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Die Wahrheit · 1932-10-28 · Heft 44 (28.10.1932) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 44 (28.10.1932)
Date
1932-10-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE WAHRHEIT fOBNCftCiC r/miUEN-PENSION | iBStaurafian.HaffeetiQus j täglich 5-Uhr-Tee g iSEMMEMNGl TELEPHON 11 jj iHochstrafie 43 jj neben Hotel Panhans §§ Mäßige Preise, Zimmer mit PensionS 12.— aufwärts || Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser n in jedem Zimmer. §| Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein, Besitzer H licher Kultur an einer klaren Verdammung des barbarischen Antisemitismus durchaus fehlen lassen. Aber man stelle sich vor. was die deutschen Nationalisten sagen würden, wenn ein deutscher Jude im Auslande das Gegenteil von dem gesagt hätte, was Kareski äußerte. Alle Zeitungen und Parteien würden schreien, daß die Juden das Ansehen Deutschlands im Auslande untergraben und den Gegnern Deutschlands moralische Waffen liefern. Ohnedies hat man der Genfer Weltkonferenz diesen Vorwurf gemacht Der Sinn und die Absicht der Kareski-Rede war zweifellos, übertriebenen Vorstellungen über die Lage der deutschen Juden entgegenzutreten. Der Erfolg ist nun, daß seine Erklärung zu einem Argument gegen die Regierung ausgenützt wird, da man hofft, daß dies als „Diffamierung" der Regierung wirken wird. Wer die Verhältnisse in Deutschland kennt, weiß, daß leider nicht nur die Regierung, sondern auch alle Parteien geflissentlich bestrebt sind, sich nicht dem „Vorwurf" auszusetzen, daß sie „Judenschutztruppen" sind. Die öffentliche Meinung ist durch die vorangegangene jahrelange Agitation dermaßen vergiftet, daß es eine Belastung für Regierung und Parteien darstellt. wenn sie mit den Juden identifiziert werden. Beweis dafür ist das Verhalten der Regierung und auch solcher Parteien, die bisher es als durchaus selbstverständlich betrachtet haben, jüdische Kandidaten zu nominieren. Im gegenwärtigen Wahlkampf ist von keiner großen Partei ein jüdischer Kandidat an aussichtsreicher Stelle aufgestellt worden. Nur die neugegründete Sozial-Republikanische Partei Deutschlands (S. R. P. D.), die sich im Untertitel als „H ö rsing-Bewegung für Arbeitsbeschaffung" bezeichnet, und an deren Spitze sämtlicher Kreislisten sowie der Reichsliste der Gründer und Führer der Bewegung, Überpräsident z. U. Otto H ö r s i n g, kandidiert, nimmt in ihrem Parteiprogramm schärfstens Stellung gegen den Antisemitismus und fordert Bekämpfung und härteste Bestrafung all jener, die Religions- oder Rasseniragen in den politischen Kampf ziehen. Im Gegensatz zu fast allen anderen Parteien Deutschlands präsentiert die neue Partei jüdische Kandidaten und räumt einigen dieser jüdischen Kandidaten verhältnismäßig sichere Plätze ein. Dagegen sehen sich selbst solche Parteien, die grundsätzlich die jüdische Gleichberechtigung anerkennen, unter dem Drucke der übermächtigen antijüdischen Stimmung im Lande gezwungen, sich von den Juden zu distanzieren. Wie sehr dieser Eifer vorhanden ist. beweist u. a. die Haltung der Regierung, die darauf verzichtet, auf aille nationalsozialistischen Vorwürfe in der Oeffentlichkeit zu antworten und nur wenn die Nationalsozialisten den Vorwurf erheben, daß die Regierung sich mit jüdischen Wirtschaftsführern beraten oder jüdische Finanziers für irgendwelche Missionen verwendet habe, regelmäßig ein amtliches Dementi erläßt. Trotzdem aber finden die nationalsozialistischen Behauptungen von dem Zusammenhang der Regierung mit jüdischen Faktoren in der Presse Verbreitung und im Publikum Glauben. Ja sogar die „Rote Fahne" hält es für angebracht, den Deutschnationalen und auch den Nationalsozialisten vorzuwerfen, daß beide Beziehungen zu jüdischen Kapitalisten unterhalten. Daß die Juden in Deutschland Objekt der Wahltaktik sind und daß auf ihrem Rücken Kämpfe ausgetragen werden, ist ein Kennzeichen ihrer traurigen Lage. Zweierlei Sendungen. Hallo, hallo, hier Paris... Bernard. L e c a c h e, der Vorsitzende der französischen Liga zur Bekämpfung des Antisemitismus, hielt am 19. d., abends, im französischen Rundfunk eine Ansprache über die Ziele der Liga. Er legte die Position der Juden dar, wies die U ngere ch t igkeit des antisemitischen Kampfes nach und appellierte an alle zivilisierten Menschen, die Liga zur Bekämpfung des Antisemitismus zu unterstützen. Lecache hatte schon vor Monaten das Manuskript seiner Rede dem Rundfunk überreicht, die Rundfunkbehörden lehnten es aber mit dem Bemerken ab, daß der Rundfunk für politische Ansprachen nicht freigegeben werden könne. Erst die höhere Funk-Instanz ließ die Rede zu mit der Begründung, daß Kampf gegen Kulturwidrigkeit nichts mit Politik zu tun habe. Hallo, hallo, hier Berlin... Zur Zeit der stärksten Hörerfrequenz, um 9 Uhr abends, meldete sich am vergangenen Samstag am Berliner Mikrophon ein ungenannt sein wollender Herr, der unter dem Titel ,.K e t j■ i> reien der Woche" eine Rede hielt, die von den wüstesten antisemitischen Ausfällen und beispiellosem Beleidigungen der demokratischen Presse strotzte, und in der ganzen Art einem Leitartikel des nationalsozialistischen „Angriff" glich. Unmittelbar nach der Rede setzte ein derartiger telephonischer Ansturm der empörten Hörer auf die Funkstunde ein, daß das zuständige Telephonamt sich außerstande erklären mußte, die tausende gewünschter Verbindungen herzustellen. Der famose Sprecher war ein Herr Köhn, Redakteur des nationalsozialistischen Witzblattes „Die Brennesse 1". Die Erregung über diesen unglaublichen Zwischenfall ist im Berliner Hörerkreis ungeheuer. Die Funksttinde sucht die Schuld auf einen untergeordneten Funktionär abzuschieben, der das Manuskript allein gelesen und durchgelassen haben soll. Die gesamte Presse, soweit sie nicht im extrem-nationalistischen Fahrwasser segelt, fordert einmütig die sofortige Absetzung des Berliner Rundfunkintendainiten, unter dessen Regime sich kürzlich folgender Fall bei einer Veranstaltung „Stunde der Unterhaltung" im Berliner Rundfunk ereignete: Ludwig Trautmann rezitierte als erstes Gedicht „Sturm"; es stammt von dem bekannten jiddischen Dichter Morris Rosenfeld aus der Sammlung „Lieder des Ghettos" und handelt von den jüdischen Auswanderern, die von Amerika nicht hereingelassen werden und wieder in die schreckliche „Heimat", nach Rußland, zurück müssen, in die Pogromzeit des Vorkriegsrußlands. In den Strophen kommt als ungleichmäßiger Refrain der Vers: „Wir sind ja nur Juden, annselige Juden" oder „Von Judenverfolgung und Judentod" vor; in der letzten Strophe heißt es: „Wir sind verlorene, verlassene Juden." Nun sprach Herr Trautmann an solchen Stellen statt von Juden — von Russen und Menschen. Das Gedicht hat durch diese gewaltsame Aenderung seinen ganzen Sinn verloren. Mit welchem Recht wagt es der deutsche Rundfunk, ein Gedicht zu verhunzen? Ein bezeichnendes Streiflicht für den jetzigen Kurs! Die kommunistische Verschwörung in Palästina. Uebcr die Aufdeckung einer kommunistischen Verschwörung in Palästina, von der wir letzthin berichteten, erfährt man folgende Einzelheiten: Polizei, die in einem arabischen Haus in Jerusalem eine Haussuchung durchführte, entdeckte dort das Hauptbüro der kommunistischen Partei in Palästina. Man fand in dem Hause Aktionspläne und Instruktionen der kommunistischen Internationale in Moskau, die den gewaltsamen Sturz der Palästina- Regierung zum Gegenstand hatten. Ein Araber mit dem Namen Kamel Odeh und ein jüdisches Mädchen mit Namen Rachel Fuchs, die in dem Hause dabei getroffen wurden, wie sie kommunistische Literatur vervielfältigten, wurden von der Polizei verhaftet. Die Polizei fand in dem Hause auch eine Liste der für die kommunistische Partei tätigen Personen in Palästina nebst einer Geheimkorrespondenz zwischen der kommunistischen Partei im Palästina und kommunistischen Organisationen und kommunistischen Emissären im Auslande, darunter auch einen Briefwechsel mit der kommunistischen Partei Deutschlands. Kamel Odeh, der Palästinenser ist, wurde zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Rachel Fuchs, die polnischer Staatsangehörigkeit ist, wurde zu drei Monaten Gefängnis mit nachfolgender Landesverweisung verurteilt. „Die Hand Moskaus in Palästina." Unter dieser Ueberschrift veröffentlicht der bekannte palästinensische Schriftsteller M. Y. Ben-Gavriel in mehreren deutschen Tageszeitungen einen Artikel, in welchem er über die kommunistische Tätigkeit in Palästina ungefähr ausführt: Zwischen die beiden noch immer ziemlich verbindunglos nebeneinander stehenden Gruppen in der Politik Palästinas, zwischen das arabische und das jüdische Lager also, hat sich in der letzten Zeit in verstärktem Maße ein Keil geschoben. Ein Keil, dessen programmatische Funktion es ist, jeden Versuch einer Verbindung zwischen Arabern und Juden zu stören. Diese Gruppe, der es darum zu tun ist, den Kriegszustand zu verewigen, ist die kleine, aber agile Gruppe der bolschewistischen Emissäre — in Palästina nach den Anfangsbuchstaben ihrer, übrigens illegalen, Gruppe „Mopsen" genannt —, die sich in den letzten Wochen wieder durch erhöhte Tätigkeit bemerkbar macht. Diese Tätigkeit ist geeignet, den Aufbau im Land zu stören. Nach dem vollendeten Debakel der bolschewistischen Propaganda unter den Juden kam von Moskau die Weisung, die Bewegung „zu arabisiere n". Die Gelegenheit schien günstig. Der Mufti von Jerusalem und seine radikalnationalen Parteigänger näherten sich Moskau aus Gründen, die mehr oder weniger allen asiatischen Nationalsozialisten eigen sind. Man sprach in diesem Zusammenhang von verschiedenen Bindungen mit Moskau, was aber nicht bewiesen wurde, und die Mopsen führten ihre Propaganda wohl gegen die Zionisten, eiini wenig auch gegen England, nicht aber gegen die großen arabischen Feudalherren, welche die Partei des Muftis bilden. Mählich aber näherte sich der Mufti England und die Bolschewisten mußten sich wieder umorientieren. Sie wandten nun ihre Anstrengungen vornehmlich den „Massen der arabischen Arbeiter- und Bauernbevölkerung" zu. Handzettel, die bewußt in nationalistisch-arabischer Phraseologie gehalten sind, rufen die Fellachen und die Beduinen auf, des Jahres 1929 — das Juden und Arabern ein paar hunderte Tote gekostet hatte — zu gedenken. Diese' Gewaltagitation richtet sich in erster Linie gegen den jüdischen Arbeiter, der das Land aufbaut. Sie scheuen sich nicht, zu Ueberfällen aufzurufen und schreiben: „U e b e r f ä 111 jüdischen Boden, besetzt ihn und schneidet die reiche Ernte ab!" In den allerletzten Tagen wurde ein neuer Befehl aus Moskau entdeckt, der ganz klare und nicht mißzuverstehende Anweisungen für den Kampf gegen den jüdischen Aufbau des Landes gibt. So heißt es besonders, daß es nun Zeit ist, „eine a g r e s s i v e Front mit den arabischen Arbeitern gegen den jüdischen Arbeiter zu bilden", und wenn in einem jüdischen Dorf die jüdischen Arbeiter mehr Arbeitsplätze für sich verlangen, die arabischen Arbeiter dagegen aufzuhetzen und sogar mit physischer Gewalt einzugreifen. Dia Engländer nehmen die kleine Gruppe blutig ennst, aber es scheint, als würde dieser ewige Kleinkrieg gegen die Agenten vorsichtig verborgener Zentralen zu keinem Ergebnis führen, so lange nicht die erbärmliche Lage des Fellachen verbessert und solange nicht ein ehrlicher arabisch-jüdischer Ausgleich durchgeführt ist. Der Moskauer Versuch der Arabisierung der Bewegung in Palästina ist nichts anderes als der Versuch, sich der Mehrheit anzuschließen und die Minderheit zu opfern. Die Ethik aber, welche die ewigen Rechte der Minderheit proklamiert, wird als „bürgerliche Ethik" abgetan. Schlojma Neiman in Hungerstreik. Der Revisionist Schlojma Neiman,' der wegen Schofar-Blasens am Jörn Kippur am der Klagemauer zu 21 Tagen Gefängnis verurteilt und gleich in Haft behalten wurde, war in den Hungerstreik getreten, weil man ihn unter den kriminellen Gefangenen unterbrachte. Er erklärte, sein Platz sei unter den politischen Gefan1 g e n e n. Er gab den Hungerstreik auf, als man ihn in die Abteilung für politische Gefangene überführte.

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