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Die Wahrheit · 1932-10-28 · Heft 44 (28.10.1932) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 44 (28.10.1932)
Date
1932-10-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DiK WAHRHEIT Seite 3 Wahlmanöver. Der Zentralvorstand der „Union österreichischer Juden" teilt mit: Die zionistischen Blätter nehmen die Tatsache, daß sich unter den Proponenten für die Gründung einer Vereinigung für' religiös-fortschrittliches Judentum auch ein unionistischer Kultusvorsteher befindet, zum Anlaß, um gegen besseres Wissen die „Union" zu verleumden, als würde zwischen dieser und der beabsichtigten Neugründung irgendeine Beziehung oder Verbindung bestehen. Die zionistischen Blätter wollten offenbar auf dieses unfaire Wahlmanöver nicht verzichten, obwohl sie genau wissen, daß auch zahlreiche zionistische Führer im Ausland wie im Inland dieser von allen konservativen Juden mit Entschiedenheit abgelehnten Bewegung angehören. Die Störungen der Versammlung der Miss Montague, die eine Folge der Hetze der zionistischen Blätter waren, beweisen, daß die Hoffnung, den Kultuswahlkampf ir.it Rücksicht auf die derzeitige politische Situation in Urbanen Formen auszutragen, eine recht trügerische ist. * In persönlicher Sache. Wir stehen nunmehr, Gott sei's geklagt, im Wahlkampf. Wir haben vorausgewußt, daß unter anderen vorerst die saftige Lüge aufgetischt werden wird, daß alles Wertvolle, was in der Kultusstube, geleistet worden, ausschließliches Verdienst der Zionisten sei. Das könnte man noch als erlaubtes Wahlmanöver betrachten. Allein ganz persönliche Angriffe müßten doch, sollte man meinen, nicht zur Gänze unwahre und böswillig verleumderische Behauptungen enthalten. Nur auf solche möchte ich reagieren: Im „Neuen Wiener Journal" vom 16. d. M. heißt es von mir: „Zu den Unterhändlern (des Kompromisses zwischen „Union" und „Werktätigen Juden") gehörte auf Seiten der Union Dr. H a a s e, der seit Jahren eingeschriebenes Mitglied der sozialdemokratischen Partei ist also gegen sein Parteistatut schon bei den vorigen Wahlen auf das Programm der. Union kandidiert hat." Ich stelle fest, daß ich dem Komitee, welches die Unterhandlungen mit den "Werktätigen geführt hat, nicht angehört habe. Die „Union" war niemals eine rein bürgerliche Partei — gehören doch seit Jahren Mitglieder der sozialdemokratischen Partei auch dem Zentralvorstand an; sie hat stets darauf gehalten, eine unpolitische Vereinigung zu sein, die dem Rechtsschutz aller Juden ihr Hauptaugenmerk zuwendet. Auch die „Stimme" regt sich am 20. d M. über günstigwar, dann auch Palästina, Italien, Frankreich; die beiden letzteren oft bloß als Durchzugsstationen nach der Türkei. BemerkenswieTt sind auch Zimmels' Ausführungen über die sittlichen Zustünde unter den Marranen. Interessante Einzelheiten berichtet der Verfasser von der beruflichen Beschäftigung der Anussim. Neben Weinproduzenten. Aerzten, Bankiers, auch einem Schiftskapitän, ist hauptsächlich von Kaufleiften die Rede. Sie trieben Groß- und Ueberscehandel und unterhielten Niederlassungen und Vertretungen auf allen großen Handelsplätzen des Auslandes. Sie führten auch umfangreiche Bankgeschäfte durch. Eine Frau. Donna G r a c i a, die Schwiegermutter des später zu großer Berühmtheit gelangten Don Joseph Fürsten von Naxos, betrieb ein großes Bankgeschäft in Portugal und Flandern. Zu ihren Gcldschuldneni zählt unter anderen auch der König von Frankreich. Die dominierende Stellung der Juden im damaligen Wirtschartsleben erkennen wir auch daraus, daß in Ancona angesiedelte Marranen, diie vom Papst wegen ihrer Rückkehr zum Judentum verfolgt wurden, mit Hilfe der Juden von Konstantinopel einen Handielsboykott gegen Ancona unternehmen woJten, der aber an innerjüdischer Uneinigkert scheiterte. Interessant sind auch die Bemerkungen über die Bildun«und das kulturelle Niveau der Marranen. Zimmels' Buch ist eine wertvolle Bereicherung und Ergänzung unseres Wissens von einem der tragischesten und interessantesten Kapitel in unserer Gcschiclfie und die jüdische Wissenschaft wird ihm um so mehr dafür Dank wissen, als es auf Quellen beruht die allgemein nicht leicht zugänglich sind, in dem Sinne näiniieh, daß ihre Benützung neben umfassendem historischem Fachwissen auch gründliche talmudische Kenntnisse voraussetzt — zwei Wissensgebiete, die sich selten wie hier bei einem Autor vereint fanden. Es ist darum auch mit Dank zu verzeichnen, daß der Verfasser dem darstellenden Teil auch einen Anhang beifügt, der in deutscher Uebersetzung die Quellen selbst sprechen läßt. Zum Schluß sei noch eine von Zimmels gegebene neue Ableitung des Wortes Marrane mitgeteilt (von hebr. „mumar anuss" Zwangsbekehrten, später in „maranos" verkürzt und zusammengezogen und als span. Plural ausgefaßt), die alle bisherigen Erklärungen an Wahrscheinlichkeit weit übertrifft. Auch Druck und äußere Ausstattung des Buches sind alles Lobes wert, und es sei ihm eine weite Verbrettung von Herzen gewünscht. Dr. Benjamin Klar. mich im Zusammenhang mit dem „unnatürlichen" Bündnis der „Union" mit den „Werktätigen" auf, das sie eine „politische Charakterlosigkeit" nennt, dabei passiert es ihr, daß sie von unserem Waldbündnis mit den (von i h r fettgedruckt!) religiösen „Werktätigen" spricht; die nationalen Sozialisten sind ihr willkommene Helfer. Die „Stimme" spielt sich aber auch als Sachwalter des konservativen Judentums in dieser Nummer auf, das ihr wohl kaum mit einer einzigen Stimme Dank haben wird. Sie wettert gegen die Gründung einer Liberalen Vereinigung in Wien, eine Sache, die mit der Union auch wicht das Geringste zu tun hat. Alle in diesem Zusammenhang vorgebrachten Märchen, wie die von einer Absicht, den Sabbat auf den Sonntag zu verlegen, oder vom Gottesdienst bei ungedecktem Haupte sind mit dem Hinweis auf das den „Outlines", den Richtlinien des liberalen Judentums entlehnten Programm der zu gründenden Vereinigung abgetan, einem von tiefster Religiosität durchdrungenem Werke, das der Verfasser jenes Schmähartikels wohl nur aus einer Kritik eines zionistischen Schriftstellers zu kennen scheint. Es muß ihm auch die Tatsache unbekannt sein, daß ganz hervorragende Wiener Zionisten an der beabsichtigten Gründung mitzuwirken bereit sind, so wie in London z. B. zahlreiche Zionisten Mitglieder der liberalen Synagoge sind. Dr. H. H a a s e. In persönlicher Sache. Von Studienrat Prof. Dr. Heinrich Redisch, in der „Stimme" vom IM. Oktober d. J. war ich nach vierjähriger Pause wieder einmal der Gegenstand heftiger Angriüe. Mau sieht, die bevorstehenden Wahlen in den Kultusvorstaud werieu ihre Schatten voraus. Frau Lily Montague aus London und Frau Prof. Goldstein aus Berlin hatten den Beschluß geiaßt, nach Wien zu kommen und in Vorträgen die Grundprinzipien des liberalen Judentums zu entwickeln. Ich habe auf eine Autrage aus London geantwortet, daß ich den gegenwärtigen Zeitpunkt wegen der verworrenen politischen Lage nicht für besonders geeignet für die Abhaltung solcher Vorträge halte. Eine Wiener Dame hat meine in dieser Angelegenheit geschriebenen Briete in London gelesen. Frau Montague entschloß sich dennoch, nach Wien" zu kommen, weil sie bereits in Prag und Budapest erwartet wurde und mit der Reise nach diesen Orten auch den Besuch in Wien verbinden wollte. Das Komitee, welches unter der Leitung des Herrn Obermedizinalrates Dr. Heinrich H a a s e die Vorarbeiten für die Vorträge der beiden Damen in Angriff nahm, hat mich zu seiner Sitzung eingeladen. In dieser Sitzung hielt ich nun auf Aufforderung der Anwesenden einen religionsgeschiehtlichen Vortrag. Was ich in meinem Vortrage gesagt habe, ist den Herren von der „Stimme" nicht bekannt, sie wußten nur nach einer kurzen Netiz in der „N. Fr. Pr." zu berichten, ich hätte die Schönheit des Gottesdienstes in den liberalen Synagogen in Berlin geschildert. Hätten sie genauer nachgeforscht, so hätten sie erfahren, daß ich auch für eine Intensivierung des Unterrichtes im Hebräischen eingetreten bin. Man wirft mir vor, daß ich durch die Beteiligung an den Bestrebungen der liberalen Vereinigung die Einheit der Gemeinde gefährde. In allen giößereu Geineinden Deutschlands bilden die Liberalen eine große Majorität und nirgends ist die Einheit der Gemeinde zerstört worden. Die Liberalen haben sich vielmehr überall infolge ihrer Toleranz anderen gegenüber und infolge ihres Verständnisses für die berechtigten Forderungen der Konservativen und der Zionisten als die stärkste Säule der Einheitsgemeinden erwiesen. Es ist unwahr, daß die Liberalen den Sabbath auf den Sonntag verlegen wollen. In ganz Deutschland ist nur eine Gemeinde, die das getan hat. das ist die Reformgemeinde, n i c h t die liberale Gemeinde in Berlin. Weder die Berliner Liberalen noch die im Reiche haben sich jemals mit der von Holdheim gegründeten Reformgemeinde identifiziert. Es ist unwahr, daß das Hebräische im Gottesdienste eliminiert werden oder nur eine untergeordnete kelle spielen soll. Man nehme das von Seligmann (Frankfurt a. MJ, Elbogen (Berlin) und Vogelstein (Breslau) im Auftrag des Liberalen Kultus-Auscnusses ucs Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden herausgegebene Gebetbuch zur Hand und man wird sich überzeugen, daß das Gebetbuch durchaus hebräisch abgefaßt ist. Natürlich sind auch deutsche Gebete, die der Rabbiner zu sprechen hat. vorhanden, aber diese Gebete dienen zur Vcrständlichmachung der gottesdienstlichen Handlungen, das Gebet bleibt im allgemeinen hebräisch. „Die Stimme" rät mir. mich mehr mit dem Unterricht im Hebräischen in unserer Gemeinde zu befassen und macht mich ohne weiteres für das „Amhaarazut" unserer Jugend verantwortlich. An dem Aufschwünge, den der Religionsunterricht in Wien nach allgemeinem Urteil genommen hat, habe ich „natürlich" keinen Anteil. Ich kann nun wohl feststellen, daß der Religionsunterricht in Wien den Vergleich mit dem Religionsunterricht in anderen Gemeinden immer noch aushalten kan.; aber ich kann auch mit ruhigem Gewissen sagen: Ich habe zum erstenmal in den Lehrerkonferenzen die Probleme des Religionsunterrichtes, vornehmlich die des Hebräischen, wissenschaftlich behandelt. Das wissen die Zionisten sehr gut und diese Tatsache wurde sogar in einer Budgetdebatte von dem zionistischen Referenten zugegeben. Ich habe das Vorurteil zerstört, daß das Hebräische nicht wie jede andere Sprache grammatisch behandelt werden dürfe. I c h habe es durchgesetzt, daß wir den Schülern der beiden ersten Mittelschulklassen eine sprachliche Grundlage für das Hebräische geben, die sie befähigen soll, die hebräischen Bibeltexte mit Verständnis zu lesen. I c h habe die Mühe nicht gescheut, die v:;n Prof. Papo vorgelegte Chrestomatie durchzusehen und den grammatischen Abriß teilweise umzuarbeiten. Ich habe keinen Lehrer daran gehindert, auf eigene Faust und nach seinen Intentionen Versuche im Unterricht des Hebräischen vorzunehmen; ich habe die betreffenden Lehrer vielmehr aufgefordert, ihre Versuche fortzusetzen und über die Ergebnisse zu berichten. Ich habe in der Versammlung der „Histadruth ibrith" die Erklärung abgegeben, daß ich Anregungen, von welcher Seite sie immer kommen mögen, gerne entgegenzunehmen und alle Bestrebungen zur Förderung des Hebräischen zu unterstützen bereit bin. Die Schwierigkeiten und Hemmnisse, die den Religionsunterricht belasten, werden durch Schlagworte nicht aus dem Wege geräumt werden können. So viel in eigener Sache. Ueber das liberale Judentum und über die am 24. d, M. sinttgehabte Versammlung in der Eschenbachgasse wird wohl von anderer Seite berichtet werden. Der deutsche Wahlkampf. Die Juden — Objekt der Wahltaktik. Der sonst übliche Plakatenkrieg und Autmarschrumtnel machen sich, wie die Berliner „Jüdische Rundschau" berichtet, diesmal nur sehr wenig bemerkbar. Nur die Nationalsozialisten haben vorläufig in Riesenplakaten auf den Berliner Litfaßsäulen das Wort ergriffen. Zuerst wandten sie sich in der Form eines Ofienen Briefes an den Reichspräsidenten gegen die Regierung Papen. der sie allerhand vorwarfen. Am Schlüsse der langen Vorwurtsliste hieß es in dieser Mammuth-Afiiche: „Herr Reichspräsident, erwarten Sie wirklich, daß eine von Verantwortungsbewußtsein gegenüber der Nation getragene Bewegung wie die nationalsozialistische eine Regierung unterstützt . . ., von der auf dem Internationalen Judenkongreß in Genf erklärt wurde, daß sie den Schutz der Juden auf ihre Fahne geschrieben hätte.'" Im gegenwärtigen Wahlkampf ist der Hauptangriff der Nationalsozialisten gegen die Deutschnationalen gerichtet, wofür übrigens das zweite von der Hitler-Partei herausgebrachte Wahlplakat Zeugnis ablegt, das sich ausschließlich gegen Hugenberg und seinen Kreis wendet. Trotzdem halten es die zweifellos klugen und erfahrenen Wahltaktiker der nationalsozialistischen Partei für angezeigt, sich im Kampfe gegen die gleichfalls antisemitischen Deutschnationalen des Juden-Argumentes zu bedienen. Sie kennen die Zugkraft der antisemitischen Schlagworte und sind sich von vornherein eines sicheren Eindruckes auf die Wählerschaft bewußt, wenn sie den Judenhaß der Deutschnationalen als nicht unbedingt echt und hundertprozentig charakterisieren. Die Tatsache, daß im Machtkampf zwischen zwei Gruppen der sogenannten „nationalen" Front die Judenfrage hineingezerrt wird, wiewohl es notorisch ist, daß die Beziehungen und der Einfluß der Juden in den antisemitisch-nationalen Kreisen nicht vorhanden sind, ist wieder ein Beweis von der unglückseligen Rolle, die die deutschen Juden in der Gegenwart im Kampfe der Parteien ohne ihr Zutun zu spielen gezwungen sind. Was das aus dem Zusammenhang gerissene, in seinem Sinn entstellte Zitat vom Schutz der Juden, den die Regierung „auf ihre Fahne geschrieben hat", anbelangt, so handelt es sich um ein Schlagwort, mit dem die Nationalsozialisten seit der Genfer jüdischen Weltkonterenz in ihren Zeitungen. Versammlungen und jetzt in VVahlplakatcn mit besonderem Eifer hausieren und das beweist, daß diese Konferenz in den gegenwärtigen kritischen Zeitläuften eine gänzlich verunglückte Sache gewesen ist. Wohl ist die Aufklärung, die im folgenden nach der Darstellung der „Jüdischen Rundschau" geboten sei, eine durchaus einleuchtende, aber es war selbstverständlich zu erwarten, daß sich unsere antisemitischen Gegner auf alle Geschehnisse der Konferenz mit Nachdruck stützen und sie gegen uns ausnützen werden, wie es auch hier geschehen ist. Die Aeußerung. die da so skrupellos mißbraucht wird, ist unter besonderen politischen Bedingungen entstanden. Die Oeffentlichkeit stand am 14. August, dem Tage der Eröiinung der Jüdischen Weltkonferenz, — die Nachricht von der Ablehnung des hitlerischen Anspruches auf die Auslieferung der Gesamtmacht in Deutschland durch Hiudenburg war noch nicht allgemein bekannt — unter den; Eindruck der zahlreichen Ausschreitungen nationalsozialistischer Parteigänger gegen die Juden in Deutschland, besonders in Ostpreußen und Schlesien. Man kann sich vorstellen, daß Direktor Kareski als eister aus Deutschland zu Wort gekommener Vertreter auf der .lüdiicheu Weltkonferenz die Verpflichtung fühlte, gerade im Interesse des .'Uten Rufes Deutschlands als Kulturstaat beruhigende Erklärung abzugeben. Er stellte auf Grund der vorangegangenen, im üiir.'jifc" allgemein gehaltenen Erklärungen der Regierung Fapen, besonders des Innenministers Freiherrn von Gayl. fest, daß die Regierung Papen in Durchführung der ven ihr gegebenen Zusagen, für Ordnung und Ruhe zu sorgen, auch eine gewisse Gewähr dafür biete, daß die antisemitischen Exzesse gegen dis jüdische Bevölkerung in Deutschland nicht mehr Duldung erfahren werden. Keineswegs hat Kareski die absurde Behauptung aufstellen wollen, die Regierung betrachte den Judenschutz als einen programmatischen Hauptpunkt, mit dem sie vor das Volk tritt. Dies würde ja gar nicht den Tatsachen entsprechen, denn die Regierung hat es bisher trotz ihrem Bekenntnis zu Christ-

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