Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 31 (29.7.1932)
- Date
- 1932-07-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 OlE WAJBRHB1 Um Deutschlands Ansehen in der Welt Der Central-Verein im Berliner „Haus der Presse". Von über 60 Millionen Menschen, die in Deutschland wohnen, sind 560.000 Juden, also noch nicht ein Prozent. Und trotzdem richten sich zahllose scharfe und auf unwahrer Grundlage beruhende Angriffe gegen diese halbe Million. Was bedeutet das und wozu muß das führen? Diese beiden Fragen bildeten den Ausgangspunkt und den Leitgedanken einer Pressebesprechung, die der Centrai-Verein deutscher Statsbürger jüdischen Glaubens kürzlich im „Haus der Presse" unter starker Beteiligung von Pressevertretern aller Richtungen abhielt. Der stellvertretende Vorsitzende des Vereins, Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil, Direktor Dr. Ludwig Holländer und stellvertretender Syndikus Dr. Hans Reich mann beleuchteten diese Fragen unter den verschiedensten Gesichtspunkten. Die kulturelle und seelische Verknüpftheit der deutschen Juden mit ihrer Umwelt und ihrem Vaterlande lasse es als abwegig erscheinen, die Abwehr der durch die nationalsozialistische Agitation geforderten Entrechtung der deutschen Juden etwa vom Gesichtspunkte der nationalen Minderheiten aus zu betrachte n. Es sei aber daran erinnert, daß durch die Friedensverträge im Anschluß an 1918 sogar sogenannte Siegerstaaten gezwungen wurden, sich in Minderheitenfragen der Aufsicht des Völkerbundes zu unterwerfen, daß aber ein solcher Gedanke dem kulturell und geistig führenden Deutschen Reich gegenüber absurd erschienen sei. Man mache sich innerhalb der deutschen Grenzen gar keinen Begriff davon, in welchem Umfange das deutsche Ansehen in der Welt durch die antisemitischen Ausschreitungen der letzten Zeit geschädigt worden sei. Deutschland rangiere in der öffentlichen Meinung der westlichen Staaten bereits hinter östlichen Ländern wie Polen und Rumänien. Im englischen Unterhaus bildeten die antisemitischen Anträge im Preußischen Landtag den Gegenstand von Interpellationen. Es ergebe sich staats- und völkerrechtlich gesehen der merkwürdige Zustand, daß die gegen die Ostjuden gerichteten Ausnahmeanträge die Ostjuden im wesentlichen nicht treffen würden, weil hinter diesen ihre Heimatstaaten und der Völkerbund stehen, daß dagegen die deutschen Juden, seit Jahrhunderten eingegliedert in das Volksganze, seit vielen Generationen treue, opferfreudige Bürger Deutschlands in Krieg und Frieden, dem Terror schutzlos preisgegeben sind. Man übersehe ferner, daß sogar die oberschlesischen Juden als konfessionelle Minderheit durch das Genfer Abkommen unter dem Schutz des Völkerbundes stehen, ebenso wie die Deutschen in den ehemals preußischen, jetzt polnischen Gebieten Oberschlesiens. So könnte beispielsweise ein niederschlesischer Jude entrechtet sein, ein oberschlesischer dagegen nicht! Solche Unsinnigkeiten ergäben sich aus der Entrechtungskampagne der Judengegner! Bei allen Volksabstim- I HOTEL m ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang mungen der Nachkriegszeit haben die deutschen Juden mit dem Stimmzettel für Deutschland gekämpft. Eine einzige Abstimmung steht noch bevor, die im Saargebiet. Es bestehe nicht der mindeste Zweifel, daß auch hier die deutschen Juden für ihre deutsche Heimat stimmen werden. Aber man müsse sich doch einmal den seelischen Zustand dieser Menschen vergegenwärtigen, wenn sie durch ihre Stimmabgabe sich selbst aus freien Bürgern zu Bürgern zweiter Klasse in einem dann vielleicht sie entrechtenden Deutschland machen. Von den Herren des C. V. wurde auf die Haltung der Weltpresse gegenüber der das deutsche Ansehen in der Welt schädigenden Judenhetze hingewiesen und daraus die Schlußfolgerung gezogen: „Wenn die deutschen Juden sich mit aller Macht gegen die Volksseuche des Judenhasses wenden und einsetzen, so leisten sie damit einen Dienst an der Wahrung und Wiederherstellung des deutschen Ansehens in der Welt." * in bezog auf Kasdmifh Obernimmt die RedahHon bei den Inseraten Keine Verantwortung Die Bluthetze. Besondere Bewegung rief in der Presse-Beratung des C. V. eine Mitteilung hervor, die durch Uebergabe einer Photo-Kopie an die anwesenden Pressevertreter dokumentarisch belegt wurde. Die Photo-Kopie enthält die Wiedergabe einer in Neustadt/H. gehaltenen Rede des „Pg. v. Jagow" durch die nationalsozialistische Tageszeitung „Rhein NSZ Front.". Die Rede lautete u. a.: „SA., SS., Parteigenossen, Volksgenossen, die noch nicht in unseren Reihen stehen! Es war das erstemal im Jahre 1927, daß in Gastetten von ruchloser Mörderhand ein junger Bauernsohn zusammengeschossen wurde. . . . Wir müssen unter allen Umständen mit dieser Mordpest aufräumen. . . . Wir stecken das Mordpack in die Ghettos und in die Gefängnisse und hängen es eines Tages an den Galgen, und auch jene, die hinter ihnen stehen. Aus dem Hause des Juden Levy wurde auch geschossen. Kameraden, wir wollen ihnen beweisen, daß unsere größte Stärke in der Disziplin liegt, aber wir wollen dem Juden sagen, und jedem einzelnen Juden sagen wir es persönlich: Der Jude allein ist schuld, daß unsere Parteigenossen hingemordet werden. Du bist schuld, daß unser Volk sich hinmordet, du Jude bist schuld, daß dieser Zwiespalt in unserem Volke ist, du Jude mußt es büßen." Hierzu wurde von den Herren des C. V. mitgeteilt: Die wahnwitzigen Mordaufforderungen entbehren jeglicher Unterlage. In Neustadt/H. ist von keinem Juden geschossen worden, ist kein jüdischer Hausbesitzer Levy, ist überhaupt keine Gewalttat geschehen, sondern unter der glühenden Hitze ist ein körperlicher Zusammenbruch einiger SA.-Leute erfolgt. Blitzartig beleuchtet dieser Vorfall die lediglich auf Agitation und Verhetzung gegen die deutschen Juden gerichtete Kampfesweise des Nationalsozialismus. tfeuitletan Allerlei Wahrheiten! Von Ego. (Fortsetzung.) 36. Vor uns liegt das National-Sozialistische Programm mit dem Kommentar von Dipl.-Ing. Gottfried Feder. Was würden Wilhelm Roscher, Adolf Wagner, Max Weber, Philippovich. Menger, Böhm-Bawerk usw., diese Leuchten deutscher gründlicher Wissenschaft dazu sagen, daß einmal eine Zeit kommen werde, in der man den Deutschen so Ungereimtes bieten wird, noch mehr, daß darauf unzählige Deutsche hereinfallen werden? Roscher, Wagner, Weber usw. — ihr habt umsonst gelebt; ihr dachtet dem deutschen Volke streng logisch-ökonomisches Denken beibegracht zu haben und siehe da?! 37. Auf Seite 47 bespricht Feder die Warenhäuser Tietz, Wertheim, Karstadt usw. — „lauter Juden". — Welche Unwissenheit mutet er seinen Landsleuten zu, als ob es nur in Deutschland solche Warenhäuser gäbe und als ob man in Deutschland nie von den viel älteren Riesenwarenhäusern Wannemaker, New York, Selfridge, London, „Louvre", „Au bon Marche". „Galerie Lafayette", Paris, Bocconi, Mailand, gehört hätte! 38. Die deutsche Landwirtschaft in Schwierigkeit. Wer ist schuld daran — der Jude! Angeblich nimmt er den Landwirten zu schandvoll niedrigen Preisen die Produkte ab, um sie dann zu wahren Wucherpreisen weiterzugeben. Die Wahrheit ist, daß die Getreidefirmen massenweise pleite werden, weil es jetzt die landwirtschaftlichen Genossenschaften sind — über 40.000 an der Zahl —, die den Handel zwischen Landwirtschaft und Konsumenten vermitteln. 39. Schwer, sehr schwer ist es, sich aus dem kunterbunten Federschen Kommentar ein halbwegs klares Bild über die Ziele der Nationalsozialisten zu machen. Der bleibende Eindruck ist der — zwar uneingestandene — Wunsch nach der Planwirtschaft Der erste, der dieser Wirtschaft das Wort redete, war — der Jude Walter Rathenau. 40. Die Nationalsozialisten sprechen fortwährend von dem materialistischen jüdischen Geist, der die Deutschen infiziert hätte. Wieder nur ein Schlagwort! In Wirklichkeit handelt es sich da um nichts weniger als um den jüdischen Geist, als vielmehr um den Amerikanismus. War es nicht das höchste Ideal der Deutschen, in allen Belangen gleichsam echt amerikanisch zu scheinen, alles fordisch am laufenden Band zu erzeugen, in alles und jedes ein amerikanisches Tempo hineinzubringen, ihren großen Städttn einen echt amerikanischen Aspekt zu geben; junge Leute, die sich nicht eine Zeit lang im amerikanischen Wirtschaftsleben umsahen, waren die reinen Niernande, selbst wenn sie von Haus aus noch so gut gestellt waren! 4L Die Eisenbahn-Könige Vanderbilt, Gould, Hill ur.d Harriman, die Oelbarone Rockefeiler, Roger, Pratt, Flagler, die Stahhnagnaten Carnegie. Frick, Schwab, diese amerikanischen arischen Milliardäre, wie würden die über den deutschen Michel lachen, daß man ihm den Juden als einen „Ueberlegenen" aufschwatzen kann! 42. All diese Größen und noch viele andere wie Ford, der General-Motors Durant, die Karosseriefabrikanten Fisher usw., sie alle kamen aus ganz kleinen Verhältnissen empor in dem Spekulantenvolk der Amerikaner, das es nicht etwa erst seit den letzten 50 Jahren ist, seitdem Juden dort in größerer Anzahl sich niederließen! In einem Briefe Jeffersons an Thomas Butledge (1791) heißt es: „Die Schiffe liegen untätig an den Kais, es unterbleibt der Hausbau, dem Handel und der Landwirtschaft wird das nötige Kapital entzogen, nur damit man an der Börse spielen kann". Diesem amerikanischen Volke mit der Yankee-Initiative strebte das deutsche Volk nach. Da von jüdischem Geiste zu reden, ist reine Demagogie! 43. Der jüdische Geist! Wie stumpfsinnig ist es, ihn als Popanz hinzustellen. Wenn es wirklich so wäre, daß er überall nur zersetzend wirkt, warum wirkt er dann nicht ebenso in Amerika, wo es sogar verhältnismäßig viel mehr Juden gibt als in Deutschland? Warum gibt es da trotz der vielen Millionen Juden keinen Sozialismus und keinen Kommunismus? Kein Politiker würde es wagen, sich dort eines solchen nur auf die Dummheit spekulierenden Schlagwortes zu bedienen: er würde wegen Beleidigung des hellen Verstandes der Amerikaner gelyncht werden. So was zieht, wie vor hundert, vor zweihundert Jahren, nur noch in Deutschland — pardon auch in Polen, Rumänien usw. 44. Das größte Alkaliwerk der Erde wurde von dem aus Kassel gebürtigen Juden Ludwig Mond in Winnington bei Northwich in England ins Dasein gerufen. Er erfand einen Prozeß zur Wiedergewinnung von Schwefel aus den Sodarückständen; weiters erfand er das nach ihm benannte Verfahren zur Herstellung von Wassergas. Auf seine Entdeckung des Nickelkarbonyls und anderer Metallkarbonyle gründete er ein neues Verfahren zur Gewinnung von reinem Nickel. So zu lesen in Meyers Lexikon. Die hier zitierten wenigen Sätze sollten die Nationalsozialisten etwas nachdenklich stimmen, insbesondere ihren Anhang aus den Intelligenzkreisen. 45. Glaubt man wirklich, richtig zu handeln, die Juden in allem und jedem zu bedrücken, ihnen das Studium zu verwehren, ihnen ihre staatsbürgerlichen Rechte zu nehmen, kurz ihnen das Leben in Deutschland zu verekeln? Gesetzt es wären dem Beispiele Monds gefolgt die beiden Rathenau, die beiden Caro, der Chemiker Ad. Frank — er erzeugte und propagierte als erster Kalidüngemittel für die Landwirtschaft, Mitte der Neunzigerjahre schuf er die Karbid- und Azetylenindustrie und stellte gemeinsam mit Nikod. Caro Kalkstickstoff aus der Luft her — der Chemiker Fritz Haber — Erfinder des Verfahrens für synthetische Darstellung von Ammoniak aus den Elementen — gesetzt also, daß all' diese dem Beispiele Monds gefolgt wären, um nach England oder Frankreich zu übersiedeln. Sicher, Deutschland wäre nicht zu Grunde gegangen, allein es wäre in dem Maße ärmer geworden, wie die anderen reicher. 46. Eine Aeußerung Batas, des europäischen Ford: „Ich glaube, daß ein größerer Anteil der Juden an der öffentlichen Verwaltung der Staaten den Welthandel wesentlich fördern, den Wohlstand aller Völker heben könnte und nicht zuletzt in einem bedeutenden Maße die Gefahr eines drohenden Krieges herabmindern würde. Ueberhaupt könnten weder wir noch irgendwer anderer Welthandel ohne Juden treiben. Ich arbeite mit jüdischen Kaufleuten seit 30 Jahren und habe mit ihnen die besten Erfahrungen gemacht Unter meinen Mitarbeitern gibt es eine große Anzahl von Juden, die zur größten Zufriedenheit meines Werkes und aller ihrer Kollegen tätig sind."