Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 52 (29.12.1933)
- Date
- 1933-12-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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nre WAttRHEU Seite 3 Für Hochzeiten u. Vereine schöner Saal oder Klubräume mit Klayierbenützung zu vergeben. Restaurant Herlinger - ' II., Tab'orstrafVe IS Gute Küche, billige Preise, große Auswahl in Mittag- und Abendinen Os Professor Dr. D o r n, lange Jahre Ministerialdirektor im Finanzministerium und in dieser Eigenschaft Sachverständiger auf allen internationalen Konferenzen, jetzt Präsident des Reichsfinanzhofes in München, tritt am 1. April 1934 in den Ruhestand. Grund: Professor Dorn ist jüdischer Abstammung. Einer Meldung des „Berliner Börsen-Courier" zufolge hat die sächsische Kirchenregierung folgende Verordnung erlassen: „Der Wortlaut des Niederländischen Dankgebetes, der schon seit langem durch den unchristlichen Geist, den er atmet, Anstoß erregt hat, wird immer untragbarer als das Qeistesprodukt eines jüdischen Verfassers. Die Ersatztexte, die hier und da aufgetaucht sind, befriedigen jedoch nicht voll und ganz. Es ist deshalb, wünschenswert, daß ein neuer Text gefunden werde, der sich zur allgemeine Einführung eignet. Nachrichten über etwa vorhandene bessere Texte oder Einsendungen neuer Vorschläge werden an das Evangelisch-lutherische Landeskirchenamt erbeten." * Fortab werden in den „Gotha'schen Almanach" nur solche Adelsfamilien Aufnahme finden, die bis in die vierte Generation einen adeligen und arischen Stammbaum nachzuweisen in der Lage sind. * Das Völkerbundsekretariat hat die Petition des in Prag weilenden Kaufmanns Franz B e r n h e i m aus Gleiwitz, die die Behandlung der jüdischen Minderheit in Deutsch-Oberschlesien zum Gegenstand hat, der vom Völkerbund eingesetzten gemischten Kommission für Oberschlesien in Kattowitz überwiesen. Die Kommission wird sich nun unter Vorsitz des schweizerischen Bundesrates Calonder demnächst in einem formgerechten Verfahren mit der Beschwerde befassen. Trotz tief reduzierter Preis«) Immer nur das Beste MÖBELFABRIK SIgm. Oppenhelm II., PRATERSTRASSE 30 Der Staats-Dramaturg als Sadist. Dem „Prager T a g b 1 a 11" wird aus Ber- 1 i n berichtet: Hinter den Kulissen des Staatlichen Schauspielhauses wurde in den letzten Tagen ein erbitterter Kampf um das Luther-Drama „Die Propheten" von Hans Johst ausgefochten. Die Besucher der Erstaufführung waren sehr überrascht, als sie die Eingänge verschlossen fanden. Die Erstaufführung war, angeblich wegen plötzlicher Erkrankung des Hauptdarstellers Heinrich George, verschoben. In Theaterkreisen hieß es am nächsten Tag, Georges Krankheit sei politischer Art. Später wurden die Zusammenhänge bekannt. Während der Hauptprobe, der Staatskommissär Hinkel. der Vorsitzende des preußischen Theaterausschusses, nebst anderen Mitgliedern des Ausschusses beiwohnte, war es zu einer erregten Auseinandersetzung gekommen. Wie verlautet, wurde von Mitgliedern des Theaterausschusses zum Ausdruck gebracht, daß einige Szenen geeignet seien, das Mißfallen des Auslandes zu erregen. Man müsse vermeiden, dem Ausland Gelegenheit zu geben, gegen die Vorführung von „Greuelszenen" im Staatstheater kritisch Stellung zu nehmen. Auf die Leitung des Staatlichen Schauspielhauses scheint dies keinen besonderen Eindruck gemacht zu haben. Dagegen verschloß sich Goering, an den man sich gewandt hatte, diesem Bedenken nicht. Jedenfalls wurden der Intendant des Staatlichen Schauspielhauses, Dr. Ulbricht, und der Verfasser zwei Stunden vor der Erstaufführung telephonisch verständigt, daß Goering gegen die Aufführung in der geplanten Fassung Einspruch erhoben habe. Beanständet wurden in der Hauptsache die Judenszenen. Der Inhalt der Judenszene ist sehr schnell erzählt: B a r u c h wird als der Typ des unsympathischen — mehr noch: des ganz und gar widerwärtigen Geldjuden geschildert.. In Begleitung seines Schwiegersohnes Isak trifft er den Ritter und sein Gefolge, dem er gerade das Geld bringt, das dieser von Baruch leihen wollte. Dies ist des Ritters Gruß: „ManhetztdieSau — und trifft den Juden! Wo ist das Geld?" Baruch ist aber gewitzigt. Er ahnt, daß er geprellt werden soll und vorsichtig erklärt er. nur den Vertrag bei sich zu haben. Das hilft ihm aber nichts, denn mit den Worten: „Wo der Christ das Herz trägt, trägt dler Jud das Geld," reißt ihm der Jagdmeisfer den Beutel aus dem Halsausschnitt. Der Ritter lacht: „Gut Spur genommen! Gebt!" und indem er den Beutel übernimmt, befiehlt er: „Zur Jagd!... D enbeideri Juden j:e zwanzig übers Kreuz als Quittung!" Was denn auch geschieht. „Die Röcke runter! Den Rücken frei!" „Die Haselgerte streicht gut Salbei!" Noch schlimmer ergeht es den beiden Juden später. Baruch hat Pech. Er, der das Christentum haßt, muß es erleben, daß sich seine beiden Kinder taufen lassen. Rahef hat ihren Schmuck in den Dom gebracht und ihn der Muttergottes geweiht. Isak ist aber damit nicht einverstanden. Er will den Schmuck aus dem Dom zurückholen und in die Synagoge tragen. Das wäre aber iZu viel an Idealismus. Johst läßt seinen Juden Isak m?n mit Jehova etwas handeln. „Dein Wille geschehe. Jehova! Und ich verspreche dir, ich trag es nicht zur Synagoge! Soll es ohne Prozente in deiner Lade liegen? Ich steh dir gut! Zwölf... die ,/eiten sind grausig, sagen wir acht Prozent Mit meinem letzten Atemzug das ganze Kapital zurück... Segne las Werk, Jehova!" Bei der Flucht aus dem Dom fällt ■saK einigen wilden Kumpanen hi die Hände. Erst wollen ie ihn vor die Richter schleppen, dann ziehen sie es aber vor, ihn zu berauben und selbst aufzuhäng c ii. Die Hinrichtung mit dem Strick vollzieht sich auf offener Szene. Sturm, der Führer der Kumpanen, singt: „Es weht eine Leiche Wohl in der Nacht, Sie weht im Kreise Wohl an dem Strick." Der Chorus antwortet: „Die Leiche, den Strick und die Nacht und den Kreis, Die rührt der Teufel mit seinem Steiß Zu roter Ruhr und Cholera, Zu Pestillenz und Trallala!" Kurz darauf kommt Baruch mit Rahel am Dom vorbei Baruch ist pestkrank, dein Tode geweiht. In dieser Stunde erkennt er: „Es ist nicht leicht, ein Jude sein, in diesem harten Land!" Dann läßt Johst den Juden Baruch auf die Christen schimpfen: „Die Pest allen Christenhunden!" Totengräber, die den Pestkarren schiebend vorüberkommen und dies hören, schlagen ihm vor den Augen der Tochter mit dem Spaten den Schädel ein. Es ist nicht verwunderlich, daß die literarischen Qualitäten dieser Szenen sogar bei den maßgebenden preußischen Instanzen Bedenken erregten. Auf Verlangen Qoerings mußte eine Umarbeitung vorgenommen werden. Ganz Berlin, vor allem aber die nationalsozialistischen Literaten sind gespannt, bis au welchem Grad der Präsident der Dichteraka'demie Hans Johst imstande sein wird, seine antisemitische Haßphantasie zu zügeln. DER WANDERER. Den Wanderer sah ich im Nachtgesicht. Um den die dunkle Legende Das Grauen des Ewigen Juden flicht, Und reichte ihm weinend die Hände. Einst ist er Opferer, Priester, Held Und Hirt in Zelten gewesen, Zum Seher und Mahner dann bestellt. Den Heiden die Thora zu lesen. Er fiel als Zelot unterm Römerschwert, Durchschiffte westliche Meere, Hat als Apostel die Welt genährt Mit allumspannender Lehre. Dem Einzigen sang er in Flammengraus, Litt Hohn und Fesseln mit Würde. Er trug als Händler von Haus zu Haus, Gekrümmt seine Warenbürde. Und siehe! Ein Denker, in Bann getan: Sein Werk brennt, er irrt vertrieben. Er baut die Erde der Väter an. Doch Wanderer ist er geblieben. Er tanzt messianischen Freuden zu. Daß Mord und Menschenhaß ende... Du, Blut meines Blutes! ... Erwählter du! Nun reiche mir tanzend die Hände! ... Ch. Weiß. James MacDonalds Pläne. Der Vorsitzende des Comite des D61egations Juives in Paris, Dr. Nahum Gold mann, der den Verhandlungen des Verwaltungsrates iür die deutschen Flüchtlinge in Lausanne beigewohnt hat und gegenwärtig mit dem Hochkommissar James MacDonald zusammenarbeitet, gab gelegentlich seiner Anwesenheit in Wien unserem Chefredakteur über die Lausanner Tagung folgende Informationen: Erster Punkt der Beratung in Lausanne galt der Versorgung der deutschen Flüchtlinge mit solchen Pässen, die ihnen Freizügigkeit garantieren. Der Plan, sie mit sogenannten Nansenpässen zu versorgen, wurde deswegen fallen gelassen und normiert, daß jene Staaten, in denen Flüchtlinge sich aufhalten, diese mit Pässen versehen sollen, die international als Reisepässe anerkannt werden. Die Repräsentanten der im Verwaltungsrat vertretenen Regierungen erklärten, sie werden ihre Regierungen bewegen, einer solchen Regelung zuzustimmen. In zweiter Reihe wurde über die wichtige Frage der Seßhaftmachung von Flüchtlingen verhandelt An verschiedene europäische Regierungen wurde wegen Auinahme von Flüchtlingen und Gewährung von Arbeitsrecht an dieselben herangetreten. Hochkommissar MacDonald begab sich nach Amerika, um mit der Regierung in Washington wegen Aufnahme einer gewissen Quote von Flüchtlingen direkt zu verhandeln. Nach seiner Rückkehr nach Europa im Jänner werden sämtliche im internationalen Flüchtlingskomitee vertretenen jüdischen Organisationen zu einer Beratung zwecks Ausarbeitung eines Arbeitsplanes zusammengerufen werden. James MacDonald hat erklärt, er werde in absehbarer Zeit in direkte Verhandlungen mit der deutschen Regierung treten, um diese zu veranlassen, der Zurücksetzung und Verfolgung der Juden auf wirtschaftlichem Gebiete ein Ende zu machen und auch sonst Vorkehrungen zu treffen, daß die Juden Lebensmöglichkeit in Deutschland erhalten und nicht auswandern müssen; denjenigen aber, die auswandern wollen, soll gestattet werden, ihr Vermögen mit sich zu nehmen. Dr. Goldmann sprach noch von den im Schöße des Verwaltungsrates erörterten Möglichkeiten der Kolonisierung von jüdischen Flüchtlingen in Südfrankreich, Nordamerika. Algier, Marokko und Syrien. Konkrete Pläne werden hierüber während der Jännertagung des Verwaltungsrates gemeinsam mit dem Hochkommissar ausgearbeitet werden. Das von der Londoner Jüdischen Weithilfskonferenz eingesetzte Zentralkomitee für Hilfe an die deutschen Flüchtlinge wird Anfang Jänner 1934 in London seine konstituierende Sitzung abhalten. Vertreten sein werden nicht nur die geldgebenden Institutionen, sondern auch die großen demokratischen Organisationen wie Jewish Agency, American Jewish Congress, Comite" des D6I6gations Juives, ferner Repräsentanten jener Länder, die jährlich mindestens 5000 Piund leisten. Die von dieser Beratung ausgearbeiteten Aktionspläne werden dem Hochkommissar MacDonald unterbreitet werden. MacDonald wird sein Büro in Lausanne haben und wird alle drei Monate Sitzungen mit dem internationalen Komitee für die deutschen Flüchtlinge. in dem bekanntlich Vertreter von neun jüdischen und neun nichtjüdischen Organisationen sitzen, abhalten « Vor einiger Zeit hatte die Jüdische Gemeinde Groningen eine Abgabe zugunsten der indischen Gemeinden in Deutschland in Höhe von 10 Prozent der allgemeinen Gemeindesteuer eingeführt Die Exekutive des Verbandes der jüdischen Gemeinden Hollands hat nunmehr sämtliche Gemeinden angewiesen, dem Beispiel der Gemeinde Groningen zu iolgen. t Englandspraxis, sucht Halb- oder Ganztagsbeschäftigung, auch Konversation. A. BeUteL Wien V„ Slebenbrunneng. 55/1$. Blau-weiße Tarnung. Die „Jüdische Volkspartei", ehemals im Alleinbesitz des Herrn Stricker, nun geleitet von der Kompagniefirma Stricker- Grünbaum, macht wieder einmal Reklame für sich. Diesmal aber nicht, wie knapp nach Ausbruch der Hitler-Herrschaft, mit großen Straßenplakaten., die Konjunktur hat seit damals bedenklich nachgelassen und so sind auch die Herren mit ihren Propagandamethoden bescheidener geworden. Sie begnügen sich mit Zeitungsaufrufen, die gleichlaufend in den letzten Nummern der beiden Wiener jüdischnationalen Wochenblätter zu lesen waren. Alles Mögliche und Unmögliche wird hier annonciert, wie eben in einem richtigen Warenhaus, wo jeder zufriedengestellt werden soll. Damit aber auch jene interessiert werden sollen, die sonst auf die blau-weiße Firma nicht gut zu sprechen sind, fehlt bezeichnenderweise die Ankündigung jenes („Geistes"-)Produktes, mit dem man früher paradierte. In dem spaltenlangen Aufruf wird auchnichteinmalvom „jüdischen. Nationalismus" gesprochen. Halten die Herren die Wiener Juden wirklich für ,s» dumm, daß sie meinen, mit dieser zeitgemäßen Tantum ihr wahres- Wesen verleugnen zu können?"