Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 52 (29.12.1933)
- Date
- 1933-12-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis «fieser Nummer 40 Groschen In Deutschland verboten! Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der »Union österreichischer Juden" tmd den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgememde Wien ■tllU^UIIIIIIIIIIUIIUUllllUIUIIIUlUIUlUllUlllUUUlUUlUUUUUUmuiuluuuiii...........iiiiiiinm.................—.-----7- _ _ . _ Redaktion und Administration: Wien IL HeinestraBe 13 - Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien; A 100.91» 49. Jahrgang Wien, 29. Dezember 1933 Nummer 52 ®ie Jleuentde&ung des Judentums. RaSiercDIdlgOfOIld billig Wer sich dem Judentum von außen mit dem ehrlichen Trieb nach Wahrheit nähert, der muß erst einmal geistig dieselbe unangenehme Maulwurfsarbeit leisten, wie der Altertumsforscher, der ein antikes Heiligtum bloßlegen will, physisch. Beide müssen, um zum Objekt ihrer Forschung zu gelangen, erst Jahrtausende alten Schutt wegräumen. Wie die Natur über Pompei mächtige Lavaschichten, über Troja und Mykene den Staub und Unrat von unzähligen Generationen gelagert hatte, so hat sich rings um das Judentum die Lava glühenden Hasses, der Staub uralter Vorurteile und der Unrat nimmermüder Verleumdungen geschoben, ein fast unüberwindliches Hindernis für gerechte Kritik. Es ist kein Wunder, daß gar mancher sich da nicht durchzuwühlen vermochte und schließlich, angewidert von den die Luft um uns verpestenden Miasmen fremden Hasses, Kehrt machte, nicht ohne noch selbst rasch einige Steine gegen das Judentum zu schleudern, statt die ohnehin schon genug zahlreich herumliegenden wegzuräumen, so den Weg noch mehr verbarrikadierend, statt ihn freizulegen. Derjenige freilich, der sich nicht einschüchtern und abschrecken läßt, sondern mit dem unwiderstehlichen Elan des Wahrheitsfanatikers sein Ziel verfolgt, dem wird der reiche Lohn freudiger Erkenntnis göttlicher Ewigkeitswerte von einer Reinheit zuteil, die er hinter dem Schmutz und Morast des Weges gar nicht ahnen konnte und nun in um so beglückenderer Bewunderung genießt. Dieses Glück befriedigter Entdeckerleidenschaft spricht auch aus den Adventvorträgen des Münchner Erzbischofs Kardinal Faulhaber über Christentum und Judentum und seine Freude, sittliches Neuland auf altem, verrufenen Boden gefunden zu haben und seiner staunenden Gemeinde zeigen zu können, macht auch uns Juden, denen er sachlich nichts Neues sagen kann, seine Predigten wertvoll. Mag sich sein sittliches Empfinden an der in der antiken Literatur singulären Ethik der Zehn Gebote entflammen, mag er das alttestamentarische Recht als Q u e 11 e j e d e r sozialen Ordnung anerkennen, mag er die Tatsache bewundern, daß die Heilige Schrift der Juden die ethische Würde der Arbeit bereits zu einer Zeit verkündete, in der sonst überall nur Sklavenarbeit bekannt war, oder unter nicht mißzuverstehendem Seitenhieb auf Hitlers Entrechtung der Rassefremden den besonderen Schütz hervorheben, den das mosaische Gesetz nebst Armen, Witwen und Walsen auch dem Fremden angedeihen ließ — immer hört man neben der Genugtuung des Moralisten über diesen Fund einen leisen Unterton naiven Staunens über den —r Fundort mitklingen. Es ist doch auch gar zu seltsam, das nach Faulhaber „einzige, den Bestand jeder Rechts- und Gesellschaftsordnung verbürgende" Sittengesetz ausgerechnet dort zu finden, wo der. Antisemitismus das Ferment der Zersetzung sucht. Auf die biederen Münchener, die ja als erste in ganz Deutschland den Segen von Hitlers politischer Propaganda genießen durften, mag diese Neuentdeckung des Judentums durch ihren geistlichen Oberhirten ähnlich gewirkt haben, wie auf die Hirten des öden, kulturarmen Kleinasiens die Ausgrabung der Schätze Ilions. Und doch macht sich da ein sehr wesentlicher Unterschied geltend: die Altertumsforscher, die aus dem Oedland heutiger Wüsten und Steppen die versunkene Pracht einstiger Herrlichkeit zu Tage fördern, stehen toten Zeugen einer abgestarbenen Kultur gegenüber. Gewiß: „Die Steine reden", aber sie reden dem Forscher von Zeiten und Zuständen, die vergangen sind und nicht wiederkehren. Ganz anders aber ergeht es dem Neuentdecker des Judentums. Das Heiligtum, das sich seinen überraschten Blicken bietet, ist kein Mausoleum eines ausgestorbenen Volkstums, einer abgeschiedenen Kultur, sopdep1 der mit Leben erfüllte, Leben ausstrahlende Tempel eines ewigen m OestcrrelchlscHes Qaalltäts rüörihal ENODMC AUSWAHL BILLIGSTE POCKE E ppP i#S l* TEPPICHE V0KI1ANGC PlOBElSTOrrE, DECHEN MVR l.,BA0HtNr1AIHtTl2-14 Gottes. Sein Inneres beherbergt nicht, wie die Villen von Pompei und Herkulanum, Totengebeine und Spuren einer längst entschwundenen Zivilisation, sondern Menschen von Fleisch und Blut, die zwar in der religiösen Tradition aus der Urväterzeit verwurzelt sind, aber an die heutige Zeit die berechtigten Ansprüche aller Lebendigen stellen dürfen und müssen. Kurz: Wer das Judentum sucht, findet auch die Juden. Und diese unvermeidliche Tatsache stellt den christlichen Kirchenfürsten, der ja das mosaische Gesetz nicht als das Glaubensgut heutiger Bekenner schätzt, sondern nur als das Fundament der christlichen Lehre, vor ein schwieriges Dilemma: „Entweder müssen wir an die Inspiration glauben oder aber wir müssen in den mosaischen Büchern ein Werk der vorchristlichen Juden sehen und damit diese für ein Uebervolk, für das genialste Volk der Weltgeschichte erklären." Friedrich Nietzsche hat sich bekanntlich für die zweite Alternative entschieden, Kardinal Faulhaber bevorzugt die erste. Denn sie ermöglicht ihm den Ausweg, seine Hochachtung vor dem Judentum nicht auch auf die Juden übertragen zu müssen. Diese fungierten nach seiner Auffassung sozusagen nur als rein passive Bazillenträger der auf dem Sinai empfangenen Ethik. Nachdem sie — zum größten Verdruß Hitlers und seiner „Deutschen Ueberau erhältlich Christen" — die Völker des Abendlandes mit dieser Ethik infiziert hatten, war ihre weltgeschichtliche Mission erfüllt und sie hätten vom Schauplatz zu verschwinden gehabt. Da sie dies versäumt haben, verwirken sie jeden Anspruch auf Dank, sofern den blinden Instrumenten einer höheren Macht überhaupt solcher Anspruch jemals zustand . .. Diesen Standpunkt können wir Juden nur höchst ungerecht finden. Wenn sich der Humanist heute noch liebevoll in die Poesie Homers oder die Philosophie Piatos versenkt, wird er diese Autoren trotz der Allgemeingültigkeit ihrer seelischen und geistigen Offenbarungen vor allem als repräsentative Wortführer ihres Volkes feiern. Begeisterung für das antike Heldentum hat vor hundert Jahren die philhellenische Bewegung unter Führung Lord Byrons hervorgerufen. Wir Juden können nicht einsehen, warum wir aus der allgemeinen Wertschätzung unserer Heiligen Schrift nicht für uns ähnliche Sympathien beanspruchen sollen, wie die Griechen aus der Beliebtheit ihrer Literatur. Wir stehen auf dem Standpunkt, daß das mosaische Gesetz, wie es ja unsere Thora selbst erzählt, das Produkt göttlicher Offenbarung oder, wie der Katholik sich ausdrückt, der Inspiration des Heiligen Geistes ist. Aber dies zugegeben, bleibt immer die Frage offen, warum unter allen Völkern dieser Erde gerade wir Juden solcher Offenbarung und Inspiration gewürdigt worden sind. Nach Günthers Rassenlehre hätte jedes andere Volk diese göttliche Gnade weit eher verdient. Gott hat sich aber nicht von Günthers Prinzipien leiten lassen — ein Beweis, daß wenigstens die nationalsozialistische Rassenlehre nicht vom Heiligen PalcsflncA Orient llood Vertretung für Österreich: Reisebüro Cify Dr. I. H. KORNER Wien!„ Kohlmarhi 9,m. D 2*44* Ba&Dkärfen / stiiiiisptafze Gesellschaftsfahrten nach Palastina u. Ägypten Gedenket der Winternotstandfaktion der Ku Itutgemeinde! Geld- und Natoralspenden erbeten an die Ffirsorge-Zenfrale der Israel, Knlfasgemeinde Wien L, Seifen stettengasse % Telephon Ü 25-5-85 Serie, Postsparkassenkonfo B-2ft65fr