Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 44 (28.10.1932)
- Date
- 1932-10-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Wahlgemeinschaften. Die Wahlgemeänschaft zwischen der „Union österreichischer Juden" und den „Werktätigen*' hat die Herren Zionisten ganz aus dem blau-weißen Häuschen gebracht und nicht nur in ihren Organen, sondern auch in ihren Versammlungsreden sowie in Privatgesprächen von Mann zu Mann wird diese Wahlgemeinschaft als eine „Ungeheuerlichkeit", als „Auslieferung der Kultusgemeinde an die Sozi" usw. „gebrandmarkt". An dieser Stelle sind bereits von berufener Seite die Bedenken, die gegen eine solche WaWgemeinschaft erhoben werden, widerlegt worden. Aber angesichts der geradezu unerhörten Demagogie, die seitens der Zionisten diesbezüglich in Szene gesetzt wird, ist es notwendig, einmal näher auf den Kern des Problems einzugehen. Vor aliem soll festgestellt werden, daß gerade die Zionisten am wenigsten das Recht hätten, gegen eine Wahlgemeinschaft zu remonstrieren. Wenn es sich bei unseren Herren Nationalisten um Mandate handelt, dann scheuen sie sich nicht, sich selbst mit offenen Judenfeinden zu verbinden. Es darf an dieser Stelle nur an den Minoritätenblock in Polen erinnert werden, der auf Initiative und unter Führung des Oberzionisten Dr. Grünbaum gebadet wurde, wobei die Zionisten sich mit allerhand Elementen, wie Ukrainern, Weißrussen, Deutschnationalani, Litauern usw. alliiert haben, obwohl unter diesen ausgesprochene Judenfeinde waren. Ebenso war das Wahlbündnis der sogenannten „Jüdischen Partei" in der Tschechoslowakei mit den Polen zwecks Erlangung eines Mandates zum Prager Parlament Sicherlich mehr als merkwürdig. Wer die Mandatssucht gewisser Wiener Zionistenführer kennt, dem kann es keinem Zweifel unterliegen, daß sie das gleiche tun würden, wenn auf Wiener Boden nur dje Möglichkeit hierfür vorhanden wäre. Die Art und Weise, wie sich die „Allgemeinen Zionisten" und die „Revisionisten" diesmal „geeinigt'' haben, beweist die Richtigkeit dieser Behauptung. Bekanntlich haben vor einigen Jahren die Herren Stricker und Dr. Plaschkes aus dem gleichen Grunde auf ihre Mandate im Kultusvorstand verzichtet; seit damals haben Jahre hindurch die Radikalen Zionisten und die Revisionisten gemeinsam den heftigsten Kampf gegen die Allgemeinen Zionisten geführt. Die Herren Dr. Friedmann und Stricker haben sich nun „geeinigt", aber die Einigung mit den Herren Dr. Plaschkes-Dr. Waldmann ist nicht zustande gekommen, und zwar aus folgenden Grün- Feuilleton Ein neues Buch über die Marranen. H. J. Zimraels: Die Marranen in der rabbinischen Literatur. Forschungen und Quellen zur Geschichte und Kulturgeschichte der Anussim. Berlin. Rubin Mass. 1932. Es war ein gigantisches Ringen, aber ein ungleicher Kampf — der Kampf, den auf spanischem Boden Christentum und Judentum miteinander ausgefochten haben. Auf der einen Seite stand das Christentum, die Staatsreligion, der die Reconquista — die Rückeroberung Spaniens aus maurischer Hand — den Kamm hatte schwellen lassen, der alle Machtmittel des Staates und der Gesellschaft zu Gebote standen, der in dem neugegründeten Mönchsorden der Dominikaner ein furchtbarer Stoßtrupp zur Bekämpfung der Ketzer und der Andersgläubigen erstanden war — und auf der anderen Seite das schwache, nur auf seine Verteidigung bedachte Judentum, dem als einzige Mittel der Selbstbehauptung bloß heldenhaftes Märtynertum und Flucht in ein anderes Land geblieben waren. Es war in diesen Formen und Ausmaßen die größte Auseinandersetzung zweier Religionen, die die Weltgeschichte kennt Von dem Zwang, in die Kirchen zu gehen und sich die Predigten der Geistlichen anzuhören, aber den Kampf mit Propagandaschriften und die Veranstaltung von öffentlichen Disputationen größten Stils (davon eine mtt einem Papst selbst als Vorsitzenden, in der Gegenwart von tausend Rittern und Kirchenfürsten und üben 69 Sitzungen sich erstreckend), bis zu blutigen Pogromen wurde kein Mittel unversucht gelassen, um die Juden zur alleinseligmachenden Kirche zu bekehren. Was Wunder daher, daß es nach den furchtbaren Verfolgungen des Jahres 1391, bei denen innerhalb von drei Monaten siebzig blühende jüdische Gemeinden vernichtet wurden, neben zehntausenden Toten auch hunderttausende Abtrünnige gab. die zum Scheine die Taufe nahmen? Freilich hatte sich die Kirche mit diesen Massentaufen keinen guten Dienst erwiesen. Nur ein Teil der den: die Radikalen forderten einen schriftlichen Pakt, wonach sich die Allgemeinen und die Revisionisten verpflichten, für den Fall, daß die Zionisten am 4. Dezember die Mehrheit erlangen, innerhalb eines Jahres das allgemeine Wahlrecht zur Kultusgemeinde einzuführen und sofort Neuwahlen auf Grund des neuen Wahlrechtes auszuschreiben. Darauf wollten aber die Herren Stricker-Friedmann nicht eingehen, mit der Motivierung: wenn uns schon die Eroberung der Mehrheit gelingt, dann sind wir die Herren in der Sedtenstettengasse, und es wäre eine Dummheit, wenn wir diese Herrschaft mittels Neuwahlen auf Grund des allgemeinen Wahlrechtes gefährden würden. An dieser Meinungsverschiedenheit scheiterte der Pakt Man ersieht daraus, wie wenig ernst es den Herren Zionisten ™ ENOnriC AUSWAHL c BILLIGSTE ..y Ü «• preise JJ rrjftl" n -«UjfflS WPMCIIE BOPltW ä VOD1IÄNOE J| I |W MÖBELSTOFFE, DECKEN NUR I., BAUERNMARKT 12-14 mit dem allgemeinen Wahlrecht ist und daß ihr ganzesdiesbezügliches Programm pure Heuchelei ist. Warum sich „Union" und „Werktätige" jetzt zusammengefunden haben, ist mit einem Worte gesagt: die ananationalistische Einstellung dieser beiden Gruppen, Die großen Verheerungen, die die nationalistische Politik der Zionisten auf allen Gebieten angerichtet hat sind nur allzu hinlänglich bekannt Für die Kultus gemeinde gibt es in diesen Zeiten, da der Nationalsozialismus seinen Vormarsch antritt keine größere Gefahr, als diese den Nationalisten auszuliefern. Denn dann droht der Kultusgemeinde eine Wirtschaft wie sie bei den sogenannten zionistischen Fonds wahrzunehmen ist; dann droht die Gefahr einer Parteiherrschaft, wie sie selbst Marranen oder Anussim. wie die Zwangstäuflinge genannt wurden, verschmolz wirklich mit der. christlichen Bevölkerung und wurde an säe völlig assimiliert. Der weitaus «größere Teil trug das Christentum nun äußerlich zur Schau, blieb im Herzen dem Judentum treu und pflegte insgeheim weiter die Bräuche der jüdischen Religion. Diese Zwi'tteriennscheinung blieb fortan ein religiöses und gesellschaftliches Problem, mit dem Spanien lange Zeit ringen mußte. Die Ausschreitungen, die in der Folgezeit stattfinden, richten sich nicht so sehr gegen die Juden wie gegen die Scheinchristen. Die 1481 reorganisierte Inquisition sollte säe endgültig dem Christentum zuführen und die halbjüdischen Neuchristen mit dem Feuer ausrotten. Auch die Vertreibung der Juden im Jahre 1492 wart eigentlich ein» Maßnahme gegen die Marranen: sie sollten isoliert, von der Berührung mit Juden ferngehalten werden, um ihr Judentum rascher zu vergessen. Trotzdem brauchte der Assimilationsprozeß noch weitere drei Jahrhunderte und es bedurfte noch großer Abwanderungen von Kryptojuden ins Ausland, bis em einigermaßen abgeschlossen wurde. Wie aber wurde das Judentum selbst mit diesem Problem fertig, wie fand es sich mit der Tatsache ab. daß Hunderttausende seiner Angehörigen, wenn auch zum Schein, eine andere Religion bekennen und deren Bräuche öffentlich ausüben mußten? Das talmudisch-rabbinische Recht, das damals für die jüdische Gemeinschaft bis in strafrechtliche Materien hinein ausschließlich maßgebend war. hat für Renegaten strenge Bestimmungen. Ihr Zeugnis gilt nicht, ühre Eheschließungen und Scheidungen werden nicht anerkannt, sie sind nicht erbfähigt ihre Testamente nicht rechtsgültig. Im religiösen Lieben werden sie Nichtjuden gleichgestellt. Man vergegenwärtige sich nun. wieviel Konflikte Vermögens- und eherechtiieher Natur sich so bei der Massenerscheinung der Zwangstaufc ergeben mußten, auch wenn die Getauften inzwischen zu ihrem alten Glauben zurückgekehrt waren. Sollte nun auf die Marranen, diese Unglücklichen, die; um ihr Leben oder ihre Habe zu metten, den Taufakt an sich hatten vornehmen lassen, die ganze Strenge des Gesetzes angewendet werden? Auf diese Fragen gibt der junge Dozent für Jüdische Geschichte am Breslauer Rabbinerseminar. Dr. H. J. Zimmels, im voriiegenden Buche auf Grund eines umfassenden Quellenstudiums Antwort. Zimmels hat das weitschichtige Material der sogenannten Responsen. STEININDUSTRIE CARL BENEDICT Zentrale: III.. Rennweg 112, Tel. U 15-0-52 GRABSTEINLAGER: Zentralfriedhof, 3. Tor, Tel. U10-4-53 seitens der Zionisten hinsichtlich der zionistischen Institutionen beklagt und kritisiert wird. Ene Eroberung der Kultusgemeinde seitens der Zionisten wird diese zum Tummelplatz einer Parteipolitik machen und ihren eigentlichen Aufgaben entfremden. Dieser Gefahr zu begegnen, dazu dient die Jüdisch-demokratische Arbeitsgemeinschaft Union-Werktätige. Und wenn die Herren Zionisten darüber so aufgeregt tun, wenn sie die Fassung verlieren und blindwütend um sich schlagen, wenn sie sich nicht scheuen, ein offen im Dienste der Nazi stehendes Blatt zu Hilfe zu rufen und mit Verleumdungen und Verdächtigungen zu operieren — so liefern sie damit nur den Beweis, daß sie sich durch diese Gemeinschaft bedroht fühlen. Das ist gut so! Es wird schon dafür gesorgt werden, daß die Bäume der Herren Zionisten nicht in den Himmel wachsen . . . Versammlungshalendcr der NICIHNATIONJUEN LISTE Nonfag, den 31. Ohlober Restaurant „Zur Glocke", VII., Neubaug. 5 Referenten: Dr. Karl Sfeiner, Sehretar Leo Rain Donnerstag, den 3. NovemDer Restaurant Littmann, HL. Radetzkystr. 21 Referenten: Dr. Mai Lenk, Dr. Jose! Löwn Mariensäle, Wien XIV., Reindorfgasse 3 Referenten: Dr. EHlSl felOSiKrg, Kammerrat Ignaz Bödt, Sehr. Leo Rain Alle Wähler Versammlungen beginnen um halb 8 Unr abends dar von führenden Rabbinern auf Anfragen abgegebenen schriftlichen Rechtsgutachten, nach Nachrichten durchforscht, die die Marranen betreffen, und eine reiche Ausbeute heimgebracht. Nicht weniger als fünfzig rabbinische Autoritäten aus vier Jahrhunderten befassen sich in 160 Gutachten mehr oder minder ausführiieh mit dem religionsgesetzlichen und juridischen Status der Marranen nach jüdischem Recht, und noch weitaus zahlreicher sind die Stellen, an denen sie dieses Problem im Vonübergehen streifen. Wir gewinnen aus diesem Material ein klares Bild davon, welche Behandlung dem Marranenproblem von jüdischer Seite im Laufe der Zeit zuteil wurde. Sie war keineswegs einheitlich und konnte es auch nicht sein, weil sie ja vom Verhalten der Anussim selbst abhing, von ihrer größeren oder geringeren Trema zum Judentum, von ihrer Absonderung oder ehelichen Vermischung mit der übrigen Bevölkerung. Zimmels unterscheidet denn auch auf Grund der Quellen fünf Phasen in der Behandlung des Marranenproblems durch die Rabbinen, von der Anwendung des Grundsatzes: „Ein Jude bleibt Jude, auch wenn er gefehlt hat", bis zu dem Satze: „Die Anussim sind noch ärger als Nichtjuden". Neben diesem Hauptthema, das der Autor mit besonderer Gründlichkeit und unter Heranziehung der gesamten einschlägigen Literatur behandelt, das aber hier wegen des kasuistischen Charakters der Materie nicht weiter erörtert werden soll, bietet uns Zimmels auf Grund der in den Responsen zerstreuten Notizen ein farbenreiches kulturhistorisches Gemälde von dem inneren Lieben der Marranen. Wir erfahren von gefährlichen Versuchen, ins Ausland zu entkommen, um das Judentum öffentlich bekennen zu dürfen. Wir hören von krampfhaften, manchmal auch tragikomischen Bemühungen, an jüdischen Bräuchen festzuhalten (so ißt ein Anuß das ganze Jahr hindurch nur ungesäuertes Brot, angeböäch aus diätetischen Gründen, um zu Pessach durch das Vermeiden von Chamez nicht aufzufallen), Neben der Trauung in der Kirche führen sie im ge^ heimen auch eine Eheschließung nach jüdischem Ritus durch. Die Anussim führen oft zweierlei Namen, christliche im öffentlichen Verkehr, jüdische innerhalb des eigenen Kreises." Besonders die Frauen waren es, die einen jüdisch-frommen Lebenswandel rührten und ihre Angehörigen zur Auswanderung drängten. Als Aus^ wanderungsländer werden genannt: hauptsächlich die Türkei, wo die Lage der Juden zu jener Zeit besonders