Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 52 (29.12.1933)
- Date
- 1933-12-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Geist inspiriert ist. Herr Günther darf also als Genie selten . . . Das österreichische Episkopat ist diesen heiklen Fragen aus dem Wege gegangen. Es hat zwar dem Nationalsozialismus gleichfalls einen Fehdehandschuh hingeworfen, aber nicht in Form volksbelehrender Predigten über das Alte Testament, sondern in Gestalt eines Weihnachts-Hirtenbriefes. Dieser enthält keine Andeutung der positiv-sittlichen Verdienste des Judentums, sondern nur eine Ablehnung des „extremen" Rassenantisemitismus, geht also nicht einmal so weit, wie weiland Dr. S e i p e 1, der den Rassenantisemitismus ohne jede Einschränkung perhorresziert hat. Der Begriff des „Extremen" ist jedenfalls sehr dehnbar und einer einheitlichen Auffassung des Verpönten keineswegs dienlich. Ist es e x t r e m e r Rassenantisemitismus, "wenn Herr Rosenberg, der Chefredakteur des „Völkischen Beobachters", eine Neubearbeitung der „Protokolle der Weisen von Zion" auf den deutschen Weihnachtstisch legt, und Aus zuverlässiger Quelle verlautet, daß der deutschen Reichsregierung nicht weniger als ein Dutzend Entwürfe zu einem sogenannten „Jüdengesetz", das den Status der Juden in Deutschland definitiv regeln soll, vorliegen, daß aber die Regierung bisher keinen einzigen dieser Entwürfe auch nur einer oberflächlichen Prüfung unterzogen hat. Die Reichsvertretung der deutschen Juden, die einzige offiziell anerkannte jüdische Körperschaft, die eingeladen worden war, ihrerseits einen Entwurf zu/einem „Judengiesetz" zu unterbreiten, hat eine endgültige Absage erteilt. Die verant wortlichen jüdischen Führer in Deutschland halten daran fest, daß die Juden Deutschlands niemals einer Beschränkung ihrer Rechte in ihrer Heimat ihre Unterschrift geben werden. * In Offenbach a. M. ist dieser Tage der bekannte Religionsphilosoph Rabbiner Dr. Max Dienemann in Schutzhaft genommen und in das Konzentrationslager Osthofen eingeliefert worden. Dr. Dienemann hat mit Erist es kein extremer, wenn der katholische Pfarrer Gaston Ritter dasselbe tut? Ist es „extrem" antisemitisch, wenn irgendein kleiner Nazibonze im Dritten Reiche — unter immer deutlicher werdender Zurückweisung seitens der obersten Führung — für weitere Ausschaltung der Juden vom Erwerbsleben eintritt, und nicht „extrem", wenn der Prälat S c h m i 11 in Oesterreich ähnliche Forderungen erhebt? Aus solchen Beispielen, die sich beliebig vermehren lassen, muß man den Schluß ziehen, daß nicht das Ausmaß der antisemitischen Gesinnung, sondern deren Träger für die Zulässigkeit oder Ablehnung bestimmend ist Diese Auffassung steht in grellstem Widerspruch zu dem mosaischen Gesetz, das ohne Ansehung der Person zu richten befiehlt. Und so wird auch der Hirtenbrief der österreichischen Bischöfe, wenn auch nicht in der positiven Form der Predigten ihres Münchcner Kollegen, zum eklatanten Beweis für die Einmaligkeit und Analogielosigkeit des jüdischen Sittengesetzes. Dr. Hugo Spie gl er. ktubnis der Polizeidirektion Vorträge im Rahmen der Jüdischen Gemeinde gehalten. Bei einem dieser Vorträge soll er im Zusammenhang mit einer Schilderung der Mordtaten des Königs Herodes die Wendung gebraucht haben, daß derartige Gewalttaten nicht nur im Jahre 30 vor Christi Geburt vorgekommen wären, sondern: sich auch in späterer Zeit, z. B. während der französischen Besetzung des Rheinlandes, ereignet hätten, daß es aber für das jüdische Volk gleichgültig sei, ob es von einem französischen General oder von einem Polizeipräsidenten regiert werde. Wer Max Häuseradministration Adolf Krall IV., Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern LEOPOLD "HASSCHUHE nur Vil. BUR6ÖASSE £ M Dienemann persönlich oder aus seinen Reden und Schriften kennt, wird ihm solche banale Redereien gewiß nicht zutrauen und wird annehmen, daß es sich im obigen Fall entweder um eine böswillige Denunziation oder um ein grobes Mißverständnis handelt. Dr. Max Dieiiemann, der die Agenden des Allgemeinen Deutschen Rabbinerverbandes als dessen Sekretär verwaltet, wurde 1875 in Rrotoschin. Provinz Posen, geboren und ist seit 1919 Bezirksrabbiner in Offenbach. Neben einigen bedeutenden archäologisch-historischen Werken verfaßte ,er die volkstümlich gewordene Schrift „Judentum und Christentum" und veröffentlichte in dem „Apologetischen Korrespondenzblatt des Verbandes der deutschen Juden" und in verschiedenen Zeitschriften ('auch in unserem Blatte) eine große Anzahl von Aufsätzen theologischen und religionsphilosophischen Inhalts, in denen Gegenwartsfragen des religiösen Lebens behandelt wurden und in denen außerdem eine Auseinandersetzung des Judentums mit seiner Umwelt versucht wurde. * Das „Berliner Tageblatt" versieht den Erlaß des Reichswirt.„haftsministers Dr. Schmitt betreffend Sicherung -einer ungestörten Abwicklung des Weihnachtsgeschäftes auch für Nichtarier mit folgendem vieldeutigen Kommentar: „Wenn sich der Reichswirtschaftsminister entschlossen hat, seinen dringlichen Appell gegen solche Umtriebe nicht nur an die deutschen Länder und an die Spitzenvarbände insgesamt ergehen zu lassen, sondern ihn gleichzeitig der Ocffenllichkcit zu übergeben und somit die ganze Nation ins Bild zu setzen, dann wird das nicht auf Grund vereinzelter Uebergriffe geschehen sein, sondern weil die Uebelstände, gegen die er sich wendet, über örtliche Kreise hinaus einen größeren Umfang angenommen habe n." * 1 Das vor einiger Zeii verkündete Schriftleitergesetz tritt am 1. Jänner 1934 in Kraft. Nachdem schon seit dem Frühjahr eine systematische Hinausdrängung der jüdischen Schriftsteller und Journalisten aus den Redaktionen und der externen Mitarbeiterschaft stattgefunden hat, werden mit Inkrafttreten des neuen Gesetzes im Dritten Reiche wiederum viele hunderte jüdische oder von Juden abstammende Journalisten ihre Berufsstellan verlassen müssen, so daß die Reinigung der deutschen Presse von Juden fast schon eine totale sein wird. Das amtliche Organ der Deutschen Arbeitsfront „Der Deutsche" begrüßt daher das Schriftlcitergesetz mit Recht mit der Ueberschrift: „Deutsche Presse: Ab 1. Januar iudenfrei." Aus der braunen Holle. (Feuilleton Josef von Sonnenfels. (Geboren 1733.) Betrachtungen zur Zweijahrhundertfeier. Als 1867 der Wiener Gemeindemat auf Vorschlag seines Mitgliedes Bauernschmied Sonnenfeds' Standbild auf der Elisabethbrücke zu errichten beschlossen hatte, wurden in der gegnerischen Presse Zweifel rege, ob er diese Ehrung verdient habe. Heute steht er in der Ehrenallee vor dem Rathause neben Kollonits: neben dem Hauptanstifter dier Judenvertreibung von 1670 de» Enkel eines Rabbiners der Berliner Judengemeinde, in der jene aus Wien Gewiesenen das wertvollste Element bildeten. Diese Auszeichnung rechtfertigt sich schon durch seine lokale Bedeutung. An sie erinnert ein einfacher Rundblick in die Nachbarschaft. Dem Standbilde gegenüber erhebt sich das Burgtheater, für dessen Begründung Scnnenfels mehr, als sonst irgendwer getan hat. Der Justizpalast — ein Wahrzeichen österreichischer Rechtspflege, deren Umgestaltung in neuzeitlichem Geiste, vor allem durch Abschaffung der Folter, nicht an letzter Stelle ihm zu danken ist. In der Universität die er. als erster Lehrer der Kameralwissenschaft und zweimal ihr Rektor, zum Ausgangspunkt tiefgreifender Reformen des öffentlichen Lebens gemacht hat!, hält seine Büste das Andenken eines Mannes wach, der auch im wörtlichen Sinne der Stadt Wien eine neue Beleuchtung bescherte. Das Parlament endlich war lange Zeit Hort des Gedankens, der seinem vielverzweigten Lebenswerke zugrunde liegt, des Gedankens eines deutschen Kulturnationalismus. Aufgetaucht war dieser Gedanke zuerst in Berlin, in dem Kreise um Nicolai. In den dort 1755 erschienenen „Philosophischen Gesprächen" wurde der ..sklavischen Nacbäffuag" der Franzosen mit einer Kühnheit der Krieg erklärt, die angesichts der streng französischen Einstellung des Hofes, der Akademie, des Theaters Bewunderung verdient. „Werden die Deutschen -niemals ihren eigenen Wert erkennen? Wollen sie ewi® ihr Gold für das Flittergold ihrer Nachbarn vertauschen? Solchen Geist und Mut war man bisher nur von einem gewohnt von Lessing. Der mutige deutschpatriotische Verfasser war aber — Moses Mendelssohn, damals noch ein Name ohne Echo, bald aber einer der gelesensten und besonders in Wien geachtetsten Aesthetiker Deutschlands. Und in Nicolais Zeitschriften setzt er diese Tonart fort. „Gute Bücher und eine gute Bühne können den Geschmack einer Nation umbilden." Er, den ein Wink Friedrichs heimatlos machen konnte, beklagt des Königs Frankomanie und sehnt den Theaiterdichter herbei, der dem „Empfinden der Nation" Ausdruck zu verleihen imstande wäre. Dieser deutsche Patriotismus geht sogar noch über Lessing hinaus, indem er sich nicht nur gegen die Franzosen, sondern auch gegen Shakespeare wendet und den deutschen Schriftstellern vorhält, sie schrieben^ als ob sie Uebersetzungen aus dem Französischen oder Englischen zu liefern hätten. Mit dieser Denkweise trat Sonnenfels in Belührung, als er. nach fünfjähriger Dienstleistung bei den Deutschmeistern und juristisch für den Staatsdienst vorigebildet, eines Tages in dwr kaiserlichen Bibliothek auf die Bemerkung Nicolais stieß: „Oesterreich hat uns noch keinen Schriftsteller gegeben, der die Aufmerksamkeit des übrigen Deutschland verdient hätte." Sogleich stand in dem damals Fünfundzwanzigjährigen der Entschluß fest diese „Natio.nalbeschimpfung Oesterreichs", wie er sie bezeichnete, durch sein Beispiel zu widerlegen und somit Schriftsteller zu werden. Er hatte Latein, bei seinem Vater — Alois Wiener v. 'Sonnenfels — Hebräisch, auf eigene Faust mehrere moderne Sprachen gelernt und sich zu einem Deutsch erzogen, dem sprachbildendes und sprachreinigendes Talent nicht abzuerkennen ist. Gern hörte er sich den „österreichischen Lessing" nennen. Zu besonderer Genugtuung! gereichte ihm zwei Jahrzehnte später das Lob Nicolais, er habe Oesterreich von jedem nationalen Schimpf befreit und seiner Eitelkeit schmeichelte es nicht wenig, daß Mendelssohn ihn seiner Freundschaft würdigte. 1785 von Sonnenfels zum Eintritt in die geplante Wiener Akademie eingeladen, antwortet der „Berliner Sokrates": „Geliebter Mitbruder! Ich nehme keinen Anstand, Sie so zu nennen: denn ich erkenne die Ehre, die Sie mir antragen, mit lebhaftem Dank und nehme sie mit Vergnügen an. Da Sonnenfels mein Führer sein will, so frage ich weiter nicht: Wohin?" Der vom Glück ungewöhnlich Begünstigte, damals wirklicher Hofrat nicht lange darauf Reichsfreiherr, oberste Instanz in Fragen des Stils bei allen Hof- und Staatsaktionen, Zensor der Literatur, des Theaters, galt im deutschen Geistesleben als Vertreter Oesterreichs, als allmächtig beim Kaiser, in dem der deutsche Nationalpatriotismus Hoffnungen, erfüllt sah. wie sie sich nur noch einmal, im Jahre 1809.. nach Treitschke dem größten in der ganzen Geschichte Oesterreichs, an Erzherzog Carl entzünden, aber bei seinem genialsten Zeitgenossen, bei Goethe, keinen Anklangt finden sollten. Einen Vergleich mit Goethes Kampf gegen den „Hund des Aubry" legt Sonnenfels' Eifer gegen die. Baderier Truppe und andere Mißstände im -Wiener - Theaterwesen nahe. Auch seine Stellungnahme zur Revolution ließe sich in das so bezeichnende Urteil Goethes fassen: „Fnanztum drängt in diesen verworrenen Tagen, wie ehemals Luthertum es getan, ruhige Bildung zurück." Wie weit gehen aber ihre Ansichten über deutschen Patriotismus auseinander, wenn Goethe in seiner Besprechung der Sonnenfelsschen Schrift „Ueber die Liebe des Vaterlandes" mit scharfem Nachdruck ausruft: „Römerpatriotismus! Davor bewahre uns Gott, wie vor einer Riesengestalt! Wie würden keinen Stuhl finden, darauf zu sitzen: kein Bett darin zu liegen!" Oder das bekannte: „Zur Nation euch zu bilden, ihr hofft es. Deutsche, vergebens" und „Deutschland, aber, wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden." Und diesem Deutschland in dem bis dahin internationalen Wien eine geistige Hauptstadt zu geben, wie sie als politische sogar Goethe einmal anerkennt, dahin zielte Sonnenfels und damit, von einigen Aeußerlichkeiten abgesehen, zog er sich von Lessing den Vorwurf „unausstehlicher Großsprecherei" zu. So hoch wir nun auch die geistige Bedeutung eines Lessing über die eines Sonnenfels zu stellen haben, in einem wichtigen Punkte zeigt dieser doch einen klareren Blick als der Verfasser des „Laokoon". Lessing fordert eine Reform der Oper ganz in dem Sinne, der seit Wagner allgemein geläufig ist. und übersieht, hier in blinder Gefolgschaft Nicolais, daß schon Gluck in seinen Opern diese Aufgabe zielbewußt gelöst hat. Für diese Leistung fand der von den Berlinern abgelehnte Wiener Komponist, der sich in der Widmung von ..Paris und Helena" mit ihnen auseinandersetzt, die verdiente Anerkennung nichterst bei Wagner, sondern bereits bei Sonnenfels, der übrigens auch Mozart nach Kräften gefördert hatr und von Beethoven durch die Widmung der „SonnenfelsT Kantate" geehrt wurde. Und wenn Lessing, durch ge-1 wisse, noch nicht hinreichend aufgeklärte Vorgänge gegen Sonnenfels verstimmt, ihm allzustrengen Eifer gegen die Burleske vorwirft, der nicht geeignet sei.- das Publikum anzuziehen, so vergaß er. daß man damals, in Wien vor allem das Publikum für ein ernst zu nehmendes Theater erziehen mußte. Was man auch an Sonnenfels aussetzen mag. unbestreitbar bhaben seine Verdienste um die Verbesserung der inneujolütischen Zustände und die Hebung der Bildung, in unserem . Lande. Der deutsche Kulturpatriotismus aber wird in ihm stets einen seiner eifrigsten Vertreter zu sehen haben, den ersten in Oesterreich. —d—