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Die Wahrheit · 1934-07-27 · Heft 31 (27.7.1934) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 31 (27.7.1934)
Date
1934-07-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis dieser Nummer 40 Groschen In Deutschland verboten 1 Jüdisch e mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden* Jkschemt jeden Freitag PMPilUlllllpilllllPiniipiTnnnnnipppni uiiiiiiuiiiiiiiinpiiiiiiiiiiiiiiiiiuifliiiiimmmr Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 50. Jahrgang Wien, 27. Juli 1934 Nummer 31 Bundeskanzler Dr. Dollfuß. „Der Tag des Mordens ist nun auch über Oesterreich hereingebrochen." Der Bundeskanzler von Oesterreich Dr. Engelbert Dollfuß ist feiger Mörderhand zum Opfer gefallen. Wie ein Held ist er gestorben: auf dem Schlachtfeld. Ihm, der 37 Monate lang im Weltkrieg in den vordersten Reihen stand, war das Feld der Ehre nicht unbekannt. Er verließ es ruhmreich und unversehrt. Aber von ehrlosen Meuchelmördern wurde er auf einem anderen Boden hingemetzelt, auf heimtückisch besetztem Gebiet. Die nationalsozialistischen Terrorbanden, die schon so viel unschuldiges Blut auf dem fluchbeladenen Gewissen haben, haben nun den erlesensten Staatsmann unseres Landes hingemeuchelt. Was Dollfuß diesem Lande, das er über alles liebte und dem er nun sein kostbares Leben geopfert, gewesen, das zu schildern kann nicht Aufgabe dieser Zeilen sein. Es wird in den Annalen Oesterreichs unvergänglich fortleben. Seine Freunde vergötterten ihn, seine Gegner respektierten, ihn. Nur einem Gegner konnte er den Respekt, auf den er als um das Wohl seines Landes eifrig bemühter Staatsmann berechtigten Anspruch hatte, nicht einflößen: den Hakenkreuzlern. Vom Dritten Reich des Herrn Hitler immerwährend ermuntert, legten sie die — oft wirklich unverständliche — Milde, die man ihrem terroristischen Wüten gegenüber sichtlich im Sinne des Christen Dollfuß übte, dem Staatsmanne Dollfuß als Schwäche aus und fuhren trotz aller Warnungen fort, ihre Greuel- - taten zu verüben, durch die Leben und Gut so vieler Oesterreicher schwer gefährdet wurden. Eine Woche nach dem Ablauf des Ultimatums, durch das dieser unterirdischen Schreckensherrschaft das längst erwartete Ende gesetzt werden sollte, und einen Tag vor den Standgerichtsprozessen, der jenen nationalsozialistischen Verbrechern galt, die die Folgen der Nichtbeachtung dieses Ultimatums nicht geschreckt hatte, gingen die Terroristen zum Generalangriff über. Er ist dank der Unerschrockenheit unserer Regierung und dem mustergültigen Verhalten unserer Exekutive abgewehrt worden. Aber Dollfuß blieb auf der Walstatt____ Mit der übrigen staatstreuen Bevölkerung beklagen auch die österreichischen Juden tief den Heimgang dieses lauteren Menschen. Er war ihnen gegenüber von durchaus loyaler Gesinnung und diese Loyalität dankten sie ihm mit treuer Anhänglichkeit, die sich in begeisterter Gefolgschaft manifestierte, wann immer sein Ruf an die staatstreue Bevölkerung dieses Landes erging. Die österreichischen Juden schätzten ihn als den guten Oesterreicher, der bis zum bitteren Ende, das er gefunden hat, von heißester Liebe zu unserem Vaterlande erfüllt gewesen ist. Sie anerkannten vor allem den Heroismus, mit dem er die historische Aufgabe erfüllte, Oesterreich und seine Bevölkerung vor der Annexion durch das Dritte Reich, vor der Usurpation durch den Barbarismus zu retten. Sein begeisterter Patriotismus und die Tatkraft, mit der er die Unabhängigkeit Oesterreichs verteidigte, sichern Sun ein bleibendes ehrendes Angedenken auch in den Herzen der vaterlandstreuen österreichischen Judenschaft. Sein letzter Wille war der eines echten Christen, er wünschte, daß seinetwegen jedes Blutvergießen vermieden werden sollte. Sein Wüte wird respektiert werden, wie sein Vermächtnis überhaupt unser Leitstern in die Zukunft bleiben soll Aber der Wunsch des Christen Dollfuß, dem seine feigen Mörder in der Sterbestunde die Bitte um priesterlichen Beistand versagten, darf nicht verhindern, daß gerechtes Gericht gehalten wird über Jene, die ihn bestialisch mordeten, weil er sich dagegen wehrte, daß sein geliebtes Oesterreich von dem braunen Sumpf verschlungen wird. Dieses Gericht für alle Putschisten ohne Unterschied des Standes ist der berechtigte Wunsch der ganzen staatstreuen Bevölkerung Oesterreichs, die erschüttert und von tiefster Trauer erfüllt an der Bahre des Mannes steht, der sein wertvolles Leben hingegeben hat für die Freiheit, für das Ansehen und für das Glück Oesterreichs. 0. H. Der unbekannte Soldat. Vor zwanzig Jahren ist der Weltkrieg ausgebrochen. Ob der Weltkrieg wirklich jene ungeheure Kluft zwischen zwei einander ganz wesensfremden Epochen der geschichtlichen Entwicklung ist, als die die aus der Vorkriegszelt stammenden Ueberiebenden ihn heute empfinden, wird erst eine nicht allzunahe Zukunft richtig entscheiden können. Tatsache ist jedenfalls, daß er nicht einmal jene abschreckende Wirkung auf militaristische Gemüter auszuüben vermag, die man eine Zeitlang als seine einzige heilsame Wirkung gepriesen hat Die Unordnung, die er in das feingewobene Gefüge des internationalen Kreditwesens gebracht hat und die sich heute als Wirtschaftskrise auf das allgemeine und private Leben so verheerend auswirkt, darf nicht darüber täuschen, daß die geistige und politische Ernte der Nachkriegszeit durchwegs aus Keimen stammt, die die Vorkriegszeit behutsam und eifrig in den hiefür raffiniert präparierten Boden gesenkt hat. Zur 20. Jährung des Weltkriegsbeginns. Ja vielfach waren diese Keime schon damals zu schnittreifer Saat gediehen. Bereits in der heute vielgepriesenen Vorkriegszeit war es Ehrgeizlingen geglückt, den Antisemitismus als Leiter zur Macht zu benützen. Und wie sehr die Verhetzung unter dem Schlagwort des Nationalismus damals schon die Jugend vergiftet hatte, dafür sind die Schüsse des Princip gegen das österreichische Thronfolgerpaar ein unheimlicher Beweis — der folgenschwerste, aber beileibe nicht der einzige. Es hat auch sonst nicht an erschrecklichen Auswüchsen der politischen Demagogiegefehlt: Nationaler Chauvinismus und konfessionelle Unduldsamkeit wetteiferten miteinander, den verantwortlichen Staatslenkern und friedlichen Staatsbürgern das Leben sauer zu machen. In einem tiefen Phrasenmeere religiöser und völkischer „Erneuerer" ging der Liberalismus unter, der den Wienern mit seiner humanen Parole „Leben und leben lassen" so überaus glückliche, in zahllosen noch heute gern gesungenen Volksliedern gepriesene Zeiten beschert hatte. Vorbei war die herrliche Epoche religiöser Toleranz, in der der jüdische Dichterkomponist des Fiakerliedes beseligt jubeln durfte: „Mein Stolz is: i bin halt a echt's Weana^Kind!" Schon waren die Rassenreiniger eifrig am Werke, ihm und seinen Glaubensgenossen das Gegenteil zu beweisen . . . Dabei hatte es Oesterreich- Ungarn weniger als jeder andere Staat nötig, die Judenfrage als künstlichen Trennungskeil in die Bevölkerung zu treiben. Denn es fehlte dem vielsprachigen Reiche auch sonst nicht an Scheidemauern, die sich zwischen die Bewohner der Monarchie schoben, das Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen ihnen mehr und mehr gefährdend In den letzten Vorkriegsiahren war die Zersetzungsarbeit der nationalen Propaganda' unten den acht die Monarchie bewohnenden Völkern bereits so weit vorgeschritten, daß sich Weitsicht tige Staatsmänner bange mit der Frage beschäftigten, ob sich der zentripetale Patriotismus in der

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