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Die Wahrheit · 1932-07-29 · Heft 31 (29.7.1932) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 31 (29.7.1932)
Date
1932-07-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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WAHRHEIT Stte a Die Wahlen in Rumänien. „G e o r g i s t e n" t i a n u) gar nur Am Sonntag, dien 17. Juli, wurden in ganz Rumänien die Wahlen in das Parlament durchgeführt. Abgegeben wurden insgesamt 2,984.453 Stimmen. Die am Ruder befindliche Regierung Vajda-Voevod der Nationalen Bauernpartei (Nationalz aranisten) hat bei 45 Prozent aller abgegebenen Stimmen auf sich vereinigt, ihre Hiauptgegner, die Liberalen, unter Führung von I. Q. Duca, errangen nur 15 Prozent, die (Liberale unter Georg Bra- 6,5 Prozent dler abgegebenen Stimmen. Die Wahlen sind im allgemeinen ohne jegliche Beeinflussung seitens der Behörden vor sich gegangen. Ihr Ergebnis gibt daher die politische Einstellung der Wählerschaft ziemlich richtig wieder. Obwohl in der neuen Kammer 11 Cuzisten und 5 Mitglieder der „Eisernen Gardie" sitzen werden, wird sie nicht im entferntesten den antisemitischen Charakter der früheren Kammer haben, in der sich die jüdischen Vertreter einer kompakten antisemitischen Regierungsgruppe (Jorga-Partei) gegenüber sahen. In der neuen Kammer sinid' weder die Regierungsmehrheit noch die liberalen Oppositionsparteien antisemitisch eingestellt. Die Juden gingen zu dieser Wahl bedauerlicherweise gespalten. Die von den ehemaligen Deputierten und Senatoren Dr. Mayer Ebner und Dr. Thodor Fischer geführte Jüldlische Reichspartei, die in 52 von insgesamt 71 Wahlkreisen eigene Kandidatenlisten eingereicht hat, hat 2,5 Prozent aller im Reiche abgegebenen Stimmen auf ihre Listen vereinigt. Gewählt wurden Dr. Mayer Ebner in Czemowitz, Advokat Michael Landau im Bezirk Chotin (Bessarabien), Dr. Josef Fischer im Bezirk Maramuresch (Transsylvanien), Advokat Misu Weißmann in Soroca (Bessarabien) und der bisherige Deputierte Dr. Manfred R e i f e r in Radautz (Bessarabien). Die von den ehemaligen Deputierten und' Senatoren Dr. Wilhelm Fildermann und Horia Carp geführte „Union rumänischer Jud e n", die ans prinzipiell jüdisch-politischen Gründen darauf verzichtet hatte, eigene Wahllisten aufzustellen, hatte ein Wahlkartell mit dem Wirtschaftsblock geschlossen, wonach die Führer der „Union" überall an zweiter Stelle auf der gemeinsamen Liste aufschienen. Es ist aber leider diesem Block nicht gelungen, das für eine Wahl von Deputierten vorgeschriebene Stimmenminimum von 2 Prozent aller im Reiche abgegebenen Stimmen auf sich zu vereinigen, so daß der Block ohne Mandat ausging. Die „U n i o n' hat jedoch in vielen Wahlkreisen, insbesondere des Altreiches, eine große Stimmenzahl errungen und damit bewiesen, daß sie viele Sympathien in der jüdischen Bevölkerung besitzt. Einen Achtungserfolg errang Dr. W. Filde rman, der Präsident der „Union", namentlich in Gal'atz, wo der Wirtschaftsblock eine sehr beträchtliche Stimmenzahl auf sich vereinigt hatte. Auf den Listen anderer Parteien wurden folgende JukLten gewählt: auf der Liste der Nationalzaramisten (Regierungspartei) Advokat Aureliu Weiss, der Präsident der Btikarester Bnei Brith-Loge „Noua Fraternitate", ein auf jüdischsozialem Gebiet führend tätiger Jurist und Schriftsteller, und Solomon R o s e n b e r g - Kischineff, ferner Nandor Hegedus, Mitglied der Jewish Agency, auf der Liste der magyarischen Partei und Lotar Radiceanu -Czernowitz auf der Liste der sozialdemokratischen Partei. 47. Die Nationalsozialisten sagen immer wieder, sie verzichten gerne auf alle kulturellen Leistungen der Juden. Wenn das keine bloße Redefloskel sein soll, dann müßten sie auf gar manches verzichten:, was sie vielleicht selbst nicht ahnen, zunächst einmal auf das Benzin-Auto — Erfinder der Jude Markus — auf das Elektromobil — Davidsohn — das starre Luftschiff — David Schwarz — die Galvanoplastik — Jacoby — auf das Radio — Hertz-Lieben — usw. Konsequenterweise müßten sie aber auch in gar manchen Krankheitsfällen auf die Heilung verzichten, in Krankheitsfällen, deren Heilverfahren von jüdischen Aerzten begründet wurde, z. B. Politzer, Ohrenheilkunde. Aber nicht nur das: sie dürften dann auch viele klassische Werke des deutschen Schrifttums nicht mehr benützen, z. B. Sanders Wörterbuch der deutschen Sprache — Fremdwörterbuch — Hauptschwierigkeiten der deutschen Sprache, Engel's Deutsche Stilkunst, Gundolfs literarhistorische Werke, Hertz' Lehrbuch der Physik, von Chamberlain selbst als das genialste physikalische Fachbuch neuerer Zeit bezeichnet. Emil Warburg's Lehrbuch der Experimentalphysik, gar manche Lehrbücher der Medizin und der Jurisprudenz, z. B. Glaser, Schöpfer der noch geltenden österreichischen Strafprozeßordnung, Franz Klein's Oesterreichische Civilprozeßordnung u. a. AH diese und viele andere Werke von Juden sind schon in zahllosen Auflagen erschienen. Man sieht gleich, wie mit ihrem Wirtschaftsprogramm ist es auch mit der erwähnten Verzichterklärung nicht weit her, näher besehen erweist sich auch das nur als Schaumschlägerei! 48. Jawohl, bloße Schaumschlägerei! Denn ganz folgerichtig dürften sie dann auch nicht mehr die bekannten Volkslieder singen: „Es ist bestimmt in Gottes Rat" und „Wer hat dich, du schöner Wald", denn diese Lieder sind von Felix Mendelssohn-Barth o 1 d y vertont und die „Loreley" ist von Heine gedichtet. Ueber Händel müßten sie den Bannfluch verhängen, weil er in seinen Oratorien die jüdische Geschichte vertonte, ebenso über die größten Künstler aller Zeiten Michelangelo und Rembrandt, weil ihre Hauptwerke Jüdisches (Alttestamentliches) beinhalten. Aber auch Nietzsche und Schopenhauer müssen sie weit von sich weisen, weil ersterer die Idee zu seiner Genealogie der Moral" seinem jüdischen Freunde, dem Philosophen Paul Ree verdankte, und Schopenhauer, weil er so oft Koheleth zitiert (Schluß folgt.) Pemion Exquisite Baden bei Wien Telephon 74 Zentrale Lage — Sehr schöne Zimmer mit 3 Mahlzeiten (feine Hausmannsküche) Garten-, Strand- und Heilbädernähe Pxela von XO Sohilling aufwärt» Die Senatswahlen, die am 20. Juli durchgeführt wurden, bieten von jüdischem Standpunkt wenig Interesse. Als Vertreter des jüdischen Kultus wird auch im neuen Senat Landesrabbiner Dr. I. N i e m i r o w e r als Virilist fungieren. Ferner werden in den Senat folgende jüdische Vertreter einziehen: Moise Z i p s t e i n - Tighina (Nationalzaranist) und Emil D. F a g u r e, Redakteur der Bukarester Abendzeitung „Lupta" und Mitglied der Jewish Agency, ebenfalls als Angehöriger der nationalzaranistischen Regierungsmehrheit. Als Vertreter der Moldauer Handelskammern wird entweder Generaldirektor W. Dinermann oder Großindustrieller Many Fildermann -Bacau fungieren. Früher bereits wurde der bisherige Senator Großindustrieller Max A u s c h n i 11, der in der zweiten Galatzer Industriesektion ohne Gegner kandidierte, zum Senator proklamiert. Jüdisches Jahrbuch für Österreich. Herausgegeben von Loebel Taubes und Chajim Bloch. Das vor kündigte „J. enthält eine bleibendem der Juden Gegenwart. einiger Zeit in diesen Blättern ange- J. f. Oe." ist bereits erschienen. Es stattliche Reihe von Beiträgen von Werte und veranschaulicht das Leben in Oesterreich in Vergangenheit und Das Jahrbuch gliedert sich in einen informativen und in einen literarisch-wissenschaftlichen Teil. Dr. Leo Goldhammer bietet in einem einleitenden Aufsatze eine zahlenmäßige Uebersicht „Von den Juden Oesterreichs". Ihm folgen die Führer unserer Kulttisgemeinde, Prof. Dr. A. Pick, Dr. J. Ornstein und Dr. J. Löwenherz mit Beiträgen über die Aufgaben der Kultusgemeinde und geben ihrem Wollen, ihren Erwartungen und ihren Erfüllungen in klaren Worten Ausdruck. Es folgt ein genauer Führer durch die jüdische Gemeinde Wiens mit all ihren religiösen, kulturellen, humanitären und gesellschaftlichen Anstalten, ein Verzeichnis aller Tempel und Bethäuser, Rabbiner, Kantoren usw. wie auch aller jüdischen Organisationen und Vereinigungen. Gleicherweise wird ein vollständiges Verzeichnis aller Kultusgemeinden in den Bundesländern geboten, kurz alles, was der jüdisch interessierte Mensch wissen soll, wissen muß. Im zweiten Teil, dem literarisch-wissenschaftlichen, schauen wir auf Jahrhunderte jüdischen Lebens in Oesterreich zurück. Aus der Feder des verewigten Dr. Josef S. Bloch erscheint ein Aufsatz über „Die Väter des Wiener Volksliedes und der Wiener Musik". Ein großer Gewinn für das Jahrbuch ist der wissenschaftliche Artikel „Judit" aus dem Nachlasse des verewigten Oberrabbiners Dr. H. P. Chajes. Der Archivar der Kultusgemeinde Saul Chajes schildert das „Entstehen der Sammlungen der Kultusgemeinde". Doktor David Feuchtwang steuerte eine Studie über den „Kulturwert der Bibelübersetzungen" bei. Adolf Fischhofs Verhältnis zu den Juden wird am besten in einigen seiner an Freunde in jiddischer, hebräischer und deutscher Sprache abgefaßten Briefe veranschaulicht. Doktor Max Grunwald gibt in drei Skizzen neue Aufschlüsse über „Das erste Wiener Ghetto". Ueber die „Synagoge im Streit der Reformation und Gegenreformation in Steiermark" lieferte Prof. Dr. Herzog ungemein anziehende archivarische Dokumente. Dr. A. Kaminka stellte „Dokumente zur Geschichte der Juden in Oberösterreich Ende des 14. Jahrhunderts" zur Verfügung. Eine ausgezeichnete Forschung „Aerztliches aus der Wiener Schule" hat Prof. Dr. K r a u ß zum Verfasser. Dem wertvollen Beitrag „Zur Geschichte der Juden in Oberösterreich" von Dr. V. Kurrein folgt S. M e i s e 1 s mit seiner feinsinnigen Studie über „Goethe und die Juden". Volkskundlich ist der Beitrag von Dr. S. R a p p ap o r t über die im Osten noch heute bekannte „Seuchen-Trauung". Der Aufsatz Dr. M. Rosenmanns über die „Vorgänge in der Wiener Judenheit in der Zeit nach dem Toleranzpatent" hat wichtige archivarische Dokumente als Unterlage. Das von Dr. I. Taglicht gelieferte „Testament des Jakob Hersch Feilbogen" führt uns die letzten Wünsche eines hervorragenden Juden vor mehr als einem Jahrhundert vor Augen. Die „Talmudische Legende von der Ergreifung des Besitzes der Thora durch Moses", von D r. B. Wachstein bearbeitet, beweist, daß in der jüdischen Legende kein Aberglaube, sondern ein höheier Sinn steckt. Zwei Aufsätze der Herausgeber schließen das Jahrbuch. Wie man sieht, ist das .„J. J. f. Oe." einerseits ein übersichtlicher informativer Wegweiser, andererseits ein Familienbuch ersten Ranges. Preis geheftet: S 10.—. Wer das Jahrbuch bis zum 15. August bestellt, erhält das Exemplar gebunden. Adresse: „Jüdisches Jahrbuch für Oesterreich", Wien IX., Liechtensteinstraße 60/4. Die Judenschaft Mährens. Streiflichter von Dr. Theodor Haas. Advokat in Brünn. Die bei der Volkszählung vom 15. Dezember 1930 festgestellte Tatsache, daß die Anzahl der Juden in Mähren von 37.989 und in Schlesien von 7317 im Jahre 1921 auf zusammen 41.278 zurückgegangen ist, sohin eine absolute Abnahme von 4028 oder von 8.8 Prozent zu verzeichnen hat, hat eine jüdische Zeitschrift zu dem verzweifelten Ausrufe veranlaßt: „Die Juden in Mähren sterben aus." Es läßt sich zur allgemeinen Genugtuung konstatieren, daß dem bei weitem nicht so ist, wenn auch die Anzahl der jüdischen Bevölkerung Mährens bereits seit dem Jahre 1890 eine stets abnehmende Zahl jüdischer Einwohner aufweist, was einerseits durch die Abnahme der Geburtenziffer, anderseits durch Austritte aus dem Judentum, wie auch durch Abwanderung zu erklären ist. Allerdings ist insoferne eine beträchtliche Verschiebung in den Wohnungsverhältnissen der jüdischen Bevölkerung Mährens eingetreten, als die jüdischen Einwohner am flachen Lande nahezu ausstarben, in den Provinzstädten und ländlichen Judengemeinden immer mehr abnahmen, während anderseits ein Zusammenströmen jüdischer Bevölkerung in Brünn, Mährisch-Ostrau und anderen größeren Städten zu verzeichnen ist Es war dies bereits bei der Volkszählung vom Jahre 1921 zu konstatieren und dürfte derzeit noch mehr zum Ausdrucke kommen, bis die Detailausweise der letzten Volkszählung vom Jahre 1930 veröffentlicht sein werden. Diese Bewegung der jüdischen Bevölkerung findet ihren greifbaren Ausdruck auch darin, und dies ist speziell vom jüdischen Standpunkte beachtenswert, daß die kleinen Kultusgemeinden immer mehr außerstande sind, ihren kulturellen Verpflichtungen nachzukommen, und sich diesbezüglich an größere benachbarte Gemeinden in der Umgebung anschließen müssen. Bereits vor etwa zehn Jahren mußte die Kultusgemeinde Lomnitz mangels aller Mittel aufgelöst werden und wurde ihr Gebiet dem Sprengel der Kultusgemeinde Brünn zugeschlagen. Aehnliche Fälle haben sich in viel größerer Zahl auch in Böhmen ereignet, wo die Verhältnisse bezüglich

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