen." Der Lehrer unterbrach seinen Vortrag und, auf sie hinweisend, sprach er: „Ich kenne diese Frauen, sie reisen in die Heimat zurück, einen der ungesündesten und unwirtlichsten Landstriche. So hängen wir an der Scholle, die uns geboren hat." Daher die Tapferkeit, mit der die Talmudjuden den Boden der Väter verteidigten, eine Tapferkeit, vor der das stolze Rom erzitterte und die auch ihren Ausdruck findet in Aussprüchen des Talmuds voller Mannesmut und Mannesehre. Nichts fürchten außer Gott, nichts fliehen als die Sünde, das lehrt der Talmud. Die schwerste aller Sünden aber ist Chillul haschem, Entweihung des göttlichen Namens. Chillul haschem ist wie schon bemerkt, eine Schändung Gottes. Der Talmud definiert den Begriff des Chillul haschem auch dahin: Wer den Namen Israels der Verachtung preisgibt begeht einen Chillul haschem, vollbringt eine Gottesschändung. Jede Handlung, die den jüdischen Namen in den Augen der Umwelt herabwürdigt ist ein Chillul haschem, eine Gottesschändung. So verschmilzt in diesen Gedankengängen Volksehre und Gottesehre zu einer unlösbaren Einheit, einem einzigen Begriff; die Sünde gegen das Volk ist eine Sünde gegen Gott Das Höchste und Erhabenste aber im Sinne des Talmuds ist K i d d u s c h haschem, die Heiligung des Gottesnamens. Alle jene, die durch ihr Verhalten und Wirken dem jüdischen Namen Ehre bereiten, die für die Ehre des jüdischen Volkes kämpfen und streiten, — sie heiligen den Namen Gottes. Jeder einzelne Sohn Israels ist Träger und Bewahrer des höchsten nationalen Gutes, nämlich der Ehre seines Volkes, somit der Ehre Gottes. Die aber an der Ertüchtigung des heranwachsenden Geschlechtes arbeiten, es mit diesem Bewußtsein erfüllen und seine geistigen und seelischen Energien für diese Pflichten und Aufgaben wecken, stärken und erziehen, ihr Verdienst umstrahlt unsterblicher Glanz, „sie leuchten wie die ewigen Sterne am Himmelszelt". So spricht der Talmud von den Lehrern, und ihm selbst wäre zu wünschen, daß er durch geeignete Lehrer der Allgemeinheit mehr als bisher bekannt würde, durch Lehrer, die es als ihre heilige Aufgabe ansehen, vorurteilsfrei und unbefangen Lehre zu vermitteln. Bisher ist der Talmud nichtjüdischen Kreisen meist nicht — dank sachkundigen Lehrern — bekannt, sondern als Gegenstand politischer Agitation verkannt. Kein Buch ist so oft wie der Talmud verbannt und verketzert, verleumdet und öffentlich verbrannt worden. An vielen Universitäten hat man mit dieser Praxis gebrochen, und gerade in Würdigung der Bedeutung des Talmuds für die Wissenschaft sowohl als auch für die politischen Kämpfe wird an den Hochschulen Talmud vorgetragen. Der Talmud ist ein Buch. Ein Buch will nicht ungelesen verurteilt noch gespriesen, es will gelesen und verstanden werden. Auch mit einer Apologie, die wobl gut gemeint, aber oft schlecht begründet ist dient man dem Talmud schlecht. Von ihm gilt, wie von jedem Buche, das etwas zu sagen hat da» bekannte Wort Lessings: „Wir wollen weniger gelobt und eifriger gelesen sein."